Donnerstag, 12. Juni 2014

Einigermaßen egal - mittelegal - nicht egal

1.) Es ist mir einigermaßen egal, was ein Imam bei einem Friedensgebet im Vatikan an Koranversen von sich gibt.

Zwei Versionen dessen, was der Imam im Vatikan gebetet haben soll, liegen mir bisher vor: Einmal heißt es, er habe für den "Sieg gegen die Ungläubigen" gebetet. Ein anders Mal heißt es, aber habe um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen" gebetet. Ich kann kein Arabisch, bin also auf die Quellen angewiesen, die ich so finden kann und muß hoffen, daß diese Quellen nicht von zentnerweise Agenda und Ideologie verseucht sind.
  • Wenn er für den "Sieg gegen die Ungläubigen" oder um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen" bittet, und mit den "Ungläubigen" all jene meint, die an keinen Gott glauben und der Religion gegenüber feindlich eingestellt sind, dann kann ich die Bitte um "Hilfe" verstehen. Eine Bitte für "Sieg" kling mir schon wieder zu sehr nach Säbelrasseln und zu wenig nach einem Wirkenlassen der Liebe Gottes in unserer Welt.

  • Wenn er für den "Sieg gegen die Ungläubigen" oder um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen" bittet, und mit den "Ungläubigen" all jene meint, die an keinen Gott glauben und die all jene, welche an einen Gott glauben, in Frieden lassen, dann sehe ich weder in der Bitte um "Hilfe" noch in der Bitte für "Sieg" einen Sinn, es sei denn, er meint mit "Hilfe", daß Gott ihm und denen, die er mit "uns" meint, dabei hilft, so zu leben, daß andere Menschen zu Gott finden. Dies sollte - da es ja ein Gebet für den Frieden war - ohne Zwang oder Drohung oder gar Waffen geschehen.

  • Wenn er für den "Sieg gegen die Ungläubigen" oder um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen" bittet, und mit den "Ungläubigen" auch oder besonders Christen und Juden meint, dann zeigt sich immerhin, wer Gottes "Hilfe" in der Arbeit für den Frieden besonders nötig hat.

Da ich aber nicht in den Kopf des Imam hineinschauen kann, also nicht wissen kann, wie die Verse gemeint waren, habe ich nur dann einen Anlaß, mich aufzuregen, wenn ich Schlimmes vermute, was ich aber nicht tun werde, weil es sich um ein Gebet für den Frieden handelte und ich - vielleicht etwas naiv - des Gefühl habe, daß das Gelingen des Friedens auch davon abhängt, wie sehr ich selbst daran glaube, wie sehr ich selbst daran mitwirke und wie weit ich bereit bin, Vertrauen walten zu lassen.

2.) Es ist mir nur so mittelegal, wenn bei einem Friedensgebet im Vatikan von einem Imam Koranverse vorgetragen werden, die offenbar nicht in den vorher bekanntgegebenen Texten, welche von den Vertretern der Religionen vorgetragen werden, aufgetaucht sind. Das kann im Rausch des Moments ohne jeden üblen Hintergedanken geschehen sein, aber es hinterläßt dennoch einen etwas faden "Warum war's nicht angekündigt und was hat er zu verbergen bzw was führt er im Schilde?"-Beigeschmack.

3.) Es ist mir ganz und gar nicht egal, wenn nach Bekanntwerden der Geschichte mit den Koranversen auf katholischen Internet-Angeboten, auf facebook und auf twitter Leute übereinander herfallen, von denen man eigentlich annehmen sollte, daß sie das Gleiche wünschen, nämlich Frieden auf Erden und freie und ungestörte Religionsausübung in aller Herren Länder. Da werden dann Arabischkenntnisse, Korankontextwissen, Theologiesemester und religionswissenschaftliche Credentials zum Längenvergleich herausgeholt, Unterstellungen gemacht, Grobheiten hin- und hergeschickt, Strohmänner und Feindbilder in Technicolor auf Großbildleinwand präsentiert, "Haben wir doch immer schon gewußt"-Brocken eingestreut und insgesamt eine Stimmung verbreitet, die mit Sicherheit alle unsicheren, zögerlichen und fragenden Zeitgenossen im Handumdrehen dazu bewegen wird, sich vertrauensvoll an die Anhänger Christi zu wenden, anstatt sie für kleinliche, besserwisserische Zänker zu halten, die im Kielwasser eines Gebets für den Frieden schwimmend an so ziemlich alles denken, nur eben nicht an den Frieden.

Kommentare:

Eugenie Roth hat gesagt…

Wenn keiner weiß, was der Moslem denn nun wirklich gebetet hat, sind Arabischkenntnisse doch wohl nicht verkehrt.

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Vgl.: Samir Mourad: Korantafsir: basierend auf authentischen Überlieferungen und den Tafsiren von Tabarin und Ibn Kathir, Band 1.

Wer mit den "Ungläubigen" gemeint ist, ist vielschichtig. Eine Definition von Kufr/Kafir findet man dort ab PDF-Seite 25.

Eine Interpretation von Sure 2 findet man auch darin. (Gegen Ende ab PDF-Seite 404)

Anonym hat gesagt…

Zum Imam... seine Darbietung zeugt eigentlich nur von seiner Konsequenz im Glauben (in diesem Fall des Islam), was man von der katholischen Fraktion ja nicht gerade behaupten kann, oder sehe ich das falsch? Hmmm...

De Benny hat gesagt…

Gab's da ne Vorankündigung, was gebetet werden wird? Wich der Imam davon ab?

Ich kann auch kein Arabisch, kenn aber aus der Übersetzungspraxis aus Hebräischem und Altgriechischem durchaus die Problematik, die mit verschiedenen Übersetzungen entstehen können. Bedenken wir doch: Ein Märtyrer ist im islamischen Kontext etwas ganz anderes als bei uns. Was läge näher als anzunehmen, daß das auch für Begriffe wie "Sieg" und "Ungläubige" gilt?
Wieso "Sieg" übersetzen, gibt es da keine anderen Begriffe, die man benutzen kann? Das wäre schon komisch, da die Wörterbücher sonst immer mehrere Begriffe auflisten für Übersetzungen. Wieso "Ungläubige"?
Mir deucht, der Geist, der bei diesen Angriffen weht ist der gleiche, der bei den Angriffen auf den Vatikan wegen des angeblichen Gebets für die "perfiden Juden" geweht hat. Auch da hat man um des Effektes Willen einfach mal "passend" übersetzt...

Alipius hat gesagt…

@ De Benny: Ja, in den vorher veröffentlichten, offiziellen Texten kam das Koranzitat nicht vor.

Ich habe ja zwei verschiedene Übersetzungen anbegoten (beide von Leuten, die des Arabischen mächtig sind). Es besteht also kein Anlaß, sich auf den "Sieg" zu konzentrieren; man kann auch die "Hilfe" wählen. Und daß mit den "Ungläubigen" ganz verschiedene Menschen gemeint sein können, wird sogar ohne Arabischkenntnisse deutlich, wie mein Beitrag demonstriert.

Es bleibt also jedem selbst überlassen, ob und wieviel Strick er aus der Geschichte drehen möchte.