Sonntag, 5. Mai 2013

Gefährliche Nähe oder kaltes Ruf-Bewahren?

Ich finde Kinder einfach toll. Klar, sie können im Rudel nerven, aber ich finde, daß dieses Nerven irgendwie auch zu dem gehört, was Kinder ausmacht. Grundsätzlich aber haben Kinder bei mir immer einen Bonus, weil sie mich mit ihrer unkomplizierten, neugierigen und offenen Art so häufig zum Schmunzeln und Nachdenken bringen.

Dementsprechend war die Zeit der Vorbereitung auf die Erstkommunion für mich auch wirklich eine Zeit echter Freude. Mitzuerleben, wie Kinder in wichtige Geheimnisse unseres Glaubens einzudringen versuchen, wie sie einerseits vertrauensvoll bestimmte Dinge einfach als wahr hinnehmen, weil der Pfarrer ihnen erklärt, daß Jesus es eben so gesagt und auch so gemeint hat, und wie sie andererseits ihre Fragen und Zweifel offen präsentieren und dann langsam durch- und abarbeiten: Das war einfach nur schön.

Seit Bekanntwerden dieses dämlichen Mißbrauchs-Skandals und der entsprechenden Aufmerksamkeit, welche Priester seitdem genießen, gibt es für mich ein Problem: Ich frage ich beim Umgang mit Kindern ständig, ob Dinge, die für mich immer noch vollkommen normal und harmlos sind, von Beobachtern ebenfalls als vollkommen normal und harmlos eingestuft werden.

Ist es heute noch okay, einem etwas knüttrigen Buben aufmunternd den Kopf zu tätscheln? Ist es heute noch okay, die Umarmung zu erwidern, die ein kleines Mädel in der Wiedersehensfreude einem schenkt? Ist es heute noch okay, Kinder nicht sofort panisch wegzustoßen, wenn sie sich, während man aus einem Buch vorliest, im Sitzen bequem an einen dranlehnen?

Für mich ist es okay, weil ich in solchen Szenen einfach eine physische Bestätigung eines Vertrauens sehe, das micht freut und ehrt und das ich nicht einfach so abtun möchte. Blöd ist, daß solche Szenen nach Cohn-Bendit natürlich auch total müffeln und daß Eltern da auch schnell mal etwas falsch interpretieren können, wenn sie wollen.

Ich hatte das Glück, daß die Mütter, die während des Erstkommunion-Unterrichts dabei waren, um ein wenig Crowd Control zu gewähren, sehr entspannt waren und mir aus keinem Wort und keiner Geste einen Strick drehen wollten.

Aber es hätte ja alles auch ganz anders kommen können.

Die beiden negativen Extreme, die ich sehe: Eltern halten mich für einen Kinderschänder, weil ich Nähe zulasse. Oder Kinder halten mich für kalt und abweisend, weil ich auf meinen "Ruf" achte...

Irgendwelche Ideen?

Kommentare:

Meckiheidi hat gesagt…

Das ist eine knifflige Frage. Das Problem geht natürlich, wie Sie ja schon andeuten, von den Erwachsenen aus. Die Kinder lieben den, bei dem sie echte Zuwendung und echtes Interesse spüren. Ich kann mich noch erinnern, wie wir als Kinder unseren Kaplan verehrt haben. Er war so cool, hat mit uns Musik gemacht, ging mit zum Zelten, hatte so eine schöne Stimme beim Singen. Er war halt auch immer und überall als Kaplan erkennbar. Unsere Eltern hatten selbstverständlich damals - vor 40 bis 50 Jahren - keinerlei Vorbehalte, uns mit dem Kaplan etwas unternehmen zu lassen. Mit dem Pfarrer hatten wir's nicht so, aber der auch nicht mit Kindern. Das spürt man sofort als Kind. Deshalb wäre mein Rat: Mit den Kindern ganz so umgehen, wie es Ihnen ums Herz ist. Ehrlich sein. Denn wenn Sie sich anders verhalten wollen als "gefühlt", merken die Kinder das und es ist ihnen unheimlich. Die Eltern, die vielleicht ein langes Gesicht machen, wenn das Kind zuhause von dem netten Pfarrer schwärmt, würde ich an Jesus erinnern, der das Vertrauensvolle im Kind als Grundbedingung für das Himmelreich genannt hat.
Ja, Priester haben es heute sicher schwerer denn je!
Herzliche Grüße!
Mechthild

Alipius hat gesagt…

Danke, Mechthild!

Archangelus hat gesagt…

Leider auch keine Idee, aber die vielleicht tröstliche Mitteilung, dass es mir genauso geht. Es ist eine ständige Gratwanderung, die dadurch nicht leichter wird, dass ich immer mehr den Eindruck habe, dass die Priester auch von den Ordinariaten unter Generalverdacht gestellt werden. Bei uns herrscht inzwischen reiner Kontrollwahn.

Cicero hat gesagt…

Sei Du selbst, dann versteht man Dich.Hab Vertrauen in Deine Ehrlichkeit, dann wird Dich niemand missverstehen.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Die Vorstellung, Kinder nicht mehr zu berühren, weil es falsch verstanden werden könnte, ist mir gruselig.
Kinder sind in hohem Maße auf körperliche Nähe angewiesen. Wenn sie ganz klein sind, ist das überlebenswichtig (füttern, waschen, windeln, auf dem Arm tragen - das Baby kann halt noch nicht ohne ständige Hilfe). Und dann wird es graduell weniger, aber wir bleiben ja soziale Wesen, und dazu gehört auch körperliche Berührung, selbst wenn sie sich weitgehend auf Begrüßungsrituale beschränkt (also alles von Handgeben bis Umarmung).
Wenn ich mir vorstelle, ein heulendes Kind darf nicht mehr gestreichelt oder in den Arm genommen werden, oder die fröhliche Begrüßungsumarmung eines Kindes muß abgewiesen werden, fürchte ich, damit züchtet man kleine Neurotiker.
Das Kind muß natürlich mitbestimmen, was geht - wenn ein Kind von der Tante keinen Kuss will, muß die Tante das respektieren. Aber was Du oben beschrieben hast, darf man nicht verbieten.

dilettantus in interrete hat gesagt…

Daß Du als Musikschullehrer die selben Probleme hast, ist wahrscheinlich kein Trost für Dich, oder?

Efoi hat gesagt…

Habe mir im Umgang mit Kindern Händespiele angewöhnt, von give-me-five bis Faust-Handfläche-Faust-usw.-aneinaderschlagen. Das bietet sich an als eine Art Ritual zur Begrüßung, die einen verbindet, und das auch bei Problemem greift. Das ist Berührung auf Armeslänge, aber ist auch eine Art von geschätzter Nähe. Und dazu zählen auch alle Rituale, die man n u r mit dieser Gruppe, n u r mit jenem Einzelnen hat, wie z.B. besondere Begrüßungen.
Dass man auf den Ruf achten muss - bei aller Sehnsucht, tröstend und Nähe-spendend für sie dazu sein - finde ich absolut wichtig! Auch ein fester Griff an Schulter oder Arm ist bei Ältern >10 Nähe, und ich erlebe, dass sie das schätzen. In den Arm nehmen übernehmen auch Gleichaltrige - die kann man beim Trösten durchaus dazu nehmen.
Echtheit ja, aber ich denke, man kann ja auch mal Eltern auffordern, dem Nähebedürfnis nachzukommen ...