Donnerstag, 8. August 2013

"Quellen? Brauche ich nur, wenn ich in meinen Vorurteilen nicht bestätigt werde!"

Elsa verlinkt auf einen kath.net-Artikel, der von einer BBC-Dokumentation aus dem Jahre 1997 berichtet, in welcher einige Mythen der Schwarzen Legende etwas genauer unter die Lupe genommen wurden.

Da mußte ich mich gleich wieder an eine mega-klassische Situation erinnern: Man stelle sich ein Durchschnittsmodell des modernen, missionierenden Atheisten mit Internetanschluß und hohem Trollpotential vor. Dieses Exemplar hört nun von einem ideologisch gleichgefärbten Bekannten, daß durch die Spanische Inquisition in Europa jährlich soundsoviel Tausende Weiser Frauen den Tod fanden (freilich erst nach paaaaainlichster Befragung in der Gegenwart lüstern gaffender Kirchenmänner). Oder er liest es in irgendeinem Atheisten-Forum im Thread "Total wahre Verbrechen der Religion... des Christentums... der katohlischen Kirche (inkl supergenauer Zahlen und Fakten - NEU: Jetzt mit noch mehr 'Seriöse Historiker belegen...')". Er stellt keine weiteren Fragen, sucht nicht nach aussagekräftigen, seriösen und ausgewogenen Quellen, sondern legt zufrieden die Hände über dem Bauch zusammen, gut gesättigt und bestätigt in dem, was er eigentlich "schon immer" über "diese Kinderschändersekte" wußte.*

Dieser Atheist marschiert dann los, verläuft sich auf der Suche nach Futter hinein in eine katholische facebook-Debatte, in ein katholisches Forum, in den Kommentarbereich eines katholischen Blogs oder einfach in eine Party im wirklichen Leben und lädt dort die geballte Macht seines historischen Wissens ab.

Irgendwer antwortet ihm und stellt fest, daß sowohl seine Zahlen als auch seine Darstellung bestimmter Zustände maßlos übertrieben sind und liefert zugleich eine Korrektur.

Woraufhin der Atheist sagt: "Das hätte ich aber gerne durch Quellen belegt!"
__________

* Um dem Geheule gleich entgegenzusteuern:

1) Nein, nicht alle Atheisten sind so. Aber das sensationslüsterne, moralinstrotzende, selbstzufriedene, intellektuell ausbaufähige Durchschnittsmodell erweckt eher häufig als nie genau diesen Eindruck.

2) Woher ich weiß, daß der beschriebene Atheist keine Fragen stellt und nicht nach aussagekräftigen, seriösen und ausgewogenen Quellen sucht? Stellte er Fragen oder machte er sich auf die Suche nach Quellen, so stellte er früher oder später fest, daß seine "Zahlen und Fakten" nicht standhalten. Und wäre er intellektuell redlich, nähme er von diesen "Zahlen und Fakten" Abschied. Ich habe Fragen gestellt und Quellen gesucht, und ich habe so das schmerzhafte Wissen erlangt, daß in der Geschichte meiner Kirche nicht immer alles so rosig war, wie es mir lieb wäre. Dieses Wissen verdränge ich nun nicht ("Was nicht sein darf, das ist dann eben einfach auch nicht"), sondern ich versuchte und versuche, an einer Kirche mitzuarbeiten, in der so etwas nicht wieder vorkommt. Oder anders: Ich sage nicht: "Die Kirche muß aber im weltlichen Sinne perfekt sein, sonst haben die Atheisten Munition und ich fühle mich dann total verunsichert, weil ich ja nicht vor Christus sondern vor den Atheisten bestehen können muß!" Anders herum wünsche ich mir, daß weniger Atheisten sagten: "Die Kirche muß aber der Grund allen Übels auf dieser Welt sein, sonst stimmt die Pointe bei meinem nächsten Image Macro für die total lustige, vernunftgesteuerte und relevante facebook-Gruppe 'Virgin Mary Still Should’ve Aborted' nicht!"

Kommentare:

Herminator hat gesagt…

Die Gruppe kriegen wir auch noch weg.
Leider wohl ein Kampf gegen die Hydra ...

Schalom
Hermann

Elsa hat gesagt…

Du hast den Relativierungs-Vorwurf vergessen, der sofort kommt, wenn man weitaus NIEDRIGERE Zahlen als die handelsüblichen nennt.
Komischerweise ist man dann plötzlich nicht mehr an der Aufklärung interessiert, sondern unterstellt sofort seinem Gegenüber, er wolle hier menschliches Leid herunterspielen und relativieren etc etc....
Selbes Spiel bei den Zahlen zum sexuellen Missbrauch.
Manche Zeitgenossen sind wirklich an allem möglichen interessiert, nur nicht an wahrhaftiger Aufklärung ...