Montag, 28. April 2014

Unbeschriebene Blätter

Es gibt ein seltsames Phänomen, welches früher oder später immer dort auftritt, wo Menschen verschiedener Meinung sind und wo es um ein einigermaßen relevantes und viele Menschen betreffendes Thema geht. Ich rede von einer verengten Sichtweise, ausgelöst durch etwas, das ich mal - in Ermangelung einer besseren Umschreibung - "Autorität des Standpunktes" nennen will.

Das funktioniert so: Ich bin gegen "X" oder für "Y". Mein Standpunkt lautet also "X muß sein" oder "Y darf nicht sein". Diesen Standpunkt gilt es zu halten und zu verteidigen. Und das mit solcher Macht, daß ich mir Argumente, welche gegen "X" oder für "Y" sprechen, vielleicht eben noch anhöre, daß ich aber sicherlich nicht ausreichend darüber nachdenke, sondern in dem Moment, wo sich das Argument präsentiert, schon nach Wegen suche, seine Quelle zu diskreditieren, im Glauben, daß somit auch das Argument nichtig wird: "Diese Argument gegen "X" muß falsch sein, denn es stammt von Thilo Sarrazin... [bedeutungsschwere Pause mit betroffenem Augenniederschlag]... und es ist ja allgemein bekannt, wie DER denkt..."". Oder andersherum: "Diese Argument gegen "Y" muß stimmen, denn der Dalai Lama... [bedeutungsschwere Pause mit verklärtem Lächeln]... hat es vor wenigen Wochen erst ebenfalls so gesagt"". Diese Beweisführung durch Ekel oder Ehrfurcht führt mich selbstverständlich nicht zwangsläufig zu einem gültigen Schluß. In der in den Beispielen angeführten schlampigen Umsetzung kann sie vielmehr auf Dauer dazu führen, daß ich mir das Selber-Denken abgewöhne und nur noch darauf schaue, ob es einen Halbgott oder einen Oberteufel gibt, der erstens zum diskutierten Thema etwas beizutragen hat und der zweitens einen Anbet- oder Schauder-Wert mitbringt, der vom Gruppenempfinden meiner Mitstreiter und Gegner anerkannt wird.

Anstatt eines Individuums kann natürlich auch eine ganze Gruppe umarmt oder verdammt werden, abhängig davon, ob ihre Geschichte, ihre als allgemein verbindlich geltende Einstellung zu bestimmten Themen oder die Möglichkeit ihrer Instrumentalisierung meinem Standpunkt dient. In der Vergangenheit oder aktuell verfolgte, geknechtete, unterdrückte und ermordete Gruppen kommen genau dann aufs Silbertablett, wenn sie meinem Standpunkt dienen und werden lieber links liegengelassen, wenn sie dies nicht tun.

Immer mehr erhalten Individuen oder Gruppen somit einen Wert, der nicht deswegen so hoch ist, weil das, was man ihnen angetan hat, grundsätzlich falsch ist und man auf diese Falschheit hinweisen kann, indem man besagte Gruppen oder Individuen in den Zeugenstand ruft, sondern weil das, was man ihnen angetan hat, meinen Standpunkt bezüglich eines konkreten Themas untermauert.

Die Gruppe "Im Mutterleib heranwachsende Menschen" hat hier ein Problem. Man kann sich an Schwule und Lesben, an Dunkelhäutige oder Rothäutige, an Christen, Juden und Moslems, an Frauen, an Einwanderer, an geistig oder körperlich Behinderte undsoweiter wenden und sich von einem oder mehreren Vertretern einer dieser Gruppen erklären lassen, wie andere Mitglieder der Gruppe in der Vergangenheit verfolgt, niedergehalten, schikaniert und umgebracht wurden oder heute noch verfolgt, niedergehalten, schikaniert und umgebracht werden. Bei Menschen, die getötet wurden, noch während sie im Mutterleib heranwuchsen, funktioniert dies nunmal nicht.

Die Gruppe "Im Mutterleib heranwachsende Menschen" ist eine Gruppe, deren Individuen unbeschriebene Blätter sind. Sie haben keine Geschichte, keine Kultur, keine Meinung. Sie sind uns verborgen im Leib ihrer Mutter. Sie haben die Entwicklung zu einer Stimme, die wir als positives oder negatives Beispiel unter der Autorität des Standpunktes anführen können, noch vor sich. Daher besitzen sie vor dem Hintergrund der Autorität des Standpunktes keinen Wert. Instrumentalisieren lassen sie sich zwar, aber ohne, daß sie selbst etwas bezeugen, nämlich auf brutal-blutigen Nach-Abtreibungs-Bildern, die aber kontraproduktiv, weil zu splattermäßig sind. Niemand schaut sich so etwas gerne an. Ich nicht und schon gar nicht Leute, denen man damit einen Vorwurf machen möchte.

So kommt es, daß unsere - vielleicht aufgrund einer richtigen Intuition leicht verunsicherte - Gesellschaft angesichts der Abtreibungszahlen größtenteils nicht das Grauen packt, sondern daß sie, wenn sie sich ertappt fühlt, mal unwillig und mal peinlich berührt nervös mit den Fingern auf die Tischplatte klopft, sich in wilde Debatten stürzt, aber irgendwie nicht dazu in der Lage ist, zu erkennen, ob Abtreibung nun grundsätzlich richtig oder falsch ist. Für den Fall, daß doch einmal eine Portion rechtschaffener Entrüstung hermuß, setzt man sich halt vor die Glotze, guckt "Schindlers Liste" und schüttelt entsetzt den Kopf wegen der Nazis, die so viele Menschen getötet haben.

Kommentare:

Tim hat gesagt…

Bulverism!

Borrachon hat gesagt…

Irgendwie liegt da denke ich ein Denkfehler drin, wenn Sie mir die Verdopplung der Argumentation der Argumentation erlauben. Ich kann auch der Meinung sein, dass Abtreibung falsch ist, ich kann mir wünschen, dass alle Frauen ihre Kinder austragen ich kann aber trotzdem dagegen sein Abtreibung in jedem Fall unter Strafe zu stellen. Ich kann trotzdem der Überzeugung sein, dass das Strafrecht keine einzige Abtreibung verhindern kann sondern nur weiteres Unrecht erzeugt.

Alipius hat gesagt…

@ Borrachon: Natürlich können Sie das. Mir wäre auch jene Welt am liebsten, in der es keine Vergewaltigungen, keine ungewollten Schwangerschaften und keine Abtreibungen gibt.

Borrachon hat gesagt…

Diese Welt wünschen wir uns alle. Die Frage ist aber - wie bei allen politischen Fragen - nicht das "was" sondern das "wie". Und da bin ich - ebenfalls - ratlos.