Donnerstag, 18. Juli 2013

Gleichheit/Gerechtigkeit, mal wieder...

Bereits im Januar hart der Bundesbedenkenträger dieses Bild veröffentlicht:


Er schreibt dazu:
    Wobei, Gleichheit hat man da ja auch. Beim Ergebnis, aber nicht bei den Voraussetzungen.
Diese Beobachtung über die Gleichheit führt meiner Meinung nach auch zu einer wichtigen Erkenntnis über die Gerechtigkeit.

Auf jeder der beiden Abbildungen sieht man jeweils eine Situation der Gleichheit (grüne Linie) und eine Situation der Ungleichheit (rote Linie). Für sich genommen (also losgelöst von der Situation des Über-den-Zaun-Blickens) sagen diese Zustände der Gleichheit bzw Ungleichheit aber noch nichts über Gerechtigkeit aus:


Angenommen, diese drei unterschiedlich großen Jungs stehen irgendwo mitten auf einer grünen Wiese und drehen Däumchen. Plötzlich kommt ein Bauer mit einem Taktor vorbei, mit dem er einen Anhänger zieht, auf dem leere Holzkisten stehen. Der Bauer hält an, steigt aus, lädt drei der Kisten ab und sagt zu den Jungs: "Hier! Drei Kisten! Teilt sie brav untereinander auf!"

Da die Jungs mit ihrem Herumstehen auf der Wiese nicht andeuten, daß sie einem bestimmten Ziel hinterhercheln oder auf ein bestimmtes Ergebnis hinarbeiten, schaut die sowohl "gleiche" als auch "gerechte" Verteilung der Kisten so aus: Jeder bekommt eine. Auf die kann er sich dann stellen oder setzen oder hocken. Oder er kann sie auf dem Kopf balancieren. Oder er kann versuchen, sie zu öffnen. Was auch immer... Es gibt (wenn man mal vom "Recht des Stärkeren" absieht) jedenfalls keinen vernünftigen Grund, warum einer der Buben zwei Kisten erhalten sollte während einer der beiden anderen leer ausgeht. Die Kisten sind gleich verteilt, und auch das Ergebnis ist gleich: Jeder der Jungs hat eine Kiste, mit der er machen kann, was er will. Dies ist eine Situation, die unter den gegebenen Voraussetzungen und vor dem Hintergrund eines nicht erkennbaren Zieles gerecht ist.

Stehen die Drei aber vor einem Holzzaun, hinter dem ein spannendes Sportereignis stattfindet (also kein Baseballspiel), so wird Gleichheit erzielt, indem man die Holzkisten so anordnet, daß alle drei Buben die gleichen Chancen haben, über den Zaun zu blicken. Die Verteilung der Kisten ist ungleich, aber da alle drei das von ihnen angestrebte Ziel erreichen - Blick über den Zaun - ist das Endergebnis gerecht.

Gleichheit und Gerechtigkeit scheinen also sowohl an eine bestimmte Situation als auch an ein konkretes Ziel gebunden zu sein. Nun ist aber das Ziel - sofern vorhanden - erstens Bestandteil der Situation und zweitens - weil es eben das Ziel ist - im Moment des Erreichens auch die Auflösung der Situation:

Im ersten Beispiel spendiert der Bauer drei Holzkisten in eine Situation der Ziellosigkeit hinein und bittet, diese aufzuteilen. Erst durch die Bitte entsteht eine neue Situation mit einem Ziel: Aufteilen der Kisten. In dem Moment, wo jeder der Buben eine Kiste erhalten hat, ist das Ziel erreicht und die Situation zur Zufriedenheit aller drei Buben gerecht aufgelöst (jeder Junge hat eine gleich große Anzahl an Kisten, nämlich eine).

Im zweiten Beispiel stehen die Jungs vor einem Zaun, hinter dem ein sportliches Ereignis stattfindet, welchem sie gerne zusehen möchten. Hier ist das Ziel bereits Teil der Situation, und die Situation wird dann aufgelöst sein, wenn alle drei Jungs über den Zaun blicken können. Hier geht es also nicht mehr darum, drei Kisten auf drei Jungs zu verteilen, sondern drei Kisten so anzuordnen, daß drei unterschiedlich große Jungs gemeinsam über einen Zaun blicken können, womit die Situation wiederum zur Zufriedenheit aller gerecht gelöst ist (jeder der Jungs hat die gleiche Blickhöhe, nämlich eine, die über den Zaun reicht).

Der Spruch "Gleichheit ist nicht gleich Gerechtigkeit" stimmt, wenn man nur auf die linke Hälfte des Bildes schaut. Diese würde ich sogar eigentlich lieber mit "Ungerechtigkeit" als mit "Gleichheit" überschreiben. Schaut man aber auf die rechte Hälfte des Bildes, so erkennt man, daß "Gleichheit" eben doch auch "Gerechtigkeit" bedeuten kann, nämlich dort, wo man nicht hingeht und selbst demjenigen, der bereits ohne Kiste über den Zaun blicken kann, auch noch eine Kiste gibt (die einem der beiden kleineren Jungs dann fehlt) oder gar den beiden größeren Jungs die Beine so abhackt, daß am Ende alle drei Buben gleich groß sind ("So! Jetzt seid ihr alle gleich groß und keiner kann über den Zaun gucken! Total gerecht!"), sondern dort, wo man den beiden kleineren Jungs zumindest die Möglichkeit eröffnet, einen physischen Nachteil, den sie nicht gewählt haben und an dem sie keine Schuld tragen, durch Hilfsmittel auszugleichen, so daß es in der gegebenen Situation zu einer Spielanguck-Gerechtigkeit kommt.

Nun ist im Bildbeispiel das zu erreichende Ziel lediglich das Betrachten eines sportlichen Ereignisses. Wie aber muß unser Verständnis von und unser Umgang mit "Gleichheit" bzw "Gerechtigkeit" aussehen, wenn das formulierte Ziel lautet "Zwei von Natur aus ungleiche Dinge sind im Namen der Gerechtigkeit ab morgen bitte trotzdem gleich"?

Kommentare:

De Benny hat gesagt…

Den letzten Satz versteh ich nicht, ansonsten aber guter Text. Ah, doch, eins noch: Wieso ist Baseball nicht interessant? ;)

Alipius hat gesagt…

Ich finde Baseball ein wenig fade ;-)

Der letzte Satz soll bedeuten, daß es beim Gleicheit/Gerechtigkeit-Thema Ziel gibt, die unverdächtig sind (Wegen Sport über den Zaun schauen wollen) und Ziele, die ein wenig bedenklich sind.