Freitag, 4. Oktober 2013

Guilty Pleasure

Also, "Pleasure" so im Sinne von "Ohne Betäubung beim Zahnarzt" und "Guilty" im Sinne von "Selbst Schuld!".

Ich habe am Montag-Nachmittag nach dem Einchecken in Bamberg mal kurz die Füße hochgelegt und die Hotelzimmerglotze angemacht. Einerseits: Böser Fehler. Andererseits: BÖSER FEHLER!

Kulturpessimismus-Alipius meint:

Die Scripted Reality Dokunovela X-Diaries (Love, Sun & Fun) kann man eigentlich kaum beschreiben. Man muß sie gesehen haben. Natürlich läuft sie bei RTL II. Und natürlich ist es Voyeur-Trash-TV zum Fremdschämen, welches eigentlich als Statement zum Zustand bestimmter Teile unserer Gesellschaft auch von arte hätte produziert werden können. Also in Schwarzweiß und mit einer Erzählerstimme aus dem Off, die weniger euphorisch und dafür betroffener klingt.

Jetzt kann man natürlich einwenden, daß das gar kein Statement zum Zustand bestimmter Teile unserer Gesellschaft sein kann, weil das ja eh alles fake ist.

Klar sind die Nasen, die dort vor der Kamera herumhopsen, gecastet. Klar sind die Geschichten, durch die sie sich hindurchbrüllen, -flennen, -prahlen und -meckern, vorgeschrieben. Klar würde jeder Mensch mit einem Ohrläppchen voller sozialer Kompetenz 90% der dort auftretenden Konflikte mit einem vernünftigen Satz in 3 Sekunden auflösen. Klar beugt das Wort "Liebe" hier wieder einmal traurig sein Haupt über der Leiche seines Begriffs, in deren Rücken noch die Messer der Täter-Gang "Möpse", "Muckis", "Trunkenheit" und "Gelegenheit" stecken.

Aber ein Statement ist die Serie doch, weil es ja schließlich irgendwo Leute gibt, die sich so etwas ausdenken, die so etwas produzieren, die so etwas ausstrahlen und die so etwas gucken.

Um das "Gucken" erst einmal aus dem Weg zu kriegen: Geguckt habe ich X-Diaries auch. Aber ich werde es sicherlich so schnell nicht wieder tun, es sei denn, ich brauche eine gruselige Form perverser Erheiterung. Wikipedia sagt, daß X-Diaries bei den 14- bis 49-Jährigen (also bei der "werberelevanten Zielgrupe") über dem RTL-II-Senderdurchschnitt liegt und somit also als Erfolg gewertet werden dürfte. Warum nun aber die Leute sich dieses Format reinziehen... Weiß nicht... Vielleicht denken einige 'BOAH! Watt'n Glück, daß ich nicht so bin wie die!'. Oder sie rufen "Cool! Die Schimpfwörter kannte ich bisher noch gar nicht!". Oder sie finden "Ey voll real! Bitches sind grundsätzlich endkrass undankbar und verdienen es total, daß man mal fremdgeht oder sie versetzt!". Oder sie murmeln "Hach! Die im Fernsehen werden wenigstens noch beschimpft und beleidigt, während ich hier alleine auf der Couch sitze...". Was auch immer...

Aber was genau geht eigentlich in den Köpfen der Leute vor, die diese Sendungen in die Glotze pressen? Was haben die für ein Menschenbild? Und was genau ist in deren Leben passiert, daß die so etwas fertigbringen? Wer hält es für eine gute Idee, wenn in der Hälfte der Sendezeit mindestens 3 Leute gleichzeitig reden, sich beschimpfen, blöde anmachen? Wer genau denkt, es sei eine Bereicherung für den Zuschauer, wenn dieser auf dem Bildschirm Leute sieht, die den Anspruch an andere, an sich und an eine zwischenmenschliche Situation so niedrig halten, daß Limbo-Weltmeister genervt das Handtuch werfen? Wer empfindet es als getreue Abbildung der Realität, wenn Menschen die einfachsten Situationen und Sätze falsch verstehen, auf jeden simplen Reiz reagieren wie ein Tier und ein Ego mit sich herumschleppen, welches im krassesten Gegensatz zur Persönlichkeit steht, welche streng genommen schon den Gebrauch des Wortes "Ich" verbietet? Wer meint, er müsse unbedingt naive Blondchen casten, die - im Gegensatz zu den Düsen des Flugzeugs, mit dem sie auf Malle aufschlagen - nicht zu heulen und zu jammern aufhören, es sei denn, sie können endlich die vermeintliche Nebenbuhlerin wegbeißen, um dann mit dem "Traumtypen" (= Sportnahrung futternder Strandbengel mit viel Haargel über wenig Hirn) 5 heiße Sekunden zu verbringen und danach fix entsorgt zu werden, weil irgendwo da hinten in der Disse noch was Blonderes und Schlampigeres rumzuckt?

Was sind das für Leute, die so etwas produzieren? Ich sehe vor meinem inneren Auge irgendwelche kinderlosen, abgeklärten Werbegeld-Scheffler, die in einem nüchtern eingerichteten Loft jede Menge Sex entweder haben oder planen, die im Zweifelsfall für andere Menschen noch weniger Geduld aufbringen als für sich selbst, die das Etikett loben und den Inhalt vergammeln lassen, die den Geist fürchten und sich an die Dinge klammern und deren Leben ein einziges "Niemals in die Arme genommen worden" ist.

Schade...

Natürlich lautet die einfache Antwort auf X-Diaries: "Einfach nicht angucken!"

Aber wer sagt denn, daß die 14-Jährigen wirklich die Jüngsten sind, die sich das Zeug reintun. Und wer sagt, ob die 14-Jährigen (und Jüngeren) so genau kapieren, daß sie gescriptete Trash-Dramen sehen und keine Anleitung zu einer gelungen-coolen Teenie-Existenz?

Also mir wäre "Einfach nicht produzieren!" als Antwort lieber, aber das wird auf taube Ohren stoßen, so lange es Leute gibt, die Gülle vergolden und an den Mann bringen können.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich kann von meiner Schwester und deren damaliger studentischer Bekanntschaft berichten. In diesen, akademisch durchaus vorbelasteten, Kreisen, war es superIN, sich das Hirn mit nachmittäglichen Formaten à la X-Diaries vollzuknallen. Auf Nachfragen, warum, war nie so genau rauszukriegen, warum.
Ich glaube, als Gruselkabinett für Mittelschichtkinder. Die kaufen ja auch Bushido-aka Herr Fencici-CDs.

Meine Schwester ist übrigens ein völlig normaler, steuerzahlender Mensch mit gutem Universitätsabschluss und fester Integration ins Arbeitsleben geworden. Trotz des Fernsehverhaltens.