Mittwoch, 9. Juli 2014

Der Tag danach...

Ich kam gestern zum zweiten Mal in diesem Urlaub nach Bamberg, um dort meine traditionellen "zwei bis drei Tage alleine" zu verbringen. Klar: Bamberg in Gesellschaft ist unterhaltsamer und lustiger. Aber dennoch muß ich die Stadt auch immer wieder mal ein paar Tage ganz für mich alleine haben.

Das Wetter war ein wenig verbesserungsbedürftig, als ich gegen 14:00 Uhr in der Stadt eintrudelte. Ich ging dann erst einmal hoch zum Dom, in die Nagelkapelle, "Danke" sagen, trabte noch ein wenig durch die Stadt, gönnte mir einen Espresso und später im Hotel ein Bad. Dann aß ich zu Abend und setzte mich an der Hotelbar zu den anderen Leuten, die auf den Anpfiff des Halbfinalspiels warteten.

Eine halbe Stunde nach dem Anpfiff saßen wir alle still mit weit aufgerissenen Augen da und murmelten Sätze wie "Das gibt's doch nicht!", "So etwas habe ich bei einer WM noch nie erlebt!" oder auch "Ich will jetzt aber nicht aufwachen und feststellen, daß ales nur ein Traum war!"

Ich war nach dem 1:0 durch Müller (11. Minute) schwerst erfreut und hoffte, daß die Mannschaft - wie beim Spiel gegen Frankreich - den Vorsprung bis zum Abpfiff über die Zeit bringen kann.

Nach dem 2:0 durch Klose (23. Minute) geriet ich in einen leichten Taumel der Entzückung. Denn erstens sind zwei Tore Vorsprung im Fußball ja irgendwie immer besser, als ein Tor Vorsprung. Und zweitens hat Miro sich die ewige WM-Torjägerkrone abgegriffen - zumindest vorübergehend: Denn man weiß ja nicht, was der Thomas Müller in Zukunft noch so alles anstellt...

Als Kroos in der 25. Minute mit einem ganz wunderbaren Schuß das 3:0 klarmachte, da war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob alles wirklich so ist, wie der Bildschirm es mir erzählte. Und als der Noch-Bayer nur eine Minute später zum 4:0 nachlegte, da wünschte ich mir irgendwie, daß nun Schluß sei. Und der kleine, weinende Brasilien-Fan gab mir Recht. Allerdings ist Fußball ja kein Kampfsport und so darf man natürlich auch einem Gegner auch dann noch weiter fleißig einschenken, wenn er schon wehrlos am Boden liegt.

Folglich schämte sich Khedira auch nicht, in der 29. Minute den Brasilianern das 5:0 reinzuhauen. Vielleicht rief der Jogi zu diesem Zeitpunkt seinen Jungs so etwas zu wie "Hey, Leute! Bleibt mal locker! Wir sind hier nur zu Gast!" Jedenfalls fiel in der ersten Halbzeit kein weiteres Tor.

Der Torhunger-Joker Schürrle durfte nach seiner Einwechslung noch auf 6:0 (69. Minute) und 7:0 (79. Minute) erhöhen, bevor Formsucher Özil gnädig das 8:0 liegen ließ und La Mannschaft stattdessen den Gastgebern den Ehrentreffer gönnte.

Nach dem Abpfiff erwiesen sich die Brasilianer - sowohl Publikum als auch Spieler - als gute Verlierer. Episch das Bild von David Luiz, der sofort nach Abpfiff in die Knie ging und mit erhobenen Zeigefingern Gott dankte. Ich selbst saß noch ein paar Augenblicke etwas geschockt vor dem Fernseher und schaute dann noch schnell bei facebook vorbei, um die Reaktionen einzufangen.

Dort las ich dann direkt so etwas wie "Freude über historischen Sieg verboten, weil drohende Blutströme in Nahost!" Erstens sähe ich gerne den Menschen, der sich sagt "Okay! Deutschland hat gut gespielt und sensationell gewonnen, also existiert der Nahost-Konflikt nicht". Zweitens ist es - wenn es überhaupt ist - ohnehin genau andersherum: Krieg und Blutvergießen verboten, weil die Welt sich auf andere Art und Weise die Zeit vertreiben kann, wie man soeben in Brasilien sieht.

Ich lasse mir jedenfalls von irgendwelchen Haßkappen nicht die Freude an der WM verderben. Zudem gelingt es mir auch immer weniger, noch solche Leute ernst zu nehmen, die tatsächlich meinen, in der heutigen Zeit seien Raketen, Sprengstoffgürtel, Gewehre und Macheten eine gute Idee. Wer braucht schon halbwegs zufriedene Kinder, die auf der Straße spielen können, ohne in Lebensgefahr zu geraten? Wer braucht schon glückliche Eltern, die am Ende eines Tages ihren Nachwuchs auch tatsächlich wieder in die Arme nehmen können? Wer braucht schon Ausgaben für Gesundheit, Bildung und anderen nutzlosen Kram, wenn man doch mit Waffen so viele interessante Dinge machen kann? Wer braucht schon das gute Gefühl, einem anderen Menschen zu helfen oder gar zu vergeben, wenn es doch so viel einfacher ist, ihn einfach aus dem Weg zu räumen? Wer braucht schon das Gemeinwohl, wenn die einzelnen Ideologien so gut passen?

Während Deutschland gegen Brasilien gewonnen hat, zeigen Israelis und Palästinenser, daß sie offenbar gerne Verlierer sind.

Somit dürfen beide mich herzlich gerne einmal (oder auch mehrmals) kreuzweise. Wer so tut, als habe er aus den Konflikten der Vergangenheit rein gar nichts gelernt und als sähe er sich leider dazu gewungen gottseidank zu den Wafefn greifen zu dürfen müssen, der ist in puncto Zivilisationsinkompatibilität von den Kalifats-Bananenbiegern des IS auch nicht so wirklich weit entfernt.

Jahrmillionen-alte Streitereien dürfen gerne auch mal höflich einen Schritt zurücktreten, wenn... ja wenn... Ich befürchte, ich muß es mit Sting sagen: Wenn die Israelis und die Palästinenser ihre Kinder lieben.

Man sollte vielleicht so etwas wie Fußball-Kriege einführen: Wer auch immer mit wem auch immer warum auch immer ein Hühnchen zu ruüfen zu haben glaubt, der schicke seine Elf gegen die Elf des Gegners aufs Feld. Der Gewinner bekommt all das, was voher ausgehandelt wurde, sei es nun Staatsgebiet, Gefangene, Kunstschätze oder die Hand der Königstochter. Keine Widerrede und keine Wiederholungsspiele. Alles streng nach FIFA-Regeln, also keine Thunderdome-Slugfeste mit Toten und Verletzten, sondern ganz sportlich und fair.

Oder, wie ich gestern bei facebook auf den Satz "Stell dir vor es ist Krieg und alle spielen Fußball" antwortete: Wenn wirklich alle Fußball spielten, dann hätte niemand mehr Zeit, Kriege zu führen.

Kommentare:

Monika hat gesagt…

Zum Fußball - ja, volle Zustimmung.

Zu Israel: Hallo?
Wie oft kann man Kloster Neuburg mit Raketen beschießen, bevor der Vatikan zurückschießt? Noch dazu, wenn ihr nirgendwo anders hinkönntet?

Es ist eben nicht ausgewogen und fair, beide Parteien gleichermaßen zu tadeln. Nur fürs eigene "ich bin so gut ich bin so friedlich"-Empfinden ein Streicheln, ein billiges aber, da man sich über eine Lage erhebt und urteilt, über deren Komplexität man sich keine Vorstellungen gemacht hat.

Es gibt Situationen in denen versagt das Christentum. Als politisches Instrument ist es unbrauchbar. Bleib bescheiden.

Alipius hat gesagt…

@ Monika: Richtig! Ich vergaß, daß Christus sagte "Wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann schlage bitte zurück!" Da muß ich mein versagt habendes Christentum wirklich nochmal aufpolieren.

Was die Komplexität der Lage betrifft: Die wird doch nur noch als Monstranz vorangetragen, damit beide Seiten ihre "Meine Fresse - Deine Fresse"-Routine abziehen und ihren Hardlinern den Dauer-Ständer garantieren können.

Ich käme nie und nimmer auf den Gedanken, eine Partei zu tadeln, die den bewaffneten Konflikt als absolut letzte Überlebensmöglichkeit einmalig einsetzt, um einen dauerpenetranten militanten Feind auf Distanz zu halten. Aber beide Seiten haben in ausreichend Keilereien genügend Erfahrungen gesammelt, um den Krieg zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Daher bekommen nun auch beide Seiten ihr Fett ab. Basta.

Richard hat gesagt…

Zum Thema "Freue an der WM", bzw. Fussballkrieg noch ein kurzer Beitrag aus brasilianischer Sicht. Im Fernsehsender Globo wurden die 7 Schüsse von Belo Horizonte schon mit den 69 Schüssen von Utoya verglichen. Das mag für uns völlig überzeugen wirken aus brasilianischer Sicht hat es aber doch eine gewisse Logik. Denn Fussball ist dort viel mehr als es bei uns auch für die fanatischten Fans ist. Fussball ist der Kitt, der ein völlig fraktioniertes Volk zusammenhält. Fussball ist Nährboden für das Gefühl, dass sich lohnt, an etwas Gemeinsames zu glauben, für etwas gemeinsames zu kämpfen, sich für etwas Gemeinsames anzustrengen und dass - egal wie schlecht es einem gerade geht - es immer eine Hoffnung gibt, dass es irgendwann einmal besser wird. Dieses Gefühl hat die deutsche Mannschaft am Dienstag ausgelöscht . Vermutlich für sehr lange Zeit, wenn nicht für immer.

Alipius hat gesagt…

@ Richard: Da ist wohl 'was dran. Aber wenn der Fußball der Nährboden für die Hoffnung ist, daß es einmal besser wird, dann ist es demnach doch auch der Fußball, der die Hoffnung gibt, daß der Fußball selbst besser wird. Müßten die Brasilianer sich nach dieser Niederlage dann nicht erst recht mit Begeisterung und großer Hoffnung auf den Fußball stürzen? Schlechter als im Moment kann er ihrer Meinung nach doch wahrscheinlich nicht mehr dastehen.

Imrahil hat gesagt…

>>Zweitens ist es - wenn es überhaupt ist - ohnehin genau andersherum: Krieg und Blutvergießen verboten, weil die Welt sich auf andere Art und Weise die Zeit vertreiben kann, wie man soeben in Brasilien sieht.

Jou! So ist es. Danke dafür und merk' ich mir.

Richard hat gesagt…

>Alipius:
Diese "wir haben das jetzt verkackt also Ärmel hochkrempeln und das nächste Mal besser machen" Einstellung ist sehr deutsch aber ganz und gar nicht brasilianisch. Dort werden ganz sicher so schnell keine Ärmel hochgekrempelt. Und die Monate April und Mai 2015 werden die geburtenschwächsten, die Brasilien je erlebt hat fürchte ich.

Monika hat gesagt…

Lieber Herr Alipius

Was die Komplexität der Lage betrifft: Die wird doch nur noch als Monstranz vorangetragen, damit beide Seiten ihre "Meine Fresse - Deine Fresse"-Routine abziehen und ihren Hardlinern den Dauer-Ständer garantieren können.

Das und die gesamte Antwort ist ja um Klassen schrecklicher als ich sie erwartet hatte. Ich kann mir soviel uninformierte Ignoranz nicht erklären. Hartherzig (Über bewaffneter Auseinandersetzung die Forumulierung beide Seiten ihr Fett - gruselig)

Jenseits von diskussionsfähig. Ich mochte und mag Dich gut leiden, weil ich öfter Zuneigung für stark emotionale Menschen empfinde.

Andererseits empfinde ich für mein persönliches Leben die Emotionalität nun nicht mehr nur als Bereicherung, sondern als etwas, das unter meine Kontrolle gehört - ich (und das sind nicht meine Gefühle) bin der Herr im Haus - die Gefühle werden respektiert, doch Urteil, Anstand und Ziele sollen nicht von Gefühlen kaputtgeschossen werden.

Das Christentum wird oftmals als die einfachste Lösung genutzt - als eine Möglichkeit, um die Wirklichkeit nicht zu sehen. Es gibt das Böse in der Welt. Es gibt das Böse in jedem von uns. Das Böse besteht, wir müßen mit ihm leben. Und die Arbeit am Guten können wir nicht Gott überlassen. Gott hat uns über den Gefühlen auch den Verstand geschenkt

Das, was Du hier geschrieben hast, ist zu ignorant als daß ich "Kloster Neuburger Marginalien" noch weiter lesen könnte. Es tut mir aus Sympathiegründen leid.

Alipius hat gesagt…

@ Monika: Gibt es denn außer dem Mit-dem-Fuß-aufstampfen, dem "Mit Dir spiel ich nicht mehr"-Rufen, dem Sich-auf-dem-Absatz-Herumdrehen und dem In-rechtschaffener-Indignation-Davonstürmen (also außer den "Emotionen" und der sehr bequemen Ausfahrt mit der Beschriftung "Jenseits der Diskussionsfähigkeit") auch eine sachliche Erkärung, die mir verdeutlicht, daß es sich nicht so verhält, wie von mir geschrieben? Habe ich die jahrelangen, haßerfüllten, von Hardlinern auf beiden Seiten immer wieder befeuerten Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern nur geträumt? Ist es die von den Christen (oder im speziellen Falle von mir) nicht gesehene Wirklichkeit, daß sich Israelis und Palästinenser seit Jahren ernsthaft und mit gutem Willen um Waffenruhe und Frieden bemühen und ihre Scharfmacher in die Wüste schicken? Sind die Raketen auf Israel und die Vergeltungsaktionen gegen die Palästinenser irgendwie so aus Versehen ganz nebenher passiert, während man ja eigentlich bei Sternfrucht-Bionade und Kresse-Plätzchen am Konferenztisch saß, um den nächsten Schritt im Friedensprozess gemeinsam zu gehen? Soll ich mich jetzt an die Tastatur setzen und beipflichten, daß nur die Palästinenser Schuld sind, um nicht Gefahr zu laufen, beide Seiten gleichermaßen zu tadeln, wie Du mir im ersten Kommentar vorgeworfen hast? Und wenn ich es tue, eigene ich mir nicht genau dann erst die (ebenfalls aus dem ersten Kommentar stammende) klebrige "Ich bin so gut, ich bin so friedlich"-Attitüde an, nach dem Motto: Nur keinen Widerspruch generieren, nur keinen Leserverlust riskieren, alles immer schön im Rahmen der Erwartungen...?

Ich finde es jedenfalls interessant (um nicht zu sagen: bezeichnend), daß Du den Emotionen den Hauptrang einräumst und Dich dann - dazu passend - genau auf das eine Zitat meiner Antwort konzentrierst, welches eine schnelle moralische Entflammung gestattet, anstatt meine direkt dahinter stehende Erklärung sachlich zu entkräften.