Mittwoch, 29. Mai 2013

Deutschland sucht die Germany's Next Topmodel Popstars Voice!

Die eiskalt kalkulierten, gaaaaaaanz und gaaaaaaar nicht manipulierten oder abgesprochenen "Ruhm auf Knopfdruck"-Talentshows funktionieren schon im Bereich "Mäßig begabtes Retinalzuckerl krächzt Rihanna-Cover" so gut wie nie. Wer sich in der Musikindustrie nicht im besten Sinne hocharbeitet, auf den wird in der Regel nur eine kurze Karriere warten, wenn er sein Schicksal von Juroren abhängig macht, die ein Förmchen in Kopf haben, in welches man hineinzupassen hat. Klar: Man mag jetzt einwenden, daß es beser ist, 5 Sekunden lang im Rampenlicht zu stehen, als jahrelang im Proberaum solides Zeug zu produzieren, auf welches aber (außer vielleicht einer kleinen, lokalen Fangemeinde) nie irgendwer aufmerksam gemacht wird.

Hmm... Ich habe in Freiburg im Breisgau zwei Jahre lang in einer Band gespielt. Wir haben in dieser Zeit nur fünf Konzerte gegeben. Der Rest bestand aus regelmäßigen, harten Proben, Demo-Tape-Aufnahmen und der vagen Hoffnung, daß wir gut genug für die Industrie und street genug für unser Zielpublikum sein könnten. In Freiburg galten wir nach kurzer Zeit als ultra-solide Band und als "interessantester Act der Region", wie ein Fanzine schrieb. Und wenn wir auch alle für eine gewisse Zeit vom Rockstar-Status geträumt haben, so war uns doch allen klar, daß das Geschäft hart und hier und da einfach auch von Zufällen abhängig ist. Niemand hat sich darauf verlassen, daß wir eines Tages im Luxusbus durch die Welt touren, Groupies scoren, Millionen scheffeln und in der kapp bemessenen freien Zeit an unseren "Wie ich von den Drogen wieder loskam"-Autobiographien schreiben (oder schreiben lassen). Wir wurden alle keine Superstars, aber wir hatten alle einen Riesenspaß!

Warum hatten wir einen Riesenspaß? Weil niemand ankam und uns sagte, wie wir bitteschön auszusehen und zu klingen hätten. Wir konnten machen, was wir wollten. Mit unserer klassischen 5-Mann-Besetzung (Gesang, Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug) streckten wir die Fühler in alle möglichen Richtungen aus und spannten den Indie-Rock-Mantel so weit, daß darunter auch Andeutungen von 'n'Roll, Industrial, Schnulze, Goth, Synthiepop, Glam und Arena Platz fanden. Streng genommen waren wir tatsächlich Träumer und Idealisten, die Musik machten, weil sie Musik machen wollten und nicht, weil sie Kohle scheffeln wollten.

Wie eingangs gesagt: Ruhm auf Knopfdruck mit anschließender solider und anhaltender Karriere klappt schon in der Musik nur äußerst selten. Imre Grimm watschte nun gestern in der WELT das Beine-Brüste-Biegsamkeit-Format "Germany's Next Topmodel" ab und fand dabei den treffenden Anfang:
    Seit sieben Jahren verbreitet Heidi Klum in "Germany's Next Topmodel" ihre fatale Botschaft: Niemand ist schön, so, wie er ist.
Wohin die Show zielt, wurde auch erkannt:
    Diesmal aber waren elf der 25 Kandidatinnen erst 16 Jahre alt, die älteste gerade 23, es war die jüngste Staffel bisher. Noch viel jünger sind die Zuschauerinnen. Klums Marktanteil bei den unter 29-Jährigen liegt bei 40 Prozent. Was fängt die 14-jährige „Elli“ mit der Idee von der Diktatur der Attraktivität an, die im „Mädchen.de“-Netzforum schreibt: „Ich fühle mich hässlich (Gesicht), viele haben mir zwar gesagt ich wäre hübsch, aber ich finde es nicht :(“?
Hier liegt offenbar eine bizarre Variante des argumentum ad verecundiam vor. Da mögen einem in der Schule, auf der Party oder im Einkaufszentrum gleichaltrige und ebenbürtige Standesgenossen noch so häufig sagen, daß man töfte ausschaut: Wenn Heidi Klum meint, daß eine 14-Jährige nicht mehr wiegen darf, als das Doppelkinn eines Herstellers poppig zu vermarktender Billigprodukte, dann hört man plötzlich nur noch auf diese Stimme der Autorität. Hey, die Heidi hat's schließlich geschafft! Was wissen meine Klassenkameraden schon über gutes Aussehen? Von mir mal ganz zu schweigen... Und - schwupp - dümpelt ein weiteres Mädel, dem in diesem Alter eigentlich die Jugendlichenwelt weit offenstehen sollte, im "Häßliches Entlein"-Modus dahin, stellt sich 371 Mal pro Tag auf die vor dem Ganzkörperspiegel positionierte Waage und spart Geld für einen Nosejob und den Lipo-Hoover.

Die Lüge, daß niemand schön sei, so, wie er ist, verschafft sich offenbar immer schneller Zugang zu immer mehr jungen Gemütern. Ich bin zwar einerseits kein Freund und kein Verteidiger des Spruches "Schönheit liegt nur im Auge des Betrachters", aber ich wehre mich noch viel heftiger gegen die Behauptung, daß Schönheit erst dann existiert, wenn man all sein Geld für Kosmetik, Diäten und Operationen ausgegeben hat. Wenn auch im Laufe der Jahrtausende verschiedene Schönheitsideale kamen und gingen, so hatte die Menschheit doch niemals den Wunsch, in einer Welt zu leben, in der alle Frauen und alle Männer exakt so aussehen, wie es das vorherrschende Ideal diktiert.

Vielleicht ist der erste Schritt zur Heilung der, daß man sich traut, Schönheit auch mal da zu entdecken, wo sie laut Satzbausteinhupen wie Klum nie und nimmer existieren kann: In der riesigen Nase einer kernigen Südländerin, in den verspielten Runzeln eines Großmütterchens, in den abwechslungsreichen Rundungen einer übergewichtigen Dame. Wenn man von dieser Entdeckungsreise zurückkehrt, dann kann man vielleicht auch einfacher mit den eigenen äußeren "Unzulänglichkeiten" leben. Wir sind schließlich nicht auf dieser Welt, um ein Leben lang mit unserer Unvollkommenheit auf Kriegsfuß zu stehen, sondern wir sind aufgerufen, unsere Stärken ebenso zu akzeptieren wie unsere Schwächen und sie dann in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Nölige "Ich brauche aber zum 15. Geburtstag unbedingt die Nasenoperation"-Mädels und verschüchterte "Ich weiß aber nicht, ob ich mich ohne George Clooneys Gesicht auf die Straße trauen darf"-Buben spielen genau den Mächten in die Hand, die uns zu konsumierenden und ferngesteuerten Zombies umfunktionieren wollen.

Es müßte doch eingentlich irgendwo eine Webseite geben, auf der Leute, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, die sich aber trotzdem schön oder gutaussehend oder ansehnlich finden, Photos von sich veröffentlichen. Sowas wie ichbinschön.de oder so. Wenn nicht, dann sollte man eine solche Seite starten, um verunsicherten Teenies eine Hilfestellung zu geben [** find **].

Kommentare:

Gerd F. hat gesagt…

Die wahre Schönheit finden wir eh nicht in den vorherrschenden "Idealen" die uns von den Plakatwänden und aus dem Werbefernsehen entgegenstrahlen. Die echte Schönheit finden wir nur in dem Menschen den wir lieben. Mit oder ohne krumme Nase und den vielfältigen "Problemzonen". Wobei der Begriff "Vielfältig" hier einen besondere Bedeutung erhält. Eine Seite im Internet bräuchte ich nicht um sie und mich schön zu finden. Diese Intimität der Schönheit geht nur sie und mich etwas an. **find**

Cinderella01 hat gesagt…

Ich habe mal von einem früheren Bekannten gelernt, "dass es eben so ist, dass jede Frau sich immer unattraktiver findet als sie ist und jeder Mann denkt, er sei der schönste aller Männer." Das haben die Männer uns halt voraus ... Die Kosmetikindustrie versucht das gerade zu kippen, aber ob es gelingt?

Irgendwann habe ich mal gelernt, dass supertolles Aussehen nur dann gut ist, wenn man damit sein Geld verdient. In allen anderen Fällen ist es wichtiger, was im Kopf ist und nicht was dran ist.
Will man als Frau Karriere machen, ist gepflegtes Aussehen richtig, aber eine richtige Schönheit hat's da eher schwerer - eine Chefin will keine schönere Mitarbeiterin (Schneewittchen-Prinzip) und ein Chef will in der Regel auch nicht Opfer von (berechtigten oder unberechtigten) Gerüchten werden, wenn er einer Frau zur Karriere verhilft.
Frauen, die zuhause bleiben und ihre Kinder großziehen, werden von ihren Männern und ihren Kindern geliebt, auch wenn sie nicht aussehen, wie ein Topmodell.
Das ganze nutzt also nur der Schönheitsindustrie und wer auf Heidi Klum hört, ist selbst schuld ...

Alipius hat gesagt…

@ Gerd F.: Völlig richtig. Wobei ich die Seite im Internet nicht so verstanden wissen will, daß man sie anschaut, um sich oder jemand anderen schön zu finden, sondern daß sie den Horizont weitet und sozusagen eine "Lernhilfe" ist.

@ Cinderella: Ich finde auch oft, daß Frauen viel zu hart mich sich ins Gericht gehen, was das Aussehen betrifft.

Anonym hat gesagt…

Wo soll die Schönheit denn sonst liegen, wenn nicht im Auge des Betrachters (die die eingehenden Sinnesreize bewertenden Hirnareale eingeschlossen)? Das ganze Konzept der Schönheit ist doch nur denkbar, wenn es betrachtende Augen mit Sinn für das Schöne gibt. Und ich schließe mich der Ansicht von Gerd F. an. Ein liebendes Auge wird den Anblick des Geliebten lieblich finden, ein hassenden den des Verhaßten häßlich.
Ein paar spekulative Folgerungen:
- Für Gott sind alle Menschen schön, denn er liebt uns alle.
- Heidi Klum mangelt es an Menschenliebe, und allen, die ihre Mitmenschen nur nach dem Äußeren beurteilen ebenfalls, denn es führen ja viele Wege zum Lieben und damit zum Schönfinden.
- Elternhäusern und Schulen, in denen ein Kind nicht lernt, daß es noch andere Schönheitsmaßstäbe als den von Heidi Klum oder von 90/60/90 oder so gibt, und daß jeder selbst den Maßstab dafür, was schön ist, in sich trägt, haben bei der Erziehung etwas versäumt.
Mal abgesehen davon, daß man seinen Kindern auch beibringen sollte, daß ein gewisses Maß an Schönheit iSv Fehlen besonders auffälliger häßlicher Merkmale zwar nützlich, ein darüber hinausgehendes Maß an dem Massengeschmack gemäßer Schönheit aber alles andere als wichtig für den Wert einer Person ist.
- Vielleicht ist, daß viele Teenies sich häßlich finden, zum Teil auch Ausdruck dafür, daß sie sich nicht geliebt fühlen. Wer weiß, daß er bei seinen Mitschülern beliebt ist, oder daß andere, deren Meinung ihm wichtig ist, ihn lieben, wird wenig Grund haben, sich groß über seine (fehlende) Schönheit Gedanken zu machen.

Wenn die Schönheit im Auge des Betrachters liegen muß, da die Idee von Schönheit in einer Umgebung ohne Augen witzlos ist: Warum haben wir Menschen den eigentlich ganz überflüssigen Sinn für die eigentlich für's Überleben ganz überflüssige Eigenschaft Schönheit? Ist es Zufall, daß genau wir Menschen, die wir auch die Liebe kennen, ihn haben? Kann es (Spekulation:) sein, daß uns unser Schöpfer den Sinn für die Schönheit gegeben hat, damit uns die Schönheit der Natur und der besonders das Auge erfreuenden Menschen als Wink mit dem Zaunpfahl dient, daß die Dinge und Mitmenschen nicht einfach da sind, sondern von einem Wesen, das ebenfalls schön und häßlich unterscheidet und also wertet, geschaffen wurden, und zwar von einem liebenden (denn sonst hätte es ja alles ganz häßlich schaffen können)?

Ein Gutmensch

Alipius hat gesagt…

@ Gutmensch: Schönheit wird vom Auge des Betrachters wahrgenommen. Aber sie muß auch und vorranging in den Dingen liegen. Eben weil die Dinge geschaffen sind, wie Sie selbst im letzten Satz sagen. Gott schafft keine Dinge, die "zufällig" irgendwelche Eigenschaften besitzen, sondern er hat immer einen Plan. Daher hat er auch keine Dinge geschaffen, die neutral sind und von denen er annimmt, daß einige Menschen sie schön finden und andere nicht (Das hat er mit dem Wahren und dem Guten ja auch nicht getan). Gott hat das Schöne geschaffen, so daß das menschliche Auge die in den Dingen enthaltene Schönheit entdecken kann. Daß nun nicht jedes Auge die gleichen Entdeckungen macht (sprich: daß nicht alle Menschen die gleichen Dinge schön finden) hängt damit zusammen, daß Gott uns die Vielfalt der Dinge geschenkt hat. Aufgrund dieser Vielfalt wären wir überfordert, wenn wir die Schönheit in allen Dingen in gleichem Maße entdeckten. Manche Menschen finden Vogelspinnen irrsinnig schön. Viele Menschen finden Vogelspinnen häßlich (unter anderem ich). Wer bin ich, zu sagen "Die angebliche Schönheit der Vogelspinne liegt leider nur in deinem Auge. In Wirklichkeit ist das Viech grottoid..."?