Mittwoch, 27. November 2013

Listen-Fieber...

Neulich habe ich meine CDs mal ein wenig sortiert. Dabei fielen mir immer wieder mal Scheiben in die Hand, von denen ich denke, daß man sie mit gutem Gewissen jedem Musikliebhaber empfehlen kann, der die Pop/Rock-Ecke nicht völlig verachtet, aber auch nicht unbedingt den puren Charts-Mainstream will. So geriet ich ins Grübeln: 'Hmm... Alipius, alter Knabe... Welche der CDs aus deiner Sammlung sind so zeitlos, cool und gültig, daß du sie ohne Bedenken weiterempfehlen kannst an Leute, die sie nicht kennen, die aber vom Hörerlebnis durchaus positiv überrascht sein könnten?'

Und so entstand die folgende Liste: Des Herrn Alipius empfehlenswerteste CDs in loser Reihenfolge.

  • Kate Bush - The Dreaming: Die Scheibe höre ich grade, also fange ich mal damit an. The Dreaming ist für mich immer noch Kate Bush's abgefahrenstes und intensivstes Album. Die Songs klingen fast ausnahmslos so, als sei es beim Schreiben um Bush's Leben gegangen. Es wird gekreischt, gebrummt, geflüstert, gejubelt und gekrächzt, daß es eine wahre Freude ist. Dies alles vor umwerfend kreativen Kompositionen und Arrangements (zumindest für all jene, die sich auf Pop/Rock-Abwegen gerne mal im WTF-Gestrüpp verirren). Vom stampfenden Opener "Sat in Your Lap" über den Mitwackel-Marsch "There Goes a Tenner", den Hit "Suspended in Gaffa" bis hin zu den Stücken, die dem Titel des Albums wirklich alle Ehre machen: "Leave it Open", "The Dreaming" und "Get out of My House" könnten auch locker aus (Alp-)Träumen entführte Soundtracks sein. Einmalig!
    • Kategorie: WTF-Pop/Rock/Folk
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Nach mehrmaligem Hören, ein paar mal auch über Kopfhörer beim Einschlafen, damit das Erlebnis des Schweißgebadet-die-Augen-Aufreißens sich einstellt.

  • Japan - Gentlemen Take Polaroids: Eine detaillierte Empfehlung dieses Albums gab's vor viereinhalb Jahren auf am römsten. Wer sich das nicht alles durchlesen will, dem sei gesagt: Hier findet vornehm-eleganter Kunst-Pop statt, der Japan über Nacht von einer "Wir wurden beeinfluß von..."-Band zu einer Wir haben ... beeinflußt!"-Band machte.
    • Kategorie: Elektro-Pop-Art
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Relativ früh

  • Luscious Jackson - Fever In Fever Out: Das New Yorker Frauen-Quartett hat mit seinem dritten Album aus dem Jahre 1996 eine Kollektion unsterblich cooler Songs abgeliefert. Man könnte die CD eigentlich auch in Stücke brechen, in ein Glas warmen Gin and Tonic werfen und der Drink hätte sofort die richtige Temperatur. Schon der Opener und Hit Naked Eye wird von den Mädels so präsentiert, als hätten sie mit dem, was auf der Scheinbe passiert, eigentlich nur zufällig und am Rande zu tun. Lässig geht's weiter mit dem unplugged und jazzig klingenden Don't Look Back, dem garagigen Mood Swing, dem groovigen Water Your Garden bis hin zum Tanzflächenfüller Soothe Yourself mit seinem von Hi-Hat und Wah-Wah getriebenen Intro. Daß die Damen es auch besinnlicher können zeigen zarte Stücke wie Why Do I Lie? oder Stardust.
    • Kategorie: Angejazzte Garagen-Coolness
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Einmal Hören reicht definitiv nicht

  • Bill Pritchard - Jolie: Der in Frankreich angehimmelte und auf dem Rest der Welt ein Nischendasein führende Bill Pritchard ist für mich der wahre "King of Pop". Den Höhepunkt erreichte er auf Jolie: Nie war eingängiger Sommerhit-Pop glasklarer, durchschaubarer und unüberraschender. Aber die Songs sind einfach so unwiderstehlich ohrwurmig, so unaufgeregt und so strahlend, daß ich nicht der Einzige bin, der sich ihrer Magie nicht entziehen kann. Ein Album voller Gute-Laune-Mucke mit durchaus auch mal weniger sonnigen Texten.
    • Kategorie: Pop-Perfektion
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Nach 3,8 Sekunden

  • The Breeders - Last Splash: Die Schraddel-Heldinnen Kim und Kelley Deal liefern hier zusammen mit ihren Mitstreitern Josephine Wiggs und Jim Macpherson eines der den Alternativrock definierenden Alben ab. Eine längere Besprechung des Albums gab's in grauer Vorzeit (2006) bereits auf am römsten.
    • Kategorie: Einige unserer besten Freunde sind nur 3 Minuten lang
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Manchmal sofort, manchmal erst nach mehrfachem und genauem Hinhören

  • And Also The Trees - Further From the Truth: Meine allerliebste Lieblingsband darf natürlich auch nicht fehlen. Die Trees tauchten im Jahre 2003 nach fünfjähriger Pause plötzlich wieder mit einem Studioalbum auf. Und diese Scheibe entwickelte sich für mich von einem anfangs mißtrauisch belauschten weil eher unzugänglichen Album zum ganz persönlichen Lieblingswerk der Lieblingsband. Niemand wird es fertigbringen, die Stücke auf FFTT nur einmal zu hören und sie sofort alle zu mögen. Klar gibt es einige Songs, die gleich reinlaufen, wie der schöne und sanfte Opener 21 York Street, das hinter quirligen Gitarren munter sechsachtelnde In Your House oder das vornehme The Reply, daß plötzlich mittendrin in ein Stadium-Pop-Gewitter ausbricht. Andere Stücke brauchen aber ihre Zeit. Doch eben das Nach-und-nach-Entdecken der Perlen und das darauf folgende Für-immer-knorke-Finden macht das Album für mich so wertvoll. Die Musik ist durchaus tree-esque (also gut aber nicht charttauglich), allerdings fehlt Justin Jones' charakteristischer Mandolinensound. Dazu muß man sich - wie gesagt - in einige Stücke ein wenig hineinarbeiten. Aber: Es lohnt sich!
    • Kategorie: Eigenständige "Uns gibt's seit 25 Jahren, und wir haben es wirklich nicht nötig, jetzt noch auf irgendwelche Erfolgs-Züge aufzuspringen"-Kompositionen
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Laßt die Stücke bei mehrmaligem Hinhören ein wenig reifen

  • Stereolab - Margerine Eclipse: Auch meine zweitliebste Band darf nicht fehlen. Margerine Eclipse ist ganz klar Stereolab für Einsteiger. Die Stücke sind nicht so unendlich Monoton wie z.B. auf Mars Audiac Quintett und auch nicht so komplex und manchmal abgedreht wie auf Sound Dust oder auf Cobra and Phases Group Play Voltage in the Milky Night. Auf Margerine Eclipse präsentiert sich die belgisch-britische Combo zugänglich, wie gleich der quirlig-poppende Anfangstrack Vonal Declosion demonstriert. Weiter geht es mit dem sphärisch-verträumten Need to Be, dem fluffigen Sudden Stars und dem vielschichtigen Cosmic Country Noir, auf dem sich zum ersten Mal eine der Stereolab-Spezialitäten zeigt: Einen Song in zwei oder mehr Teile zu zerlegen, die aber alle prima ineinandergreifen. Richtig klasse wird's dann auf Le Demeure, das von seinem elektro-bubbligen Intro über die cool swingende Strophe bis zu seinem vollen Refrain restlos überzeugt. Rocken kann man im Labor auch, wie das kurze aber knarzig-zackige Margerine Rock mit seinem herrlichen Gitarren-Chaos-Solo oder das zappelnde Hillbilly Motobike demonstrieren. Es gibt noch weitere wunderbare Songs, die alles enthalten, was Stereolab für mich groß macht: Geschäftige Beats, launische Geräusche, mehrspurigen Gesang, dufte Harmonien, eingängige Melodien.
    • Kategorie: Elektro-Loungerock-Dreampop
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Relativ zügig, steigt aber in der Regel noch, wenn man denkt, schon die Spitze erreicht zu haben

  • The Icicle Works - The Icicile Works: Ein echtes 80er-Meisterwerk! Auf diesem Album wird Pop-Rock nicht einfach nur gespielt sondern zelebriert. Drummer Chris Sharrock legt los, als hätte er sechs Arme. Immer irgendwo Rolls und Tom-Tom-Gewitter und Beckengedeschele. Aber irgendwie paßt der Schlagzeug-Overkill zu den Songs. Mit Birds Fly (Whisper to a Scream) und Love is a Wonderful Colour haben die Icicle Works nicht nur zwei dufte Singles sondern auch zwei absolute Mitsing-Ohrwürmer in die Welt gesetzt. Auch andere Lieder müssen sich keineswegs verstecken. Die wunderschöne Ballade Out of Season überzeugt ebenso wie die rockenden As the Dragonfly Flies und A Factory in the Desert. Ein weiterer Höhepunkt dieses nur aus Höhepunkten bestehenden Albums ist In the Cauldron of Love mit seinem perfekt treibenden Schlagzeug. Hymnisch wird's auf Lovers' Day und auf Nirvana. Selten habe ich ein 80er Pop/Rock-Album gehört, das dermaßen abgeht und das auch nach milliardenfachem Anhören nicht fade wird.
    • Kategorie: Wilder schöner Pop/Rock mit Ans-Herz-wachs-Garantie
    • Komplettes Hörvergnügen stellt sich ein: Wenn nicht sofort, dann wahrscheinlich überhaupt nicht
Okay... Das waren nun mal acht ernst gemeinte Empfehlungen an jeden Freund gepflegter, zeitloser Pop- und Rockmusik. Ich gehe nicht davon aus, daß jetzt alle Welt wie besessen youtubed, um sich ein paar Songs anzuhören und zu testen, ob der Herr Alipius auch keinen Schmarrn verzapft. Aber wenn einer von Euch mal über die ein oder andere der hier vorgestellten Scheiben stolpert und die Gelegenheit hat, ein Ohr hinzuhalten, dann solltet Ihr das tun!

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