Mittwoch, 30. April 2014

"Hinrichtungskrise"...

Clayton D Lockett hat 1999 eine 19-jährige Frau angeschossen und sie danach lebendig begraben. Er wurde gefaßt und im US-Bundesstaat Oklahoma zu Tode verurteilt. In der vergangenen Nacht sollte er hingerichtet werden. Ihm wurde Gift injiziert. Er wurde für "bewußtlos" erklärt, schnappte aber danach noch nach Luft, woraufhin die Hinrichtung abgebrochen wurde. Etwas später starb Lockett in seiner Zelle an einem Herzinfarkt.

Da dies nicht der erste Fall mit schiefgegangener Gift-Verabreichung in den USA ist, spricht der Tagesspiegel bereits von einer "Hinrichtungskrise" und hat damit schon Ende April mein Unwort des Jahres geschaffen.

Jetzt gehen in Kommentarbereichen von US-Blogs und auf facebook natürlich wieder die Diskussionen los.

Die beiden Extreme lauten, vereinfacht zusammengefaßt:

1.) Jeder, der meiner Meinng nach die Todesstrafe verdient hat, soll sie auch erhalten.

2.) Todesstrafe ist nie und unter keinen Umständen okay, und wenn Du gegen Abtreibnug aber für die Todesstrafe bist, dann bist Du ein Heuchler.

Meine Position ist diese: Ich bin gegen die Todesstrafe, sehe aber in Abtreibung und Todesstrafe nicht zwei Dinge, die man leichtfertig miteinander vergleichen sollte. Bei einer Abtreibung stirbt ein unschuldiger Mensch. Bei einer Todesstrafe stirbt ein Mensch mit einer Geschichte, welche - außer bei Fehlurteilen - zum Teil eine kriminelle Geschichte ist. Damit sage ich nicht, daß dieser Mensch - je nach Schwere des Verbrechens - die Todesstrafe verdient hat. Ich sage lediglich, daß ich jene Leute auf einer wild-emotionalen Ebene verstehen kann, die komplett gegen Abtreibung sind, aber in Sonderfällen die Todesstrafe zulassen wollen.

Ich selbst gehöre nicht zu diesen Leuten, denn ich denke, daß die Würde des Menschen (welche ja in der Debatte um die Todesstrafe häufig angeführt wird) eben nicht von seinen Taten herrührt, sondern von der Tatsache, daß Gott ihn erschaffen hat, und dies nach seinem Bilde.

Außerdem ist der Preis in den Fällen, wo ein Fehlurteil vorliegt, einfach zu hoch: "Sorry, daß wird dich auf dem elektrischen Stuhl gebraten haben und dann zwei Jahre später den richtigen Täter fanden. Wir machen das wieder gut. Versprochen!" Klingt nicht wirklich schlüssig, oder?

Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt zum Thema "Todesstrafe":
    2266: Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird zu schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen. Aus analogen Gründen haben die Verantwortungsträger das Recht, diejenigen, die das Gemeinwesen, für das sie verantwortlich sind, angreifen, mit Waffengewalt abzuwehren.

    Die Straft soll in erster Linie die durch das Vergehen herbeigeführte Unordnung wiedergutmachen. Wird sie vom Schuldigen willig angenommen, gilt sie als Sühne. Zudem hat die Strafe die Wirkung, die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Personen zu schützen. Schließlich hat die Strafe auch eine heilende Wirkung: sie soll möglichst dazu beitragen, daß sich der Schuldige bessert.

    2267: Soweit unblutige Mittel hinreichen, um das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen und die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Menschen zu schützen, hat sich die Autorität an diese Mittel zu halten, denn sie entsprechen besser den konkreten Bedingungen des Gemeinwohls und sind der Menschenwürde angemessener.
Erst 2011 äußerte Papst Benedikt XVI. in seiner Grußadresse an die Teilnehmer des von der Gemeinschaft Sant'Egidio organisierten Internationalen Kongress zum Thema "Keine Gerechtigkeit ohne Leben" den Wunsch, das Treffen möge "die politischen und legislativen Initiativen stärken, die von einer zunehmenden Zahl von Ländern ergriffen werden, um die Todesstrafe zu beseitigen und wesentliche Fortschritte zu erreichen, die unternommen werden, damit das Strafrecht die Menschenwürde der Gefangenen respektiere und gleichzeitig die öffentliche Ordnung wirksam sichert".

Somit sagt die Kirche im Grunde dies: Wo ein Straftäter hinter Gittern sicher aufgehoben ist, dort wollen wir die Todesstrafe doch bitte an den Nagel hängen.

Wenn nun auch hin und wieder Ausbrüche gelingen, so ist es doch in Deutschland und in vielen anderen europäishen Ländern so, daß die Gefängnisse sicher sind. Somit sehe ich mich als Katholik eher dazu aufgerufen, für die Abschaffung der Todesstrafe meine Stimme zu erheben, als für ihre breite Anwendung.

Kommentare:

Geistbraus hat gesagt…

hm, mit solchen Katechismus-Abschnitten, in welchen kein einziges Mal das Evangelium vorkommt und welche im Grunde von irgendeiner x-beliebigen philanthropischen Institution verfasst worden sein könnten, wird sich der Ex-Protestant in mir wohl niemals anfreunden können...

"Schließlich hat die Strafe auch eine heilende Wirkung"

Im Evangelium geschieht Heilung durch den Glauben, durch Vergebung, durch Umkehr, niemals aber durch Strafe. Natürlich kann die Strafe in konkreten Fällen der Auslöser für die Heilung sein, es gibt ja viele Menschen, die im Gefängnis zum Glauben gefunden haben. Aber im Katechismus klingt das eher so, dass der Verbrecher in Zukunft keine krummen Dinger mehr dreht, weil er sonst wieder eingelocht wird und er ja jetzt gesehen hat, wie scheiße das ist. Das wäre aber keine Heilung im christlichen Sinne. Die wahre Heilung ist, dass der Sünder erkennt, dass die Liebe Gottes unendlich viel größer und wertvoller ist als alle irdischen Versuchungen. Eine positive Vision, die ihn zu Gott hinzieht, kein negatives Abschreckungsszenario, das ihn vom Bösen fernhält.

Wie an vielen Stellen stört mich auch hier im Katechismus vor allem die Tonalität. Die ethischen und regierungstechnischen Konsequenzen wären wahrscheinlich auch sonst nicht viel anders - aber ich spüre in diesen Worten einfach viel zu wenig Ostermorgen.

Alipius hat gesagt…

@ geistbraus: Im Original wird genau nach dem von Dir zitierten Satz auf Lk 23,40-43 verwiesen, also ist schon ein wenig Evangelium drin.

Ansonsten verstehe ich Dich vollkommen: Mir ist eine Heilung geboren aus der Furcht, Gottes Liebe zu uns zu verletzen, auch lieber als die Heilung aus Furcht vor Einbuchtug.

Karl Weiss hat gesagt…

Natürlich dient die Todesstrafe auch zur Abschreckung!
Bis heute würde niemand sagen, daß´die Hinrichtungen in Folge des Nürnberger Tribunals ungerechtfertigt waren. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß dies zur Abschreckung von Massenmördern in Zukunft dienen sollte.
Wenn unsere Möchtegernpolitiker ständig auf die Unmöglichkeit der Todesstrafe hinweisen, so haben sie doch nichts dagegen, wenn diese in gerade genehmen Ländern wie islamischen stattfindet. Heuchelei?
Ist es nicht auch eine Form der Todesstrafe, wenn ich als einzige Möglichkeit, ein Kind zu retten- in der aktuellen Situation- die Tötung des Angreifers sehe?

Geistbraus hat gesagt…

@Alipius: danke für den Hinweis auf Lukas.

Inwieweit diese Stelle in dem Kontext passend ist, weiß ich allerdings nicht recht, immerhin ist das eine extreme Ausnahmesituation, dass nebenan ein Gott gekreuzigt wird - der gute Schächer wird sozusagen gestoßen und gezogen gleichermaßen: gestoßen von seiner eigenen Strafe und gezogen von der Liebe Gottes, der ohne Schuld dieselbe Strafe erleidet. Die Strafe allein, ohne Jesus daneben (und der gewöhnliche Knacki sieht Jesus nicht daneben), das ist schon eine ziemlich andere Situation.