Montag, 29. Juli 2013

Jeder Sonntag ist "WJT"...

Das Video der einen Tanz einübenden Bischöfe in Rio sorgt momentan für reichlich Wirbel.

Als ich das Video zum ersten Mal sah (das war noch, bevor die Auswertung, Kommentierung und Beurteilung losging), konnte ich mir beim Anblick des schwarz-purpurnen Aerobic-Hühnerhaufens ein Grinsen nicht verkneifen, und ich gestehe, daß der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoß, dieser war: "Och... Wie niedlich...". Irgendwann während des Videos habe ich dann auch einmal lauthals lachen müssen, als die Kamera eine reihe lächelnder Bischöfe zeigte, die irgendwie versuchten, choreographiemäßig am Ball zu bleiben. Kurz: Ein "It's the End of the Church as we Know it!"-Gefühl stellte sich nicht ein.

Ich war mir aber am Ende des Videos ziemlich sicher, daß es bald einen Kommentarsturm geben wird, der von "Jesus hat bestimmt nichts gegen das Tanzen!" bis "Das ist nicht mehr meine Kirche!" reicht.

Mir ist sehr daran gelegen, daß während einer Heiligen Messe die Menschen ganz klar verstehen, daß Christus im Mittelpunkt steht und nicht die Gestaltungswut oder das Bedürfnisspektrum oder der Berechtigungskatalog der Gemeinde oder einzelner ihrer Mitglieder. Bei einem Weltjugendtag kommt allerdings automatisch und immer so eine Art Event-Charakter hinein. Das Spektakel heißt ja schon "Weltjugendtag" und nicht "Weltchristustag für die Jugend" oder so.

Einer Millionenveranstaltung wie dem Eucharistischen Weltkongress in Chicago im Jahre 1926...


... ging dieser Event-Charakter noch ab, weil erstens nicht explizit die Jugend angesprochen wurde (was aber damals auch keinen gewaltigen Unterschied gemacht hätte, denke ich), weil die Kirche noch in einem heilsamen (weil zappel-freien) "Kirchenfürsten aller Länder treffen sich und feiern vor und mit (und trotz) Menschenmassen würdig unser höchstes Gut"-Trott steckte, weil die MSM andere Ziele hatten und weil der Papst nicht vor Ort war (wobei auch hier im Jahre 1926 die Stimmung durch die Anwesenheit des Heiligen Vaters sicherlich keinen Event-Charakter gehabt hätte).

In den vergangenen einhundert Jahren aber hat sich das Rüchzugsgefecht-Gefühl in der Kirche verstärkt, so daß eine kirchliche Großveranstaltung mit Jugendlichen automatisch einen Beigeschmack bekommt. Kirchlicherseits wird versucht, ein solches Ereignis als Beweis für die Zukunftsfähigkeit des Katholizismus zu verkaufen. Kirchen- bzw Religionsgegner nehmen einen WJT zum Anlaß, um über die Kosten zu meckern oder um Woodstock-Vergleiche zu ziehen.

Daß vor diesem Hintergrund Bischöfe sich dann plötzlich genötigt sehen, das Tanzbein zu schwingen, leuchtet mir ein. Ich hätte diese Tage auch ohne das Video gut überstanden, aber andererseits finde ich die Szenen nun nicht grade extrem anrüchig. Auf einem "Weltjugendtag" kann man es Bischöfen kaum verübeln, wenn sie sich plötzlich daran erinnern, daß sie auch mal jung waren.

Die Weltjugendtage leiden meiner Meinung nach darunter, daß sie ein gigantisches Gemeinschaftsgefühl erzeugen, welches dann in den Gemeinden vor Ort nicht aufgefangen wird. Dies wiederum stellt uns vor das Problem, daß wir einerseits nicht an jedem Sonntag in jeder Gemeinde für jede Messe ein WJT-"Feeling" produzieren können (und es auch nicht sollten) und daß wir andererseits der katholischen Jugend diese Treffen nicht einfach so nehmen können.

Es müßten irgendwelche Maßnahmen eingeführt werden, an denen sich ablesen ließe, in wie weit es bei diesen Treffen tatsächlich um Christus geht. Keine Ahnung. Vielleicht mal ein WJT ohne Papst. Kommen dann immer noch Jugendliche aus aller Welt? Vielleicht mal ein auf 30 Großstädte der Welt verteilter WJT ohne die ganz großen Massenveranstaltungen.

Vielleicht mal ein auf alle katholischen Pfarrgemeinden der Welt verteilter, mindestens einmal pro Woche stattfindender WJT, der den Fokus nicht auf das Gemeinschaftsgefühl, sondern auf die Quelle unseres Heils lenkt und der sich nicht nur auf die Jugend beschränkt, sondern zu dem alle geladen sind.

Oh, Moment...

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Es würde ausreichen, wenn sich jeder seines Alters entsprechend benimmt.

Die Bischöfe sind keine Jugendlichen mehr - warum wollen sie sich dann wie Jugendliche benehmen?

Wenn es um ein Anbiedern geht, dann ist das fatal.

Wenn kleine Kinder sich zu erwachsen geben oder reden, nennt man das "altklug".
Wie nennt man das, was die Bischöfe machen? Nennt man das "jungdumm"?

Ester hat gesagt…

Ich habe überhaupt nix dagegen das Bischöfen einfällt das sie mal jung gewesen sind. Ich habe aber was dagegen wenn Bischöfe sich von irgendwelchen hergelaufenen Amateuren zum Affen machen lassen.
Ich habe seit meiner Schulzeit solchen Klamauk nicht mitgemacht und halte mich dennoch für einen sehr spontanen und konventionsresistenten Menschen.
Ich halte die WJT's (nach den Erfahrungen mit meinen Kindern für ne feine Sache, es tut denen gut, mal zu erleben, dass es noch viel, viel mehr solche geplagten Wesen mit seltsamen Eltern gibt und die Luft der Weltkirche zu atmen.
Theologisch problematisch sind nach wie vor diese Massenmessen, aber ich habe es in Freiburg erlebt wie nach der Wandlung 100.000 dabei waren in Stille zu versinken und dann setzte diese Musik wieder ein und der Moment war verpasst. Man sollte den Mut haben die WJT's klassischer mit mehr Stille zu zelebrieren!
Möglicherweise wäre es auch besser das man mehrere Altäre aufbaut und die Messen gleichzeitig feiert.
Also alle feiern an verschiedenen Orten die gleiche Messe. Ich denke mit modernen technischen Mitteln müsste das gehen.

Ester hat gesagt…

P.S sollte im zweiten Satz Animateure heißen.

Alipius hat gesagt…

@ Ester: Ich sehe nicht, warum die beiden Dinge zusammengehören müssen: Ist jeder Bischof, der sich daran erinnert, daß er einmal jung war, automatisch ein Bischof, der sich zum Affen machen läßt?

Martina Baro hat gesagt…

Du sprichst etwas Wichtiges an, Alipius, wenn Du Dich fragst, wo die Langzeitwirkung von Großveranstaltungen bleibt. Nicht immer und nicht überall kannst Du den Messfühler dran halten. Oder es kommen Wirkungen, mit denen keiner rechnet.
Unser Stadtdekan z. B. empfing seine Berufung zum Priestertum in Taizé und betont das ausdrücklich.
Und ich kenne Menschen, die sich sozial engagieren, weil sie durch ein bestimmtes Ereignis aufgerüttelt wurden. Diese Menschen bekommen Kinder, arbeiten und verbringen ihre Freizeit mit Freunden. Langsam, aber sicher sickert der Heilige Geist in alle Ritzen, ungeachtet, ob wir mitbekommen, wie und wann es geschieht.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Die Erinnerung an eine rundum gelungene Großveranstaltung, bei der man erleben konnte, daß die katholische Kirche unzählige sehr verschiedene Menschen verbindet, ist doch sehr wünschenswert.
Daß Erinnerung nicht statisch ist, sondern sich ändert, vielleicht verblaßt, vielleicht verklärt wird, das wissen wir eh. Aber daß auch eine wundervolle Veranstaltung nicht für immer in allen Teilnehmern nachwirkt, sagt doch nichts gegen die Veranstaltung.
Im Gegenteil, gerade weil wir so gestrickt sind, daß wir immer wieder neu erinnert werden müssen an Selbstverständlichkeiten wie Gottes Gegenwart, macht solche Veranstaltungen wertvoll.
Übrigens halte ich Bischöfe generell für gefestigt genug, sich nicht zu etwas bringen zu lassen, was sie eigentlich nicht wollen. Wenn tanzen, dann tanzen - wer nicht wollte oder konnte, hat es sicher ganz einfach gelassen. Und dieser Tanz wurde ja nicht einer Messe übergestülpt.

Ester hat gesagt…

@ Alipius ein Bischof der sich daran erinnert dass er auch mal jung war, macht sich nicht zum Affen.
Aber diese Bischöfe machen sich zum Affen, weil sie so tun, als würden sie sich daran erinnern dass sie auch mal jung waren!
Die meisten Bischöfe sind leicht älter als ich, und haben sich als sie junge waren nicht so verrenkt.
Selbst als ich jung war, haben wir allerhöchsten Hava Nagila getanzt.
Ansonsten Disco Fox und Stehblues.
Andere Tanzarten, z.B als Funkenmariechen, gehörten eindeutig auf die Bühne an Fasching, aber nicht in der Kirche.
Diese merkwürdigen jazztanzartigen Massentänze sind was für Leute die später jung waren.

Alipius hat gesagt…

@ Ester: Okay, also wollen wir dann jetzt hier tatsächlich darüber debattieren, ob es um das Prinzip "Tanz" geht oder darum, welche Art von Tanz auf authentische Jugenderinnerungen hinweist?

Ester hat gesagt…

@ Alipius nee diskutieren müssen wir das hier nicht, scheint eine Geschmacksfrage zu sein, ich finde es albern und doof, aber wenn die Eminenzen halt meinen.....
Wobei ich halt zweifle ob das die Art Tanz ist, die dein Ordensnamensgeber gemeint hat, als er sagte "Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel nichts mit dir anzufangen!"

Anonym hat gesagt…

Wäre ich nicht auf dem Weltjugendtag gewesen, würde ich wohl auch in den Chor der Mama-mia-wie-jeck-die-Bischöfe-jetzt-sind-Schreier einstimmen. Nein, so etwas kann man doch nicht machen!

ABER, nachdem wir spät in der Nacht in einer brasilianischen Millionenmetropole, wo Menschen eine Glühbirne unter die Autobahnbrücke hängen und so ihr Gasthaus haben, wo ein einfacher Ziegelbau mit Wellblechdach als Pfarrkirche dient, wo noch aus der elendigsten Hütte Lachen hervordringt, nachdem wir dort mit einer Liebe und Begeisterung mit Tanz und Gesang empfangen worden sind; nachdem wir geldschweren Europäer von herzensreichen Menschen in deren kleinen Häusern reich beschenkt wurden; nachdem wir erfahren konnten, dass wahrer Reichtum nichts mit Geld-Haben zu tun hat; nachdem wir während 14 Tagen von Glaubensfreunde der Brasilianer in Musik, Lied und Tanz mitgerissen wurden; nachdem ein lokaler, junger Vorstadtpfarrer und Pfarreigründer uns immer wieder herausforderte im Vertrauen auf den Herrn unsere Beschränkungen und Begrenzungen hinter uns zu lassen als Christi Brüder und Schwestern Neues zu wagen und so Gott zu entdecken, zu verspüren, seine Liebe weiter zu tragen und in Treue zur Kirche zu stehen; nachdem in den aktuellen „Brasilianischen Wirren“ Millionen von Menschen friedlich zusammen gebetet und gefeiert haben; nachdem unser Heiliger Vater uns in seinen Ansprachen und Predigten immer wieder eingeladen hat den Glauben ganz zu leben und nicht als Wohnzimmer-, Bibliotheks- oder Sakristeichristen zu verstauben, war eben die Stimmung voll solcher Glaubensfreude, dass auch bei Bischöfen die menschliche Stimme allein nicht mehr ausreichte um das Lob Gottes auszudrücken.

Ich bin zwar kein Bischof, aber auch ich habe getanzt – obwohl mich keiner dazu gezwungen hat. (Übrigens die Bischöfe wurden auch nicht dazu genötigt!) Zuhause hätte ich das vorher nicht getan. Aber die Erfahrungen in Brasilien haben mich in dieser Hinsicht etwas weitergebracht. Obwohl die Freude an gepflegter Gregorianik bei mir auch weiterhin besteht.

Warum sollten wir nicht in der katholischen Kirche die verschiedenen Formen des Gotteslobes zu mindest respektieren? Es ist klar, es muss ja nicht unbedingt meine Form werden, aber wer bin ich, dass ich über andere und ihre Art und Weise den Herrn zu preisen urteile ? Übrigens, die Feiern der hl. Messe, welche ich in Brasilien mitfeiern durfte, ob es mit Papst Franziskus oder in irgendeiner lokalen Gemeinschaft war, waren immer rite et recte. Selbst in unserer Wellblechpfarrkirche kannte man den Gebrauch von Messgewand, Weihrauchfass und Evangeliar. Solche frohe, aber auch kirchentreue Gottesdienste würde ich mir auch immer in unseren puttenschweren Barockkirchen, in unseren romanischen, gotischen oder neo-irgendwas Gotteshäusen wie auch architekturpreisgekrönten Betonbunkerkirchen wünschen. Ebenso diese Glaubensfreude!