Donnerstag, 25. Juli 2013

Eine Frage noch zum Thema "Kunst" oder Kunst...

Für Neueinsteiger erst einmal die chronologische Reihenfolge:
Erster Geistbraus-Artikel
Erster Alipius-Artikel
Zweiter Alipius-Artikel
Zweiter Geistbraus-Artikel

Und dann die beiden Probleme:
1.) Es ist nicht nur ausgesprochen schwierig, sondern in Grunde genommen unmöglich bzw sinnfrei, die Grenzen von Kunst zu bestimmen/bestimmen zu wollen.
2.) Die Debatte wird hier und da im Kommentarbereich mittlerweile heftiger und persönlicher, so daß ich ganz klar festhalten möchte: Alles, was ich im Folgenden schreibe, schreibe ich nicht, um zu provozieren. Es sind ernst gemeinte Überlegungen, die in ebenso ernst gemeinte Fragen münden werden.

Also ran an den Speck: Warum es dem Geistbraus ursprünglich ging - und ich hoffe, daß ich das jetzt richtig zusammenfasse - ist ein Klima, in dem es wenig bis keine Feindseligkeit sondern dafür ausreichend Offenheit gibt, damit nicht eine Stimmung hochgeschaukelt wird und die ganze Sache plötzlich eskaliert. Er macht das in seinen verlinkten Beiträgen erst einmal an der Kunst fest, aber wenn ich die Texte, die ich in den letzten Jahren bei ihm gelesen habe, richtig interpretiere, dann kann man die Kunst hier auch als Platzhalter für andere Dinge betachten, wie z.B. auch die Religion oder das Christentum oder der Katholizismus.

Feindseligkeit kann dort ins Spiel kommen, wo ein Urteil der Preisklasse "Das ist keine Kunst" fällt. Gefährlich wird diese Feindseligkeit, die ins Spiel kommen kann (nicht muß), dann, wenn andere den Ball aufnehmen und - die Kunst-Thematik volksnah und ressentiment-aktuell intrumentalisierend - ihn weiterspielen. Denn dann kann aus der möglichen persönlichen Verletzung des einen Künstlers, dessen Werk man das Kunst-Sein abgesprochen hat, vielleicht ein allgemeines Klima der Kunstskepsis, der Kunstanfeindung und letztlich auch der Kunstzerstörung erwachsen. Da Kunst aber streng genommen immer mehr ist, als nur reine Materie, beginnt bei der gezielten Kunstzerstörung auch schon der Versuch der Auslöschung von Ideen und man nähert sich dadurch der Auslöschung der Ideen-Haber bzw Ideen-Geber.

Die Eskalationsstufen beim Geistbraus waren (grob):
1.) Aburteilen eines Kunstwerkes z.B. durch Verwenden von Kunst in Anführungszeichen statt Kunst oder durch einen Satz wie "Das ist keine Kunst!" -> Wird widerspruchslos hingenommen und multipliziert bis die Suppe kocht und die nächste Stufe gezündet werden kann:
2.) Vernichtung jener Kunst, der durch Kunst in Anführungszeichen oder "Das ist keine Kunst" die Existenzberechtigung abgesprochen wurde -> Wird widerspruchslos hingenommen und multipliziert, bis die Suppe kocht und die nächste Stufe gezündet werden kann:
3.) Vernichtung jener Menschen, die Kunst in Anführungszeichen oder "keine Kunst" produzieren oder repräsentieren.

Wohlgemerkt: Dies ist ein Worst Case-Szenario. Erstens müssen Umstände her, die eine Entwicklung fördern, in der Kunst durch populistische Instrumentalisierung überhaupt zu einem gewaltauslösenden Zankapfel werden kann. Zweitens ist es natürlich auch möglich, daß sich schon im Anfangsstadium der ersten Stufe eine lautstarke, sprachgewaltige und entschiedene Gegenbewegung bildet, welche die Eskalation im Keim erstickt.

Weil aber die Geschichte nun mal gezeigt hat, daß es vom bösen Gedanken über das böse Wort schnell zur bösen Tat gehen kann, wenn nur genügend Leute mitmachen bzw sich nicht ausreichend Leute in den Weg stellen, nehme ich die Bedenken des Geistbraus durchaus ernst.

Jetzt drehe ich die ganze Geschichte mal auf den Kopf und überlege mir folgendes: Für mich als Katholik ist ein Kruzifix oder ein Marienbild ein Gegenstand der Verehrung, dem ich Respekt und Ehrfurcht entgegenbringe. Wenn nun ein Künstler ein Kruzifx in Urin taucht oder ein Marienbild mit Elefantendung zudeckt, sagt er dann "Dies ist kein Gegenstand der Verehrung" oder setzt er Gegenstand der Verehrung in Anführungszeichen?

Wenn nein, warum nicht? Weil er sich vorher mit dem Thema auseinandergesetzt hat? Macht diese Auseinandersetzung aber einen Unterschied bei denen, die das Kunstwerk sehen und sich denken 'Aha! Wußt ich's doch! Das sind keine Gegenstände der Verehrung!', die dies dann weitererzählen und irgendwann auf einen Gesprächspartner treffen, der sagt: "Klar sind das keine Gegenstände der Verehrung! Im Gegenteil! Das sind Utensilien des Hasses und sie gehören alle zerstört!" etc...

Wenn es aber eine Parallele gibt, warum läßt man dem Künstler sein "Das sind keine Gegenstände der Verehrung" durchgehen, der mit seinem Werk potentiell mehr Leute anspricht, als ein Individuum mit dem Satz: "Das ist keine Kunst"?

Oder anders gefragt: Sollte ich künftig die Lust verspüren, den Satz "Das ist keine Kunst" zu äußern, muß ich ihn dann in ein Kunstwerk kleiden, um damit durchzukommen?

Wie gesagt: Ich meine diese Fragen ernst, weil ich Parallelen sehe. Aber ich habe auch intuitiv das Gefühl, daß die Situation bei dem Künstler, der durch ein Werk ausdrückt, ein Gegenstand der Verehrung sei keiner, eine andere ist, als bei demjenigen, der sagt "Das ist keine Kunst". Natürlich gibt es bei dem Kunstwerk einen Interpretationsspielraum, der bei einem glasklaren Satz wie "Das ist keine Kunst" wegfällt. Aber das scheint mir nicht alles zu sein. Ich kann den Rest nur nicht wirklich festmachen.

Also antwortet mir, aber seid freundlich, okay?!

Kommentare:

Geistbraus hat gesagt…

Prinzipiell gelten da natürlich für alle dieselben Regeln, würde ich sagen.

Allerdings muss man doch im Blick behalten, dass ein Kunstwerk in der Regel mehrdimensional ist und ein Aussagesatz wie "Das ist keine Kunst" eher eindimensional und straightforward. Und da ich denke, dass man halbwegs Ahnung von dem haben sollte, was man kritisiert, ist es natürlich einfacher, einen Aussagesatz zu kritisieren als ein Kunstwerk.

Es gibt natürlich auch eindimensionale Kunstwerke. Vor etwa einem Jahr habe ich ein Stück gesehen, wo Plastikflaschen auf die Bühne geworfen wurden, um gegen die Verschmutzung der Meere zu protestieren. Wir fanden das alle scheiße und grottenpeinlich und dieses einfache Urteil gestehe ich natürlich auch jedem anderen zu.

Andererseits gibt es genauso katholische Artikulationsformen, die mehrdimensional sind und nicht so ohne weiteres kritisiert werden können. Schon die Aussage "ich werde für Sie beten" ist komplexer. Da muss der Kritisierende immerhin schonmal wissen, wie man denn betet und warum und wofür genau.

Und ignorante Pauschalurteile über die Kirche oder kirchliche Gruppen (z.B. der Vorwurf an die Piusbruderschaft oder das Opus Dei, es handele sich um rein politische Interessengruppen, die ihre Aktivitäten durch Religion verbrämten) gehen natürlich überhaupt nicht.

Martina Baro hat gesagt…

Gerne würde ich hier den guten, alten, viel geschmähten Begriff der Toleranz anführen.
Religion geht auch andersrum, mir gehen beispielsweise die Buddhastatuen in den Super- oder Möbelmärkten auf den Keks, die hier "wellness" oder ein "asiatisches" Wohlgefühl" vermitteln wollen und nur die Taschen der Konzerne füllen. Ein gläubiger Buddhist mag das nicht respektvoll finden, ich finde die Figuren nur überflüssig. So unbefangen bei "Aldi" oder "Penny" kriegst Du keine Kruzifixe vertickt, nur im Advendt Billigkrippen. (Oder "Herz Jesu" in Polyresin in den türkischen "Ein-Euroläden).
Hier schüttelt es mich hoch drei.
Keinesfalls würde mir einfallen, so einen kleinen, unschuldigen Gips- oder Plastikbuddha an meinen nicht vorhandenen Gartenteich zu platzieren. (Dafür habe ich eine kleine Mariengrotte, Jungfrau mit Kind, ein anbetender Engel und ein Lamm aus wetterfestem Steinzeug).
Noch weniger aber würde das arme Erleuchtetendouble als Gartenzwerg oder Lampenhalter herhalten müssen.
Meine Mariengrotte ist höchstens Kunsthandwerk und Bastelwahn, aber hier kann gebetet werden, wenn derjenige mag. Ein buddhistischer Gläubiger in einem Möbelhaus mag auch die Krise kriegen, schlimmer als bewußten Spott fände ich, das was einem anderen heilig ist, als Dekoartefakt zu prostituieren.
Für mich als "Hobbykünstlerin" sind meine gestalteten Elemente wie Kinder, ob meine englischen Rosen, die Malven, deren Eltern in Taizé mir ihre Kinder überließen ähnlich bedeutungsvoll wie Beuys seine Badewanne oder sein Fettstuhl.

Kriege ich es nicht über den Verstand geregelt, versuche ich es einfach mit Empathie.

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Alipius,

Sie stellen viele bedenkenswerte Fragen. In den folgenden Abschnitten werde ich versuchen ein paar Antworten zu geben, die wahrscheinlich wiederum einige Fragen aufwerfen.;)

Sie erkennen sofort ein großes Problem: "Es ist nicht nur ausgesprochen schwierig, sondern in Grunde genommen unmöglich bzw sinnfrei, die Grenzen von Kunst zu bestimmen/bestimmen zu wollen."

Stimmt! Auch aus meiner Sicht kann der Kunstbegriff nicht zufriedenstellend definiert werden. Wenn überhaupt kann man nach möglichen Zielen der Kunst fragen. Ein mögliches Ziel besteht vielleicht darin, mögliche (gesellschaftliche wie künstlerische) Grenzen auszuloten und diese ggf. zu überschreiten. Neben diesem Aspekt hat ein Kunstwerk - wie Sie ja ebenfalls andeuten - einen semantischen Wert. Zumindest wird dieser semantische Wert impliziert. Hier könnte man übrigens eine Analogie zu Produkten herstellen, die einen Materialwert, Gebrauchswert und einen semantischen Wert haben, wobei alle diese Werte bei/in Kunstwerken sicherlich nicht immer evident sind, speziell der semantische Wert von dem individuellen Geschmack oder einem Kollektiv abhängt und man darüber streiten könnte, welchen Gebrauchswert Kunst hat. Diese Punkte finden bei der Beantwortung Ihrer Fragen Berücksichtigung.

Anonym hat gesagt…

Sie fragen:
"Wenn nun ein Künstler ein Kruzifx in Urin taucht oder ein Marienbild mit Elefantendung zudeckt, sagt er dann "Dies ist kein Gegenstand der Verehrung" oder setzt er Gegenstand der Verehrung in Anführungszeichen?
Wenn nein, warum nicht? Weil er sich vorher mit dem Thema auseinandergesetzt hat? "

Der ‘Schöpfer’ dieses umstrittenen Werkes ‚Piss Christ’ stellt beispielsweise die nachfolgenden Behauptungen auf: “Serrano has not ascribed overtly political content to Piss Christ and related artworks, on the contrary stressing their ambiguity. He has also said that while this work is not intended to denounce religion, it alludes to a perceived commercializing or cheapening of Christian icons in contemporary culture.” (wiki) Man könnte außerdem behaupten, der Künstler möchte damit die besondere Bedeutung des Kruzifixes hervorheben. In diesem Sinne ist das Kruzifix ein Gegenstand, der selbst, wenn er in Urin getränkt wird, weiterhin existiert bzw. nicht zu zerstören ist. Das wäre zugegebenermaßen eine ziemlich eindimensionale und in diesem Zusammenhang wahrscheinlich ziemlich naive Interpretation, denn man muss die anderen Dimensionen und Implikationen miteinbeziehen. Ein Kunstwerk ist nämlich - wie Geistbraus richtig herausstellt - mehrdimensional. Der semantische Wert umfasst also mit anderen Worten oft mehrere Dimensionen oder Ebenen. Ich möchte mich im Folgenden nicht darauf fokussieren, ob die Behauptungen zutreffen oder nicht. Vielmehr ist es meine Absicht die verschiedenen Ebenen zu berücksichtigen und den Schwerpunkt auf die möglichen Tabubrüche zu legen.

Anonym hat gesagt…


Ich weiß nicht, ob es wirklich eine der Intentionen des Künstlers ist, das Kruzifix als Gegenstand der Verehrung völlig zu entwerten. Er setzt ja voraus, dass das Kruzifix für viele Menschen ein sakraler Gegenstand ist. Darüber hinaus lotet er für manchen Rezipienten damit nicht nur Grenzen aus, sondern überschreitet sie klar und/oder verletzt mit dem Eintauchen in Urin sogar Regeln. Doch nun wäre zu fragen, ob z.B. der Piss Christ wirklich eine Grenzüberschreitung darstellt oder eine wohl kalkulierte Provokation ist (Das ist diese Kreation ganz bestimmt!). Diese Kreation wurde mit Sicherheit kurz nach seinem Erscheinen als Tabubrauch/Regelverletzung und Provokation wahrgenommen. Falls aber ein ähnliches Werk in Zukunft geschaffen werden sollte, tendiere ich aus heutiger Sicht eher zu einer (billigen) Provokation, da christliche Objekte oder Symbole schon seit langer Zeit in künstlerischen Werken ‚unvorteilhaft’ in Szene gesetzt worden sind. Wenn nämlich eine ‚Regelverletzung’ (bitte nicht mit Gesetzesbruch verwechseln!) häufig vorkommt, suggeriert sie eigentlich nichts Besonderes mehr. Sicherlich würde sich der Künstler vorher damit auseinandergesetzt haben und es würde von einigen Leuten immer noch als subversiver Akt angesehen, doch tritt die Provokation in den Vordergrund. Anders ausgedrückt verliert das Kunstwerk dann die Aura des Neuen oder des mutigen bzw. kreativen Aktes. Ich habe mich jetzt nur auf den Piss Christ und nicht das Marienbild konzentriert. Manche der vorigen Ausführungen sind aber grob auch darauf anwendbar.

„Macht diese Auseinandersetzung aber einen Unterschied bei denen, die das Kunstwerk sehen und sich denken 'Aha! Wußt ich's doch! Das sind keine Gegenstände der Verehrung!', die dies dann weitererzählen und irgendwann auf einen Gesprächspartner treffen, der sagt: "Klar sind das keine Gegenstände der Verehrung! Im Gegenteil! Das sind Utensilien des Hasses und sie gehören alle zerstört!" etc...“

So etwas ist leider nicht auszuschließen. Ähnliche Werke können sicherlich solche Gefühle bei manchem ‚Betrachter’ auslösen. Es ist aber äußerst fraglich und oft schwer nachzuweisen, ob das über die Provokation hinaus die Absicht des Künstlers ist.

„Wenn es aber eine Parallele gibt, warum läßt man dem Künstler sein "Das sind keine Gegenstände der Verehrung" durchgehen, der mit seinem Werk potentiell mehr Leute anspricht, als ein Individuum mit dem Satz: "Das ist keine Kunst"?
Oder anders gefragt: Sollte ich künftig die Lust verspüren, den Satz"Das ist keine Kunst" zu äußern, muß ich ihn dann in ein Kunstwerk kleiden, um damit durchzukommen?“

Wie bereits erwähnt: Kunstwerke implizieren einen semantischen Wert und umfassen häufig mehrere Dimensionen. Daher erlauben sie immer einen bestimmten Interpretationsspielraum. Man kann sie folglich unterschiedlich dekodieren. Diese Mehrdimensionalität existiert bei einem pragmatischen Satz wie: „Das ist keine Kunst“ nicht. Insofern würde ich einer Person raten, so eine Botschaft künstlerisch aufzubereiten. Ein solcher Interpretationsspielraum (oder manchmal die kodierte Intention des Künstlers) bei Kunstwerken führt jedoch manchmal zu Schlüssen der Betrachter, welche in schlimmen Situationen enden.

Sorry, für die ziemlich lange Antwort

Gruß

Nikolaus Z

Alipius hat gesagt…

@ alle: Danke für die ausgewogenen Antworten!

clamormeus hat gesagt…

Spannend hier.

Ich erlaube mir, das Ganze mit einer eigenen kleinen Serie anzureichern.

http://einfachentfachend.wordpress.com/2013/07/26/unbedingter-artenschutz-oder-entwertung-der-kunst-durch-beliebigkeit/

Anonym hat gesagt…

Meiner Ansicht nach ist die Frage, was Kunst ist, gar nicht so wichtig. Mir scheint wichtiger, das Bewußtsein dafür wachzuhalten, daß die Kunst eines von mehreren schützenswerten Gütern ist, und man sich immer wieder aufs Neue darum bemühen muß, die Grenzen angemessen zu ziehen, wenn der Schutz eines Gutes mit dem eines anderen kollidiert.
Es ist in unserem Land verboten, fremdes Eigentum, z.B. eine Hauswand, ohne Einwilligung des Eigentümers als Material für ein Kunstwerk, z.B. ein aufgesprühtes, zu verwenden, und es ist genauso verboten, Kunstwerke herzustellen, die andere Menschen töten, körperlich verletzen oder über gewisse Provokationen hinaus beleidigen, und jeder mag für sich engere moralische Grenzen ziehen. Umgekehrt kann man Kunst nicht nur in ebenfalls künstlerischer Form kritisieren, sondern auch, indem man von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch macht und sagt, daß man ein in einem in Urin getauchtes Kruzifix bestehendes Kunstwerk ekelhaft, taktlos, beleidigend oder - was den Künsler am härtesten treffen dürfte - angesichts der Inflation vermeintlich durch Auflehnung gegen die Kirche selbständiges Denken beweisender, provozierender Kunst einfach langweilig findet.

Auch die Gefahr, daß man Kunst und Künstler für vernichtungswürdig oder -bedürftig ansieht, scheint mir nur in geringem Maß dadurch vergrößert zu werden, daß man einem Kunstgegenstand seine Eigenschaft als Kunst abspricht, denn es gibt genügend andere Formen der Herabwürdigung von Kunst und Künstler.
Allein der Umstand, daß ein Gegenstand keine Kunst ist, gebietet und rechtfertig auch noch längst nicht seine Zerstörung, sondern beseitigt nur ein eher moralisches Gebot an den Eigentümer des Gegenstandes, den Gegenstand im Interesse derjenigen, die das anders sehen, unversehrt zu lassen.

Mir scheint es daher sinnvoller, sich über den Rang, den z.B. Kunst und andere Ausdrucksformen einerseits und Religion und relitiöses Gefühl andererseits in unserer Gesellschaft haben, Gedanken zu machen, wenn es normal ist, Kunst, die die religiösen Gefühle vieler verletzt, nur dann zu kritisieren und die Künstler nur dann um Unterlassung bittet, wenn es zufällig um eine Religion geht, deren Anhänger mit Gewalttätigkeit auf das Kunstwerk reagieren dürften, aber nicht, wenn es um eine Religion geht, deren Anhänger sich allein mit Worten wehren und mit Gebet für die Seele des Künstlers, es also an einem Bewußtsein für die Schutzwürdigkeit von Religion und des religiösen Gefühls als solchen vollkommen fehlt.