Donnerstag, 2. Mai 2013

Gender-Murks...

... muß nicht notwendigerweise ununterhaltsam sein.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Köln hat mit ihrem Team einen Leitfaden für eine geschlechtersensible und inklusive Sprache herausgegeben (hier als pdf).

Der Titel des Werkes lautet "ÜberzeuGENDERe Sprache", und wer sich jetzt nicht sicher ist, ob das immer noch oder schon wieder realsatirisch wirkt, der hat 32 Seiten lang Zeit, sich zu entscheiden.

Losgetreten wird der WTF-a-Thon durch diese Anekdote ("Zum Nachdenken"):
    In einer seiner Vorlesungen konfrontierte ein Professor die Studentinnen und Studenten mit folgender Kurzgeschichte: Ein Vater fuhr mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglückten. Der Vater starb an der Unfallstelle. Der Sohn wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und musste operiert werden. Ein Arzt eilte in den OP, trat an den Operationstisch heran, auf dem der Junge lag, wurde kreidebleich und sagte: "Ich bin nicht im Stande zu operieren. Dies ist mein Sohn."
Uhhhh... Hört Ihr auch die Akte X-Titelmusik? ... Die ungeklärten Fälle patriarchalischer Sprachverwirrung...

Natürlich handelt es sich bei dem Arzt um die Mutter und natürlich waren Studenten, denen diese Geschichte erzählt wurde, verwirrt, kamen zuerst nicht darauf, das mit "ein Arzt" tatsächlich auch "eine Ärztin" gemeint sein könnte. Warum? Weil es alle so böse Machos und Machas waren, die sich einfach nicht vorstellen konnten, daß Frauen auch Ärzte sein können? Nein. Sondern weil hier zu einem fiesen Trick gegriffen wurde.

Das generische Maskulinum ist eine verallgemeinernde Form, die in Wendungen wie "Besucher werden gebeten, die Schuhe auszuziehen" oder "Bei weiteren Fragen wenden sie sich bitte an den Tourleiter" verwendet wird. Niemand käme auf die Idee, hier anzunehmen, daß es nur männliche Besucher oder nur männliche Tourleiter gibt. In der Beispielgeschichte wird aber nicht verallgemeinert. Es heißt nicht "Ein Elternteil fuhr mit einem Kind im Auto", sondern "Ein Vater fuhr mit seinem Sohn im Auto". Somit gewöhnt der Hörer sich gleich zu Beginn daran, den Worten das Geschlecht zuzuordnen. Wenn es nun heißt, daß "ein Arzt" den OP betritt, dann stellt der Hörer sich selbstverständlich erst einmal einen Mann vor, weil es für ihn keinen Sinn ergibt, die Hörgewohnheiten des Anfangs der Geschichte einfach zu durchbrechen. Der Erzähler führt den Hörer hier aufs Glatteis, denn nur der Erzähler kann wissen, daß die am Geschichtsbeginn beachtete Geschlechterzuordnung plötzlich nicht mehr gilt, und daß es keinen logischen Grund dafür gibt, an der betreffenden Stelle nicht "eine Ärztin" zu sagen. Es geht schließlich nicht um eine Verallgemeinerung, sondern um ein ganz konkretes Beispiel, um eine Geschichte, die erzählt wird und von der der Hörer annehmen muß, daß sie sich so abgespielt hat. Niemand aber stellt sich beim Hören einer Geschichte geschlechts-lose oder geschlechts-unentschiedene oder geschlechts-curiouse Gestalten vor. In der Regel funktioniert unser Hirn so, daß wir uns einen Mann vorstellen, wenn wir "ein Arzt" hören und eine Frau, wenn es "eine Ärztin" heißt. Sähen wir in irgendeinem Krankenhaus ein Schild, auf dem steht "Alle Ärzte werden gebeten, nur bei offenem Fenster zu rauchen" oder "Zum Rufen des behandelnden Arztes bitte dreimal die Kuhglocke läuten", dann kämen wir kaum auf den Gedanken, daß hier nur Männer gemeint sind. Hören wir aber in einer Geschichte vom Schicksal ganz konkreter Personen, dann ergibt es einfach keinen Sinn bei "ein Arzt" an eine Frau zu denken. Es ist der Erzähler, der hier die Regeln des Erzählens bricht, in dem er uns durch die Verwendung von "ein Arzt" das wirkliche Geschlecht vorenthält.

Der Leitfaden ackert dann die üblichen Tricks ab, mit denen nicht nur "Männer oder Frauen" und "Männer und Frauen" sondern dankenswerterweise "alle Geschlechter" sprachlich sichtbar gemacht werden können:
    Das allgemein etablierte Geschlechtersystem geht von der Existenz zweier klar bestimmbarer Geschlechter, nämlich Männern und Frauen, aus. Es ist somit binär. Die deutsche Sprache spiegelt diese Zweigeschlechtlichkeit wider, wenn zum Beispiel von Studentinnen und Studenten oder von Professorinnen und Professoren die Rede ist. Aktuelle Forschungen zu Inter- und Transsexualität und die Stellungnahme des deutschen Ethikrates von November 2011 zeigen jedoch, dass dieses binäre System nicht mehr haltbar ist. Heutzutage wird von einer Vielzahl geschlechtlicher Identitäten ausgegangen.
Daß dabei nicht immer alle glücklich sind, ist klar:
    Kritiker*innen des Gender-Gaps finden, dass er die Identitäten jenseits der binären Matrix als „Leerstelle“ darstelle und damit ihre Existenz verneine.
Ansonsten gibt es viele Beispiele für schönen, neuen Sprech, die keine Spur kompliziert oder gekünstelt wirken. So werden "Ausländerfeindliche Sprüche" (böse, weil männlich) zu "Diskriminierende(n) Sprüchen(n) gegenüber Personen mit Migrationshintergrund", und das gute, alte "man" soll in Zweifelsfall dann doch bitte durch "mensch" oder (in frauenspezifischen Kontexten) durch "frau" ersetzt werden.

Ach ja! Einen Tip, wie man denn die geschriebene Sichtbarmachung der Geschlechter nun gesprochen umsetzen kann, gibt es auch:
    Eine andere Möglichkeit ist es, vor dem Binnen-I, dem Schrägstrich, dem Sternchen oder dem Gap einen sogenannten „glottalen Stopp“ auszuführen. Der glottale Stopp ist einfach eine kurze Pause, die beim Sprechen des Wortes an der Stelle des Binnen-I, des Schrägstrichs, des Sternchens eingelegt wird. Gerade für Menschen, denen es wichtig ist, alle Geschlechter zu benennen, ist dies eine gute Möglichkeit
Da sag ich mal: Die Leser-[** kippe-anzünd **]-Innen dieses Leitfadens w-er/sie-den es mit d-er/sie Zeit sich-er/sie-lich zu ein-er/sie gewissen Meister-[** inhalier **]-Innenschaft auf dem großen Feld d-er/sie gend-er/sie-sensiblen Sprache bringen...

Kommentare:

Ester hat gesagt…

Das Komische ist, dass die Apologetinnen von solch einem Unfug garnict merken wie dämlich das alles ist.

Cassandra hat gesagt…

So werden "Ausländerfeindliche Sprüche" (böse, weil männlich) zu "Diskriminierende(n) Sprüchen(n) gegenüber Personen mit Migrationshintergrund"

Wenn jemand sagt "ausländerfeindliche Sprüche", weiß ich, was Sache ist. Bei "diskriminierender Sprache etc usw" weiß ich das nicht so genau. Es verharmlost.

Sarkasmus an: Supersache, toll gemacht. Weiter so!

Anonym hat gesagt…

In der heutigen Zeit kann doch ein Junge auch zwei Väter haben oder etwa nicht?

F. M. hat gesagt…

Daran arbeite sich auch andere ab. Und die sind schon viel weiter.

Guckt Ihr hier:

[url=http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/stockholmer-gymnasium-bekommt-geschlechtsneutrale-umkleidekabine-a-897206.html] Sportunterricht in Schweden: Junge? Mädchen? Egal![/url]

Ich hoffe das hat jedtzt geklappt mit dem Code; ansonsten bitte ich um Vergebung für meine Fehltipper.

Anonym hat gesagt…

"In der Regel funktioniert unser Hirn so, daß wir uns einen Mann vorstellen, wenn wir "ein Arzt" hören und eine Frau, wenn es "eine Ärztin" heißt."

=> Jupp. So ist es. Und ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass das Mädchen "bremsen" kann, weil sie sich eben unter "Wissenschaftler" automatisch einen Typen vorstellen und gar nicht auf die Idee kommen, dass auch Frauen - ergo, sie selbst - in die Kategorie "Wissenschaftler" gehören könnte.

Natürlich ist es wohlfeil, sich über die extremeren Ausprägungen des Genres "geschlechtergerechte Sprache" lustig zu machen - genauso lustig wie über Machos, kleine Mittelschichtjungs mit Ghettoslang oder aber Zicken. Haha.
In diesem Fall hat das aber einen ernsten Hintergrund - die Bilder im Kopf sind ganz schön mächtig, und die entstehen auch durch Sprache. Man (!) könnte es Leuten auch hoch anrechnen, wenn sie sich Gedanken darüber machen, ob das, was wir so unreflektiert als "alltäglichen Sprachgebrauch" an uns vorbeiziehen lassen, unerwünschte Nebenwirkungen hat.

Bastian (Sierra Victor) hat gesagt…

Ich sach nur:
http://echoromeo.blogspot.de/2012/03/gendergerechte-poesie-ein-versuch.html

Anonym hat gesagt…

Man liest das und staunt. Dann sagt man sich: Mensch, das geht doch nicht mehr tiefer. Zwei genderkorrekte Sätze weiter merkt man, es geht doch - greift sich an den Schädel ... und röhrt schmerzgepeinigt auf.

Ein Arzt als Schmerzensmutter als Beispiel für gender-unsensible Sprache? Bitte, liebe IdiotInnen, geht es noch ein wenig engagierter? Plakativer? Hirnloser?

Zwetschgenkrampus

just wondering hat gesagt…

23 Bier! Bitte!

Imrahil hat gesagt…

@Anonymus I: "Man muß die Menschen nehmen, wie sie sind; andere gibt es nicht." (Konrad Adenauer, im Original kölsch, übersetzt von mir)

"Never tear down a fence before you have found out what it was set up for." (JFK in präziser Zusammenfassung eines Gedankens von GKC)

Am alltäglichen Sprachgebrauch herumzudoktern hat etwas von "einen anderen Menschen wollen".

Und: unter "ein Arzt" stellt man sich natürlich einen Mann vor; unter "zwei Ärzte" oder dem abstrakten "der Arzt", wie es in noch nicht verhäßlichten Gesetzestexten steht, aber nicht unbedingt.

Und ja, ich sage weiterhin der Arzt und sogar die Putzfrau.

Braut des Lammes hat gesagt…

Lieber Anonymus, die Irration in dem vorgestellten Text liegt doch aber nicht in der Verwendung von "der Arzt", sondern in den vergurkten Bezügen beim Aufbau dieser Erzählung. Kommt der Leser bei ein Arzt trat an den Tisch … das ist mein Sohn an, denkt es sich, wieso der Vater ist doch schon tot? Insofern hat dieses Beispiel meines Erachtens nicht einmal Krücken, mit denen es hinken könnte.

Wie vielleicht schon mal erwähnt, ich hab ja Medizin studiert. Zu jener Zeit gabs die Bezeichnung ÄiP für Ärztin im Praktikum. Dieses wurde – auf Betreiben der Studentinnen in AiP (Arzt im Praktikum) geändert. Die Studentinnen fanden ÄiP beknackt.

B. hat gesagt…

Also, äh, und was mach ich jetzt?
Erzählt man mir die Geschichte in Englisch passiert bei mir im Kopf gar nichts, weil ein Doc oder M.D. natürlich beides sein kann. Bei vielen englischen Berufsbezeichnungen ist das so. In Italienisch wäre ich in der Tat durcheinander, weil - überleg... - also, weil da so ziemlich jede Berufsbezeichnung auch als weibliche Form nicht nur existiert, sondern sie auch als direkte Anrede für die betreffende Person so gut wie immer benutzt wird. Während man - also denke ich - in Deutschland am Telefon nach der Frau Doktor XY fragen kann ohne den Gesprächspartner in tiefe Verwirrung zu stürzen, würde mir das im Italienischen nie einfallen, da frage ich selbstverständlich nach der Dottoressa XY und auch in Briefen oder e-mails benutze ich bei weiblichen Adressaten dann natürlich auch Dott.ssa. Aus Gründen, die mir nicht so ganz einischtig sind, redet man im Deutschen von Doktoren und kürzt die aber in der Anrede mit Dres. ab, egal ob es sich nun um mehrere weibliche oder männliche Doktoren handelt, auch etwas, was ich mir im Italienischen u.U. überlegen würde, wenn mir klar ist, welches Geschlecht die Angeschriebene haben. Also, was ich eigentlich sagen wollte: Et kümmt drup aahn.
Ich halte es für kulturtechnisch unvorteilhaft hier die Sprache mit dem Montiereisen zu bearbeiten, da Sprachgefühl und Sprachstimmung zwar auch zu jede Menge Sender-Empfänger-Problemen führt, die selbstverständlich auch als herabsetzend empfunden werden können, aber im Grunde auch die Poesie und den Charme der jeweiligen Sprache ausmachen. Qualitäten, die ich auf keinen Fall missen will