Samstag, 26. April 2014

Atheistisches Wohlergehen

Mark Shea hat ein Video gefunden, in dem Atheist Matt Dilihunty nicht so wirklich die Frage beantworten kann, ob er mit Bertrand Russells Statement "'Dachau is wrong' is not a fact" ('Dachau ist falsch' ist keine Tatsache) übereinstimmt oder nicht.

Dilihunty:
    The trouble word here is "wrong". And that's what I'm talking about with regard to Russel's context. 'Dachau is in conflict with the idea of well-being of both these individuals and society' is a fact. A fact that is put forth by the idea that we are physical beings under the influence of physical laws and so what hurts us is merely a physical fact about the universe. There's nothing... In fact appealing to anything else would be a violation of methodologial naturalism.

    [Das Problemwort hier ist "falsch". Und darüber spreche ich in Bezug auf Russels Kontext. "Dachau steht im Konflikt mit der Idee des Wohlergehens von diesen Individuen und der Gesellschaft" ist eine Tatsache. Eine Tatsache, hervorgebracht durch die Idee, daß wir körperliche Wesen unter dem Einfluß physikalischer Gesetze sind, und damit ist das, was uns verletzt lediglich eine physikalische Tatsache des Universums. Es gibt nichts... Tatsächlich wäre es eine Verletzung des methodologischen Naturalismus, sich auf etwas anderes zu berufen]
Wenn Russell sagt, "Dachau ist falsch" sei keine Tatsache, dann ist "Dachau ist falsch" entweder eine Aussage, die man gar nicht machen darf oder über die man trefflich debattieren kann. Natürlich wollte Russell nicht auf das Gegenteil hinaus: "Dachau ist richtig" ist in seinem System ebensowenig eine Tatsache wie "Dachau ist falsch". Mit ziemlicher Sicherheit kann auch davon ausgegangen werden, daß Russell die Opfer von Dachau nicht "verhöhnen" wollte, wie manch ein Zeitgenosse vielleicht schnell schließen mag. Ich hoffe, daß sowohl Dilihunty als auch ich Russell richtig verstehen, indem wir annehmen, daß er nur ein besonders brutales Beispiel wählte, um eine Einstellung zu verdeutlichen.

Jetzt stelle man sich aber mal eine Welt vor, in der der methodologische Naturalismus herrscht, und in der folglich eine Aussage wie "Dachau ist falsch" nur dann gemacht werden darf, wenn man gleichtzeitig schwört, dies nicht als Tatsache in den Raum zu stellen, sondern nur als Diskussionsansatz, den eine schlau schwatzende Intelligenzeria nun weiterführen darf, um sich an den physikalischen Tatsachen eines Universums zu ergötzen, welches man Stück für Stück empirisch enträtselt.

Es ist doch nunmal so, daß man angesichts eines absolut unmenschlichen Phänomens wie den Konzentrationslagern nich einfach schweigen kann. Okay... Man kann es vielleicht, weil einem schlicht die Worte fehlen. Aber die meisten Menschen werden doch sicherlich wenigstens innerlich aufgewühlt sein, wenn sie erfahren, was sich (nicht nur) in Dachau abgespielt hat. Und dieses Aufgewühlt-Sein stammt aus der simplen Erfahrung, welche jeder Mensch in seinem Leben irgendwann einmal macht: Schmerzen sind unangenehm bis unerträglich, und wenn ich die Wahl zwischen Schmerz und keinem Schmerz habe, dann wähle ich keinen Schmerz (mal abgesehen von den Fällen, in denen ein wenig Schmerz im Spiel ist, welcher aber in eine Gesamtsituation gehört, welche letztlich der Besserung dient, wie z.B. die Spritze beim Zahnarzt). Wenn ich nun aber weiß, daß Schmerzen unangenehm bis unterträglich sind und ich mich dann dazu entscheide, einem anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, dann bin ich nicht nur ein Instrument des Universums, welches mich heranzieht, um irgendwelche physikalischen Tatsachen zu demonstrieren, sondern dann bin ich ein Mensch, der falsch handelt. Woher nehme ich das Recht zu behaupten, daß man falsch handeln kann? Aus einer simplen empirischen Erhebung, also aus einer Erhebung, die auf Erfahrung und Beobachtung beruht: Ich habe an mir selbst erfahren und beobachtet, daß Schmerzen nicht gut (also falsch) sind. Dies ist eine Tatsache. Wie bekloppt muß ich sein, wenn ich nun hingehe und sage "Daß die Schmerzen, die Tauende von Menschen in Dachau und in anderen Konzentrationslagern erlitten haben, falsch sind, daß läßt sich unmöglich als eine Tatsache darstellen"? Das würde sicherlich prima funktionieren, in einer Wet, in der ich der Sonderling bin, der Schmerzen als unangenehm und daher falsch empfindet. Ich glaube aber nicht, daß diese Welt existiert, denn ich habe in meinem Leben bisher nur Menschen kennengelernt, die beim Erleiden eines Schmerzes eine unfrohe Miene aufgesetzt haben oder gar geweint haben. Und es geht ja nicht nur um die körperlichen Schmerzen. Es geht um seelische Qualen, um Einsamkeit, Angst, Demütigung, Unsicherheit etc.

Meiner Meinung nach ist es vollkommener Quatsch zu behaupten, der Satz "Dachau ist falsch" sei keine Tatsache. Millionen von Individuen, welche in Konzentrationslagern einsaßen, könnten (wenn sie noch lebten) bezeugen, daß dieser Satz sehr wohl eine Tatsache beschreibt. Denn Millionen von Individuen könnten (wenn sie noch lebten) die aus eigener Erfahrung und Beobachtung (also empirisch) gewonnene Erkenntnise bezeugen: "Schmerzen sind falsch. Dachau hat uns unsägliche Schmerzen bereitet. Dachau ist falsch".

Hier ist ein Mensch. Ich füge ihm 100 Mal Schmerz zu. Er sagt erklärt mir 100 Mal, daß er die Schmerzen als unangenehm und falsch empfindet. Da sind weitere 99 Menschen. Ich füge jedem von ihnen 100 Mal Schmerz zu. Sie alle erklären mir 100 Mal, daß sie die Schmerzen als unangenehm und falsch empfinden.

"'Dachau ist falsch' ist keine Tatsache"... Hallo Stirne! Darf ich vorstellen: Tischplatte!

Ein weiterer Punkt: Dilihunty spricht vom "Wohlergehen" von Individuen und einer Gesellschaft. Es gibt somit für ihn so etwas wie einen Zustand, in dem es einem Individuum und/oder einer Gesellschaft wohl (also gut) geht. Dilihunty spricht sich aber gegen die Verwendung eines Begriffes wie "falsch" aus. Wenn es nun für ihn einen Zustand gibt, in dem es einem Individuum und/oder einer Gesellschaft gut geht, wenn aber gleichtzeitig ein Begriff wie "falsch" nur verwendet werden darf, wenn er sich auf das bezieht, was nach Dilihuntys Meinung empirisch erfaßbar ist, und Dinge nur danach bewerten werden, ob sie im Konflikt mit dem Wohlergehen eines Individuums oder einer Gesellschaft stehen, dann ließe sich folgendes sagen: "Diese Gesellschaft hat alle Angehörigen der Gruppe X ermordet. Seither steht nichts mehr mit ihrem Wohlergehen im Konflikt". Es wird keine Aussage als Tatsache akzeptiert, welche bahauptet, daß es richtig oder falsch war, alle Angehörigen der Gruppe X zu ermorden. Wenn aber schon die Falschheit oder Richtigkeit eines Massenmordes nicht als Tatsache hingestellt werden kann, dann kann man umso nüchterner auf das Indiviuum X blicken und sagen: "X hat den Ehemann seiner Geliebten ermordet. Seither steht nichts mehr mit seinem Wohlergehen in Konflikt".

Okay! Lassen wir also Konzepte wie "Falsch" oder "Richtig" sausen und freuen wir uns alle auf unser künftiges Wohlergehen!

Kommentare:

Richelieu88 hat gesagt…

Russell... War das nicht der Mathematiker und Philosoph mit der "neutralen Erziehungsmethode", bei der anschließend der eigene Sohn geisteskrank wurde?

Le Penseur hat gesagt…

Sorry, Reverende,

aber da tun sie Lord Russell einfach unrecht. Er spricht in diesem Kontext nicht von "richtig" bzw. "falsch" im Sinne von "moralisch wünschenswert" bzs. "nicht wünschenswert", sondern im Sinne von "den Tatsachen entsprechend" bzs. "nicht entsprechend".

Daß diese naturwissenschaftliche Terminologie nicht "die ganze Wahrheit" darstellt, war auch einen Russell durchaus klar. Aber er als Naturwissenschaftler wandte sie eben an.

"Falsch" im Sinne von "nicht den Tatsachen entsprechend" mit "falsch" im Sinne von "nicht wünschenswert" zu verwechseln (oder auch nur zu verunklären), ist ebenso beliebt, wie falsch (jetzt mal untechnisch gesprochen ;-) ...) — denn es führt zu fortwährenden Mißverständnissen.

Auch in Ihrer Erweiterung wird das "falsch" nicht richtiger:

"Schmerzen sind falsch. Dachau hat uns unsägliche Schmerzen bereitet. Dachau ist falsch"

So, so — also Schmerzen sind "falsch"? Mal davon abgesehen, daß ich den Schmerz, der mich warnt, wenn ich eine heiße Herdplatte berühre, bevor mir noch die ganze Handfläche wegbrät, als keineswegs "falsch" empfinde (auch wenn ich dabei vermutlich "Scheiß-Herdplatte!" brülle) — die grundsätzliche Problematik dabei ist, daß man Wertungen (also die "Sollensordnung") wenigstens gedanklich sauber von Fakten (der "Seinsordnung") trennen sollte.

Das war Russells Anliegen. Daß er darin (durch wenig reflektiertes Geringschätzen der Sollensordnung) per excessum gefehlt hat, mag stimmen. Nur das Gegenteil, nämlich die unkritische Vermischung der beiden Bereiche, ist m.E. um nichts ersprießlicher!

Maximilian hat gesagt…

Dilihunty versucht zu erklären, was Russell mit seiner Aussage gemeint hat, dabei geht es um die Frage was Russell als mit Tatsache meinte.

Bei seiner Erklärung stellt er überhaupt nicht in Frage, das Menschen in Dachau Schmerzen erlitten haben und auch nicht ob Schmerzen nicht empirisch Erfassbar wären.

Dilihunty bezeichnet das Wort falsch als Problemwort, weil es zu ungenau ist im Kontext des Zitats von Russell. Damit gibt er keine moralische Bewertung über Dachau ab. Eine moralische Bewertung der Aussage "Diese Gesellschaft hat alle Angehörigen der Gruppe X ermordet. Seither steht nichts mehr mit ihrem Wohlergehen im Konflikt", kann man nicht aus Dilihunty Ausführungen ableiten. Er hat gar nicht genau definiert wie das Wohlergehen durch einen Mord einer Gruppe beeinträchtigt wird, also kann man nicht ausschließen das das Wohlergehen auch beeinträchtigt ist, wenn gar keiner mehr von der Opfergruppe lebt. Und es ist gar nicht möglich eine Opfergruppe so abzugrenzen, das sich keiner aus dem Rest der Gesellschaft betroffen fühlt, denken sie dabei an Freundschaften zwischen Individuen der Opfergruppe und anderen Individuen. Freundschaften zwischen Katholiken und Juden soll es ja gegeben haben und immer noch geben.

Alipius hat gesagt…

@ Le Penseur: Hier ist das ganze Zitat von Russell, so wie ich es finden konnte: "” ‘Dachau is wrong’ is not a fact. Gravity IS a fact. But ‘Dachau is wrong’ is not a fact. I think it’s wrong, but I can’t prove it.”"

Sie schreiben: "Er [Russell] spricht in diesem Kontext nicht von "richtig" bzw. "falsch" im Sinne von "moralisch wünschenswert" bzs. "nicht wünschenswert", sondern im Sinne von "den Tatsachen entsprechend" bzs. "nicht entsprechend"."

Ich meine doch, daß Russel mit "falsch" "moralisch nicht wünschenswert" meint und nicht "den Tatsachen nicht entsprechend". Meinte er letzteres, so ließe sich der Satz "‘Dachau ist falsch’ ist keine Tatsache" übersetzen in "‘Dachau entspricht nicht den Tatsachen’ ist keine Tatsache", was im gegebenen Diskurs (moralische Urteile vs empirische Tatsachen bzw deskriptiv vs normativ) keinen großen Sinn ergibt. Mehr noch: Russells letzter Satz ließe sich übersetzen in "Ich glaube, daß es [Dachau] nicht den Tatsachen entspricht, aber ich kann es nicht beweisen". Das würde Russell irgendwie in die Nähe von Holocaust-Leugnern rücken.

Russell wollte mit den zitierten Sätzen ausdrücken, daß moralische Tatsachen im Gegeseatz zu wissenschaftlichen Tatsachen nicht existieren (weil sie eben seienr Meinung nach "keine Tatsachen sind").

Was den zweiten Punkt betrifft, gebe ich Ihnen recht. Ich hätte "Schmerzen sind falsch" vorsichtiger formulieren sollen, nämlich "Was Schmerzen verursacht, ist falsch (im Sinne von felherhaft)". Egal, ob wir Schmerzen empfinden, weil ein anderer Menschen uns grundlos und absichtlich diese Schmerzen zufügt oder weil wir an einer Krankheit leiden oder weil wir die Hand auf eine heiße Herdplatte legen: In allen Fällen ist etwas fehlerhaft, nämlich entweder der Mensch, dem der Anstand fehlt und der uns deshalb grundlos und absichtlich Schmerzen zufügt oder der Körper, dem die Gesundheit fehlt oder der Mensch, dem die Erfahrung felht, daß man eine Hand nicht einfach auf eine Herdplatte legt, ohne vorher zu prüfen, ob diese eingeschaltet ist.

Was Schmerzen verursacht ist falsch, in dem Sinne, daß es auf etwas hinweist, das fehlerhaft ist. In Dachau wurden jede Menge Schmerzen versursacht. Daher ist Dachau falsch.
__________

@ Maximilian: Daß Russell mit "Tatsache" etwas meint, das empirisch erfaßbar/meßbar ist, liegt auf der Hand. Die Frage ist, ob er sich überhaupt auf das dünne Eis hätte begeben sollen, auf dem man einem moralischen Urteil das Tatsache-Sein abspricht. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob wir "Es ist eine Tatsache" oder "Es ist keine Tatsache" als Kriterium für die Gültigkeit oder Sinnhaftigkeit moralischer Aussagen heranziehen sollen.

Maximilian hat gesagt…

@Alipius
Aus dem Zitat von Russell geht überhaupt nicht hervor, das er die Gültigkeit oder Sinnhaftigkeit moralischer Aussagen davon abhänig macht, ob es Tatsachen sind oder nicht.
Um zu beurteilen ob sich Russell auf dünnes Eis begeben hat, sollte man nicht nur an Hand einer kurzen Aussage beurteilen.

Alipius hat gesagt…

@ Maximilian: "Aus dem Zitat von Russell geht überhaupt nicht hervor, das er die Gültigkeit oder Sinnhaftigkeit moralischer Aussagen davon abhänig macht, ob es Tatsachen sind oder nicht."

Eigentlich hält Russell den Satz "Dachau war falsch" laut eigener Aussage ja sogar eher für gültig als für ungültig. Er beklagt nur, daß er es nicht beweisen kann.

Es kann sein, daß Russell mit seinem Zitat lediglich vollkommen sachlich und ohne Hintergedanken darauf hinweisen wollte, daß man "Dachau ist falsch" nicht beweisen kann. Die Frage, die sich mir aufdrängt ist, ob wir uns hier noch in den gleichen Kategorien bewegen. Will sagen: Eine beobachtende, beschreibende, wissenschaftliche Aussage sollte in der Tat bewiesen werden können. Aber ich meine, das man dies von ethischen Urteilen über unsere Vorstellungen von Moral nicht sagen kann. Warum also sollte man die Konzepte "Dachau ist falsch" und "Tatsache" überhaupt zusammenführen?

Für mich klingt "'Dachau ist falsch' ist keine Tatsache" so wie "Eine Schirmmütze ist kein Wasserfahrzeug". Das stimmt zwar, aber kein Mensch würde von einer Schirmmütze verlangen, daß sie über Wasser fährt, weil so ziemlich jedermann weiß, daß sie für diesen Zweck einfach nicht konstruiert wurde.