Samstag, 1. Februar 2014

Des Ewige wiederentdecken, das Flüchtige nicht überbewerten... (Teil II)

Seit vielen Jahrzehnten schon werden in unseren westlichen Gesellschaften Kinder hineingeboren in eine Welt, in der sie sehr viele Dinge haben können, die für ihre Eltern und Großeltern noch einigermaßen undenkbar waren. Und da Eltern und Großeltern eher häufig als nie daran interessiert sind, daß es ihren Kindern und Enkeln gut geht, gibt man sich mit dem "Haben können" nicht immer zufrieden sondern sorgt dafür, daß der Nachwuchs auch tatsächlich hat.

Ein eigenes Mobiltelefon, ein eigenes Zimmer, ein eigener Computer mit Internetanschluß und ein eigener Fernseher inkl Videospiel-Station sind heute vielleicht nicht die Regel, aber dennoch bedeutend häufiger zu finden als je zuvor. Das Erfüllen blumiger Kinderwünsche ist in unserer Zeit ein Massenphänomen geworden. Wenn ich alleine sehe, wie viele Kinder in meiner Pfarre bereits ein eigenes Mobiltelefon besitzen oder über Spiele diskutieren, die sie daheim auf ihrem Computer oder am Fernseher gezockt haben oder erfreut berichten, daß ihre Online-Zeit von den Eltern um 30 Minuten pro Tag erhöht wurde, dann malt sich das Bild vor meinem inneren Auge praktisch wie von selbst: Diesen Kleinen geht es materiell gut.

Diese Kleinen fallen aber noch durch etwas anderes auf, nämlich durch ein ausgeprägtes "Krieg's und Frieden!"-Denken. Müssen sie ja auch, denn es war schon in meiner Kindheit so, daß es bestimmte Dinge gab, die man einfach haben MUSSTE, wenn man nicht bereits in der Grundschule schräg angesehen werden wollte. Kindern kann und muß man dieses Verhalten vielleicht auch bis zu einem gewissen Grade nachsehen. Wer ihnen die Möglichkeiten gibt, sich mit Werbebotschaften bombardieren zu lassen, der darf sich später auch nicht beklagen, daß das noch junge Gemüt sich nach den Dingen sehnt, die Fernsehprogramm und Internetseite ihnen kurz zuvor als Garant für andauernden Coolness-Stauts präsentiert haben. Wie gesagt: Wir waren als Kinder schon so, wie sollte es da heute anders sein?

Spätestens seit dem Jahrgang 1968 (schreibe ich mal so hin, weil ich aus diesem Jahrgang bin und daher nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wie es vorher aussah) wachsen also Kinder auf, bei denen es zu einem gefährlichen Umkipper im Empfinden kommen kann: Wenn das Wissen um die reine Möglichkeit der Befriedigung vieler Bedürfnisse zusammen mit der Erfahrung der tatsächlichen Befriedigung vieler Bedürfnisse umschlägt in den Anspruch, alle Bedürfnisse sofort befriedigt zu sehen oder zumindest eine Garantie darauf zu erhalten, daß sie in der Zukunft befriedigt werden, dann haben wir uns aus dem Zauberland der Kindheit verabschiedet und sind in der Realität der rastlosen Jugendlichen und Erwachsenen angekommen, die nicht warten und/oder verzichten können, weil sie das Warten oder das Verzichten in viel zu geringem Maße erlernt haben.

Ich bin mir einigermaßen sicher, daß diese Erwartungshaltung, dieses Anspruchsdenken in jedem normalen Verstand und Gemüt für eine Überproduktion an "Ich" sorgt und der Platz für den Anderen und für die Gemeinschaft dadurch kleiner wird.

Ich denke nicht, daß die Leute heutzutage andere Dinge wollen, als die Leute vor einhundert, zweihundert, fünfhundert oder tausend Jahren. Sie wollen nur mehr von diesen Dingen, und sie wollen sie auf eine andere Art, weil sie ihnen permanent als erstrebenswert hingehalten und schmackhaft gemacht werden. Immer schon waren alle Menschen daran interessiert, jene Dinge zu haben, die ihnen das Leben ermöglichen und auch angenehmer machen. Heute werden uns aber in der Kategorie "Macht das Leben angenehmer" so viele hirnrissige, nutzlose und lachhafte Produkte und Dienstleistungen um die Ohren gehauen, daß das schwache Gemüt sich theoretisch in einen Dauerzustand des "Will haben!" versetzen lassen kann.

Die Dinge, die das Leben tatsächlich angenehmer machen, die aber bedeutend weniger bis nichts kosten, die werden verschwiegen, weil man sie nicht bewerben, am Markt positionieren und überteuert verkaufen kann. Natürlich gibt es auch Werbungen für wohltätige Zwecke, für Hilfsorganisationen und für Toleranz und Respekt auf und am Spielfeld. Diese sind allerdings allesamt wohl eingeplant und eingebunden in den großen Konsum-Kreislauf.

Wo aber ist die Werbung für den Verzicht, für die Geduld, für die kleine Geste mit der großen Wirkung, für die unbemerkte gute Tat, für das Aufopfern, für das Sich-Ausstrecken nach dem Himmelreich und für den dortigen Schatz, der nicht vergeht?

Gibt es kaum oder nie, weil wir - Überraschung - keine Geduld haben und es gleich das als Rührstückchen aufgemachte "Wunder" sein muß, welches uns bewegt, denn dieses ist in der heutigen Zeit das einzige "Wunder", welches neben jenen, die mit Fettverlust, Brustvergrößerung, Leistungsfähigkeit, Laufzeitdauer, Materialrobustheit, Bildschirmdiagonale etc in Verbindung gebracht werden können, noch existieren darf. Vom Wunder der still ausgeübten Nächstenliebe, des wortlos und erhaben ertragenen Verzichtes, des großmütigen und erleichternden Vergebens, der vorbildhaften und seelenrettenden Einladung in das Reich Gottes - kurz: Von all jenen Zutaten, die das Wunder des Kreuzes ausmachen, ist heute wenig bis gar nichts mehr zu hören.

Warum aber ist dies so? Weil leider schon die Kleinen das Himmelreich präsentiert bekommen nicht als einen Ort, den man sich zu verdienen hat, sondern als etwas, auf das man schlicht und einfach einen Anspruch hat. Gott ist schließlich unser Papi, und er hat uns lieb, also kommen wir gefälligst auch alle in den Himmel (wenn nicht, dann kann sich Gott über die Beschwerdestelle in der Hölle aber ganz schön 'was anhören!).

Von den Erwachsenen ganz zu schweigen: Die Hölle gibt's nicht und wenn doch, dann ist sie leer und überhaupt habe ich im Moment gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, weil noch dringend dieses oder jenes vergängliche Ding her muß. Guck mal wie toll das zu diesem und jenem vergänglichen Ding paßt, welches ich bereits besitze!

Und so, wie der einzelne Mensch sich seine Wohnung und sein Leben mit all jenen vergänglichen Dingen vollstopft, so tut es auch das Kollektiv der Gesellschaft, ebenfalls auf Kosten des höheren, des unvergänglichen Schatzes. Schneller voran mit der Entwicklung des leistungsfähigeren und kurzlebigeren Smartphones, des schnelleren und umweltschonenderen Fortbewegungsmittels, des exotischeren und preiswerteren Taumurlaubzieles. Sofort her mit den figurerhaltenden Fettmachern, den zahnschonenden Kariesbomben, den friedensichernden Massenvernichtungswaffen, dem eckigen Kreis und dem menschgemachten Himmelreich.

So erschaffen wir uns langsam aber sicher auf Erden eine Blüte, die schön anzuschauen ist, die aber leider nicht den Duft der ewigen Größe des Schöpfers verströmt, weil sie aus Plastik gemacht ist, weil sie falsch ist und künstlich, weil sie nicht in der Vergangenheit wurzelt und nicht in die Zukunft drängt, weil sie nur den Status Quo sichern will und keine Visionen hat, außer jenen, die als Instrumente der Verkümmerung aus der Gegenwart heraus bereits vermeintlich mißliebige Fehlwüchse der Zukunft abwürgen wollen.

Wir warten auf nichts und niemanden, und wir wollen alles sofort. Und wir haben jetzt bereits den Platz im Himmel reserviert. Auf den müssen wir zwar warten, aber bis die Zeit vorüber ist, machen wir es uns wenigstens hier auf der Erde durch die Erfüllung aller unserer Bedürfnisse so angenehm wie möglich.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Volle Zustimmung. Das trifft es auf den Punkt!

Gerd Franken hat gesagt…

Amen!

Imrahil hat gesagt…

Nur... gnädigerweise *haben* wir ja einen Anspruch auf den Himmel.

Den kann man ablehnen, das nennt man dann eine Todsünde. Sich einen Fernseher ins Zimmer zu stellen oder ein Computerspiel zu zocken* gehört da allerdings nach handelsüblichen Beichtspiegeln und Katechismen nicht dazu. Sich das Leben möglichst angenehm zu machen** auch nicht.

[* ich bin da relativ neutral, weil ich zufällig keinen Fernseher im Zimmer habe und auch für gewöhnlich keine Computerspiele spiele, aber wenn ich das täte, würde ich mich ehrlich gesagt auch nicht dafür schämen.
**da bin ich allerdings weniger neutral.]

Daß schließlich Eltern sowas wie Online-Zeiten festsetzen und das bei (wie zu vermuten ist) angemessenem Anlaß erhöhen, zeigt doch eher gerade, daß die eben doch ihre Erziehungsaufgabe ernstnehmen.