Freitag, 8. November 2013

Ich mache mich jetzt mal unbeliebt...

Der Papsttreue hat auf seinem Blog einen lesenswerten Artikel gepostet, in welchem er sich - Bibel und Katechismus zitierend und kommentierend - gegen Vorwürfe wehrt, er sei ein "Recht des Stärkeren"-Libertärer.

Nebenschauplatz ist eigentümlich frei, wo der Papsttreue neulich veröffentlichen durfte, was ihm die Vorwürfe erst einbrachte. Man kann entweder beim linksdominierten deutschsprachigen Wikipedia nachlesen, wie ultrarechts ef ist oder man kann bei "eigentümlich frei: Rettet Wikipedia!" nachlesen, wie nicht-ultrarechts ef ist. Oder man liest einfach ef und benutzt nach Lektüre jedes einzelnen Artikels seinen eigenen Kopf zur Analyse und Bewertung.

Letzteres (nämlich mit dem Werkzeug des eigenen Verstandes an ein Phänomen heranzugehen) bewerkstelligen in der heutigen Zeit leider immer weniger Menschen. Man filtert Kommentare nach Schlagworten, sammelt Indizien, welche die eigene Position unterstützen, blendet den Rest aus, käut wieder und knallt dann der Welt seine "Meinung" hin.

Unter dem Artikel des Papsttreuen gibt es bereits Kommentare. Ein Leser poltert...:
    Man könnte Ihnen noch eine ganz Flut von Bibelzitaten um die Ohren hauen, die Sie dann auch wieder zugunsten Ihres Libertarismus zurechtbiegen könnten. Nur! Nichts davon ist mit dem Evangelium vereinbar. "Tu was du willst" ist nicht von ungefähr das erste Gebot der Santansbibel!
... und legt nach einer Erklärung des Papsttreuen noch dieses drauf:
    Wie wollen Sie in denn mit Ihrem elitären Libertarismus dafür Sorge tragen, dass ALLE Bedürftigen in einem Staat Hilfe bekommen. Aber klar, zuerst einmal ist ja jeder für sich selbst verantwortlich...
Hier schimmert irgendwie dieses Wiederkäuen durch, von dem ich eben sprach. "Bedürftige" ist ein wunderbares Reizwort, aber es ist - ohne weitere Durchleuchtung und Erklärung - leider auch nicht viel mehr.

Der Papsttreue spricht sich ja grade für eine Gesellschaft mit weniger Mama Staat aus. Da kann das Argument mit den Bedürftigen auch mal schnell nach hinten los gehen. Denn wenn ich mir die "Bedürftigen" anschaue, die mir früher in Düsseldorf oft über den Weg gelaufen sind und die ich nun in Österreich aufgrund meiner Tätigkeit beinahe täglich treffe, dann kommt mir manchmal folgender, böser Gedanke, den ich mal überspitzt formuliert hier wiedergebe.

Die Politiker, also die Agenten von Mama Staat, sitzen beisammen, grübeln und kommen schließlich zu diesem Ergebnis: "Wir erzeugen durch Ausschüttung reicher Gaben, die wir bei unseren fleißig arbeitenden, normal lebenden und brav Steuern zahlenden Subjekten abgreifen, für Abhängigkeiten in bestimmten Bevölkerungsgruppen und versuchen dadurch, eine solide Wählerbasis zu erzeugen. Wenn irgendwer den Verdacht hegen sollte, daß wir hier künftigen Generationen fleißig arbeitender, normal lebender und brav Steuern zahlender Subjekte das Brot aus der Hand reißen, dann weisen wir die Vorwürfe mit dem Totschlagargument zurück, daß es hier immerhin um 'Bedürftige' geht!

Ja, tatsächlich ist ab einen bestimmten Alter und ab einer bestimmten geistigen und körperlichen und moralischen Entwicklungsstufe jeder erst einmal für sich selbst verantwortlich. Nach einem Mißgeschick oder Unglück kann man Beistand erwarten, aber man darf nicht absolut passiv bleiben. Selbst nach allerschwersten Schicksalsschlägen ist man trotz aller Hilfe, die man erwarten darf, selbst dafür verantwortlich, den Lebensmut auf einem bestimmten Niveau zu halten. Niemand sollte zu stolz sein, Hilfe anzunehmen. Und niemand sollte so bequem sein, sich nur auf die Hilfe anderer zu verlassen. Ich habe neulich erst während einer Caritas-Stunde die Geschichten von Menschen gehört, die glaubhaft versicherten, daß sie schon Jahre früher wieder auf die eigenen Beine gekommen wären, wenn sie sich nicht stets auf die Unterstützung hätten verlassen können, die ihnen sicher war.

Es waren erschütternde Selbstanklagen, die in mir ein mulmiges Gefühl hinterließen: Dort wo man einst sagte "Ich mache!", dort sagt man heute vermehrt "Ich habe Ansprüche!".

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sagen Sie das doch bitte der alleinerziehenden Mutter, die von ihrem Priesterpapa im Stich gelassen wurde! Oder dem lernbehinderten Jugendlichen, für den es in unserer Gesellschaft nur noch Jobs gibt, die zwar 8 Std. dauern, die aber nicht mehr zum Leben reichen. Aber die können sicherlich auf Ihre ganz private Hilfe setzen, nicht wahr! So wie der vorbildliche Bischof in Spanien, der von seinen 1300 Euro noch 400 an Hilfsbedürftige (die nutzen den doch bestimmt nur aus, was?) abgibt... Aber reichen die paar Bischöfe und Priester wie Sie aus, um all den Menschen zu helfen?

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Ich muß das der alleinerziehenden Mutter, die von ihrem Priesterpapa (sie meinen wahrscheinlich "Priester-Lebensabschnittspartner welcher mit ihr ein Kind gezeugt hat") verlassen wurde, nicht sagen. Sie wird irgendwo in ihrem Inneren das Bißchen Intuition haben, welches ihr erklärt, daß es nicht schlau war, sich von einem Priester schwängern zu lassen. Und wenn sie dann die Energie, die sie vorher in leichtsinnige Handlungen umgemünzt hat, dazu nutzt, Verantwortung für sich und ihr Kind zu übernehmen, dann hat sie eine echte Chance. Auch ein Jugendlicher, der einen Job hat, muß leben, um den Job zu haben, weswegen ich bezweifle, daß es nicht zum Leben reicht. Und - ja - wo bei uns der Caritas das Geld ausgeht, da helfe ich so viel und so oft ich kann aus privater Tasche. Sie haben recht: Wir werden nie genug sein und nie genug geben können, um allen zu helfen. Aber wir sind immerhin da, und wir können alle beitragen.

Ester hat gesagt…

Liebe anonym! Sie geben dem Herrn Alpius total recht mit ihrem Kommentar.
Wie lesen wir im Artikel:
Man filtert Kommentare nach Schlagworten, sammelt Indizien, welche die eigene Position unterstützen, blendet den Rest aus, käut wieder und knallt dann der Welt seine "Meinung" hin.

Anonym hat gesagt…

Na, liebe Ester! Er wollte sich doch auch unbeliebt machen! Und das macht er mit seinem Statement natürlich grenzenlos genial. Für einen Priester typisch ist natürlich die Frau an ihrem Elend selbst Schuld! Nicht der fliehende Papa, sondern natürlich die leichtsinnige Mama, so einfach ist das. Eine Schande! Und wahrscheinlich ist Alipius trotzdem noch - natürlich bei anderen Grabenkämpfen - ein großer Fan von Frau Kelle! Frauen brauchen Zeit für Kinder, würde er da sicher gut katholisch proklamieren, nicht wahr?! Und als gut bezahlter Priester hat er scheinbar keinen Kontakt zur Realität auf dem Arbeitsmarkt für unqualifizierte Jugendliche, auch schade. Wie war das mit dem Stallgeruch?

Und ganz zum Schluss kommt dann doch noch die Wahrheit, mit der er schließlich mir Recht gibt! Es wird nie reichen, ohne Staat sicherlich nicht!

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Wollen Sie andeuten, die Frau hätte nicht gewußt, daß sie sich auf ein riskantes und fragwürdiges Abenteuer einläßt, als sie die Beziehung mit einem Priester einging? Natürlich hat der Vater die Pflicht, bei Mutter und Kind zu bleiben. Aber vorher hat nicht nur der Priester, sondern auch die Frau die Pflicht, abzuwägen, ob der Beginn einer sexuellen Beziehung eine gute Idee ist. Und genau hier haben sowohl der Priester als auch die Frau versagt. Es sollte daher schwer fallen, im Nachhinein so zu tun, als sei die Frau irgendwie "überrascht" worden. Sie trägt deswegren nicht mehr Schuld, als der Priester, aber sie muß lernen, mit den Konsequenzen zu leben und vom Leichtsinn zur Verantwortung zu wechseln. Ees geht immerhin um ein Kind.

Ja: Frauen brauchen Zeit für Kinder. Aber Frauen, die Kinder haben, brauchen auch einen dazugehörigen Vater. Das Kreuz mit unserer ganzen Gratifikations- und Anspruchs-Kultur ist ja grade, daß dahinter die Pflichten und die Verantwortung völlig verblassen und somit der zerrütteten Familie Tür und Tor geöffnet werden.

Als gut bezahlter Priester stehe ich mit den Füßen in beiden Welten. Ich lerne jede erdenkliche Menge von Elend kennen und kann es mir leisten, regelmäßig und großzügig privat zu helfen, anstatt nur zu reden.

Es wird auch mit Staat nie reichen, denn der Staat hilft nicht nur dort, wo es wiklich Bedürfnis herrscht, sondern er erzeugt auch dort "Bedürfnis", wo geholfen wird.

Anonym hat gesagt…

Sie haben Recht! Es wird zu viel geschwätzt. Vor allem von oben nach unten! Mit Franziskus wird sich das ändern! Gott sei Dank!

Anonym hat gesagt…

Ich war jahrelange alleinerziehend, habe nebenbei volle Kanne gearbeitet und war heilfroh darüber, dass es sowas wie Karenzgeld und Kindergeld gab. Dabei habe ich ordentlich verdient, nicht jede/r hat eine Ausbildung, die ihm das ermöglicht. (Die unterschwellige "die böse Frau ist schuld"-Thematik greife ich jetzt nicht noch mal auf, das ist mir einfach zu blöde)
Man muss wohl sehr darauf achten, nicht alle "Bedürftigen" unter Generalverdacht zu stellen, à la "unwürdige Arme", die eh selbst schuld sind an ihrem Elend. Diese Anichtsweise macht es nämlich viel einfacher und bequemer - die sind ja an ihrem Elend selbst schuld, denen braucht man nicht helfen.
Klar muss man sehr genau hinsehen, Tatsache ist aber, dass es viele Jobs, mit denen man vor Jahrzehnten schlecht ausgebildete Leute versorgen konnte, schlicht und einfach outgesourct. Diese Frage scheint mir elementar, fällt aber oft unter den Tisch: Wie verteilen wir Arbeit, wenn nicht genug davon für eine bestimmte Gruppe da ist? Nach welchen Kriterien?

Papsttreuer hat gesagt…

Lieber Alipius,
danke für die Verlinkung und Kommentierung meines Beitrags. So wie hier beschrieben, wollte ich verstanden werden.
Viele Grüße und Gottes Segen,
Der Papsttreue

Anonym hat gesagt…

Liebe, lieber oder liebes (wir wollen ja alle Optionen offenlassen) anonym!

Zu deen in Ihren Kommentaren angezogenen Sachverhalten zitiere ich Ihnen gerne den unkorrekten Volksmund, dem zufolge zum Schnackseln wie zum Streiten jeweils zwei gehören ... eine(r) allein, das wird nix. Die alleinige Schuld eines Teils ist zwar bei Vergewaltigung leicht zuzuweisen, wird sich aber bei sonstigen Alltagsfällen oft mehr oder weniger gleich zwischen den beteiligten Parteien verteilen.

Und was das zu viele Schwätzen angeht - glauben Sie mir, da gibt's keine Einbahnstraßen. Sie legen sich v.a. auf die Richtung von oben nach unten fest, das sei Ihnen unbenommen. Wir leben aber im Kommunikationszeitalter, und das heißt: Überflüssiges Geschwätz steigt auch von unten nach oben, oder, ganz zeitlos, bleibt auf gleicher Ebene, so wie etwa von mir zu Ihnen ... das war immer so. Nur das Volumen, das hat sich dank der Technik unglaublich vermehrt. Wir haben zwar - als Gesellschaft - kaum mehr Inhalte zu vermitteln, aber dafür können wir sie fast jedermann zu fast jeder Zeit fast überall hin schicken. Freuen Sie sich nicht auch über die Segnungen des Forschritts mit Ihrem

Zwetschgenkrampus
(glücklich verheiratet)