Montag, 21. Juli 2014

Ganz klar ein Fall für die Menschenrechtsorganisationen...

Während des Urlaubs saß ich irgendwann nachmittags im Sonnenschein auf der Brückenterrasse vor dem Hotel in Bamberg und ließ mich ein wenig durch das Internet treiben. Bald stieß ich auf einen Artikel im Online-Magazine "Slate".

Die alarmierende Überschrift "Don't let the Doctor do this to your Newborn" war verführerisch genug. Ich begann zu lesen.

Der Anfang des Textes richtet sich an den Leser bzw. an all jene, die genug Phantasie oder Erfahrung besitzen, sich selbst nach langen Wehen im Krankenhausbett zu sehen, das Neugeborene in den Armen haltend. Man wird gebeten sich vorzustellen, wie ein Arzt hineinkommt und einem mitteilt, daß es nun Zeit für die "Behandlung" des Kindes sei.

"Welche Behandlung?" fragt man, etwas skeptisch.

"Och... Alles Routine und Standard, mit extrem geringer Gefahr von Nebenwirkungen!"

"NEBENWIRKUNGEN???"

"Korrekt! In nur 1-2 Prozent der Fälle beobachten wir langfristige negative Auswirkungen. Depressionen, soziale Ächtung, Schwierigkeiten bei der Jobsuche oder Schwierigkeiten, einen Job zu behalten. Jene mit negativen Reaktionen werden Opfer von Diskriminierung. Selbstmord ist nicht ungewöhnlich. Aber, wie gesagt: Nur 1-2 Prozent..."

"Aber... Wird mein Kind denn krank werden, wenn es sich der Behandlung nicht unterzieht?"

"Nein. Aber es wird die gesellschafltichen Vorteile verlieren, die die Behandlung mit sich bringt. Jeder macht es. Wenn Sie es nicht tun, werden andere Ihr Kind nicht so leicht akzeptieren."

Nun wird man gefragt, ob man einer Behandlung zustimmen würde, die gesellschatliche Privilegien mit sich bringt, aber auch ein geringes Risiko birgt. Das Szenario wird so dargestellt: Es gibt den Druck, das Kind einer Behandlung auszusetzen, für deren Notwendigkeit es keinen greifbaren Beweis gibt und deren Vorteil nur darin besteht, daß alle anderen ihre Kinder auch dieser Behandlung aussetzen, wobei es aber bei 1-2 Prozent zu schlimmen Nebenwirkungen kommen kann. Die Autorin des Artikels - Christin Scarlett Milloy - ist sich sicher, daß Ärzte, Eltern und die Gesellschaft als solche diese Art von Behandlung nicht guthießen.

Dabei tun sie es! - [** gasp **]

Die beschriebene Behandlung findet tagtäglich überall auf der Welt mehrfach statt! - [** shock **]

Und dabei werden die Eltern in Wirklichkeit nicht einmal gefragt, ob sie die Behandlung wünschen, was die Geschichte noch viel heimtückischer macht! - [** faint **]

Und wie genau heißt diese "Behandlung"? Und wie sieht sie aus?

Sie heißt Kindergeschlechtszuordnung und besteht darin, daß der Arzt einen Blick auf das Neugeborene wirft und sagt "Es ist eine Junge!" bzw "Es ist ein Mädchen!"

Der Horror!

Der Horror!!!

DER HORROR ! ! ! ! !

Ach so... Moment... Warum eigentlich der Horror?

Ach ja, weil...: "Du kannst alles werden, was du willst", Respekt, Menschenwürde, Erwartungen, Stereotypen, Bigotterie, Ignoranz, individuelle Ausdrucksform, Maximierung des Glücksgefühls, brutale Reduzierung des Lebens, Einhornzüchten, Feenklassifizierung, Wattebauscharchitektur, Gender Studies und all die anderen Fächer, in denen man heute eben noch so dufte Studienabschlüsse sammeln kann...

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Platz für besonnene Gespräche über Gender und... Ach... Wem mache ich eigentlich etwas vor: Nach dieser manipulativen Clickbait-Panikmache will ich von Jungs in pinken Tütüs und Mädels bei der Holzfällerausbildung erst einmal nichts mehr hören.

P.S.: Die mit meiner Stirne auf der sonnenbeschienenen Terrasse zu Bamberg zerschlagene Tischplatte mußte ich übrigens nicht bezahlen. Ich zeigte der besorgt herbeigeeilten Hotelkraft den Artikel und erhielt nicht nur maximales Verständnis sondern zur Aufmunterung auch noch einen Cocktail meiner Wahl aufs Haus.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Großartig! Das muß ich gleich auf meinem Blog zitieren ...

Anonym hat gesagt…

Und ich dachte, am Ende käme Impfung oder Taufe raus...

Jorge hat gesagt…

Ich dachte die ganze Zeit, es ginge um Beschneidung.

Der Satz: "Es gibt durchaus Platz für besonnene Gespräche über Gender ..." ehrt dich.

Vulgärgenderismus ist sicher ein ärgerliches Phänomen. Spielt aber in seriöseren Debatten kaum eine Rolle, jdfs. sicher nicht die, die ihnen konservative Panikmacher zuschreiben, deren andauernde Warnungen vor dem Weltuntergang durch "Genderwahn" ich ebenso ermüdend finde. Sind ja fast immer übertriebene Zerrbilder, wovor da gewarnt wird.

Ich empfehle an dieser Stelle immer (wenn ich darf) die m.E. beste Stellungnahme zu dem Thema aus christlicher Sicht: Wer möchte lese mal das 4. Kapitel in Miroslav Volfs "Exclusion & Embrace" (nur 24 Seiten, schnell zu lesen, gibt's auch auf Deutsch, aber die Übersetzung ist m.E. schlecht). Volf beleuchtet das Thema in Auseinandersetzung mit den Trinitätstheologien Joseph Ratzingers und Jürgen Moltmanns m.E. sehr aufschlussreich.

Jetzt, wo du Pfarrer geworden bist (Glückwunsch!), und damit du nicht in die Fallen der populären Antigender-Polemik tappst, habe ich mir diese etwas vorlaute Leseempfehlung mal erlaubt, auch wenn ich sie schon öfter in der Blogozese verbreitet habe.

Alipius hat gesagt…

Ich bin nicht in eine Falle der populären Antigender-Polemik getappt, sondern ich habe mit diesem Beitrag eine solche ausgelegt.

Volf werde ich mir beizeiten mal geben, weil Du mich richtig neugierig gemacht hast.

Und: Ja! Vulgärgenderismus ist ein ärgerliches Phänomen.

Cassandra hat gesagt…

Schockiert es jemanden, das diese Prozedur sogar schon vorgeburtlich durchgeführt wird?

In 3 von 4 Fällen hat das bei uns übrigens kein Fachmann mit mehreren Jahren Universitätsausbildung durchgeführt, sondern wir als medizinische Laien und Eltern. Bei Nr 1 weiß ich es nicht, da hatte ich eine Vollnarkose und das zählt als Entschuldigung.

Und nun warum ich was dazu sage: wo haben die die Zahlen mit 1 bis 2 % her? Das scheint mir doch recht hoch, Ich erkenne jederzeit an, daß es Menschen gibt, die im falschen biologischen Geschlecht "stecken" und bin um ihretwillen früh, daß es medizinische Möglichkeiten gibt, ihnen zu helfen. Mir sind auch die langen Leidensgeschichten klar. Nur fürchte ich, diesen Menschen helfen wir mit dem radikalen gender-Ansatz überhaupt nicht.