Montag, 13. Januar 2014

St. Petersburg und seine Paläste (Teil I - Die Umgebung)

Ein Stadt, die ich bisher nur aus Büchern und Filmen kenne ist St. Petersburg. 1990 gab es in der Villa Hügel in Essen eine Ausstellung namens "St. Petersburg um 1800". Wir sind damals mit der ganzen Familie hingefahren.

1990 war ich schon seit gut zwei Jahren schwer auf Barock und Rokoko gebürstet. Die Villa Hügel fand ich damals nicht wirklich interessant und schon gar nicht schön. Aber die Ausstellung hat mir gut gefallen. Später stieß ich dann während diverser Internet-Barock- und Schlösser-Schnüffeleien auf die Prachtbauten, die man in und um St. Petersburg findet. Erst langsam dämmerte mir, daß all diese riesigen und prachtvollen Schlösser (Peterhof, Katharinenpalast, Alexanderpalast, Pawlowsk, Gattschina, Oranienbaum) nicht weiter als 45 Kilometer vom Petersburger Stadtzentrum entfernt liegen.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob da in Zukunft irgendwann mal extremer Reisealarm angesagt ist. Klar, daß ich mir all dies mal mit eigenen Augen ansehen möchte. Klar aber auch, daß es nicht viele Dinge gibt, die mir so die Laune vermiesen, wie langes Schlangestehen und prachtvolle Schlösser und Paläste, in denen ich nicht ganz alleine umherspazieren kann, sondern in denen ich immer wieder von plötzlich um die Ecke kommenden und argwöhnisch linsenden Aufpaßdamen oder polternden Touristenhorden aus meinen Betrachtungen gerissen werde. Mal sehen...

Aber weil ja die Energie irgendwo hin muß, präsentiere ich heute mal ein paar ganz nette Hütten aus der Umgebung von St. Petersburg. Da fällt mir zuerst einmal Pushkin ein - oder bis 1917 Zarskoje Selo (Zarendorf) bzw bis 1937 Detskoje Selo (Kinderdorf). Auf dem 25 Kilometer südlich von St. Petersburg gelegenen Gelände wuchsen ab 1710 die Prunkschlösser aus dem Boden, daß man sich als Zeitgenosse wohl nur so die Augen reiben konnte. Der Katharinenpalast mit seinem Park und dem in direkter Nachbarschaft liegenden Alexanderpalast gehört ebenso zum Stadtbezirk von Pushkin wie der Palast von Pawlowsk.

Von all den genannten Gebäuden hat es mir der Katharinenpalast wegen seines schwer verdaulichen Äußeren besonders angetan. Beim Anblick der riesigen Fassade mit ihrem Kontrast zwischen Himmelblau und Weiß und den überschäumenden goldenen Akzenten schwanke ich jedesmal zwischen Sodbrennen vor diesem schon fast barbarisch anmutenden Prunk und schmachtender Bewunderung für soviel protzerisch-bombastische Kühnheit. Letztlich gewinnt dann doch immer die Bewunderung. Kann sie halt nicht zum Schweigen bringen, meine Barockfürstenseele mit ihrem ständigen "Da muß aber auch noch'n bißchen Gold hin und die Stuckverzierung im Porzellankabinett verursacht immer noch kein Kopfweh! Macht da mal 'was!"


A propos "Da muß aber auch noch'n bißchen Gold hin": Innen läßt sich der Palast auch sehen, wie ein Blick in den Ballsaal zeigt:


Ganz zu schweigen von dem in 24 Jahren friemeligster Arbeit zwischen 1979 und 2003 wieder hergerichteten Bernsteinzimmer:


Alles in allem ist der Katharinenpalast also nur etwas für Leute mit starken Nerven. Van-der-Rohe- oder Corbusier-Fans werden es da drinnen nur so mittellang aushalten, schätze ich.

A propos "Starke Nerven"... So sah der Katharinenpalast nach dem zweiten Weltkrieg aus:





Ich habe keine Ahnung, wo die Russen die Kraft herholten, zu sagen: "Das kriegen wir wieder hin!" Ich kriege jedenfalls jetzt noch feuchte Augen, wenn ich solche Photos sehe, obwohl ja sehr vieles auf sehr überzeugende Art wiederhergestellt wurde.


Weil wir grade in der Nähe sind, spazieren wir mal eben rüber zum Alexanderpalast. Der steht nämlich nur knappe 500 Meter vom Katharinenpalast entfernt...


... und ist auch ganz hübsch. Es ist allerdings kein Bau aus der Zeit des Barock oder des Rokoko sondern ein klassizistischer Palast, der zwischen 1792 und 1796 erbaut wurde.

Ihr seht, daß es auch nicht eben ein klitzekleines Schlößlein ist:


Innen geht es eher nüchtern zu:


Aber Vorkriegsbilder zeigen, daß das wohl nicht immer so war:


Denn auch für den Alexanderpalast waren die Kriegsjahre alles andere als erfreulich, wie man sieht:



Südöstlich von Zarskoje Selo liegt in ungefähr 5 Kilometer Entfernung Pawlowsk, ein Palast, der zwischen 1782 und 1786 errichtet wurde. Er hat demnach auch einen klassizistischen Touch:


Innen macht der Palast auch einiges her. Hier ein ultrapompöses Schlafgemach...


... und ein repräsentativer Saal:


Alles wieder mühsam hergerichtet, nachdem auch Pawlowsk - na klar - im Krieg niedergebrannt wurde:



So, jetzt geht's noch mal ein paar Kilometer weiter in Richtung Süden, zu einem Schloß namens Gattschina. Die zwischen 1766 und 1788 errichtete 600-Zimmer-Bude törnt mich von außen überhaupt nicht an...


... ist aber dafür im Inneren ziemlich schmuck...


... und hat ein Schlafgemach, das viele wahrscheinlich für ein wenig unsubtil halten werden, das mir aber mit seinem Babyblau und Gold extrem entgegenkommt. Und, ja: Mein Barock- und Rokoko-Fimmel reicht in der Regel bis in den Klassizismus hinein und macht manchmal sogar erst im Empire halt, z.B. bei Porzellan und Uhren.


Auch Gattschina hat während des Krieges seinen Teil abbekommen:


Wie man sieht, gibt's noch einiges zu tun. Hier ein "Vorher/nachher"- bzw "So soll's irgendwann wieder mal aussehen"-Photo:



Vorletzter Halt: Peterhof! Dieser Palast gefällt mir nicht nur wegen des Gebäudes, sondern auch wegen der Wasserspiele:


Innen gibt's auch reichlich Augenfutter, z.B. das schöne Stiegenhaus...


... oder diesen Saal.


Leider glichen auch in Peterhof Schloß und Garten nach dem Krieg einer Mondlandschaft. Hier schien die Verwüstung besonders gründlich gewesen zu sein:





Und zum Schluß die einzige der hier vorgestellten Residenzen, bei der während des Krieges weder Gebäude noch Gärten in Mitleidenschaft gezogen wurden: Oranienbaum, welches westlich von St. Petersburg liegt. Dies ist nicht ein einziges Gebäude sondern ein ganzes Ensemble: Es gibt den Menschikow-Palast, das chinesische Palais, den Katalnaya Gorka Pavilion und den Kammenoe Zalo Pavilion zu bestaunen...


Innenaufnahmen konnte ich irgendwie fast gar keine finden. Hier ist eine aus dem Menschikow-Palast...


... und eine aus dem Chinesischen Palais:



So, damit endet unser kleiner Spaziergang durch die Schlösser und Paläste, die man rund um St. Petersburg so findet. Wenn ich Zeit und Lust habe, dann gibt es auch noch einen zweiten Teil, in dem wir uns die Paläste innerhalb der Stadt anschauen.

Was die ganze deppenhafte Zerstörung während des Krieges betrifft: Auf die will ich jetzt nicht weiter eingehen. Ich laboriere in Gedanken schon seit langem an einem Posting über Kunstzerstörung herum, weil dies ein Thema ist, welches mein Blut immer wieder auf verschiedene Arten zur Wallung bringt. Sollten sich die Gedanken jemals in brauchbarer Form niederschlagen, werde ich dazu etwas veröffentlichen.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Alsdern, Reverende Domne:

Des olles geht in Zeitn von Papa Buonasera übahaupt net!

I maan: vülleicht de Ruina, soi sei, weu de san eh schon hinich! Oba da Protz und Prunk, und erscht des vühle Goid!

A Schkandal is des, wann des a Priasta so auswoizen tuat, des Barockene!

Schammen S' Eahna!

Alipius hat gesagt…

Ja, ich bin böse!

Anonym hat gesagt…

Wunderschöne Bilder, Hochwürden und ein toller Kommentar dazu. Danke!

Hochachtungsvoll

Ronald Hermann

eumloquatur hat gesagt…

Yes! Wieder ein köstlicher Alipius vom Feinsten.