Mittwoch, 22. Mai 2013

Nach einer Nacht "drüber schlafen"...

... kann ich mich jetzt etwas ruhiger und klarer noch mal zum Selbstmord von Dominique Venner äußern.

Zuerst einmal möchte ich mich bei allen entschuldigen, die die Überschrift meines ersten, kurzen Eintrags falsch verstanden haben: Mit "Geht's eigentlich noch?" habe ich natürlich nicht den Verstorbenen angesprochen. Warum sollte ich auch? Er ist für mein Wort doch ohnehin nicht mehr zu haben, er hat sich meinem Zureden für immer entzogen. Mein Reden ist in diesem Fall bei Gott besser aufgehoben, zu dem ich für all jene bete, die nach ihrem Tod vor ihn treten.

Mein "Geht's eigentlich noch?" war ein Stoßseufzer, gerichtet erstens an unsere Gesellschaft, ihre Streitkultur und ihre Erregunsfähigkeit, zweitens an verschiedene Gruppen, ihren Absolutheitsanspruch und ihr Eskalationspotential und drittens an jedes Individuum, welches irgendwie zu öffentlichen Debatten beiträgt - und hiermit dann doch posthum auch ein wenig an Venner, dem ich so etwas hinterherrufen möchte wie "Daß das mal ja nicht Schule macht!"

Ich mußte mich - Gott sei Dank! - noch nie in meinem Leben mit Selbstmordgedanken herumschlagen, und ich weiß nicht, was einem Menschen widerfahren muß, damit er sich mit solchen Gedanken herumschlägt. Ich denke aber, daß niemand morgens erwacht und sich plötzlich sagt "Okay ich bringe mich heute einfach mal um!". Hinter jedem Selbstmord steckt eine Geschichte. Und viele dieser Geschichten haben Haupt- und Nebendarsteller, die die Entscheidung des Selbstmörders beeinflußt haben, entweder durch ihr Reden und Handeln oder durch ihr Schweigen und Nichtstun.

Wo aber ist das Einfallstor für die ganz große Tragik in einer Geschichte wie der Legalisierung der Homo-Ehe? Steht da ein 78-jähriger Historiker plötzlich vor den schwelenden Trümmern seiner gesamten persönlichen Existenz? Das wird's wohl nicht gewesen sein. Oder spielte die in Venners letztem Posting angedeutete Angst vor der Islamisierung Frankreichs eine Rolle? Oder sah er sich im Rahmen der Homo-Ehen-Debatte in eine so fluchtwegbereinigte Ecke gedrängt, daß er seinen eingeengten Spielraum wie einen Stillstand empfand, der eigentlich auch gleich der Tod sein könnte? Oder wollte er tatsächlich mit einer "spektakulären und symbolischen Geste" die Menschen aus ihrem Schlummer erwecken? Da kann ich nur Claudia aus dem Kommentarbereich des ersten Postings zitieren:
    Gab es etwa schon jemals Zeiten, in denen Worte nicht durch Taten beglaubigt werden mußten? Und gab es jemals Zeiten, in denen es nicht sinnvoll war, deutliche Gesten zu vollführen? Und hat jemals ein Selbstmord die Welt besser gemacht? Wird irgendeiner der armen Menschen, die diese Tat mit ansehen mußten, besser und klüger dadurch?
Und möchte vielleicht noch hinzufügen, daß die spektakuläre und symbolische Geste sich für mich eher so liest: "Wir sitzen in der Kacke. Seht zu, wie ihr ohne mich wieder rauskommt!"

Natürlich kann man einwenden, daß ein 78-jähriger Herr in seinem Leben so viel gesehen und erlebt hat, daß man als 44-jähriger Jungspund da einfach nicht die gleichen Kriterien zur Beurteilung besitzen mag. Dennoch habe ich bei Venners Selbstmord einfach ein doppelt ungutes Gefühl, weil ich die Tat für eine Überreaktion halte und weil ich in der Debatte in den Medien oft ein Ungleichgewicht feststelle, welches die Gegner der Homo-Ehe seit langer Zeit eindimensional darstellt und auf Gewalt gegen Schwule und Lesben reduzieren will. Wenn das Sprichwort "Steter Tropfen höhlt den Stein" zutrifft, dann kann man so vielleicht auch Selbstmörder produzieren.

Kommentare:

Theodreds Schicksal hat gesagt…

Ich habe da noch mehr ungute Gefühle.
Selbstmord ist nunmal keine akzeptable Sache, ihn in einer Kirche vor den Augen tausender zu vollziehen macht es schlimmer.
Wie kann man konservative Werte vertreten wollen, wie kann man sich Sorgen um das Erbe großer Menschen und des Christentums, sich Sorgen um die Familie in ihrem eigentlichen Sinn und dann vor den Augen eben dieser sich eine Kugel durch den Kopf jagen?
Verständnis habe ich für seine Angst, seine Wut und Frustration. nicht aber für seine Tat. Wir dürfen nicht über ihn richten, für ihn zu beten ist m.M.n. Pflicht, aber seine Tat sollten wir mit Vehemenz ablehnen.

Ich kann auch nicht glauben, dass die Intoleranz gegenüber Konservativen, der wachsende Hass gegen Christen o.ä. Probleme durch diese Aktion ehrlich diskutiert werden. Die meisten Zeitungen berichten, wenn überhaupt, in dieser Angelegenheit bereits über den "Rechtsextremen" oder berichten sonst negativ über ihn.

Cassandra hat gesagt…

Suizid ändert nichts. Und wenn jeder, der einen Mißstand als so gravierend empfindet, daß er deswegen sein Leben beendet (sei es aus Protest oder Verzweifelung), sein Leben beendet... was dann? Ändert sich am Mißstand dadurch?

Nein, aber es fehlt danach eine Stimme und zwei Hände mehr, den Mißstand zu beenden.

B. hat gesagt…

Naja, ich finde die Reaktionen in der Medien und in den Kommentar-Posts mehr als merkwürdig.
Zündet sich ein buddhistischer Mönch aus Protest gegen die Zustände in seiner Heimat an, springen die MMM fast aus dem Hemd vor Bewunderung.
Ja, sogar die Tat von Selbstmordattentätern wird noch rumpsychologisiert und irgendwie Verständnis für denjenigen aufgebracht. Nach dem Motto: Naja, is schon schlimm der Nahostkonflikt, wer in so einer Situation aufwächst, der kann vielleicht nicht anders.
Ein politischer Selbstmord von Linksradikalen in der Haft, da wird die Schuld selbstredend bei der Gesellschaft gesucht, aber wehe jemand steht auch nur einen Meter rechts von der Mitte, ja dann...
Kommt kaum eine Meldung ohne den Hinweis, dass das ja eh quasi ein Verbrecher war, weil Freiwilliger im Algerienkrieg und Mitglied der OAS und überhaupt ein Schwulen- und Ausländerhasser war.
Dann lese ich was von "Nutjob"," Interessante Exit-Strategie für Rechtsradikale" oder "Einfach nur widerlich wie die Rechten das mal wieder instrumentalisieren" in den Kommentaren unter den Meldungen.
Hm...alos, wennemichfrachst, wenn dieser Selbstmord eins ganz deutlich macht, dann wie unzivilisiert es bei uns zu geht und wie festbetoniert die Feindbilder und tief die Fronten sind.

Anonym hat gesagt…

Auch ich habe ein denkbar ungutes Gefühl bei dem Selbstmord dieses Menschen. Spontan dachte ich an die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz (-> http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Br%C3%BCsewitz ), die damals sehr wohl ein Fanal war.
Als wenn Venner sich mit seiner Tat in die gleiche Liga hochbomben wollte ... (natürlich in der Kirche von Paris ...!)

Wie gesagt, in dem Sinne ein doppelt ungutes Gefühl, weil er sowohl sich selbst als auch die Situation damit maßlos versucht hat zu überhöhen.

Reinhard
(der sonst im Kreuzganz zu finden ist)

Alipius hat gesagt…

@ B.: Guter Punkt! Ds kommt natürlich noch erschwerend hinzu!

clamormeus hat gesagt…

Die Richtung Deines Stoßseufzers kam schon im Vorpost an!

Im Abschiedsbrief zeigt sich, daß Venner das Christentum anscheinend noch nicht mal als Teil der "Identität" und "Traditionen" betrachtete, die er meint, verteidigen zu müssen.
Er sagt ausdrücklich, er erwarte nach seinem Suizid nichts weiteres, außer daß sein Geist in seiner Rasse fortlebe. Entsprechend hat er sich die Kathedrale für seine "Geste" auserkoren: als "symbolträchtigen Ort", der auf früheren Kultstätten gebaut sei.

Verstehe das ungute Gefühl einiger hier bestens. Und kann nur hoffen, daß er anderes "erweckt", als er es anscheinend intendiert hat. Nach der Lektüre seines letzten Posts zusammen mit der Tat, dachte ich auch: "Geht's noch?"

Nach der des Abschiedbrief bin ich entsetzt.