Samstag, 1. März 2014

Ich bin einigermaßen verwirrt...

Auf Cicero gibt es ein Interview zur Pädophilie-Debatte mit Florian Mildenberger, deutscher Medizinhistoriker und seit 2011 außerordentlicher Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Eingeleitet wird das Gespräch mit diesem Satz:
    Die Pädophilie-Debatte geht vor allem mit einer Rückkehr eines falschen Moral-Begriffs einher, ist der Medizinhistoriker Florian Mildenberger überzeugt.
Und dann sagt Mildenberger gleich zu Beginn des Interviews:
    Eine der großen Errungenschaften der Säkularisierung war, dass der Begriff der Moral aus dem Diskurs herausfliegt.
und
    Ich sehe in der Rückkehr der Moral vor allem eine Gefahr. Denn Moral ist überkommen und hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Denn wenn diese Moral irgendwas bedeuten würde, müsste man auch weitergehen und sagen: Was sind etwa die Ursachen von Kinderprostitution?
Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll... Klar ist, daß es offensichtlich nicht um die Rückkehr eines falschen Moralbegriffs geht, sondern um die Rückkehr (wenn nicht gar die Existenz) der Moral als solcher. Diese scheint deswegen falsch bzw gefährlich zu sein, weil sie uns dazu zwingt, nicht nur ein paar, sondern gleich alle Fragen zu stellen.

Wer jetzt ebenso verdattert dasteht wie ich, der sollte unbedingt auch den Rest des Interviews lesen. Selten habe ich erlebt, daß es jemand schafft, so wenige Antworten zu geben. Es reiht sich wirklich Nullnummer an Nullnummer. Hier noch zwei kleine Beispiele:
    Wir leben heute in einer digitalen Welt, die eine perfekte Masturbation ermöglicht. Sie ermöglicht aber auch, sich den Überwachungsmöglichkeiten des Staates zu entziehen, mal abgesehen von der NSA. Das heißt, es gibt auch die Angst des Staates, endgültig die Kontrolle zu verlieren. Denn gleichzeitig gibt es in den Industrieländern immer weniger Kinder, weshalb alle umso mehr auf sie aufpassen wollen.
und auch
    Alle Gemälde und alle Kirchen dieser Welt sind voll mit Abbildungen von nackten Kindern, die ihre Penisse dem Betrachter entgegen recken.
Mein Favorit ist eindeutig dieses Statement:
    Natürlich ist es fragwürdig, sich an solchen Abbildungen zu erregen. Aber was ist Ihnen lieber? Leute, die verklemmt hinterm Bildschirm masturbieren oder Leute, die in den Park gehen und Kinder missbrauchen? Ich plädiere für erstere. Denn es erfolgt in der Privatsphäre.
Was ebenfalls in der Privatsphäre erfolgt, ist das Ablichten entblößter Minderjähriger, die es entweder nicht bemerken oder die es sehr wohl bemerken aber ganz und gar nicht wollen, mit dem Zweck, die Bilder dann online hübsch zu verticken. Die Existenz solcher Bilder wird den in seiner Privatsphäre verklemmt hinterm Bildschirm Masturbierenden zweifelsohne erfreuen. Aber ob die Existenz einer Kindernacktbilderindustrie für die betroffenen Minderjährigen auch so ein Freudenfest ist, das darf man vielleicht bezweifeln.

Bevor ich eine "Was ist ihnen lieber?"-Frage beantworte, um zu entscheiden, ob einem Individuum nun das Übel X ("nur" vom Onkel gegen den eigenen Willen nackt abgelichtet werden, damit die Bilder dann im Internet verhökert werden können) oder das Übel Y (von einem wildfremden Mann im Park unangenehm angegrapscht werden) widerfahren soll, untersuche ich vielleicht erst einmal die Situation, um herauszufinden, ob es eine Möglichkeit für dieses Individuum gibt, ohne ein Übel herauszukommen. Aber wahrscheinlich nähere ich mich dann zu sehr dem Feld der Moral, deren Rückkehr eine Gefahr darstellt.

Kommentare:

Echo Romeo (Tümpelritter) hat gesagt…

MItunter kann sich ein Kommentar auch mal nur auf drei Buchstaben beschränken:

– WTF!? –

Arminius hat gesagt…

Man stelle sich einfach mal vor, Herr Edathy wäre nicht ein prominente schwuler Sozi sondern Hausmeister eines katholischen Gemeindezentrums. Wie sich die Mildenbergers dieser Welt dann wohl äußern würden?

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Mildenberger redet nicht nur Stuss über "die Säkularisation" er ist auch ein klassisches Beispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn man weder Prämissen noch Folgen eines Standpunktes bedenkt.
Denn dem Missbrauch der photographischen Darstellung als solcher geht der Missbrauch der Kinder beim Akt des Photographierens vorweg.
"Dummheit ist Sünde" heißt ein Buch von HC Zander! Q.e.d!

Imrahil hat gesagt…

Naja naja... so schlimm ist der Diskussionsbeitrag nicht. Falsch, natürlich. Aber interessant. Definitiv.

In der Tat wird allgemein als Kerngedankengut a) des Liberalismus (als klassischer politischer Strömung in der Hauptsache im 19. Jhdt.) und b) des heutigen Rechtswesens die *Trennung von Recht und Moral* angesehen. [Ich belege meine Behauptungen nicht, weil ich keine Zeit habe. Hier wäre übrigens auch hochinteressant, einmal zu fragen, was denn nun Unterschied, Überschneidungen, Wechselwirkungen von Recht und Moral *tatsächlich* sind. Nicht trivial das ganze.]

Daß dann einer Moral (vis-a-vis Recht) halt nicht nur aus dem Staat, sondern auch aus dem Menschen (zumindest vorschlagshalber) verbannt, dem kann eine gewisse logische Folgerichtigkeit nicht abgesprochen werden. (Das könnte man auch noch weiter ausführen...)

Nb. ich habe das Interview (noch) nicht gelesen und weiß auch nicht, worauf er genau hinauswill. Die "Rückkehr der Moral" kann ich allerdings auch irgendwie feststellen. Nur heißt das im Grundprinzip* für mich, daß der klassische Liberalismus sich als nicht tragfähig herausstellt und die katholische Kirche wiedermal recht hat, also begraben wir die Toten und kehren auch in der rechtsdogmatischen Argumentation zu einem vernünftigen moralisch inspirierten Strafbegriff zurück. Das Volk hat es ohnehin nie anders verstanden.

[*Detailanwendungen nerven, d. h. vor allem wenn Verhaltensweisen, die *nicht* im Beichtspiegel stehen, vor allem im Umweltbereich, moralisierenderweise vorgetragen werden. Das ist aber ein Fehler im Detail, nicht im Grundprinzip; ja er ist sogar irgendwie eine typische antinomische Reaktion in die andere Richtung.]