Donnerstag, 22. August 2013

Oder doch nicht...?

Ein Artikel in der BZ sorgte Anfang der Woche in der Blogoezese für ziemlichen Wirbel (auch bei mir).

Hier sind die "BINGO!"-Zitate:
    Von der Öffentlichkeit unbemerkt kam es in Friedrichshain-Kreuzberg zu einem kulturellen Bruch. Das Bezirksparlament (BVV) beschloss auf Antrag der Piraten, dass die Bezirksmedaille nicht mehr an Bürger vergeben werden darf, wenn sie sich im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft engagieren.

    ...

    Die Piraten begründeten ihren Antrag mit dem Satz: „Religion passt nicht zu Friedrichshain-Kreuzberg“.

    ...

    Und der Bezirk geht noch einen Schritt weiter in die Zukunft ohne Gott: Festveranstaltungen auf der Straße dürfen keine religionsnahen Titel mehr tragen. Weihnachtsfeste müssen künftig als „Winterfeste“ und der Ramadan, sofern er in der warmen Jahreszeit liegt, als „Sommerfest“ gemeldet werden.
Jetzt ist aber plötzlich doch alles anders.

Über Zettels Raum stieß ich auf einen Bericht im Tagesspiegel. Dort steht:
    Möglichst einmal im Jahr vergibt der Bezirk an verdiente Bürger eine Ehrenmedaille für „herausragendes Engagement (...) in Gesellschaftsbereichen wie zum Beispiel Jugend und Familie, Kultur, Soziales, Sport, Umwelt, Entwicklung, Innovation, Wirtschaft und ein friedliches Miteinander“. Religion wird seit Februar da nicht mehr geführt.

    ...

    „Menschen, die sich im Rahmen einer Kirche ehrenamtlich engagieren, können weiter geehrt werden. Wir fanden nur, niemand sollte geehrt werden, nur weil er zum Beispiel evangelisch ist“, sagte die Fraktionschefin der Piraten, Jessica Zinn.

    ...

    Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) stellt daher klar: „Ich kenne keinen Beschluss, der es Veranstaltern verbieten würde, ihren Festen religiöse Namen zu geben.“ Bei der heterogenen Bevölkerung wäre es ihrer Meinung nach abwegig, religiöse Gruppen so zu diskriminieren. Einige Veranstalter verzichteten aber auf religiöse Bezeichnungen, um zu zeigen, dass das Fest für Bürger jeden Glaubens und auch solche ohne Glauben offenstehe.
Hmm...

Okay. Die Formulierung der BZ, daß "... die Bezirksmedaille nicht mehr an Bürger vergeben werden darf, wenn sie sich im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft engagieren" scheint wohl etwas überzogen zu sein. Den Satz "Religion paßt nicht zu Friedrichshain-Kreuzberg" konnte ich über google bisher auch nur in der BZ finden und auf Seiten, welche sie zitieren. Was die "Winterfeste" betrifft, so ist diese Bezeichnung laut Frau Hermann eine individuelle Veranstalterwahl und nicht aufgezwungen.

Etwas stutzig macht mich allerdings die Aussage von Frau Zinn. Wenn man aus der Kriterienliste das Wort "Religion" streicht, weil man findet, "niemand sollte geehrt werden, nur weil er zum Beispiel evangelisch ist", müßte man dann nicht auch Kultur, Sport oder friedliches Miteinander streichen, weil niemand geehrt werden sollte, nur weil er Bildhauer ist, weil er Fußballer ist oder weil er jeden Satz mit "Heeeeey Duuuu..." beginnt?

Natürlich kann und muß Religion leider auch für viel Übles herhalten. Muß man sie deswegen aus der Liste streichen, während man weiterhin Preise an Sportler verleiht, obwohl gedopte Mutanten Weltrekorde einfahren und auf dem Fußballplatz erkaufte Siege "erspielt" werden?

Und weiter: Schlägt man durch Aufnahme des Kriteriums "Religion" Atheisten und Agnostikern die Türe vor der Nase zu, oder verdeutlicht man durch das Kriterium "Religion", daß herausragendes Engagement nicht nur in verschiedenen Formen auftritt, sondern daß es auch verschiedene Motivationen dafür gibt?

Eines allerdings leuchtet mir ein: Das Kriterium "Religion" erscheint in der heutigen Zeit auf den ersten Blick streng genommen überflüssig, da einerseits die Formen des herausragenden Engagements für jedermann ersichtlich sind (und somit religiös motiviertes Engagement sich in jedem der in der Liste aufgeführten Kriterien verstecken kann) und da andererseits der Glaube als Kraftstoff für herausragendes Engagement nebensächlich ist, so lange der Ertrag stimmt. Josef Bordat hat das in diesem lesenswerten Artikel auf die Formel gebracht:
    Gewünscht ist die Filetierung der Religion in „Funktional zu gebrauchen!“ (Kann bleiben!) und „Verstehen wir nicht!“ („Weg damit!“)
Wenn es wirklich so ist, daß einfach nur die "Religion" aus dem Kriterienkatalog gestrichen wurde, wenn also weiterhin Bürger auch dann geehrt werden können, wenn sie sich im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft engagieren und mit ihrem Engagement bei einem der anderen Kriterien ins Schwarze treffen, dann habe ich eigentlich gar nichts gegen die Streichung.

Denn wenn man das Kriterium "Religion" in der Liste der "Gesellschaftsbereiche" stehen läßt, sprich: wenn "Religion" zumindest im Bereich der Urteilsfindung bei einer Preisverleihung auf einer Stufe steht mit z.B. "Wirtschaft" oder "Sport" oder "Umwelt", dann sehe ich die "Prägung des Lebens Einzelner" (Bordat) durch die Religion unter Wert verkauft und finde, daß diese Prägung für die Gesellschaft anschaulicher wird, wenn man die Religion tatsächlich aus der Liste streicht, aber dafür den Geehrten (in welcher Kategorie auch immer) die Möglichkeit gibt, bei einer wahrscheinlich anstehenden Dankesrede auch auf ihre Religion bzw ihren Glauben zu sprechen zu kommen. So wird dann ersichtlich, daß Religion kein "Gesellschaftsbereich" ist, für den man geehrt wird, sondern daß der Glaube ein Kraftstoff ist, der zu ehrwürdigen Leistungen in allen möglichen Gesellschaftsbereichen führen kann.

Kommentare:

De Benny hat gesagt…

"Wenn es wirklich so ist, daß einfach nur die "Religion" aus dem Kriterienkatalog gestrichen wurde, wenn also weiterhin Bürger auch dann geehrt werden können, wenn sie sich im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft engagieren und mit ihrem Engagement bei einem der anderen Kriterien ins Schwarze treffen, dann habe ich eigentlich gar nichts gegen die Streichung."

Genau so hab ich es verstanden, nachdem ich mal bei den Piraten selbst nachgelesen habe:

http://piratenpartei-friedrichshain-kreuzberg.de/2013/08/21/buergerengagement-wird-weiterhin-geehrt-unabhaengig-von-der-religion/

Mir stellte sich dabei die Frage, welche Leistungen nun überhaupt ausgeschlossen würden, durch die Streichung der Religion. Weil, wie Du ja auch schreibst: Hinter jedem der Bereiche kann Religion stehen. Der Gedanke, daß Religion quasi unter Wert verkauft wird, wenn es in einer Reihe mti Wirtschaft und Umwelt steht, kam mir nicht. Danke dafür.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Der erklärende Kommentar eines Piraten unter dem angegebenen Artikel lautet:
"Es sollen keine missionarischen Tätigkeiten geehrt werden. Wer zB 150 Menschen dazu bringt in seine Glaubensgemeinschaft einzutreten, wird nicht geehrt. Wenn aber zB ein Pfarrer, Imam oä mit Jugendlichen unterschiedlichster Kulturen eine interreligiöse Anti-Rassismus-Konferenz oä organisiert, dann kann eine Bezirksmedaille dafür verliehen werden."

Da frage ich mich und Euch: Wurde denn schon jemals diese Medaille für ausschließlich missionarische Tätigkeit verliehen? Oder wird da ein Verbot gefordert von etwas, was eh nie stattfindet?

Geistbraus hat gesagt…

Nun, der Gedanke, dass Religion kategorial etwas ganz anderes ist als Sport und Kultur, hat schon was für sich.

Trotzdem vermittelt die Entscheidung für mich vor allem dieses Signal: Glaube als solcher ist kein Wert.

Und das finde ich fatal.