Montag, 20. Januar 2014

Man sieht nur mit den Augen gut...

Zugpferd der "Dem Herrn Alipius seine Kardinäle"-Serie ist ein leichtes bis mittelschweres Magengrummeln, welches mich seit Jahren immer wieder befällt, wenn ich bestimmte Kommentare zu bestimmten kirchlichen Phänomenen lese.

Gestern erst stolperte ich erneut wieder einmal mitten hinein. Auf zwei englischsprachigen Blogs, die das Schreiben des Papstes an die neuen Kardinäle kommentierten, wurde die vom Heiligen Vater initiierte Kerbe der Äußerlichkeiten so weit aufgehauen, daß letztlich eine Horde tuntiger, herrschsüchtiger, abgehobener, von Jubelalraunen umwedelter Barockprälaten mit Minderwertigkeitskomplexen hineinflutete und die Szene beherrschte, allesamt fleißig agierend, um ein möglichst großes "Hindernis" darzustellen zwischen den "Menschen" und "dem authentisch gelebten Glauben", "der Person und den Worten Jesu" und "der Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils", welche der Papst "wieder aufrichten" will.

Seit Jahren höre und lese ich es immer wieder: "Nein! Äußerliche Pracht bei Bischöfen und Kardinälen geht gar nicht! Damit wollen die Prälaten doch nur demonstrieren, wie weit abgehoben sie von uns Schäfchen sind, daß sie keine Diener sondern Herren sein wollen und daß sie nicht bereit sind, sich zu demütigen und sich selbst aufzugeben! Sie verstellen durch ihren Pomp den Blick auf unseren Bruder Jesus, der laut Bibel niemals eine Schleppe getragen hat"

Naja...

Erst einmal kann ich mir kaum eine Sorte Mensch vorstellen, die einen größeren Willen zur Demut und Erniedrigung mitbringt, als ein Kardinal, der zu einem feierlichen Pontifikalamt mit langer seidener Schleppe in die Kirche einzieht. Der ätzende, höhnische, gehässige Chor all jener Zeitgenossen, die selbstverständlich überhaupt nicht eitel sind und die selbstverständlich permanent überflüssige Privatgegenstände durch Verkauf in bare Münze umwandeln, um den Betrag dann an die Armen zu spenden, ist berechenbarer als die Reaktionen von Trash-TV-Konsumentinnen beim Winterschlußverkauf und wird - das weiß heute mit Sicherheit auch so gut wie jeder Kardinal - wenige Stunden nach dem Ereignis im Internet losbrechen. Hut ab vor denjenigen, denen ihre Person nicht wichtiger ist als ihr Amt, die also daher durchaus in der Lage sind, sich selbst aufzugeben und die folglich trotz zu des zu erwartenden Shitstorms auf Wunsch der Gemeinde oder des Instituts, welches das Pontifikalamt organisiert, die Cappa Magna überstreifen und sich damit eigentlich als echte Kerle erweisen. Dies im krassen Widerspruch zur Kirsche auf dem Sahnehäubchen der verletzenden, ehrabschneidenden Ignoranten-Götterspeise: Den Vorwürfen, all die Bischöfe und Kardinäle, die Spitzenrochett und Schleppe oder bestickte Handschuhe und Brokatkasel tragen, seien ja nur verweichlichte Kirchenfürstinnen, die es lieben, sich mit einer Schar kreischender Tunten zu umgeben, welche ihnen wörtlich und im übertragenen Sinne immer und überall die Schleppen hinterhertragen.

Das Argument der Abgehobenheit oder gar Herrschsucht verstehe ich daher auch nicht. Es gibt nun mal während einer solchen Messe einen Menschen, der aufgrund seiner Weihe am Altar als alter Christus die entscheidenden Handlungen vollzieht. Mir persönlich bricht da echt kein Zacken aus der Krone, wenn alle Anwesenden von Anfang an genau kapieren, wer dieser Mensch ist. Und ich finde auch weder Wort noch Person Christi verdeckt oder verfälscht oder vermurkst, wenn dieser Mensch sich durch äußerliche Zierde von den anderen Anwesenden abhebt. Schöner, herrlicher und glänzender als Christus geht es ohnehin nicht, und ich werde wohl nie verstehen, warum grade gefallenen Geschöpfe sich immer wieder aufregen, wenn doch nur genau das getan wird, was gefallene Geschöpfe mit am besten können: Nämlich auf ihre liebenswert-unvollkommene Art zu versuchen, einen Abglanz des Autors der Schöpfung in das Grau ihres Alltags fallen zu lassen.

Noch wunderlicher ist für mich allerdings dieser totale Tunnelblick auf die zweitrangigen Äußerlichkeiten. Ihr kennt mich ja mittlerweile ein wenig: Wenn Ihr mich fragt, wie pompös ein Kardinal in die Kirche einzuziehen hat und wie viele Meter seine Schleppe haben soll, dann antworte ich "Alle Meter!"

Wenn Ihr mich aber fragt, ob es für mich überhaupt einen Unterschied macht, ob ein Kardinal nun mit oder ohne Cappa Magna den Mittelgang hinabkommt, dann antworte ich: "Es macht den Unterschied, daß es mit Cappa Magna mehr zu sehen gibt. Aber wenn ich während der Messe still dasitze und lausche, dann nehme ich - mit oder ohne Cappa - exakt das Gleiche auf. Und wenn ich nach der Messe die Kirche verlasse, dann nehme ich - mit oder ohne Cappa - exakt das Gleiche mit. Denn es geht während so einer Messe nun mal nicht darum, wie der Kardinal ausschaut, sondern darum, was wesentlich geschieht."

Und nun gibt es da draußen Leute (übrigens nicht nur im von unten kirchenden Lager, sondern auch bei den etwas traditioneller eingestellten Zeitgenossen), die machen nicht nur eine Messe, sondern gleich die gesamte Person eines Prälaten (und im Extremfall den Gesamtzustand der Kirche) von der Frage abhängig, was dieser Prälat trägt bzw ob er etwas trägt, das ihrer Meinung nach nicht würdig und recht, geziemend und heilsam ist.

Kann man unseren befreienden, schönen, reichen, von seinem Wesen her schon alle Menschen einladenden und niemanden ausschließenden Glauben noch weiter unter Preis verkaufen, als durch diese kleinliche Einstellung? Sind es wirklich die Kardinäle, die mit der Cappa Magna Komplexe kaschieren wollen, oder sind es nicht vielleicht diejenigen, die sich sofort persönlich an den Rand gedrängt fühlen, wenn die Realität sie mit schleppentragenden Kardinälen konfrontiert?

Oder, anders gefragt: Merken solche Kommentatoren wie die oben angesprochenen Englischsprachigen eigentlich nicht, daß sie selbst es sind, die einen Prälaten nehmen und ihn zwischen sich und die Person und das Wort Christi, den authentisch gelebten Galuben und die Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils und unseren Bruder Jesus stellen?

Klar: Viele dieser Kommentatoren springen reflexhaft auf den Läster- und Kritikzug auf, weil sie gelernt haben, daß es in unserer Zeit besser ist, über andere zu urteilen als sich selbst zu prüfen. Daher kann man wahrscheinlich nicht einmal mit Sicherheit sagen, daß ihre Kritik auf einem Nährboden wuchs, zu dessen Bestandteilen eine gesuchte wenn nicht gar gelebte Beziehung zu Christus und eine tätige und sorgende Mitgliedschaft in der Kirche gehören. Aber all jene, die diese Beziehung und diese Mitgliedschaft für sich beanspruchen, sollten irgendwann einmal (und besser bald als später) lernen, daß es in der Kirche nicht nur Platz gibt für urteilsfreudige Prälatenbasher sondern auch für schleppentragende Kardinäle.

Kann doch nicht so schwer sein...

Kommentare:

De Benny hat gesagt…

In der Sache will ich Dir da gar nicht groß widersprechen (zumal wenn nicht jeder Amtsträger seine eigene große Kappe in Auftrag gibt aus den Mitteln der Kirchensteuerzahler, die man vielleicht auch anders nutzen könnte - esmacht schon irgendwie nen Unterschied ob die Sünderin ihr eigenes Nardelöl über dem Herrn ausgießt, oder ob der Herr vom Schärflein vieler Witwen zuerst mal das Ihm zustehende Öl käuflich erwirbt, aber das nur nebenbei):

Es macht faktisch keinen Unterschied für stark im Glauben stehende Menschen wie Dich, wie der Bischof oder Prälat oder wer auch immer angezogen ist. Trägt er Jeans und T-Shirt würde es für Dich auch nichts ändern.

Aber nicht alle Menschen sind da so gefestigt wie Du. Manche Menschen lenkt das ab (auch wenn manche auch einfach nur krakeelen wollen). Wäre es da nicht eine Option, zumindest darüber nachzudenken, es diesen Gläubigen leoichter zu machen? So wie Paulus auch sagt, daß nichts falsch daran ist, Götzenopferfleisch zu essen, daß man aber auch an die Schwachen denken soll in seinem Handeln?

Klar gefällt Dir jeder Meter dieser Klamotten, aber andere sidn noch nicht so weit, und für sie bedeutet jeder Meter ein Schlag ins Gesicht des Herrn, der sicher in Seiner Herrlichkeit nicht erreicht werden kann, so lange das Gewand auch sein mag, der aber trotzdem allen Glanz ablegte und in den Stall ging, um den Menschen näher zu kommen...

Alipius hat gesagt…

@ De Benny: In der Sache will ich Dir da auch gar nicht groß widersprechen (manche Menschen sind gefestigt, andere können abgelenkt werden), aber faktisch ist es doch so: Wenn ein Pontifikalamt mit allem Drum und Dran ansteht, dann wissen die Leute, die dort hingehen, ganz genau, was sie erwartet. Und diese Leute mosern später auch nicht herum. Das tun überiwegend die Kommentatoren, denen man Informationen und Bilder über die Messe zugespielt hat und die dann so tun, als würden da Menschen abgelenkt, die aber gar nicht präsent sind, sondern in ihren Gemeinden in der Regel genau die Messen besuchen, die sie verkraften können. Der Schlag ins Gesicht des Herrn wird also in der Regel nachträglich produziert, indem ein Ereignis zuerst ruhig und friedlich über die Bühne gehen kann, dem im Nachhinein dann der Makel das Anrüchigen oder Obszönen angeheftet wird, für all jene Empörungswilligen, die niemals freiwillig eine solche Messe besuchten, denen man aber auch Munition für ihre Indignation nicht vorenthalten will. Und da verstehe ich dann einfach nicht, warum dieser Köder immer wieder geschluckt wird. Warum das so stark bewerten, was mich stört, wenn ich ausreichend Gelegenheit habe, es zu vermeiden und es denen zu überlassen, die es freut? Niemand muß heutzutage "so weit sein" eine solche Messe uneingeschränkt gutzuheißen. Es gibt überall Messen, in denen man diese Dinge nicht sieht. Ich bin also durchaus der Meinung, daß man es diesen Gläubigen nicht unbedingt leichter machen muß, sondern daß sie die bereits existierende Leichtigkeit einer Religion erkennen sollten, in der Platz für so vieles ist, ohne daß einer gezwungen ist, das gesamte Angebot anzunehmen oder gutzuheißen.

Ester hat gesagt…

@ de Benny wissen sie eigentlich, dass die armen Witwen gar keine Kirchensteuer zahlen, kinderreiche Familie mit einem normalen Einkommen auch nicht?
Weiter ist es einfach so, dass die eh Reichen (um das mal so plakativ zu sagen) en Marmorböden, tolle Klamotten und ne Menge Schmuck haben.
In der Kirche nimmt auch der Arme an allem Prunk udn Protz udn Schmuck teil, den die jeweilige Kultur so zustande gebracht hat.
Durch all die ausufernde Versachlichung unserer Kirchegebäude und der Liturgei hat man im Grunde denen die eh das ganze jahr vor sich hinkrebsen und für die ein Familienbesuch bei MC Donald das höchste der Gefühle ist, auch noch die Teilnahme am Schönen Wertvollen, Zwecklosen genommen.
Will heißen,es ist gerade gegen die Armen gerichtet, wenn man das richtig überlegt.

Anonym hat gesagt…

Es ist nun einmal so, daß der Mensch sinnlich vor allem mit den Augen aufnimmt. Die Werbung hat das längst erkannt. Leider gibt es in der rkK. eine Gruppe lautstarker spätachtundsiebziger Eiferer, die eine kahle, in zwinglischer Entrümpelung hergerichtete Kirche und einen Priester, der statt eines Meßgewandes sich einen Jutesack mit Stola zur Messe überzieht. Wie beim Essen: das Auge ißt mit. Man mag über die Zerimonien und Gewänder spotten so viel man will, aber ganz sicher wird der Mensch innerlich angesprochen -und das ist ja schließlich nicht unwichtig

Monika hat gesagt…

Ich persönlich mag Inszenierungen. Ich mag einen Pfingstgottesdienst im Mainzer Dom, ich mag eine Diakonenweihe, bei der ca 100 Meter in Rot und Weiß oder Lila gekleidete Ministranten und Männer in unsere Pfarrkirche einziehen. Mir würde auch der ganze Kardinalprunk in einem Gottesdienst gefallen. Und wahrscheinlich sogar ein Kardinal mit Schleppe und Fußvolk auf der Straße - sowas kann man aber heute nicht mehr sehen.

Stört das den Glauben? Nicht unbeding. Soll man darauf Rücksicht nehmen, daß es manche Leute abschreckt. Auf gar keinen Fall. Ist es wichtig? Nein.

Das einzig für die Religion positive aber, das sich über Glanz, und Gold und Inszenierung sagen läßt, ist, daß es auf die unendlich größere, für uns unverstellbare Herrlichkeit Gottes hinweisen soll.

Dann hat es noch einen psychologischen Vorteil: "kleine" Leute identifizieren sich lieber mit einem prächtigen Großen, als einem nüchternen, sachlichen Potentaten. Prinzessinnen werden nicht erst in der Neuzeit (etwas abgeklärt und distanziert) verherrlicht - sie waren schon immer auch für das Volk etwas Bewundernswertes. Gelebtes Märchen. Ausblick aus dem harten Alltag. Sie waren eher Symbolfiguren als Menschen.

Ebenso ein Gottesdienst mit Messgewändern so prächtig man es sich leisten konnte. Das war auch großes Kino. Ich nehme mal an, daß man mit dem Prunk des Kircheninventars den Armen mehr gegeben als genommen hat. Denn Armut läßt sich nicht durch Verteilung des Reichtums heilen.

Es würde mir ja jetzt wirklich gefallen, wenn Menschen, die eigentlich Kirchenprunk Befürworter sind, einen Aberteil schreiben würden.