Donnerstag, 12. Dezember 2013

Fragen/Anmerkungen zu EVANGELII GAUDIUM (Teil II)

Gleich fünf Paragraphen nach dem gestern behandelten wurde ich erstmals richtig stutzig. In Paragraph 59 schreibt Papst Franziskus:
    Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potenzial der Auflösung und des Todes.
Was nun folgt, klingt vielleicht stellenweise ein wenig heftig und finster, aber ich gebe es mal ungefähr so wieder, wie es sich in meinem Kopf nach Lektüre des Absatzes abspielte.

Daß Ausgeschlossen-Sein vom System gepaart mit Ungleichheit und Armut zu Gewalt und Umstürzen führt, hat uns die Geschichte gelehrt. Sie hat auch einen Spruch geprägt, der im Grunde die langen Sätze des Papstes nicht als Warnung, sondern als Aufruf in nur sechs Worten zusammenfaßt: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen"!

Hier ist sowohl die Gewalt drin ("Krieg") als auch der Grund für die Gewalt ("Hütten" und "Paläste", also kreischender Gegensatz zwischen Arm und Reich (sprich Ungleichheit) und Nicht-im-Palast-wohnen-dürfen (sprich Ausgeschlossen-Sein)). Die Gewalt bzw der Krieg galt in den meisten Fällen aber nicht nur den Palästen, sondern oft genug auch ihren Bewohnern. Eigentlich sollten wir also alle gewarnt sein, oder? Wer hat schon Bock auf eine verschärfte Wiederaufführung der finstersten Kapitel der Französischen Revolution, die parallel in allen Ländern der sogenannten Ersten Welt stattfindet?

Bane hat es in "The Dark Knight Rises" mit seinen Schergen (so ein schönes Wort, ich hasse es, es hier so zu mißbrauchen...) schon vorgemacht: Im Film wurden die Banker und die Vorstandsvorsitzenden nicht nur aus ihren Luxus-Penthouses und Villen geschmissen, sondern auch vor ein Revolutionstribunal gestellt, dem ein anderer Superschurke, nämlich Scarecrow vorstand, welcher die Angeklagten - also die ehemals Reichen und Mächtigen - zum Tode verurteilte, ohne daß diese einen wirklichen Prozeß erhielten.

Interessanterweise wurden die Nolan-Brüder nicht von der weltweiten Bankenkrise und der Occupy-Wall-Street-Bewegung inspiriert (das Script stand schon vor diesen Ereignissen einigermaßen fest da), sondern von Dickens' "A Tale of Two Cities". Wer das Buch gelesen hat, kann auch kleine Parallelen entdecken.

So ist es also eher ein Zufall, daß der Film in die Kinos kam, als die "Ninety-nine percent" auf die Straße gegangen waren bzw von der Straße und aus ihren Zeltlagen erst einmal nicht mehr wegzukriegen waren. Occupy sah im Kapitalismus die Wurzel allen Übels. So wurde dann logischerweise während der Protestaktionen fleißig mit Panasonic- und Canon-Kameras aufgenommen und später aus den Zeltlagern die befreiende Nachricht mit iPhones über AT&T- und Verizon-Netze in die Welt hinausposaunt. Pfui! Aus! Böser Kapitalismus!

Konsequent genug war man immerhin im Haß auf diejenigen, denen es etwas bis viel besser ging, wie diverse Vandalismusaktionen gegen Banken, Geschäfte, Privathäuser oder Automobile zeigten.

Vor diesem Hintergrund finde ich die Worte des Papstes ein klein weig unbedacht. Es weiß ohnehin jeder, der auch nur ein wenig Grips hat, daß die nächsten gewaltsamen Umwälzungen gleich um die Ecke warten. Wir müssen uns nur entscheiden, ob wir die schamerfüllten und bösen (weil wohlhabenden) Opfer sein wollen, die ihre Hälse hinhalten und ihre Familien den Horden überlassen oder ob wir das Blut an den Händen haben wollen, welches eben so fließt, wenn man herandrängende Elendsmeuten wegbombt, niedermäht und pulverisiert. Beide Varianten sind aber zu schrecklich, so daß wir sie nicht einmal andenken (geschweige denn aussprechen), sondern brav so tun, als sei alles in Ordnung und munter unser Leben weiterleben. Denn an einer Besserung der Situation zu arbeiten, das bringt immer diese ganzen unbequemen und anstrengenden -ismen hinein, wegen derer man sich lieber in endlosen Debatten und Diskussionen gegenseitig an die Gurgel geht, als einfach mal auf das Ist zu gucken und gemeinsam eine Lösung zu suchen.

[Hinweis: Die richtige Herangehensweise für das Individuum ist im Hinblick auf das oben beschriebene Horror-Szenario übrigens die Hilfsbereitschfat und Großherzigkeit jetzt und - wenn es soweit ist - die Gewaltfreiheit (es sei denn in Fällen der Notwehr, wo es um Leben und Tod geht). Gott wird jenen, die reinen Herzens sind, ohnehin auf zwei gute Arten antworten: Er wird sie zu sich holen oder er wird sie beschützen, so daß sie weiterleben und eine Welt mit etwas mehr Christus-Geschmack aufbauen können]

Und so werden dann durch das Schreiben des Papstes vielleicht auch jene auf Ideen gebracht, die in Ländern leben, wo sie wenigstens noch das Lesen erlernt haben und wo Zugang zu Informationen herrscht. Addiert man dazu erstens das Forderungs-, Rechte- und Anspruchsdenken, welches unter den (vermeintlich) Armen oder vom System Ausgeschlossenen der reichen westlichen Gesellschaften manchmal herrscht, sowie zweitens das historische Hochschaukelpotential des Mobs, drittens die offenbar nicht ganz so latente Gewaltbereitschaft bei einigen Occupy-Teilnehmern und schließlich viertens die Tendenz, aus päpstlichen Dokumenten das herauszulesen (oder herauslesen zu lassen), was die eigene Agenda grade schön stützt, dann gibt's einen prima Cocktail, den ich nicht austrinken will.

Worst Case: Während die Villen in den Hamptons in Flammen stehen und ihre Besitzer von Bäumen baumeln, meint der Dauerstudent, der in seinem Job keine Lohnerhöhung bekommen hat: "Der Papst sagt, ich als vom System Ausgeschlossener darf das! We are the ninety-nine percent!"

Leser-Service: Es kommt in letzter Zeit immer wieder mal vor, daß im Kommentarbereich auf Dingen herumgeritten wird, die ich überhaupt nicht geschrieben habe. Um uns allen da ein wenig Zeit und Arbeit zu ersparen, folgen hier die Sätze, die in diesem Artikel nicht stehen: "Alle Occupy-Teilnehmer sind Dauerstudenten", "Jeder, der länger studiert, als nötig, ist ein potentieller Occupy-Teilnehmer", "Die Armen haben grundsätzlich kein Recht, mit Massenveranstaltungen auf ihre Situation hinzuweisen", "Der Papst ruft zu gewaltsamen Umstürzen auf", "Der Papst hat notwendigerweise Unrecht mit dem, was er sagt" und "Es gibt in westlichen Gesellschaften keine wirklich armen Menschen".

Kommentare:

De Benny hat gesagt…

Wieso denk ich jetzt gerade an die Reformation, Luthers Martin und den Bauernkrieg?

Michael Boedi hat gesagt…

Ich frage mich wirklich, ob Sie das wirklich so meinen, wie Sie das schreiben? Weil das wäre schon ein wenig traurig.
Es geht in den Absätzen 59 und 60 um eine Beschreibung des Ist-Zustands. Das geht auch ganz klar aus dem Präsens hervor. Und es gibt nur einen Schlüsselsatz, der auf die Zukunft verweist: "Solange...Ungleichheit...nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein..."
Auch das ist ein treffender Befund, den vor ihm übrigens auch schon JPII und BXVI so getroffen haben.
Nirgends steht, wie das zu erreichen ist. Da ich dem Papst jetzt nicht per se Unwissendheit unterstelle (wie Sie das implizieren), macht er das nicht , weil die bisherigen Versuche allesamt gescheitert sind und es zur Zeit kein Modell einer nachhaltigen, vernünftigen Weltordnung gibt. Das ist jetzt aus unserer Sicht natürlich nicht korrekt, denn auch darauf weisen alle Päpste seit LeoXIII hin: die einzige Möglichkeit einer besseren Welt ist die Hinwendung zu Christus und damit verbunden eine "Bekehrung des Herzens", die Barmherzigkeit (vor Allem den Armen gegenüber), das Ende der Ich-Zentriertheit usw. - das ist ja alles nicht neu und schon lange u.A. in der katholischen Soziallehre verankert.
Also keine Angst - die Armen, die eines Tages das Stift plündern werden, können sich nicht auf den Papst berufen. Sie werden das aber wahrscheinlich trotzdem machen fürchte ich.

Alipius hat gesagt…

@ Michael Boedi: Um mal die erste Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, daß ich die Texte, die ich schreibe, in Wirklichkeit nicht so meine, aber sie trotzdem so verfasse, um dann später sagen zu können "Sie müssen es nicht traurig finden, das war nur ein Scherz..."?

Es gibt eine weitere Passage, die auf die Zukunft veriwest: "Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht [ein Präsenz, der in die Zukunft hineinklingt, a la 'verursachen wird'] . Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können."

Was die Bekehrung der Herzen zu Christus betrifft, haben Sie natürlich vollkommen Recht. Aber genau davon ist im Absatz 59 und auch in Absatz 60 ja nicht die Rede. Ich rolle nochmals mein Szenario aus, welches mir Unbehagen bereitet: Erstens die Tendenz, grade in den reichen, westlichen Gesellschaften, Ansprüche zu erheben und Forderungen zu stellen (auch, wenn man nur insofern zu den Benachteiligten gehört, daß man noch einen Röhrenfernseher und keinen Flatscreen hat - ein Spruch, den ich mit eigenen Ohren hörte). Zweitens die Bereitschaft eines Mobs, sich schnell aufheizen zu lassen. Drittens die Gewaltbereitschaft der Occupy-Bewegung (welche künftig auch bei vergleichbaren Bewegungen herrschen wird), die ja mit Sachbeschädigungen und Plünderungen schon einmal Testballons hat fliegen lassen. Viertens die Fähigkeit, sich aus päpstlichen Dokumenten selektiv das herauszulesen oder herauslesen zu lassen, was man eben so braucht.

Da können wir beide noch so sehr der Meinung sein, daß die Leute, die das Stift oder was auch immer plündern, sich nicht auf den Papst berufen können: Sie werden es in der Tat trotzdem machen, wie auch Sie befürchten, weil besonders Absatz 59 zwar selbstverständlich keine Rechtfertigung der Gewalt der Armen gegenüber den Wohlhabenden ist (sondern in meinen Ohren einfach eine Warnung), aber von verqueren Leuten wegen des prophetisch-verständnisvollen Tones durchaus so ausgelegt werden kann.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Sätze des Papstes haben mich weniger wegen des Inhaltes als wegen der Form innehalten lassen.

Michael Boedi hat gesagt…

@Herrn Alipius:
Wir dürfen den Papst nicht aus Sicht unserer Wohlstandswelt beurteilen. Wir und auch B XVI waren nicht in den Armenvierteln von Buenos Aires. Wenn er somit Arme meint, dann meint er damit nicht die "Armen" die nur einfach nicht so viel haben wie ihre Nachbarn.(Oder keinen Flachbildschirm!), sondern die, die einfach zu wenig zum Leben haben. Die gibt es bei uns auch, aber sie haben keine Stimme.
Occupy ist ein Versuch von "oben", die Verhältnisse zu ändern, der dadurch allein schon zum Scheitern verurteilt ist.
Heute hat der Papst selbst diese Erklärung nachgeliefert:

Die Absicht seiner Ausführungen sei vielmehr gewesen "eine Fotografie" dessen zu präsentieren, was passiert sei. Die kapitalistische Wirtschaftstheorie verspreche, dass die Armen davon profitierten, wenn ein Glas so voll sei, dass es überfließt. "Was stattdessen passiert: Wenn das Glas voll ist, vergrößert es sich auf wundersame Weise und für die Armen fließt nie etwas ab", so der Papst.
(Kathpress)

Das ist doch einfach nur wahr.

Alipius hat gesagt…

@ Michael Boedi: Es mag einfach nur wahr sein oder nicht (ich persönlich halte es für wahrscheinlicher, daß nicht ein Glas auf wundersame Art größer wird, sondern daß gierige und egoistische Menschen das abschöpfen, was überfließt, bevor es den Armen zu Gute kommen kann), aber irgendwie scheinen wir aneinander vorbeizureden: Ich habe ja nie bestritten, daß es Arme gibt, die zu wenig zum Leben haben, und ich bin mir sicher, daß der Papst nicht nur in seinem Schreiben von ihnen spricht, sondern sie in Buenos Aires auch persönlich kennengelernt hat. Ich sehe aber nicht, wie das an dem von mir geschilderten Szenario und meinem damit zusammenhägenden Stirnrunzeln irgendetwas ändert. Nochmals: Ich sage nicht, daß der Papst notwendigerweies Unrecht hat. Mich hat nur die Form, wie er seine Gedanken zu Papier gebracht hat, innehalten lassen.

Monika hat gesagt…

@alipius
Ja, mich stört das auch - gewalttätiger Aufstand der Armen gegen die Armut wird als eine Art Naturgesetzlichkeit beschrieben. Zwar nichts, auf daß die Armen ein Recht haben, aber auch nichts, was eine Schuld bewirkt, weil es eben eine unabänderliche Konsequenz ist. Ich hoffe einfach, das ist nur ungut ausgedrückt. Glaube ich aber eher nicht - ich glaube, das ist eine Art Drohung. So von der Sorte, wie wir sie von islamischen Verbänden kennen: "Wenn das und das passiert, wird es Gewalt geben."

Als Gegenpol der Gedanke, den Michael Boedi anspricht - wir KENNEN diese Armut nicht. Wenn man 10% seines Tageseinkommens dafür ausgeben muß um auf Toilette zu gehen (und nicht auf dem einsehbaren großem Scheißacker zu machen), wenn man lieber keine lebensrettende Beinamputation macht, weil man dann nicht mehr arbeiten kann und von denen versorgt werden muß, die man liebt.

Vielleicht ist ja so eine kleine Drohung mit dem Gewaltpotential der Armut verzeihlich.

Liebe Grüße
Monika