Mittwoch, 19. Februar 2014

Zwischen "Autobahn" und "Nie wieder Deutschland" paßt vielleicht doch noch'n Pils...

Eine Formulierung aus diesem Artikel ist irgendwie hängengeblieben und flattert seitdem wie Fliegenpapier in meinen Gedanken, andere Erinnerungen mit ihrer klebrigen Kraft an sich bindend.

Es geht um die Formulierung "eine antideutsche Aktivistin", wobei das interessante Wort hier das "antideutsche" ist.

Rückblick: Irgendwann vor 12-15 Jahren sitze ich computergrafikend bei der Arbeit, mit mir im Raum drei Kollegen. Wir bearbeiten fleißig unsere Tastaturen und Mäuse, im Hintergrund dudelt das Radio und wechselt von irgendeinem damaligen Hit zur Werbung. "Deutschland ist schön,..." verkündet ein leicht euphorischer Weißbierfreund, und noch bevor die bekannte Werbung mit "...seine Landschaften typisch, seine Bauwerke weltberühmt" weitergehen kann, stöhnt eine Kollegin genervt auf und ein Kollege meint: "Find' ich auch! Sooooo stumpf!"

Ebenfalls vor 12-15 Jahren sitze ich mit drei Leuten in einem Auto auf dem Weg zu irgendeiner Party. Im Radio Nachrichten. Flugzeugabsturz. Viele Tote. "Deutsche waren nicht an Bord". "Na, da haben wir ja nochmal Glück gehabt", bemerkt einer der drei Mitfahrenden ironisch. "Ich weiß", stimmt der Zweite zu. "Ich finde das auch immer so bitter!"

Zwei inhaltlich - abhängig vom Auge des Betrachters und der korrektheit der Passagierliste - mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekte und in ihrer Absicht alles andere als um fünfuhrfünfundvierzig zurückschießende Aussagen werden zum Anlaß nicht für antideutsche Agitation sondern für die große "Ich bin aber kein Fascho und ich werde das auch sofort demonstrieren, indem ich meiner rechtschaffenen Indignation Ausdruck verleihe!"-Oper.

Bei allem Verständnis für den Willen zur Aufarbeitung, zur Prävention, zur Erinnerung, frage ich mich doch häufig, wie Leute so verängstigt sein können, daß sie selbst eine Bierwerbung und eine stinknormale Radiomeldung als Warnsignal sehen, welches ihnen sofortige Stellungnahme und Positionierung auf der Seite der "Guten" abverlangt. Diese reflexhaften Verbeugungen vor einem Gespenst, welches in den von mir genennante Beispielen überhaupt nicht anwesend war (wir kannten uns untereinander jeweils gut genug, um zu wissen, daß wir absolut nazi-unverdächtig waren) können durchaus zu einer Einstellung führen, die vielleicht nicht wirklich "antideutsch" ist aber von anderen als "antideutsch" wahrgenommen werden kann. Sollte dies dann mindestens schweigend hingenommen wenn nicht gar lobend kommentiert werden, dann läßt sich diese Skepsis gegenüber dem Eigenen schnell kultivieren und wird so zu einem recht preiswerten Mittel, sich in bestimmten Millieus mit einem Vorrat einstudierter Reaktionen Beifall zu verschaffen. Dann sind erst einmal bei oberflächlicher Betrachtung wahlweise "die Deutschen", "die Europäer", "die Christen", "die Männer", "die Fleischesser", "die Heteronormativen", "die fundamentalistischen Lebensschützer" etc die Bösen.

Und dann spielt es auch keine Rolle mehr, ob Deutschland vielleicht wirklich schön ist, oder ob jemand, der weiß, daß ein Freund ungefähr zum Zeitpunkt des Absturzes aus jener Richtung von einem Auslandsaufenthalt zurückfliegen wollte, sich über die Nachricht freut, daß keine Deutschen an Bord waren.

Die simple Feststellung ("Freude darüber" traut man sich ja kaum zu sagen), Werbung aus einem schönen Land zu senden und die Erleichterung, den Freund in Sicherheit zu wissen, müssen dann zurückstecken hinter dem Bedürfnis anderer, sich plakativ als irgendwie unverdächtig darzustellen, wenn auch in der gegebenen Situation niemals eine Anklage überhaupt zur Sprache gekommen wäre.

Es ist eine seltsame Tatsache, daß man sich mit gut einstudierter und vehementer Ablehnung all dessen, was einem bei nüchterner Betrachtung Identität, Wurzeln und Inhalt geben könnte, ein wenig die Sicht verbaut.

Vielleicht paßt zwischen das Pro-Deutsch und das Anti-Deutsch ja irgendwann einmal als Normalität die nüchterne Betrachtung des jeweiligen gegebenen Falls.

Kommentare:

Daniel hat gesagt…

Es ist jedoch die Frage ob "eine antideutsche Aktivistin", jemanden meint der auf den Trend "Deutschland-Bashing inklusive gepflegter Menschenverachtung" aufspringt, oder ob "antideutsch" hier eher eine Anhängerin dieser Strömung meint:

http://de.wikipedia.org/wiki/Antideutsch

deren publizistisches Flagschiff auch Texte wie diesen hier publiziert:

http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web51-2.html


(Da ich mich Letzteren in früherer Zeit zugehörig fühlte, will ich hier mal diese Differenzierung anbringen :-) )

Herminator hat gesagt…

23 Bier - dann hat sich die Frage der Nüchternheit erledigt! ;-)

Aber im Ernst, was soll denn dabei herauskommen, wenn jahrelang beim Thema Deutschland die Schuld aus der Zeit de "3. Reiches" geradezu als Alleinstellungsmerkmal herhalten muss? Da wird eine "antideutsche" Haltung geradezu zum Reflex. Noch dazu in einer Zeit in der die Vertreter der linken Deutschen Diktatur wieder hoffähig geworden sind.