Donnerstag, 30. Januar 2014

Das Ewige wiederentdecken, das Flüchtige nicht überbewerten... (Teil I)

Erster Teil einer kleinen Serie nur mittelmäßig geordneter Gedanken, die ich nie und nimmer in einem einzigen Artikel unterbringen kann, die aber im Laufe der Zeit alle auf demselben Mithaufen gewachsen sind und daher zumindest locker zusammengehören.
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Den Nächsten zu lieben, wie sich selbst, das ist keine Romantik-Floskel aus einem Elfenbeinturm, sondern eine gar nicht mal so schwierige Realität. Man muß den Satz nur richtig verstehen.

Es wurde mittlerweile die Information bis hinter den letzten Ofen weitergeleitet, daß man sich selbst lieben muß, um den Anderen wirklich lieben zu können. Mit der Selbstliebe ist hier freilich nicht das egoistische Pochen auf jeden noch so kleinen und vermeintlich berechtigten Anspruch gemeint und noch weniger das peinlich genaue Spechten darauf, daß ICH erst einmal alles habe, was ICH benötige, bevor ich Anstalten mache, die Welt jenseits des Tellerrandes zu erkunden. Ebensowenig ist mit der Liebe zum Nächsten gemeint, daß ich nur jedem Bettler, der mir begegnet, einen Euro in die Hand drücken muß, und gut is'.

Die Liebe zu mir selbst wächst mit der Ruhe, die ich dem Spiegelbild gegenüber verpüre. Der Spiegel kann hier sowohl die Glasfläche im Badezimmer sein als auch die Begegnung mit einer beliebigen Anzahl von Mitmenschen. Wenn diese mein Bild auf mich zurückwerfen und ich entspannt feststelle, daß ich mich immer noch leiden kann (ohne dieser beliebigen Anzahl von Mitmenschen in einem Zwischenschritt eine große und gekünstelte "ICH"-Show geliefert zu haben), dann steht es schon mal ganz gut in der Liebesbeziehung zwischen mir und mir. Ein ständiges Getrieben- und Gehetzt-Sein, ein permanentes Herumdoktoren am eigenen Image und Erscheinungsbild, eine nicht abreißen wollende Serie von Verstellungs- und Verdrehungs-Szenarien und das dauerhafte Gefühl, etwas sein zu müssen, was man weder sein kann noch sein will: All dies deutet hingegen darauf hin, daß ich mich selbst erst einmal ein wenig besser kennen und lieben lernen muß, bevor ich mich mit Energie und Vision dem Anderen zuwende.

Die Liebe zum Nächsten äußert sich natürlich auch in materieller Hilfe, aber dies ist nur die spektakuläre, weil oft sichtbare, bei Augenzeugen einen guten Eindruck hinterlassende und gelegentlich auch hinausposaunbare Spitze des Eisberges. Unter der Oberfläche des Interesses der Medien, der pflichtbewußten Jubelalraunen und der argwöhnisch bis neidisch guckenden Aufmerksamkeits-Vortices spielt sich aber all das ab, was der gebenden Geste Nahrung gibt bzw sie erst mit einem Inhalt und Wert füllt, der über das rein Materielle hinausgeht. Denn dort, wo die Liebe zum Nächsten tatsächlich ein genuines Interesse an der Person des Mitgeschöpfes umfaßt, das sich im respektvollen, freundlichen und vorurteilsfreien Erstkontakt und Umgang manifestiert, nur dort kann ich verhindern, daß meine materielle Spende nichts weiter ist als ein Lösegeld, mit dem ich mir selbst über die Tatsache hinweghelfen möchte, daß ich im täglichen Umgang ein am Anderen desinteressierter Heuchler oder schlicht ein nicht ganz so doller Zeitgenosse bin.

Alles, was Materie ist, ist flüchtig, hat ein Ende. Ewig ist die Liebe, denn sie kommt von Gott. Wenn wir sie auch durch übermäßigen Gebrauch des Begriffes oft mit Füßen treten, so bleibt sie als sie selbst doch ohne Ablaufdatum und auch ohne Maß. Sie äußert sich mitnichten nur im körperlichen Kontakt, denn dies ist der Kontakt zwischen zwei Dingen, die Materie haben, ergo flüchtig sind. Sie äußert sich auch und vor allem im Aufeinandertreffen von Seelen, die sowohl sich selbst als auch den Anderen Raum geben können und in dem geschaffenen Raum gemeinsam Stille und Abenteuer, Freud und Leid, Mangel und Überfluß, Leben und Tod, Auf und Ab erkunden und verkraften, wissend, daß sie sich ebensowenig selbst genügen, wie sie sich selbst erschaffen haben und daß sie daher weder sich selbst noch einem anderen geschaffenen Wesen einen Urteilsspruch schuldig sind.

Gericht und Urteil kommen für jeden von uns früher oder später. Bis es soweit ist, haben wir Zeit und Gelegenheit die Tiefen des Gebotes "Du sollte Deinen Nächsten lieben wie dich selbst" zu erforschen und die Erkenntnisse umzusetzen. Warum ist dies so wichtig? Weil wir damit einem anderen Gebot Genüge tun, welches uns auf unseren Ursprung und unser Ziel zurückwirft: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben". Die Liebe untereinander entspricht hier der Liebe Christi zu uns. Wenn wir auch das Maß dieser Liebe nie erreichen können, so können wir doch in der Liebe zum Nächsten ein Licht aufstellen, das bedeutend weiter sichtbar ist und bedeutend länger scheint, als das zwar tosendere aber auch kurzlebigere Flackern der Eitelkeiten, des Zwistes und des Neides.

Kommentare:

Monika hat gesagt…

Whow!

Oh, wirklich, die ersten vier Absätze sind wunderbar, sie sprechen mir aus der Seele - die für eine Religionslose natürlich nicht existiert - fühlt sich aber trotzdem so an.

Zwei Gedanken dazu, keinesfalls Kritik, dazu ist es zu schön.

Erstens
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Ich glaube, daß die christliche Nächstenliebe (auch) etwas anderes ist.

Das Ideal, daß Sie ansprechen (oder das ich aus diesem Text lese) ist auch das, was ich in erster Linie für erstrebenswert halte. Eigentlich ist das Leben einfach. Das Leben _ist_ Glück und Liebe. Wenn man sich keine Verrenkungen auferlegt hat oder aufgedrückt bekommen hat, kommt durch jeden Atemzug Freude. Anstrengungslos. Man muß sich dafür kein Weltbild zimmern. Also weg mit den Mauern und Verhärtungen.

Vielleicht aber ist diese Möglichkeit der Leichtigkeit (die durch die Verbindung, die dabei zur Welt und zu anderen besteht, nicht oberflächlich wird) etwas, das uns heute möglich ist, unseren Vorfahren nicht, die einen härteren Existenzkampf führten, die öfter existetiell verletzt wurden.

Wenn das Bein mal ab ist, braucht man Krücken zum Laufen, höchstens daß es im Himmel wieder heile ist. Manche Wunden werden zu Lebzeiten nie wieder heilen. Von manchem Schlag erholt man sich nie. Und es gibt Bedrohungen, angesichts derer es besser ist, geduckt durchs Leben zu gehen.

Ich glaube, daß das Gebot der Nächstenliebe bedeutet, daß man auch gebrochen und vernarbt zum anderen gut ist.

Zweitens
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Wo ist die Connection? (= wo treffen sich Seele und Materie?)

PS: Wieso wachsen Ihre Gedanken auf einem Misthaufen?

Alipius hat gesagt…

@ Monika: Ja, natürlich sollte man zum Anderen auch gut sein, wenn man selbst gezeichnet ist.

Seele und Materie treffen sich im Menschen.

Und meine Gedanken lasse ich auf einem Misthaufen wachsen, weil Mist ein guter Dünger ist.

Monika hat gesagt…

Wieso habe ich bloß immer den Eindruck, daß Sie mich nicht leiden können?

Alipius hat gesagt…

@ Monika: HÄ??? Wie kommen Sie denn jetzt darauf? Ich habe doch Ihre Fragen beantwortet. Oder war's zu knapp? Ich war etwas in Eile, weil ich zu einem Termin mußte.

Monika hat gesagt…

Ja, war mir wohl zu knapp. Nee, nicht ganz - ich hab mal den schönen Spruch gelesen: Ich habe keine Zeit für eine kurze Antwort. An der Länge liegts nicht.
Ist sehr subjektiv, wie man Text im Internet aufnimmt. Drum wars von mir auch eine Frage und kein Vorwurf.