Mittwoch, 11. Dezember 2013

Fragen/Anmerkungen zu EVANGELII GAUDIUM (Teil I)

Ich bin jetzt mit Evangelii Gaudium durch und arbeite mal Stück für Stück die Fragen ab, die hängengeblieben sind.

Die erste Frage betrifft weniger das Schreiben selbst, als einen Aspekt unseres modernen Lebens: Die rasend schnelle Verbreitung von Informationen und den daraus resultierenden Data Overkill, der einerseits abstumpfend und andererseits gewissensberuhigend wirken kann.

Der Papst schreibt unter Nummer 54:
    Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht.
Hier geht es um eine "Wirtschaft der Ausschließung nd der Disparität der Einkommen". Die ist eine Wirtschaft, die - so der Papst - "tötet". Franziskus nennt auch zwei Beispiele für die Auswüchse dieser Wirtschaft:
    Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden.
Kommen wir nun zu meiner Frage: Wir leben heute in einer Zeit, in der jede Katastrophe auf der Welt - und findet sie auch noch so weit entfernt statt - wenige Augenblicke nach ihrem Eintreten als Nachricht im Internet abrufbar ist oder in Livebildern im TV-Gerät zu sehen ist. Erdbeben, Flutwellen, Vulkanausbrüche, Revolutionen, Hungersnöte, Völkermorde, Bürgerkriege: Alles sofort und alles in Farbe und alles mit Spendenkonto.

Denn uns geht's ja gut, und wir fühlen uns besser, wenn wir für einen guten Zweck ein paar Schleifen abdrücken können, die jemandem helfen, dem wir nicht in die Augen blicken müssen, dessen Bitten wir ebensowenig hören müssen, wie dessen Dank.

Früher war das ein wenig anders. Bis die Nachricht von der Zerstörung Lissabons durch ein Erdbeben am Allerheiligentag des Jahres 1755 in Rom angekommen war, hatte der durchschnittliche, spendenbereite Bewohner der Ewigen Stadt einem der unzähligen Bettler, Landstreicher und Kranken, welche auf den Straßen und vor den Kirchen ihren Lebensunterhalt zu verdienen versuchten, schon die ein oder andere geldliche Gabe zukommen lassen. Und dabei blieb es nicht. Es gab den Augenkontakt. Es gab den flehenden Blick, vielleicht gepaart mit einer ausgesprochen Bitte und einer demonstrativ hingehaltenen, schlecht verheilten Wunde. Es gab den Moment der Stille. Es gab die Spende. Und es gab den Dank.

Es gab für den Spender - sicht- und hörbar - den geringsten SEiner Brüder, für den Innezuhalten und ein paar Momente zu verschenken er sich nicht zu schade war. Es gab für den Spender die schwermütigen, erwartungsvollen Augen, in die zu blicken ihm nicht unangenehm war, weil er ja wußte, wer da auf ihn zurückblickt. Es gab für den Spender den Dank und das Gebet des Beschenkten, welches den Kreis einer echten Beziehung zwischen Spender, Bettler und Christus schloß (siehe dazu auch Johannes, der vor einem Monat das hier gepostet hat).

"BOAH! Stellt der Herr Alipius jetzt vielleicht auch endlich mal seine Frage!?", höre ich Euch schon mit den Stimmbändern scharren.

Okay, okay, okay... Es sind zwei Fragen. Erstens: Meint Ihr, daß durch die Nachrichtenüberflutung bei den Menschen eine gewisse Routine bzw Abstumpfung gegenüber dem Leid stattfinden kann? So nach dem Motto: "Mann! Schon wieder 'ne Naturkatastrophe mit Tausenden von Toten, Zehntausenden von Obdachlosen, schlechter medizinischer Versorgung und drohender Hungersnot? Hab doch eben erst einen Fuffi für Lampedusa springen lassen!"

Zweitens: Wir leben in einer Zeit, in der der Glaube eine immer geringere Rolle spielt und in der von den meisten Leuten in der Beziehung zwischen Bettler und potenziellem Spender nur noch die horizontale Dimension gesehen wird. So ist dann der Bettler eben nicht der gerinste SEiner Brüder, sondern lediglich ein unbequemer Zeitgenosse, der den Wohlhabenderen einen Spiegel vorhält, und dessen Gejammer ihnen ebenso peinlich ist wie sein Dank. Weil aber fast alle Menschen immer noch genug "innere Stimme" haben, um zu wissen, daß es nicht cool ist, so zu tun, als haben man die Bitte des Bettlers nicht gehört, oder als habe man seine Geldbörse "zu Hause vergessen", und weil weiterhin die meisten Menschen der Meinung sind, daß man ein solches Verhalten vielleicht irgendwie ausgleichen sollte, bietet sich immer dort ein verlockender Notausgeng, wo man anonym und ohne großes, aufsehenerregendes Stehenbleiben, Hosentaschekramen, "Bitte" und "Danke" sauber seine "Tu auch mal 'was Gutes"-Pflicht erledigen kann. Frage: Meint ihr, daß durch die Möglichkeit des anonymen In-die-Ferne-Spendens einige Menschen weniger einem echten Drang zur Hilfe folgen, sondern eher ihr Gewissen beruhigen?

Leser-Service! Es kommt in letzter Zeit immer wieder mal vor, daß im Kommentarbereich auf Dingen herumgeritten wird, die ich überhaupt nicht geschrieben habe. Um uns allen da ein wenig Zeit und Arbeit zu ersparen, folgen hier die Sätze, die in diesem Artikel nicht stehen: "Spendet nichts für gute Zwecke, wenn die Empfänger in weiter Ferne sitzen" und "Leute, die an Spendenaktionen für irgendwo in der Welt leidende Mitmenschen teilnehmen, sind nicht wirklich gläubig oder christlich, sondern sie wollen alle nur ihr Gewissen beruhigen" und "Weil wir immer mehr über das Leid der Welt erfahren, ist es okay immer weniger zu helfen"

Kommentare:

Monika hat gesagt…

1) "Meint Ihr, daß durch die Nachrichtenüberflutung bei den Menschen eine gewisse Routine bzw Abstumpfung gegenüber dem Leid stattfinden kann? "

2) "Meint ihr, daß durch die Möglichkeit des anonymen In-die-Ferne-Spendens einige Menschen weniger einem echten Drang zur Hilfe folgen, sondern eher ihr Gewissen beruhigen? "


Erst mal die Antwort auf beide Fragen:
1) Nein 2) Ja

Die beiden Fragen hängen zusammen. Die Nachrichtenüberflutung betrifft nur unpersönliches (fernes) Leid. Wie auch das "In-die-Ferne-Spenden".

Ich glaube, Sie romantisieren das Leid im direkten Kontakt
Augenkontakt ... flehenden Blick ... Stille ... Dank ... schwermütigen, erwartungsvollen Augen ... Dank und das Gebet des Beschenkten ... Kreis einer echten Beziehung

- Kranke, arme Menschen sind häßlich, vielleicht stinken sie. Oft sind sie auch "anders" - abgestumpft, böse, heimtückisch.
- Leid ist auch bedrohlich. Nicht umsonst haben Angehörige von Sozialberufen die Devise sich nicht zu tief einzulassen, nichts nach Hause zu nehmen.
- Wenn man etwas im direkten Kontakt geschenkt bekommt, was man dringend braucht, ist man nicht unbedingt dankbar. Es zeigt einem die Kluft deutlich auf. Der andere hat so viel, daß er geben kann.

Im direkten Kontakt zu geben ist viel schwerer, für beide Beteiligten, als anonym zu spenden. Man muß sich einlassen. Gegen fernes Leid können wir nicht abstumpfen, weil wir Phantasie bemühen müßen, um es uns vorzustellen.

Die christliche Nächstenliebe ist weder ein "Drang zur Hilfe" noch eine Gewissensberuhigung. Sie ist eine Lebensmaxime. Man richtet sein Leben danach aus, seinen Nächsten nahe zu kommen. Jeden Tag aufs Neue.

Dabei kann einem Leid des anderen begegnen. Wenn man sich nahe ist, möchte man dann helfen. Vielleicht kann man das. Es ist nicht leicht zu helfen und die Nähe zu bewahren. Vielleicht kann man es nicht. Es ist auch dann nicht leicht, die Nähe zu bewahren.

Um anderen nahe zu kommen, muß man sich auch selbst zeigen. Das was in uns Menschen ist, ist nicht nur Leid.

"Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere tiefste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein"
- Nelson Mandela

Alipius hat gesagt…

@ Monika: Danke für die Antwort!

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Leid im direkten Kontakt romantisiere. Immerhin habe ich als Priester, der auch immer als solcher erkennbar unterwegs ist, ja ständig damit zu tun, sei es auf der Straße, vor und in der Kirche, in der Pfarrkanzlei. Da gibt's nach einiger Zeit nicht viel zu romantisieren, sondern für mich nur die Feststellung, daß sich eine weitere Dimension auftut, wenn ich den Anderen als Bruder/Schwester in christo betrachte.

Für mich ist daher das anonyme Spenden schwieriger als das Spenden im direkten Kontakt, weil mir hier irgendwie die "Auflösung" der Situation fehlt. Es geht mir hierbei aber nicht um den Dank und auch nicht darum, daß ich vom Bedürftigen irgendwie als der tolle Spender-Hecht wahrgenommen werde, sondern um eine zu Ende erzählte Geschichte, in die ich verwickelt bin und in der idealerweise auch aus der Sicht beider Beteiligten unser HErr eine Rolle spielt. Wenn ich anonym spende, dann geht mir diese Auflösung ab (ich mach's aber trotzdem, also anonym spenden). Vielleicht bin ich da einfach ein wenig komisch drauf...

Geistbraus hat gesagt…

ad 1. Hey, also ich find das ja voll daneben, dass Du schreibst, man solle nichts für gute Zwecke spenden, wenn die Empfänger in weiter Ferne sitzen!!

--

ad 2. Ja. Das stimmt, und da muss ich mich auch an die eigene Nase fassen. Einem Bettler real in die Augen zu schauen und ihm Geld zu geben, braucht Überwindung. Das ist eine sehr traurige Folge unserer Wohlstandsgesellschaft.

Markus hat gesagt…

Ich glaube vor allem, dass schon die Grundannahme falsch ist. Wann in der Geschichte der Menschheit hat es denn mehr Mitleid gegeben? Wann genau war denn diese Zeit, als alle Menschen liebevoll miteinander umgegangen sind und niemand Not leiden musste?

Diese ganze Geschichte ist doch, mit Verlaub, an den Haaren herbeigezogen.
Im Mittelalter hat man den Obdachlosen bestenfalls den Inhalt des Nachttopfs zugeworfen. Heute dauert es nach einem Orkan im 10000 km entfernten Asien keine 24 Stunden bis die ersten europäischen Hilfslieferungen dort eintreffen.

Dieses "früher ging es den Menschen gut und dann kam der Kapitalismus" gehört ins Reich der Märchen (Momo etc.) aber nicht in ein apostolisches Schreiben.

Nicht das wir uns falsch verstehen: natürlich gibt es Gleichgültigkeit und Egoismus und das darf man natürlich kritisieren. Aber bitte doch nicht so...

Alipius hat gesagt…

@ Markus: Ich bitte, meine Posts etwas sorgfältiger zu lesen. Ich habe zwar schon eine Leserhilfe mitgeliefert, aber sie hat natürlich nicht alles enthalten.

Also: Weder sagte ich, daß es jemals eine Zeit gab, in der alle liebevoll miteinander umgingen und niemand Not leiden mußte, noch schrieb ich, daß das Mitleid im Laufe der Jahrhunderte ab- oder zunahm. Zudem schrieb ich in meinem Artikel "der durchschnittliche, spendenbereite Bewohner der Ewigen Stadt", setzte also voraus, daß wir von einem Menschen reden, der spenden möchte und nicht mit Nachttopfinhalt wirft. Warum Sie das "früher ging es den Menschen gut und dann kam der Kapitalismus" mit meinem Artikel in Beziehung bringen, ist mir schleierhaft. Zuletzt wüßte ich gerne, wo Sie bei mir Kritik an Gleichgültigkeit und Egoismus finden (schließlich rede ich ja von Menschen, die spenden, sei es nun im direkten Kontakt oder über eine Organisation) und was genau das "so" im "bitte doch nicht so" ist.


@ geistbraus: ad 1: ** grins **; ad 2: Es braucht Überwindung, aber auch ein wenig Übung. Es wird nämlich mit der Zeit besser.

Elsa hat gesagt…

Ich fand Monikas Antwort sehr gut.

Ich kann keine Antworten geben, weil ich nicht weiß, ob ich gerne gebe, weil ich weiß, dass es mir im Grunde besser geht als anderen (nein, nicht schlechtes Gewissen unbedingt, sondern das WISSEN, dass es mir doch besser geht), oder aus echter christlicher ENTFLAMMUNG sage ich jetzt mal übertrieben. Im italienischen Discount steht ein Extra-Einkaufskorb hinter der Kasse, in die man Waren legen kann, die in der Pfarrei nachher verteilt werden. Die Aufschrift lautet: Für einen Bruder, der weniger glücklich/begünstigt (meno fortunato) ist als du! Vermutlich würde man sich nun in Deutschland darüber streiten, ob das schon eine schlechte-Gewissen-Einrederei sein könnte. Ist aber egal. Es funktioniert. Der Korb ist nun auch außerhalb der Fastenzeit aufgestellt, das ganze Jahr, und immer prall gefüllt mit haltbaren Lebensmittelspenden. Er hält zur Solidarität an. Und es macht FREUDE, für andere etwas einkaufen zu dürfen und in diesen Korb zu legen. Ich male mir dann aus, wie ein armer Rentner das Päckchen Kaffee, das eigentlich für ihn gedacht war, an seine Enkel weiterverschenkt, um ihnen einfach einmal etwas geben zu können, was er sonst vielleicht nicht kann. Ein bisschen Würde zurückerhält damit. Stichwort: Freude:
Es ist aber überhaupt ziemlich wenig FREUDE in diesem Evangelii Gaudium und zu viel mit dem Fingerzeigen auf andere, nach meinem persönlichen Geschmack. Aber das nur am Rande.
Man liest jetzt auch hin und wieder, wie furchtbar unmenschlich es sei, dass Obdachlose der Kirche verwiesen werden. Das ist es natürlich. Nur, wie Monika auch anklingen lässt, es ist eben nicht jeder Obdachlose freilich automatisch der bessere und Gute und ein Heiliger. Manchmal benutzen sie eben den Beichtstuhl als Urinal. So jemanden möchte ich dann tatsächlich nicht in der Kirche haben, aus genau den Gründen, und nicht, weil ich unbarmherzig bin oder ihn verachte.

Nun habe ich weder deine Fragen beantwortet noch sonst etwas konstruktives gesagt, aber es ging mir halt grad durch den Kopf:-)

Alipius hat gesagt…

@ Elsa: Die Idee mit dem Warenkorb finde ich toll!

@ Markus: Meine Überlegungen wurden von der Lektüre von Nr. 54 ausgelöst, hatten aber ansonsten nichts damit zu tun. Hätte ich vielleicht auch deutlicher sagen können.

Anonym hat gesagt…

Ist eine Globalisierung der Gleichgültigkeit (vgl. Evangelii Gaudium) nicht eine logische Folge der Globalisierung und ein
Spiegelbild der lokalen Gegebenheiten? So wie wir uns im Kleinen
verhalten, so verhalten wir uns jetzt auch im Großen. Wir kümmern uns heute nicht mehr um die
Armen und Notleidenden im eigenen Land, wieso sollen wir uns dann um Leute kümmern, die zig
tausende Kilometer weit weg sind?
Oder verhalten wir uns jetzt im Kleinen vergleichbar wie im Großen, weil wir mit der
Informationsflut über Leid/Katastrophen aus der Globalisierung überfordert und in Folge
abgestumpft sind - und damit das Leid beim Nachbarn nicht mehr sehen oder sehen wollen? Was war zuerst...
Andererseits kann argumentiert werden, daß es in einem Sozialstaat wie Östereich und besonders
in Wien genug staatliche Hilfen gibt.

>Erstens: Meint Ihr, daß durch die Nachrichtenüberflutung bei den Menschen eine gewisse
Routine bzw Abstumpfung gegenüber dem Leid stattfinden kann?


Ja.
Es hat ein Abstumpfung stattgefunden. Der zehnte Hurrikan diesen Sommer wird auf die Dauer
langweilig. Routine im Umgang mit solchen Nachrichten kann als ein Schutzmechanismus gesehen
werden. Man kann nicht wegen jedem Unwetter eine existenzielle Krise bekommen und sich ins
nächste Flugzeug setzen. Man muß eine Auswahl treffen - und bekommt anschließend ein
schlechtes Gewissen, weil man nicht allen etwas spenden kann. In Konsequenz spendet man dann
gar nichts mehr und hört solche Nachrichten nicht mehr. Durch die heutigen Kommunikations- und
Informationsmöglichkeiten besteht die Möglichkeit, sich die Nachrichten selber zusammenstellen
und damit solche Nachrichten ausblenden.
Nicht nur die Nachrichtenüberflutung verursacht eine Abstumpfung. Es ist eine ganze Industrie mit
dem Leid geworden, die vor Weihnachten besonders penetrant Werbung um Spenden macht.

>Frage: Meint ihr, daß durch die Möglichkeit des anonymen In-die-Ferne-Spendens einige
Menschen weniger einem echten Drang zur Hilfe folgen, sondern eher ihr Gewissen beruhigen?


Das Leid wurde entpersonalisiert und anonymisiert. Der Name der Person, der man helfen soll, wird
einem nicht gesagt, sondern nur: Spenden Sie!
Es fehlt an der persönlichen Beziehung. Menschen wollen mit den Notleidenden nicht in Kontakt
kommen, sondern ziehen die sichere Distanz vom Leid mittels einer Überweisung vor. Sowas ist
innerhalb von zwei Minuten erledigt, es ist kein Gespräch notwendig. Es ist ein einfacher, sicherer
und bequemer Weg, sein Gewissen zu beruhigen.

Schwieriger ist die direkte Hilfe, die fordert mehr von uns, die reißt uns aus unserer Bequemlichkeit
heraus, und dazu sind immer weniger bereit. Oder haben wir einfach verlernt, mit offenen Augen
für unsere Mitmenschen durch die Welt zu gehen, und Hilfe zu geben, wenn erforderlich?

Jetzt hab´ ich doch einmal was kommentiert :)

Mit freundlichen Grüßen
mesil@gmx.at

Cassandra hat gesagt…

Ich möchte dazu anmerken, daß das Leid in der Ferne durch die Medien mittlerweile ziemlich nahe kommt: zu einer Zeit, in der ich satt und "fertig" mit dem Tag auf dem Sofa sitze und Tagesschau gucke. es ist nicht nur eine anonyme Zahl "zehntausende ohne Nahrung", sondern das Leid hat ein Gesicht und die Augen des Kindes in Dafur kommen direkt zu mir, in einen Bereich, in dem ich anders empfänglich bin als unterwegs in der Stadt.

Zweitens haben wir in der mitteleuropäischen Sozialstaatssituation, die man nicht auf die ganze Welt übertragen kann, beim Bettler in der Straße im Kopf "dem wird geholfen, der hat ja immer noch HartzIV", was die Familie im phillipininischen Überschwemmungsgebiet nicht hat. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf stellt sich mir die Frage, wie das mit dem Spendenaufkommen für das Elend woanders in Ländern ohne diese Sicherungen ist. Der Papst schreibt ja an alle Katholiken, nicht nur die westeuropäischen oder nordamerikanischen.

Drittens sind wir Menschen manipulierbar: Kinderelend geriert mehr Spenden als der stinkende, versoffene Obdachlose mit der Hautkrankheit im Gesicht neben dem Weihnachtsmarkt.

Andererseits ist das Leid ganz woanders bequem: man zahlt und Ende. Das Elend vor der eigenen Haustür könnte dazu führen, sich mit dem Menschen hinter dem Elend auseinandersetzen zu müssen und auch mit der Frage, wieso ein erfrorener Obdachloser, was zumindest in Deutschland im Winter immer wieder passiert (ich weiß nicht, wie das in Österreich, der Schweiz und so weiter aussieht), weniger wichtig ist als die Dax-Faxen oder irgendwelcher Promi-Klatsch.

Mein Mann hat adoptierte Geschwister aus einem Drittweltland. In dem Kinderheim werden immer noch schwer unterernährte Kinder abgegeben, die ohne medizinische Hilfe gestorben wären, oder durch die Mitarbeiter auf der Straße gefunden. Wenn man die Bilder von dort gesehen hat, kommen einem ein paar Armutsdirkurse hier wie Luxusprobleme vor- hier geht es nicht um die Frage, ob man dem Kind eine Blinddarmoperation bezahlen kann oder gar etwas aufwändigeres durch Spenden finanzieren muß, das ist hier durch die Krankenversicherung geregelt, dort ist das Privatsache. Wer es nicht bezahlen kann, stirbt. Davon sind wir weit entfernt. Von daher meine ich (um mal auf die Frage "Meint ihr, daß durch die Möglichkeit des anonymen In-die-Ferne-Spendens einige Menschen weniger einem echten Drang zur Hilfe folgen, sondern eher ihr Gewissen beruhigen?" zurückzukommen), daß dem nicht so sei.

Benni hat gesagt…

Erst einmal möchte ich mich bedanken für die Auseinandersetzung mit Evangelii Gaudium, das macht Lust auf das Selbststudium.
Ich finde die Fragen wichtig, aber schwer zu beantworten. Ich glaube, nicht dass ein in-die-Ferne-spenden nur der Beseitigung des schlechten Gewissens dient. Oder dass wir durch Nachrichtenflut abstumpfen. Bei beidem kommt es auf die innere Haltung an. Ich kann auch dem Bettler morgens auf dem Weg zur Arbeit helfen, und mich den ganzen Tag gut zu fühlen deswegen. Ich kann eine regelmäßige Spende in ferne Länder tätigen, nur um teilen zu wollen. Und die Informationen über die finanzierten Handlungen kann die Hilfssituation "auflösen".
Das Problem ist, dass ich Pessimist bin, was den Menschen betrifft. Ich glaube, dass die Sünde des Menschen Herr ist und es nur wenige Situationen gibt, in denen er sie mit Gottes Hilfe besiegt. Daher glaube ich, dass jeder Spende, jeder Hilfe Egozentrik zugrunde liegt. Den eigenen Werten zu entsprechen und das eigene Wohlbefinden zu steigern. Gerade ersteres. Ich glaube, dass es in den guten Taten und noch mehr in der Wahl dieser um die Entsprechung des eigenen Selbstbildes geht. Dafür muss dann auch immer wieder gern der Glaube als Begründung her halten. Denn sollte es mir wirklich um die Hilfe und um den Menschen gehen, würde mich das Leid dieser Welt erdrücken und die Hilfe würde sich nicht darauf beschränken, zu spenden oder Menschen, die ich treffe und die in Not sind, etwas "gegen" ihre Not zu geben.

Psallite Deo hat gesagt…

Ich glaube, den Empfängern der Spende ist es, wenn sie wirklich in Not sind, nicht so wichtig, ob man spendet, um sein Gewissen zu beruhigen oder weil man Christus im Nächsten sieht oder weil man einfach der Ansicht ist, wem es gut geht, der kann denen was abgeben, denen es nicht gut geht.
Ich mache beides - Geldspenden an Hilfsorganisationen etc., aber auch für Obdachlose auf der Straße - allerdings gebe ich denen grundsätzlich kein Geld, sondern hole ihnen was zu essen, heißen Kaffee oder so.
Ich denke, man stumpft schon etwas bei den vielen Katastrophenmeldungen - und wenn der erste "Hype" vorbei ist, geraten diese Gebiete schnell in Vergessenheit - wer spendet denn heute noch für Haiti? Es wäre dort sicherlich immer noch nötig...

Ester hat gesagt…

zu 1: ja
auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, so erzeugt das beständige vor die Augen führen von Katastrophen einen Abstumpfungseffekt.
Definitiv bei mir und es erzeugt eine Haltung das Leid gewichtet. Bei uns kommen ab und an Kommentare rein von wegen "Was heult ihr rum, wegen der Lage der Kirche guggt doch dort und dort!"
Als meine Großmutter kurz vor ihrem Tod ihr Leben reflektierte, und dabei auch Kriegs- udn Nachkriegszeit zur Sprache kamen, meinte meine Mutter (Schweigermutter - Schweigertochterkonflikt brach da voll aus) "Was sie denn so rumheulen täte? Sie wäre ja nicht vertrieben, vergewaltigt und kurz vorm Hungertod gewesen!"
Ich persönlich finde all das fremde Elend an dem man ja im Grund nix ändern kann, nimmt den Blick auf das Elend an dem man was ändern kann. Und man kann es nicht thematisieren, weil ja alle (wegen der pc) betroffen sein müssen.
Bei uns hier ist es so, Hilfe wird verwaltet.
Ich kann den Pennern die seit Neuestem unsere Kirchentür belagern guten Gewissens kein Geld geben, weil die pro Tag 17€ vom Amt kriegen und, wenn sie wollten im XY Haus unterkommen können würden. Wir haben ein gutes Sozialsystem, was wir aber nicht haben ist Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe und auch hier jemandem wirklich helfen ist etwas sehr sehr schweres, (damit will ich das Sozialsystem und die organisierte Caritas nicht schlecht machen, das nicht) weil es bedeutet sich auf den Menschen einzulassen, ihn sagen wir es altmodisch, christlich zu lieben,einfach weil er vor mir steht.