Donnerstag, 6. Februar 2014

Das Ewige wiederentdecken, das Flüchtige nicht überbewerten... (Teil III)

"Gleichheit" ist spätestens seit der französischen Revolution ein Begriff, mit dem sehr schnell und sehr gerne auf vermeintliche Mißstände aufmerksam gemacht wird, um schwelende Ansprüche formulieren und die dahinterstehenden Bedürfnisse befriedigen zu können. Daß "Gleichheit" nicht automatisch auch immer "Gerechtigkeit" bedeutet, habe ich hier schon einmal angedacht.

Der Begriff "Gleichheit" bezieht sich, wenn er im öffentlichen Diskurs und politischen und/oder sozialen Kontext verwendet wird, in der Regel nicht auf Dinge, die bereits gleich sind, sondern auf Dinge, die gleich werden sollen. Gleichheit hat also viel mit Veränderung zu tun. Veränderung ist eines der ewigen Dinge. Seit es etwas gibt, gibt es Veränderung, sei es qualitative, quantitative oder örtliche Veränderung oder die radikalste aller Veränderungen: Das Entstehen neuen Lebens bzw den Übergang vom Leben zum Tod.

Andererseits gehören Unterschiede oder Gegensätze ebenfalls zu den ewigen Dingen. Seit es etwas gibt, gibt es Unterschiede und Gegensätze. Die totale Abwesenheit aller Unterschiede und Gegensätze ist das Nichts. Das Nichts hat aber keine Existenz, da ihm jegliches Etwas abgeht. Das Nichts ist somit keines der ewigen Dinge, weil es nicht einmal ein Ding ist.

Radikal zu Ende gedacht umfaßt die Forderung nach immer mehr Gleichheit also einerseits ein permanentes Bemühen der ewigen Veränderungen, um sich aber andererseits immer weiter dem Zustand der totalen Abwesenheit aller Unterschiede und Gegensätze - also dem Nichts - anzunähern.

Hierbei kann die Abwesenheit der Unterschiede und der Gegensätze in vielen Fällen aber höchstens im Denken und Reden der Menschen erzielt werden, denn daß die Menschen in ihrem Sein und Tun sich immer und ewig voneinander unterscheiden werden, leuchtet jedem ein, der mindestens verstanden hat, daß z.B. zwei Körper nicht zur gleichen Zeit denselben Raum besetzen können.

Gleichheit soll in diesen Fällen streng genommen so hergestellt werden, daß wir Unterschiede und Gegensätze als Teil unserer Realität täglich erfahren, aber in unserem Denken und Reden herunterspielen, wenn nicht gar verneinen. Daß es aufgrund dieser Dissonanz letztlich zu Kopfexplosionen kommen muß, versteht sich von selbst.

Es gibt natürlich Tricks, mit denen man das Eintreten der Kopfexplosionen verhindern kann. Der beliebteste Trick ist sicherlich das Heranziehen von Begriffen und Ideen, an welche Gleichgesinnte sich dann klammern können: Männer und Frauen sollen gleich werden, nicht aufgrund des Geschlechts, sondern aufgrund des "Genders". Arm und Reich sollen gleich werden, nicht aufgrund des Verdienstes, sondern wegen "Eigentum ist Diebstahl". Schwarz und Weiß sollen gleich werden, nicht aufgrund der Hautfarbe, sondern wegen "Rassismus". Die traditionelle Ehe und gleichgeschlechtliche Partnerschaften sollen gleich werden, nicht aufgrund der Fähigkeit, neues Leben zu zeugen, sondern wegen "Hauptsache ist doch, daß man sich liebt".

Was in diesen Beispielen übersehen wird, ist, daß all diese Paare bereits gleich sind: Sie sind Menschen, die bestimmte Eigenschaften, bestimmte Rechte, bestimmte Pflichten und ein Gewissen haben und die somit allesamt dazu in der Lage sein sollten, die Welt mindestens zu einem nicht schlechteren Ort zu machen. Dies funktioniert aber nur dann wirklich, wenn die Menschen in ihren Eigenschaften ernst genommen werden, wenn sie über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt werden und wenn man sie lehrt, ihr Gewissen zu bilden und auf dieses Gewissen zu hören. Werden im Namen der Gleichheit bestimmte Ideen als notwendigerweise zu erreichende Ideale diktatorisch in die Köpfe gepfropft, dann raubt man dem Menschen nicht nur vorab die Möglichkeit, Zustände der Ungerechtigkeit aufgrund einer reifen Gewissensentscheidung aufzuheben, sondern legt auch bereits die Saat für weitere Ungerechtigkeiten.

Es ist das Ewige in uns, das uns gleich macht, aber es sind die flüchtigen Dinge, auf die man sich konzentriert, wenn es darum geht, uns noch gleicher zu machen. So werden die Forderungen nach Gleichheit gefährlich, wenn menschgemachte Konstrukte über die Realitäten unserer Natur gestellt werden. Denn ebenfalls ewig ist in uns das Begehren und das Sehnen. Der Verstand sehnt sich nach der Wahrheit, der Wille sehnt sich nach dem Gut. Und es wird immer und ewig und drei Tage Dinge geben, die sich uns als ein Gut präsentieren und die wir daher sofort und hier und jetzt haben müssen.

Dort, wo die Menschen lernen, daß man im Namen der Gleichheit die wildesten Ideen als Vehikel für diverse Forderungen einsetzen kann und damit auch Erfolg hat, dort wird man diesen Weg immer weiter gehen. Nicht etwa, weil man so sehr am Wohl vermeintlich ungleich behandelter Zeitgenossen interessiert ist, sondern weil man sich selbst immer mehr vor Aufmerksamkeit und damit vor an einen selbst gerichteten Forderungen schützen will: Alle sollen das Gleiche sein, das Gleiche haben, das Gleiche dürfen. Denn wenn niemand mehr anders ist als ich, dann kann mir auch niemand mehr nehmen, was ich habe oder verwehren, was ich künftig begehre.

Wir müssen den Mut wiederentdecken, mit - ja IN - Unterschieden und Gegensätzen zu denken und vor allem zu leben, denn auch der Unterschied und der Gegensatz gehört mit zu den ewigen Dingen. Selbstverständlich darf und soll die Idee der Gleichheit dort umgesetzt werden, wo es gerecht ist, Menschen nicht gleich zu machen, sondern gleich zu behandeln. Ansonsten aber sollten wir ein Auge darauf haben, daß wir mit der Forderung nach immer mehr Gleichheit die Welt nicht so sehr vereinheitlichen, entzaubern und verflachen, daß eines Tages die - komischerweise in "Gleichheit!"-Kreisen ebenfalls so oft bemühte - Vielfalt dahin ist.

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