Freitag, 6. Juni 2014

Großen Wirbel...

... verursacht auf facebook und in der Blogoezese momentan das Starterkit von YOUrope.

YOUrope ist, wie man hier nachlesen kann, das jugendpolitische Projekt des KjG Bundesverbandes im EU-Wahljahr 2014. Zum Starterkit sagt die KjG dies:
    Am 25.Mai 2014 findet die Europawahl statt. Damit ihr gut aufgestellt seid, um eure Themen und das Thema Jugendrechte an die EuropapolitikerInnen heranzubringen, gibt es von uns das Starter-Kit. Vollgepackt mit Methoden, Ideen, Informationen und Materialien.
Es folgen einige Zitate aus dem Starterkit (Hervorhebungen und Kommentare von mir):
    Bei YOUrope setzen wir KjGlerInnen uns für eine Europäische Union ein, in der die Rechte von Jugendlichen (14-25 Jahren) ernst- und wahrgenommen werden. Gemeinsam mit vielen weiteren Verbänden und Jugendlichen in ganz Europa kämpfen wir für eine Umsetzung unserer Rechte und machen auf sie in der Öffentlichkeit aufmerksam [Es geht also darum, daß die Rechte von Jugendlichen in der EU wahrgenommen und umgesetzt werden].

    ...

    Den Startschuss macht am 05. März 2014 eine sechswöchige Fastenaktion, in der sechs der dreizehn Jugendrechte herausgegriffen werden [Die Jugendrechte, 13 an der Zahl, stehen bereits fest. Sie werden nicht erst erarbeitet].

    ...

    Die zweite Phase bilden die EU-Erlebnistage, welche vom 12.-15. April in Bonn stattfinden werden. Hierbei erleben wir, was es bedeutet sich auf EU-Ebene für Jugendrechte einzusetzen, entwickeln eigene Lobbyingstrategien und Aktionsideen und treffen AktivistInnen sowie PolitikerInnen, um sie von unseren Anliegen zu überzeugen [Die - bereits feststehenden - Jugendrechte sollen mit den in der Politik üblichen Mitteln an den/die MannIn gebracht werden].

    ...

    Also nichts wie los: STAND UP FOR YOUR RIGHTS! [Die - bereits feststehenden und im folgenden Text vorgestellten - Jugendrechte sind das, wofür man nun aufstehen soll]
Soviel zum einleitenden Text, den ich etwas ausführlicher zitiert habe, weil es auf facebook Stimmen gibt, die nicht so recht glauben können, daß die KjG vollumfänglich hinter dem Starterkit steht bzw die folgenden Rechte wirklich alle erkämpfen möchte, sondern daß sie eher auf die Rechte aufmerksam machen will, die Jugendliche eben so haben (wollen). Ich lese den einleitenden Text so, daß die KjG sehr wohl weiß, was sie tut und daß sie die aufgezählten Rechte durchaus als ein Gut versteht, für das man aktiv werden sollte.

Kommen wir nun zu dem Textabschnitt, der den Wirbel verursacht hat:

Auf Seite 58 (Kapitel: "Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Entscheidung über den eigenen Körper") heißt es:
    Mit »sexueller Selbstbestimmung« und der »Freiheit, über den eigenen Körper entscheiden zu können« ist aber noch mehr gemeint: Nämlich, dass Jugendliche kostenfreien und sicheren Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung haben müssen, was konkret bedeutet, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, eine Schwangerschaft abzubrechen und kostenlos Verhütungsmittel zu erhalten, denn nur so kann die beschriebene Freiheit auch gelebt werden.
Welche Freiheit" ist hier gemeint? Seite 57 gibt Aufschluß:
    Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet zum einen, seine sexuelle Orientierung (das heißt die Frage, ob ich hetero-, homo- oder bisexuell leben möchte) auszuleben, aber auch die eigene Geschlechtsidentität (das heißt, ob ich als Mann, Frau, Transgender oder IntersexuelleR leben möchte) frei zu wählen. Außerdem gehört zu diesem Recht die freie Wahl der SexualpartnerInnen, die eigene Entscheidung für Sexualpraktiken und die Wahl, welche Art von sexueller Beziehung jemand führen möchte (das heißt, ob sie/er monogam, polygam, zölibatär etc. leben möchte)
Ich darf zunächst darauf hinweisen, daß KjG" die Abkürzung für "Katholische junge Gemeinde" ist. Diese schreibt in einem Factsheet zum YOUrope-Projekt:
    Jeder Mensch hat unveräußerliche Rechte, ist doch klar. Diese Menschenrechte hat er oder sie einfach weil er oder sie Mensch ist. Kinder unter 18 Jahre sind in besonderer Weise auf andere Menschen, Erwachsene angewiesen, daher brauchen sie besondere Kinderrechte, die ihre Beteiligung sicherstellen und sie besonders schützen. Logisch?!
Hmm... Naja...

Es wird also realisiert, verstanden und kommuniziert, daß es Menschen gibt, die in besonderer Weise auf andere Menschen angewiesen sind und die daher besondere Rechte brauchen. Warum man nun nach dieser Erkenntnis ausgerechnet vor dem Recht des ungeborenen Menschen auf Leben halt macht, ist vor dem Hintergrund der Überschrift des Kapitels verständlich, wenn diese so gelesen wird, daß bestimmte Rechte und bestimmte Freiheiten ungeachtet ihrer Konsequenzen proklamiert werden dürfen bzw wenn die Konsequenzen sich mit einem "Recht auf..."-Taschenspielertrick aus dem Weg räumen lassen, mit dem man bei den Schwächsten ansetzt: "Recht auf Abtreibung!"

Oder, wie Josef Bordat treffend kommentiert:
    Das ist die Logik einer Ethik, die zunächst alles für gleich gültig und daher für moralisch möglich erklärt und vor den unausweichlichen Folgen ihrer Forderungen nicht ratlos kapituliert, sondern bereit ist, Opfer zu bringen. Natürlich nicht selbst. Gesucht und gefunden wird eine Gruppe, die sich nicht wehren kann. Im Ergebnis steht hier eine Ethik, die buchstäblich über Leichen geht, nur um ihre Prämissen halten zu können.
Das Kapitel schließt mit diesem Absatz:
    Diese Rechte haben für viele junge Menschen in Europa einen hohen Wert. Es braucht daher eine nicht-diskriminierende Sexualerziehung, die Aufklärung und Unterstützung durch sexualpädagogische Beratungsstellen für Jugendliche sowie die gezielte Sensibilisierung zu diesem Thema. Die KjG setzt sich für eine Auseinandersetzung mit diesem Recht auf Basis des christlichen Menschenbildes ein, und geht den Weg einer wertebezogenen Sexualpädagogik weiter.
Das klingt irgendwie dünn, nachdem im einleitenden Text gesagt wurde, man wolle für die Umsetzung der Jugendrechte kämpfen (also sich nicht nur mit ihnen auseinandersetzen) und nachdem im Kapitel zur sexuellen Selbstbestimmung doch recht nüchtern und ohne Warnschilder über die Abtreibung und die sexuelle Beliebigkeit geschrieben wurde.

Man muß wegen des Starterkits selbst jetzt vielleicht nicht unbedingt eine Riesenwelle machen, weil es wohl eine eher kleine Öffentlichkeit genießen wird. Wichtiger scheinen mir die Fragen, was bei der KjG und damit auch beim Dachverband BDKJ denn unter "katholisch" verstanden wird, in welchem Maße dieses Verständnis mit der Lehre der Kirche übereinstimmt und sich gegebenenfalls einer Korrektur stellt und wie unbedarft dem katholischen Nachwuchs bestimmte Positionen als "katholisch" verkauft werden, obwohl sie es nicht sind.
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Mehr zum Thema:
Cicero: "Aufschlag KjG"
Josef Bordat: "Eine Ethik, die über Leichen geht"

Kommentare:

ohne Eigenschaften hat gesagt…

Den Inhalt muß man nicht kommentieren -- bei der Form allerdings hast Du Dich möglicherweise von Fr. Z. inspirieren lassen? ;-)

Alipius hat gesagt…

@ ohne Eigenschaften: Die Inspiration kommt von Fr. Z, aber ich mache das schon seit Ewigkeiten so (hab's nur lange nicht mehr gebraucht).

ohne Eigenschaften hat gesagt…

Ach so! Na, ich bin ja noch nicht so lange dabei -- und manches kann man sich von Fr. Z. ja durchaus abgucken, wenn auch m. E. nicht unbedingt alles. "Prüfet alles, und behaltet das Gute!" sprach Paulus beim Öffnen des Kühlschranks. Vel secundum ipsum: Si illum vis sequi, fac bona, vita vitia!

Ganz oben ist übrigens eine wichtige Passage versehentlich verschwunden. Es sollte heißen: "Den Inhalt muß man nicht kommentieren, denn da habt Du, Cicero und Josef Bordat ja schon alles gesagt --"

Maria Magdalena hat gesagt…

Nach deutschem Recht ist eine Abtreibung - im Juristendeutsch Schwangerschaftsabbruch - immer noch eine Straftat. Durch die widersinnige Verwendung des Begriffes "Recht" in diesem Zusammenhang wird das Rechtsempfinden der Jugendlichen pervertiert.