Dienstag, 21. Januar 2014

Was darf Menschenverachtung? oder Mehr Humor, bitte!!

Michael Blume beschäftigt sich auf seinem Blog mit der Radikalisierung des Humors im Internet. Josef Bordat nimmt den Ball auf und fragt "Was darf Satire?". Der geistbraus antwortet beiden Autoren und meint auf typisch geistbrausende Art "Mehr Menschenverachtung bitte!!"

Damit ich hier nicht zuviel zusammenfassen und copypasten muß, wär's ganz gut, wenn Ihr die Artikel lest.

Ich melde mich zu Wort, weil ich so ein wenig zwischen den Stühlen sitze. Auf der einen Seite ficht es mich null an, wenn irgendwelche Leute meinen, sich über Gott lustig machen zu müssen, egal wie derbe es dabei zugeht. Ich weiß, daß der Schöpfer das abkann. Mir tut's ein wenig leid, daß es Menschen gibt, die glauben, sich Gott unbedingt auf diese Art nähern zu müssen und die nicht genug Mut, Selbstrespekt und Kreativität besitzen, um den verantwortungsvolleren, aufregenderen und lohnenderen Weg der wenigstens versuchten persönlichen Beziehung zu Gott zu beschreiten. Vielleicht haben sie's getan und sind gescheitert. Dann tun sie mir trotzdem immer noch leid, weil sie schlechte Verlierer sind und so blöde nachtreten.

Sich über Religionen und gläubige Menschen lustig zu machen, ist schon ein wenig problematischer. Denn wenn es um diese Dinge geht, dann ist tatsächlich dort, wo "Humor" drin sein soll, grade im Internet oft die vom geistbraus geforderte "Menschenverachtung" zu finden. Der geistbraus begründet die Forderung am Ende seines Artikels:
    Gott hat sich selbst wehgetan. Gott hat auch den Menschen wehgetan, indem er ihnen zugerufen hat: Kehrt um! So wie Ihr heute lebt, landet Ihr geradewegs in der Hölle! Auch die Heiligen haben sich selbst wehgetan. Und auch sie haben anderen Menschen wehgetan, indem sie ihnen zuriefen: Kehrt um! So wie Ihr heute lebt, landet Ihr geradewegs in der Hölle! Humor muss wehtun. Der einzige Punkt, wo Miblu recht hat, ist, dass er nicht nur den anderen, sondern auch dem, der ihn von sich gibt, wehtun soll. Nur durch Schmerz kommen wir zu dem Punkt, wo wir unser Leben ändern. Nur durch Schmerz machen wir uns bereit, den schmalen Weg zu beschreiten.
Daß Gott uns mit der Forderung nach Umkehr wehtut, ist richtig. Wir alle stecken ja allzu gerne im sündhaften aber doch so bequemen Trott. Und da sollen wir jetzt plötzlich eine Kehrtwende machen? Buh, Gott! Hast Du's nicht eine Nummer kleiner? Das tut doch voll weh!

Das Problem ist, daß die Bananenbieger, die sich im Internet über Religionen und gläubige Menschen lustig machen, ganz klar andere Ansprüche haben, als ihren Mitmenschen durch Beispiel und Schmerz zu einer Kehrtwende auf dem Weg zur Hölle zu verhelfen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß es z.B. Haßkappen von der Größenordnung eines "Virgin Mary should have aborted"--Facebook-Seiten-Moderators ziemlich egal ist, was ich in meinem Leben so treibe, so lange es mich nur gibt, er sich über mich lustig machen kann und seine Fans sich schlapplachen.

Hier geht es nicht um den Schmerz, der zur heilsamen Umkehr führt. Wenn es überhaupt um eine Umkehr geht, dann um jene, die derjenige, über den man sich lustig macht, gefälligst zu vollziehen hat, weil man sich sonst nämlich weiter über ihn lustig macht (** ätsch **) und vielleicht sogar auch mal ein wenig mehr als Worte sprechen läßt, wenn man zu lange ignoriert wird und es auch drei Wochen nach der so superlustigen "Christen bitte zur Entsorgung entweder in den Mülleimer oder vor die Löwen"-Karikatur einfach immer noch Christen gibt (** Frechheit! Was fällt denen eigentlich ein? **).

Ich glaube aber, daß es diesen Leuten in Wirklichkeit tatsächlich nicht um eine Umkehr geht. Im Gegenteil: Sie wissen, daß sie mit ihrem Rumgehampel nie und nimmer eine Umkehr erzwingen können und schießen grade deswegen aus allen Rohren. Nicht, weil sie so verzweifelt sind, daß die Umkehr sich nicht einstellen will. Sondern weil sie so glücklich sind, ein Feindbild zu haben, an dem sie sich ewig und drei Tage reiben können und durch das sie so eine Identität als "Hasser von X" aufbauen können. "X" kann hier alles mögliche sein, denn das Prinzip ist überall gleich: Egal, ob über Juden, über Schwule, über Ausländer oder über Christen gelacht wird: Diejenigen, die lachen, wissen, daß es immer Juden, Schwule, Ausländer und Christen geben wird und genau das macht sie so glücklich. Denn so lange es Juden, Schwule, Ausländer und Christen gibt, hat man etwas zu tun und kann alle noch so großen Löcher in meinem Leben rechtfertigen: "Keine Zeit den Realschulabschluß nachzuholen! Muß alle Menschen über die Gefahr der weltweiten jüdischen Verschwörung aufklären!" - "Was? Einen Job? MAMA! Siehst Du nicht, daß ich hier grade dabei bin, die Welt vor der Homo-Verseuchung zu bewahren? Komm! Schwirr ab und bring mir in einer Stunde eine Tiefkühlpizza!" - "Ne Freundin? Nee... Die raubt mir nur kostbare Zeit, die ich brauche, um endlich diesen verflixten Christen den Garaus zu machen!"

Das Problem heute ist natürlich, daß haßerfüllter und menschenverachtender Humor gegen Juden, Schwule und Ausländer zwar immer noch eixistiert, daß es aber einen breiten gesellschftlichen Konsens gibt, der diesen Humor als ein absolutes No-go gebrandmarkt hat. Mit dem antichristlichen oder dem antikatholischen Humor sieht es da schon ein wenig anders aus.

Und deswegen ist mir auch ein wenig unwohl zumute.

Denn - und hier wird der geistbraus mir in Erinnerung an die Kunst-Debatte vielleicht beipflichten: Wo gegenüber Religionen und gläubigen Menschen ein menschenverachtender Humor sich auf solche Art äußert, wie es im Internet oft geschieht, dort ist bereits die erste Stufe erreicht: Man teilt dem Anderen klipp und klar mit, daß das, was er tut, minderwertig bis komplett wertlos ist. Es folgt kein Widerspruch und kein #Aufschrei. Man nistet sich gemütlich in seinen menschenverachtenden Äußerungen ein und zieht Trittbrettfahrer an, die weniger Humor als Terror verbreiten wollen und die warten, bis der gelegene Zeitpunkt gekommen ist. Ist die Sache dann erst einmal so niedergeredet worden, daß neue Witze über Religion und gläubige Menschen eigentlich schon gar keinen Kitzel mehr bringen, weil die Wertlosigkeit der Religionen und der gläubigen Menschen irgendwie abgemachte Sache ist, dann kann, wenn die Umstände es erlauben, die Jagd auf die Symbole der Religion und schließlich jene auf die gläubigen Menschen selbst beginnen. Von den Enzyklopädisten über die Zerstörer von Klöstern und Kathedralen bis hin zu den Septembermorden waren es nicht so wahnsinnig viele Jahre. Natürlich will ich die Enzyklopädisten nicht mit Internet-Trollen vergleichen. Die Zahl der Fälle von Vandalismus an und in Kirchen ist in den vergangenen Jahren allerdings gestiegen.

Der heute milde hingenommene und nicht durch sanfte aber zähe Aufklärung widerlegte antireligiöse oder antichristliche oder antikatholische Humor in seiner menschenverachtenden Form muß nicht, kann aber morgen die Rechtfertigung für ungezügelte Gewaltorgien sein.

Für mich gibt es schon einen Unterschied zwischen Humor und dem unbedingten Willen zu verletzen bis hin zum Absprechen des Menschseins, bzw zwischen dem humoristischen Sticheln kluger Geister, welches wehtun soll, damit es den Anderen aufweckt und so eine heilsame Änderung einleiten kann und dem tumben Stammtischhassen johlender Dumpfbacken, welches den Anderen demütigen soll, damit man selbst weiterschlafen und in seinem bequemen Vorurteils-Trott verharren kann. Der Humor der klugen Geister tut diesen auch ein wenig weh, weil sie sich als Teil der adressierten Menschheit mit all ihren Unzulänglichkeiten erkennen. Der Humor der Dumpfbacken tut diesen überhaupt nicht weh, weil sie sich in ihrer Ignoranz denjenigen, über die sie lachen, überlegen fühlen.

Der antireligiöse/antichristliche/antikatholische Internet-Humor fällt für mich so gut wie immer in die zweite Kategorie. Und er ist für mich deswegen ein wenig verantwortungslos und gefährlich, weil ich einfach heute nicht weiß, wer sich morgen durch ihn motiviert fühlt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das erwähnte Gefühl, sich zwischen den Stühlen zu wähnen, erinnerte mich daran, dass ich eigentlich meinen Blog wieder eröffnen wollte.
Hier einige zum Thema passende Stichworte, worüber ich einen ersten Artikel zu schreiben gedachte:

- Wenn jemand lacht, ist das noch lange nicht Humor.
- Wer keine Negerwitze erträgt, ist ein überheblicher Rassist.
- Toleranz und Humor speisen sich aus der selben Quelle.
- Humor kann man nicht fordern, nur haben.
- Toleranz kann man nicht fordern, nur üben.
thysus

Geistbraus hat gesagt…

ich glaube, wir sind gar nicht so weit auseinander, wie es scheinen mag. Die Phänomene, die Du beschreibst, würde ich gar nicht unter "Humor" klassifizieren, jedenfalls definitiv nicht unter "guter Humor". Denn der zeichnet sich durch eine gewisse Leichtigkeit und Unbekümmertheit aus und ist definitiv frei von missionarischem Interesse.

Ich habe mich in meinem Artikel recht kurz gefasst, weil ich ja früher schon über das Thema geschrieben habe, darum ist das jetzt vielleicht etwas schief rübergekommen: Wenn ich sage, Humor muss weh tun, damit wir uns ändern, meine ich nicht, dass er uns und das, was wir lieben, in den Dreck stoßen muss. Er muss uns vielmehr zeigen, dass wir selbst und die Kategorien, in denen wir die Welt zu sehen uns angewöhnt haben, nicht ganz so selbstverständlich sind, wie wir gerne glauben möchten. Guter Humor bringt uns also dazu, unsere falschen Selbstsicherheiten in Frage zu stellen, die Dinge etwas gelassener zu sehen und letztendlich all das Irdische nicht ganz so ernst zu nehmen, weil man es eben immer auch ganz anders sehen und bewerten kann.

Aber eben darum, weil Humor in seiner reinsten und anarchischsten Form das leisten kann, finde ich es so fatal, wenn Bordat & Co. versuchen, ihn in ihre a priori feststehenden Normen einzupressen. Das kommt mir dann vor wie ein Versuch, sich gegen jede Infragestellung der eigenen Position abzusichern. Und gerade da ist Humor am allernötigsten...

Die in meinem Artikel eingangs abgebildete Grafik "Deutscher macht Polenjob" finde ich übrigens ein tolles Beispiel für die Art von Humor, die ich meine. Man weiß überhaupt nicht, worüber sich da lustig gemacht wird: über die Polen? über die Deutschen? über Johannes Paul? über Benedikt? über Hartz-IV-Empfänger? Jeder könnte sich beleidigt fühlen, und gerade deshalb braucht es niemand zu tun. Aber unsere Kategorien, die Welt zu sehen, werden durcheinandergewirbelt.

Alipius hat gesagt…

@ Geistbraus: "Er muss uns vielmehr zeigen, dass wir selbst und die Kategorien, in denen wir die Welt zu sehen uns angewöhnt haben, nicht ganz so selbstverständlich sind, wie wir gerne glauben möchten. Guter Humor bringt uns also dazu, unsere falschen Selbstsicherheiten in Frage zu stellen, die Dinge etwas gelassener zu sehen und letztendlich all das Irdische nicht ganz so ernst zu nehmen, weil man es eben immer auch ganz anders sehen und bewerten kann."

Auf jeden Fall! Ich wollte auch mit meinem Beitrag nicht darauf abzielen, daß wir weit auseinanderliegen, sondern daß es gehörige Definitionsschwierigkeiten gibt (Humor = Was genau fällt alles darunter?, Wehtun = Wem und bis wohin?, Menschenverachtung = Aber ich mein's doch nur gut!, etc...), weswegen ein Versuch, Humor a priori in feststehende Normen zu pressen, eigentlich ohnehin scheitern müßte oder in totaler Willkür enden wird.

Es ist bei mir mit dem Humor im Grunde so wie mit den Parteien: Ich will eine NPD nicht verbieten, sondern ich will, daß die Leute eines Tages alle selbst so reif, verantwortlich und mutig sind, daß eine NPD gar nicht mehr gewählt wird. Ich will auch in den Dreck ziehenden oder meinetwegen menschenverachtenden Humor nicht einzäunen, sondern ich wünsche mir, daß die Leute eines Tages selbst merken, daß er eine unfeine Methode ist.

Katharina hat gesagt…

Pater!
Ich bitte Sie für die Ukraine zu beten!!!
Es passieren dort zur Zeit schreckliche Dinge!!!