Samstag, 7. September 2013

Der Frieden, seine Bewegung und ich...

Ich wurde im Jahr 1968 geboren, war also zur Zeit der Ostermärsche in einem Alter, in dem ich mich einerseits bedeutend mehr für Party, Musik, Sport, Haargel und Alles-was-nicht-Schule-ist interessierte als für politische und gesellschaftliche Fragen und Entwicklungen, in dem ich aber andererseits Krieg rein intuitiv Scheiße fand.

Meine Stamm-Disse plötzlich in Schutt und Asche? Samstagabend nicht mit Kumpels in die Altstadt sondern in den Luftschutzbunker? Ich nicht mehr als szenetauglich zu gestaltendes Bild im Spiegel, sondern als ein von einem Atomschlag an die Wand gemalter Erinnerungsschatten einer Existenz? Nö! Ohne mich!

In der Pfarrjugend wurde ich sowieso sehr früh auf Peace gebürstet, weil alle Jugendgruppenleiter totale Woodstock-Rejects waren, bei denen immer eine weiße Taube auf blauem Grund am Träger der Latzhose oder am Korpus der Akustikgitarre prangte. Allerdings war Frieden nicht die einzige Obsession dieser Leute. Hinzu kam 112-prozentiges Öko-Engagement mit dem entsprechenden "Heiliger als Du"-Getue ("Waaaaaas? Haargel? Aus Plastiktuben? Warum schmierst Du Dir nicht gleich das Blut von Seevögeln ins Haar?"). Außerdem fiel mir die friedensbewegte Szene damals in erster Linie als ein buntes Sammelsurium ästhetisch verwahrloster Gestalten auf, mit denen ich als eitler New Wave/Gothic-Mid-Teen auf gar keinen Fall in einen Topf geworfen werden wollte.

Die Berührungspunkte zur Friedensbewegung waren also denkbar gering. Aber ich war angesichts der atomaren Horrorszenarien, die mir aufs tägliche Brot geschmiert wurden, ebenso für den Frieden und gegen den Krieg, wie jeder Physiklehrer und jede Ausdruckstänzerin, sei der Bart auch noch so eigelbig und die Haarfauna noch so vielfältig.

Ich war aber damals gewissermaßen Fatalist, rannte mit einer "Kommt eh so, wie es kommen soll"-Einstellung durch die Gegend und schlüpfte nur mnachmal unbeobachtet und heimlich ins Gebet, um Gott eine friedliche Zukunft für die Menschheit abzuringen.

Was mich mein Leben lang genervt hat und was mich mein Leben lang nerven wird ist die Vermutung, daß Kriege nur stattfinden, weil die Menschen ihre Wut, ihre Habgier, ihren Stolz und ihren Neid nicht im Griff haben. Das ist auch der Punkt, an dem ich für mich eine Öffnung hin zur wirklich aktiven Arbeit für den Frieden sah und sehe. Neid war mir - Gott sei's gedankt - komischerweise immer fremd. Stolz - im Sinne von etwas zu großer Zufriedenheit mit sich selbst bzw etwas zu großer Hochachtung vor sich selbst - finde ich bei anderen irgendwie immer peinlich (nicht, daß man sich nicht freuen darf und soll, wenn einem etwas gelungen ist, aber da gibt es ja Abstufungen), also habe ich mir meinen Stolz freiwillig und mit etwas Arbeit ausgetrieben. Habgier... Sagen wir's mal so: Ich habe eine Entwicklung hinter mir von "Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, würde aber nicht meckern, wenn es mehr wäre" hin zu "Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, und ich teile es gerne". Und die Wut... Naja, Ihr lest ja hier zum Teil schon lange mit und wißt, daß ich mich damit nicht immer leicht tue. Zwar sind Komplimente wie "Du schreibst am besten, wenn Du wütend bist" schmeichelhaft, aber sie sind auch Öl auf eine Feuer, welches ich eigentlich sehr klein halten möchte.

Meine persönliche Friedensarbeit zusammengefaßt ist also ungefähr so etwas wie die Goldene Regel vor dem Hintergrund einer für mich immer noch berechtigten Hoffnung auf ihr Ansteckungspotential.

Kommentare:

Cinderella01 hat gesagt…

Genauso ist es. Danke dafür, das noch einmal klarzustellen. In seiner Predigt zur Inaugration am 24. April 2005 sagte Papst Benedikt: "Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung."
Das hat mich damals tief beeindruckt und ich finde immer wieder zu diesem Satz zurück, aber es ist erschreckend, wie viele ihn nicht verstanden haben.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Ich gehörte zu dieser Zeit eher zu den Jungs mit "poppiger Frisur" und entsprechenden Polohemden. In der Pfarrei gab es bei uns eine strikte Trennung zwischen "gebügelt" und "Parka", Ministranten und Pfadis, wobei sich letztere für den Nabel der Welt hielten. Sie waren auf der Seite der Guten, der Weltversteher und Retter.
Ich habe auch die Verinnerlichung der "goldenen Regel" für sinnvoller gehalten, als Ostern gegen etwas durch die Gegend zu laufen, wo es doch die Auferstehung des HeRRn zu feiern galt.
Disse war nie so meins... Ich habe schon sehr früh leiber Konzertsäle besucht...
Ist halt ne Geschmacksfrage