Montag, 22. Juli 2013

"Ist das ein Mensch oder kann das weg?"

Unter dem gestern von mir verlinkten Geistbraus-Artikel sind mittlerweile noch einige Kommentare hinzugekommen. Ich habe sie studiert und nach Lektüre der teils ziemlich interessanten Aussagen nochmals meine eigene Einstellung zur Kunst überprüft.

Das böse Geständnis gleich zu Beginn: Auch ich denke oder sage hin und wieder mal "Das ist doch keine Kunst"!

Allerdings bedeutet dieser Satz streng genommen, daß mir das Kunstwerk, welches ich mit dieser Formulierung abgeschossen habe, schlicht nicht gefällt, daß es mich nicht berührt, daß ich es irgendwie iggitig finde oder so. Dieser Satz bedeutet nicht, daß ich anderen Menschen nicht zugestehe, das Werk als Kunst zu betrachten, daß ich die Entfernung oder Zerstörung des Werkes wünsche oder daß ich die Entfernung oder Zerstörung des Werkes stillschweigend guthieße. Ich mache es mir nur einfach und verkürze den Satz "Das ist nach meinem Empfinden und für mich ganz persönlich keine Kunst" in "Das ist keine Kunst", wohl wissend, daß ich mir den Luxus der Verkürzung leisten kann, weil es genügend andere Leute gibt, die in dem Werk Kunst sehen und somit die Sache unter zivilisierten Menschen okay ist.

Ich spreche also nicht dem Werk sein Kunstsein ab, sondern erkläre nur, daß ich sein Angebot ("Du darft mich - wie viele andere Menschen auch - gerne als Kunst betrachten!") nicht annehme ("Ich habe dich betrachtet, aber ich fand die Kunst nicht!").

Der letzte Satz im Geistbraus-Artikel ("Wer sagt, ein Picasso sei keine Kunst, sagt auch, ein Neger sei kein Mensch") ist natürlich an Heine angelehnt. Geistbraus liefert im Kommentarbereich auch die Original-Formulierung: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen".

Hier wird - neben dem von mir im ersten Artikel zum Thema angesprochenen Unterschied (zwischen "Kunst" und "Mensch") - ein weiterer Unterschied deutlich, nämlich der zwischen "Sagen" ("Wer sagt, ein Picasso sei keine Kunst...") und "Verbrennen" ("... dort wo man Bücher verbrennt..."). Aber genau dieser zweite Unterschied hat mir dabei geholfen, die Überspitzung endgültig richtig einzuordnen und die in ihr enthaltene richtige und gute Lehre freizulegen:

Natürlich geht es auf keiner der beiden Seiten um blinde Verallgemeinerung. Wenn ich sage "Das ist doch keine Kunst", dann meine ich damit nicht, daß es für niemand anderen Kunst sein darf und sofort zerstört gehört. Wenn der Geistbraus sagt "Wer sagt, ein Picasso sei keine Kunst, sagt auch, ein Neger sei kein Mensch" dann meint er damit nicht, daß automatisch dort, wo der Satz fällt "Dieser Picasso ist keine Kunst", Augenblicke später Jagd auf vermeintlich nicht-menschliche Menschen gemacht wird.

Der Geistbraus kennt aber die Geschichte und sicher auch die Menschen und er weiß, daß man eben schon mal von der Bücherverbrennung und der "entarteten" Kunst ziemlich schnell zur Massenvernichtung von Menschen überging. Und wer sagt denn, daß so etwas nie und nimmer wieder geschehen kann? Und wer sagt, daß der Satz "Picasso ist keine Kunst" nicht irgendwann die Vorstufe zum Verbrennen von Kunst sein kann, so, wie das Verbrennen von Büchern einst die Vorstufe zum Holocaust war? Diesen Gedankengang hat der Geistbraus bereits in seinem Artikel mit anderen Worten aufgeführt, aber ich war einerseits vom Picasso/Neger-Vergleich erst einmal zu geblendet, und fühlte mich auch beim ersten Lesen zu unangesprochen, da ich nicht zu den Leuten gehöre, die anderen das Menschsein absprechen. Aber es gibt leider solche Leute, und wer weiß, was bei ihnen der zündende Funke ist?

Ich werde also künftig mit dem Satz "Das ist keine Kunst" so vorsichtig umgehen, daß ich ihn - wenn überhaupt - nur noch in Gegenwart vertrauenswürdiger und unverdächtiger Menschen ausspreche. Ich will wirklich nicht zum Ideengeber oder gar Schleppenträger keulenschwingender, bücherverbrennender, kunstalsentarteterklärender Bananenbieger werden, die sich dann später (wenn keine Bücher und keine Kunst mehr übrig sind) vielleicht auf Menschen stürzen.

Außerdem ist es eine gute Übung: Ich habe für mich ausgemacht, daß ich nicht nur allen Menschen ihre Meinung lasse (da mich noch keine Meinung getroffen hat, die so verletzend war, daß ich sie nicht ertragen konnte) sondern daß ich tatsächlich auch für das Recht der Menschen einstehen möchte, ihre Meinung zu sagen (und sei sie mir noch so zuwieder). Tue ich das nicht, dann ist meine Meinung vielleicht die nächste, die nicht mehr geäußert werden darf. Und frei nach diesem Modell soll auch all dies Kunst sein, was von den Menschen dazu erklärt wird. Klar: Es gibt wirklich Kunstwerke, die ich persönlich nicht vermissen würde. Aber es geht hier ausnehmsweise mal nicht nur um mich. Es gibt sicherlich Leute, denen genau diese Kunstwerke sehr viel bedeuten. Und daher sollen diese Werke nicht nur weiter existieren, sie sollen auch als Kunst gelten. Denn gibt man zufällig erst einmal genau die Kunstwerke zum Abschuß frei, die ich grottig und eklig finde, und schaue ich mir das Ganze teilnahmslos an, wer sagt denn, daß dann nicht morgen schon plötzlich gothische Madonnen, Tietz-Putti und Portraits von prunkigen Barockprälaten auf der Kill-Liste stehen?

Das Motto des "Leben und leben lassen" klingt für mich immer zu passiv und greift auch oft zu kurz. Hin und wieder muß man schon mit dem Anderen und für den Anderen um das kämpfen, was man selbst auch gerne für sich in Anspruch nähme, auch wenn man selbst im Moment nicht zur gefährdeten Gruppe zu gehören scheint.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Reverende Domne,

ich halte Geistbrausens Analogsetzung von »objektiv« (soweit das die Erkenntnistheorie halt zuläßt) feststellbar vorliegendem menschlichem Genom mit einem gerade heutzutage nahezu beliebig »definierbaren« Begriff von »Kunst« für völlig verfehlt!

Ein Neger ist ein Mensch, da er mit anderen menschlichen Rassen ein gemeinsames menschliches Genom hat (lassen wir der Einfachheit halber jetzt mal naturwissenschaftlich unnachweisbare Aspekte wie »Seele« etc. außen vor).

Wenn ein Mitglied der Wiener Aktionistengruppe (ich glaube es war Rühm) in den 60er-Jahren auf ein Brett geschissen hat und dies als »Aktionskunst« bezeichnete, dann bin ich — und ich betone ausdrücklich: nicht in Ihrem Sinne einer bloß verkürzenden Sprechweise! — völlig berechtigt zu sagen: »Das ist keine Kunst sondern Scheiße«.

Ich bin von Herzen liberal genug, Herrn Rühm die Freiheit zu lassen, seine Scheiße ganz nach Gusto auch als »Kunst« zu definieren. Ich nehme mir dafür aber exakt dasselbe liberale Recht, seine »Kunst« als Scheiße zu bezeichnen.


Und ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich mir deshalb nachsagen lassen soll, ich wäre ein latenter Nazi und KZ-Scherge, nur weil ich Scheiße nicht als Kunst betrachte.

Le Penseur hat gesagt…

Kleine Ergänzung zu obigem Kommentar:

Andreas Unterberger bringt zur Frage »Was ist/darf Kunst?« weitere interessante Facetten ins Spiel.

Monika hat gesagt…

Hochverehrter Herr Alipius

Ist Ihr Beitrag richtig verstanden, wenn daraus geschlossen wird, daß Sie in Zukunft dafür eintreten, daß Femen, Abtreibungsgegner, Holocaustleugner und Nationalisten frei ihre Meinung vertreten können?

clamormeus hat gesagt…

@Alipius

Bin im großen ganzen d'accord. Nur eben: die NS haben "entartete Kunst" gesagt und halt nicht "Kunst" und schon gar nicht: "Das ist keine Kunst".
Heißt: sie haben den Künstlern eben nicht das Künstlersein abgesprochen, sondern sie verfolgt und ihre Werke vernichtet, weil ihnen diese Kunst nicht paßte und meinten, sie habe kein Daseinsrecht.

Im Gegensatz dazu, tobte in ganz Europa ein Kampf der Kunstkritiker und des Publikums oft bis hin zu Saalschlachten, pausenlos sprachen sich auch Künstler öffentlich gegenseitig ab, welche zu sein. Dennoch führte das eben nicht zu solchen Staatsverbrechen wie in D.

Also eine Art geistiger Komplizenschaft zu konstatieren allein durch das persönliche Werturteil "Das ist keine Kunst" greift daneben, das heißt doch nicht, daß ich dann billige, daß das Werk zu vernichten sei.

Der Rest ist bei Geistbraus gesagt

Alipius hat gesagt…

@ Le Penseur: Ich glaube aber nicht, daß der Geistbraus auf ein apoditisches Urteil der Art "Wer Kunst als Scheiße bezeichnet ist notwendigerweise ein latenter Nazi" hinauswollte. Wenn mein Gefühl mich nicht täuscht, wollte er nur vor mölgicher Eskalation bzw vor möglichen Konsequenzen warnen, die - wie die Geschichte gezeigt hat - auftreten können (nicht müssen). Ich denke, daß es hier in der Tat eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt, wo man auf der einen Seite Menschen ohne Bedenken abwertend über Kunst reden lassen kann, weil ihnen das Potential abgeht, daraus weitere,s chreckliche Schritte abzuleiten, und wo auf der anderen Seite Menschen nicht einmal hören sollten, daß abwertend über Kunst geredet wird, weil sonst gleich Taten (z.B. Säureangriffe auf Kunstwerke - die abzulehnen sind, auch wenn diese von Ihnen und von mir nicht als solche betrachtet werden; körperliche Angriffe auf Künstler - die abzulehnen sind, auch wenn Sie oder ich finden, daß ihm eine Watschn ganz gut täte) folgen.

P.S.: In dem von Ihnen aufgeführten Beispiel haben wir natürlich das Problem, daß es sich bei der Kunst wirklich um Scheiße gehandelt hat.

@ Monika: So halb. Ich werde nicht von mir aus ohne Anlaß noch mehr Femen-Aktionen oder Holocaustleugner-Statements einfordern oder präventiv schon vor einer NPD-Versammlung für deren Redefreiheit protestieren. Aber ich werde dafür eintreten, daß ihnen nicht der Mund verboten wird, weil ich immer noch darauf hoffe, eines Tage in einer Gesellschaft zu leben, in welcher die Meinungen aus allen Ecken und Enden kommen können, weil die Mitglieder dieser Gesellschaft reif genug sind, auch ohne Verbote richtig zu denken und zu empfinden.

Alipius hat gesagt…

@ clamoermeus: Richtig. Aber auch hier glaube ich, daß der Geistbraus eben nicht automatisch geistige Komplizenschaft feststellen wollte, sondern nur vor den Gefahren der geistigen Komplizenschaft warnen wollte. So kam's zumindest bei mir an.

clamormeus hat gesagt…

Wobei ich diese Warnung ja auch berechtigt finde, zumal wenn Leute heute schon wieder kaum noch durch die Blume verhüllt zu einer Bilderverbrennung "recht so" absondern.
Daß man solche Leute nicht unbeabsichtgt füttern soll, sehe ich ja auch so.

Geistbraus hat gesagt…

ist ja lustig, Le Penseur kritisiert mich hier und Alipius antwortet...

Da lehn ich mich doch einfach mal ganz entspannt zurück ;)

Im übrigen hab ich mich jetzt dem Thema nochmal aus einer anderen Richtung genähert.

Le Penseur hat gesagt…

@Geistbraus:

Daß ich sie hier kritisiere und nicht auf Ihrem Blog liegt daran, daß schonbei Ihnen postete, spurlos im E-Nirvana verschwunden sind (weiß der Kuckuck, warum!).

Und da ich nicht gern Kommentare für die sprichwörtliche Wetti-Tant' schreibe, habe ich es eben hier getan.

Vielleicht schreibe ich auch noch einen Artikel dazu auf meinem Blog dazu, bin aber dzt. etwas im arbeitsmäßigen Streß ...

Geistbraus hat gesagt…

@Le Penseur: das ist merkwürdig, diesen Kommentar finde ich nichtmal im Spam wieder! Eigentlich dachte ich, ich hätte das Problem jetzt im Griff... merkwürdig, tut mir leid!

Dann antworte ich jetzt auch hier, obwohl ich nicht viel mehr sagen kann, als ich in diversen anderen Kommentaren bereits geschrieben habe und auch Alipius bereits ausgeführt hat:

mir geht es v.a. darum, dass ich nicht in einem von Ressentiments geprägten Klima leben möchte. Ich wünsche mir von allen Seiten Offenheit und Neugierde, sowohl gegenüber moderner Kunst, wie auch gegenüber Katholizismus, Konservatismus oder Libertarismus. Man kann das dann letztendlich ablehnen, aber trotzdem Respekt und prinzipielle Wertschätzung für jemanden aufbringen, der eine Sache engagiert und professionell macht.

Wenn man das nicht tut, heißt das natürlich nicht, dass man deshalb sofort zum KZ-Aufseher taugt. Aber umgekehrt wären solche barbarischen Abirrungen der Geschichte ohne ein entsprechend ressentimentgeladenes Klima nicht denkbar gewesen. Nicht mehr und nicht weniger will ich sagen.

PS. Dass Kunst, die offen die "Kunstfrage" stellt, wie eben viele Aktionen der 60er Jahre, entsprechende Reaktionen provozieren darf, ist klar. Aber das ist nun fünfzig Jahre her. 99% der zeitgenössischen Künstler beschäftigen sich heute mit ganz anderen Dingen. Ich finde es auch symptomatisch, dass immer die gleichen Beispiele kommen (Wiener Aktionisten, Beuys usw.) - das deutet für mich darauf hin, dass eine entsprechende Offenheit und Neugier eben nicht gegeben ist, sondern man lieber die alten Klischees aufwärmt.

Le Penseur hat gesagt…

@Geistbraus:

Wiewohl ich vielen Ihrer Ausführungen gerne zustimmen kann — das prinzipielle Problem bleibt bestehen: wenn man verneint, daß es einen sozusagen »objektiven« Kunstbegriff gibt, sondern (vereinfacht gesprochen) den Begriff »Kunst« inhaltsfrei als »alles, was als Kunst bezeichnet wird« ad libitum stellt, dann ist für mich nicht einsichtig, warum es dann auf einmal illegitim sein soll, im Gegenzug etwas — ebenso ohne eine inhaltlich Begründung dafür vorlegen zu müssen — als »keine Kunst« zu bezeichnen. Das ist völlig klassisches Retorsionsrecht: »Du drückst mir Deinen Kunstbegriff auf's Aug, und ich Dir den meinen!«

Ich fände eine inhaltliche Definition von »Kunst« freilich sinnvoller. Nur ist dies

1. schwierig, weil den Erwerb eines soliden kunsthistorischen Wissens voraussetzend,

2. besonders schwierig, weil ein Menge hochsubventionierer »Künstler« dann auf einmal keine mehr wären, und

3. ganz exorbitant schwierig, weil unsere p.t. Politruks v.a. der linken Reichshälfte sich dann ihre zwecks Imagebehübschung gekauften »Intellektuellen« aufzeichnen könnten — denn die leben davon a) daß sie stimmung für linke Politiker machen und b) im Gegenzug dafür jeden Schwachsinn subventioniert bekommen.

Wenn man sich daher nicht dazu bequemen wird wollen, Kunst inhaltlich zu definieren, ist die ganze Diskussion eigentlich zum In-die-Haare-Schmieren ...

Geistbraus hat gesagt…

@Le Penseur: wir können gerne darüber sprechen, ob/wie man die Grenzen von Kunst definieren kann/soll/muss. Ich wollte nur vermeiden, dass sich das mit der anderen Diskussion (jener der Umgangsformen - und ja, leider sehe ich in Ihrem Kommentar schon wieder ein "Künstler" in Anführungszeichen...) vermischt.

Ich halte das Unterfangen, die Grenzen von Kunst zu bestimmen, immer für relativ fruchtlos. Das hat auch persönliche Gründe. Ich nehme die Welt als Kontinuum wahr. Ich habe in meiner Lebensführung genausowenig eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, wie ich eine strikte Scheidung von Kunst und Alltag erlebe(n möchte).

Anders gesagt: die Emotionen, die ich beim Hören von Schumann oder Mahler erlebe, sind nicht unvergleichbar denen, die ich erlebe, wenn ich im Park in der Sonne liege, wenn ich mit einem hübschen Mädchen spreche oder die hl. Liturgie mitfeiere. Das ganze Leben ist von ästhetischer Erfahrung durchsetzt (ohne sich darauf zu beschränken), und ich finde es das große Verdienst der Aktionskünstler, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass Kunst (wie i.Ü. auch Religion) uns als ganzen Menschen betrifft und nicht nur jenen Teil von uns, der abends zur Rekreation ins Abonnementskonzert (oder sonntagfrüh in die Messe) geht.

Darum würde ich tatsächlich frei nach Beuys sagen: Alles kann Kunst sein - wobei ich es lieber anders formulieren möchte: Alles kann schön sein. Ja sogar: Alles soll schön sein. Und wir sollen dazu beitragen, die Welt schöner und lebenswerter zu machen. Das kann man innerhalb der etablierten Kunstinstitutionen tun oder außerhalb, es ist nichts grundsätzlich verschiedenes. Darum finde ich eine Diskussion über die Grenzen der Kunst so fruchtlos. Am besten wäre es, Schönheit hätte keine Grenze. Und als Christ glaube ich daran, dass dereinst im Paradies alles von der Schönheit Gottes erfüllt sein wird. Und auf Erden eine Vorahnung des Paradieses zu schaffen, ist meine Aufgabe als Mensch, Christ und Künstler.

Le Penseur hat gesagt…

@Geistbraus:

Der »Künstler« in Anführungszeichen ist bspw. einer, der keiner wäre, wenn er sich mit seiner »Kunst« unsubventioniert fortbringen müßte. Und es, darauf gehe ich jede Wette ein, auch nicht könnte.

90% von dem, was uns heute als »moderne Kunst« verkauft wird, würde unsubventioniert schlichtweg nicht produziert werden.

Nochmals: ich lasse einem Nitsch, der Leinwände mit roter Farbe beschüttet oder Stiere ausweidet unbestritten das Recht, das für sich (sic!) als »Kunst« zu bezeichnen. Ich verlange für mich nur genau dasselbe Recht, es eben als »keine Kunst« zu bezeichnen! Und mich entrüstet es nur, wenn ich sehe, daß das Land Niederösterreich (das ohnehin bis über den Stehkragen verschuldet ist!) diesem »Künstler« Nitsch Riesenbeträge zur Gestaltung eines »Nitsch-Museums« nachwirft (das ein subventionsfinanziertes Millionengrab ist, das v.a. auf Staatskosten durchgeschleifte Schulklassen frequentieren).

Wenn Nitsch Bilder beschüttet und dafür am freien Markt Käufer findet und sich sein Museum damit selbst finanziert, habe ich nichts dagegen. Ich habe auch nichts dagegen, daß ein Herr Mateschitz ein m.E. unsaufbares Energy-Getränk herstellt, bei dessen Geruch mir schon der Magen hochkommt, und damit Milliarden verdient. Soll er, aber eben nicht an mir, in ich kaufe sein Zeug einfach nicht! Und er wird auch nicht staatlich subventioniert (über meine Steuern!) ...

Dennoch: so wie Mateschitz frei ist, sein Red Bull zu produzieren, bin ich berechtigt, es als ekelerregend zu bezeichnen. Und so, wie ein unsubventionierter Nitsch berechtigt ist, Schüttbilder nach Gusto und Laune zu produzieren, bin ich es, sie als bloßen Humbug zu bezeichnen.

»Vorahnungen des Paradieses«, die ihre Existenz einer Subvention der NÖ Landesregierung verdanken, haben für mich was mißliches, da ich persönlich sie eher als »Vorahnungen auf einen Subventionsbescheid« interpretiere — und insbesondere, wenn ich mit Max Liebermann dazu sagen muß: »Sowat piss ik in'n Schnee ...«

Geistbraus hat gesagt…

Nagut, lieber Penseur, dann bin ich also in Ihren Augen kein Künstler. Auch ich bin auf die - allerdings keineswegs reichlich fließenden und alles andere als leicht erhältlichen - staatlichen Kultursubventionen angewiesen, habe daneben einen Brotjob, der ebenfalls alleine nicht zum Überleben reicht, und komme mit beidem zusammen gerade mal so über die Runden. Und viele meiner Künstlerfreunde haben noch weitaus größere Geldprobleme.

Vielleicht klingt es merkwürdig aus meinem Munde, der ja als eifrei-Autor zumindest teilweise libertäre Ideen teilt: aber ich wehre mich ebenso wie gegen die Diktatur des Gutmenschentums, des Antifaschismus, des Relativismus usw. auch gegen die Diktatur des Marktes. Natürlich können wir die Kultur dem freien Spiel des Markts anvertrauen, dann bleibt wie in Amerika nur noch Massenkultur und Pop übrig. In so einem Land möchte ich nicht leben.

Ich bin Europäer aus Überzeugung und stehe in der Tradition einer Gesellschaft, die sich - gegen die Regeln des Marktes - seit Jahrhunderten eine vermeintlich nutzlose Hochkultur leistet. Vor diesem Hintergrund lasse ich mir nicht von einem ideologisch bornierten österreichischen Blogger sagen, ich sei kein Künstler. Haben Sie dann bitte wenigstens die Eier und sagen konsequenterweise, dass auch Mozart, Schubert und Hölderlin, die ebenfalls nicht von ihrer Kunst leben konnte, keine Künstler waren. Sorry. An diesem Punkt endet die Diskussion.

Le Penseur hat gesagt…

@Geistbraus:

Ihre Vergleiche hinken ein wenig. Mozart konnte von seiner Kunst leben, und das nicht zu knapp — er hatte nur leider viele Talente, sein Geld zu verplempern ... dennoch: die G'schichterln mit "Armengrab" etc. kann man getrost als rührselige Geschichtsklitterung vergessen!

Schubert lebte in Not und war ein Künstler. Mir ist deshalb auch nicht bekannt, daß er deshalb einer staatsnahen Künstlerhilfsorganisation beitrat oder Werbesongs für Fürst Metternich vertonte. Und darum gin's in meiner Kritik, nicht darum, daß ein Künstler von seiner Kunst nicht leben kann! sondern daß er durch polit-nahe Willfährigkeit auch als bloßer »Künstler-Darsteller« heute leben kann, und je linker und zeitgeistiger, desto besser.

Den »ideologisch bornierten Blogger« verzeihe ich Ihnen gern (immerhin dokumentiert der Ausfall, daß meine Kritik einen Punkt getroffen hat). Nur lassen Sie sich von diesem ideologisch bornierten Blogger vielleicht kurz sagen, daß dieser gerade von Musiktheorie und Kunstgeschichte aufgrund seiner jahrelangen Studien auf beiden Gebieten (jeweils bis knapp vor der Graduierung — ihr Unterbleiben hatte ausschließlich tragische familiäre Gründe), sehr wohl was versteht.

Aber vielleicht sollten wir die Diskussion ohne persönliche Spitzen doch fortsetzen.

Imrahil hat gesagt…

Tja... man darf bekanntlich den Teufel nicht an die Wand malen. Die Nazis haben "entartete Kunst" gesagt, aber was sie verfolgten, war nicht entartet; das hat teilweise sogar Hitler selbst gewußt (die Werke dann aber für politisch nicht vermittelbar gehalten, etc.).

Nichtsdestoweniger kann es tatsächlich entartete Kunst geben. In der Schule ist umgekehrt "entartete Literatur" der Name einer literarischen Epoche (nämlich der Naziepoche).

Und schließlich das Argument, daß ich hier beim Überfliegen im Kommentar von @clamormeus mitbekommen habe: entartete Kunst ist immerhin Kunst. Ein Beispiel dafür wäre der sogenannte "Schund und Schmutz", der sich in Art. 110 II BV findet und, sagen wir einmal, in Ch. Roches "Feuchtgebieten" ein aktuelles Beispiel gefunden hat. Nein, das ist nicht Nicht-Kunst.

(Wobei auch in den ns-unverdächtigen 50er Jahren sehr vieles Schund genannt worden ist, was tatsächlich bloß weniger-gut war. Man darf eben den Teufel nicht an die Wand malen und dem puritanischen Irrtum von der Gleichsetzung des Gewöhnlichen und leicht Genießbaren mit dem Schlechten nicht anhängen. Die Unterscheidung von E- und U-Musik ist eine Bankrotterklärung, und Horaz hatte, wenn man unser Lateinwörterbuch ernstnimmt, Unrecht: er hätte statt seines "aut ... aut" "vel ... vel" sagen müssen.)

Es gibt aber durchaus auch Nicht-Kunst.

Ich weiche wieder auf die Literatur aus, in der ich mich ein wenig besser auskenne: Unabhängig von meiner politischen Meinung (sie ist ablehnend) dazu ist Günter Grass' Israel-"Gedicht" kein Gedicht. Es handelt sich um einen, ich will nicht bestreiten künstlerisch (an die Grenze des Aufgesetzten, aber *das* ist Geschmackssache) bearbeiteten, kurzen Beitrag in Form der politischen emotionalen Rede. Als solche, auch das will ich nicht bestreiten, Literatur.

Aber Einfügen von Zeilenabständen macht kein Gedicht, und ebenso ist auch nicht alles, was sich "Kunst" nennt, "Kunst".

Also: man braucht einen objektiven Kunstbegriff, und zwar allein schon deswegen, weil man über Kunst reden will.

Ob man einen solchen, über den ja viel gestritten wird oder wenigstens noch werden muß, zum Gegenstand von Gesetzen machen will, ist eine ganz andere Frage. Es spricht auch einiges dafür, zu sagen: Lieber gehen ein paar Millionen flöten als daß wir uns an so etwas herantrauen auf die Gefahr hin, es falsch zu machen. Von politischer Verfolgung einmal abgesehen, fällt mir das vorhin erwähnte puritanische Mißverständnis ein: Man denke, in den 1950er Jahren hätte man beispielsweise Elvis Presley nicht für einen Musiker gehalten! Man denke umgekehrt, wer heute eine naturgetreue Landschaftsmalerei macht, würde vielleicht nicht für einen Künstler gehalten!

Aber wer persönlich über Kunst spricht, braucht einen Kunstbegriff (sei es auch einen nicht explizierten) allein schon um mit dem Wort tatsächlich etwas zu meinen.

Was für mich (dafür danke @Geistbraus für den Hinweis) dazu eindeutig dazugehört, ist das Streben nach dem Schönen. Was schonmal ein paar der besonders "anrüchigen" modernen Kunstwerke ausschließt, die ja nach dem Häßlichen streben. Weiter will ich jetzt nicht weiterdefinieren.

Imrahil hat gesagt…

Zum Abschluß noch ein paar Zitate:

"Sie sind so häßlich, sie könnten fast ein modernes Kunstwerk sein." (GySgt Hartman)

"Ein Mensch hält an dem Grundsatz fest,
Daß über Kunst sich streiten lässt.
Er widersteht den Avangarden
Und ihren wortgewandten Barden.
Modern sein kann heut jeder gut-
Altmodisch sei: dazu brauch's Mut!
Selbst jung, hat er sich zu den jungen
Expressionisten durchgerungen
Und meint, er habe es geschafft.
Jedoch mit neuer Schöpferkraft
Beginnen nunmehr die Tachisten
Picasso selbst mit auszumisten.
Der Mensch beflügelt seinen Schritt
Und wirklich kommt er grad noch mit.
Wild schreit der Avantgarde: "Patzer!"
Und ritzt in leere Flächen Kratzer.
Der Mensch, nur dass er modern,
Beschwört, er sehe so was gern.
Die Jüngsten halten das für Dreck
Und lassen selbst die Kratzer weg.
Der Mensch muß arg sich überwinden,
Um das als Kunst noch zu empfinden.
Er stellt, um ja nicht zu erlahmen,
Sich brav vor leere Bilderrahmen:
Ein bisschen scheints ihm übertrieben-
Schon gilt er als zurückgeblieben." (Eugen Roth)

"Ein Mensch malt, vor Begeisterung wild,
drei Jahre lang an einem Bild.
Dann legt er stolz den Pinsel hin
und sagt: "Da steckt viel Arbeit drin."
Doch damit war's auch leider aus,
die Arbeit kam nicht mehr heraus." (Eugen Roth)

Und von Eugen Roth gibt es noch ein anderes Gedicht, daß ich leider nicht zitieren kann, wo einer sachte die moderne Kunst kritisiert und dann von einem Nazi lebhaft unterstützt wird, naturgemäß drüber sehr peinlich berührt ist.

(Ich halte übrigens Eugen Roth nicht für Trivialliteratur.)