Montag, 15. April 2013

Wort / Liebe

Durch diesen Artikel im Abendland bin ich in meinem Kopf auf eine Truhe gestoßen, die ein paar Gedanken enthält, welche ich mit Euch teilen möchte, um Euch zum Nachdenken und Mitreden einzuladen (ich weiß nämlich jetzt - wo ich diese Zeilen beginne - noch nicht, ob ich die Ziellinie erreiche bzw ob ich nicht unterwegs etwas außerordentlich Wichtiges übersehe).

Thomas setzt sich mit zwei Sätzen auseinander, welche während der letzten Tage in Predigten des Papstes gefallen sind:
    "Der Herr hat uns nicht mit einem Text erlöst, nicht mit einem Dekret, sondern er hat uns durch seine Liebe erlöst".
und
    "Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, dann auch mit Worten.".
Der zweite Satz wird dem Heiligen Franz von Assisi zugeschrieben.

Unüberhörbar klingt in beiden Zitaten eine Art wertender Gegenüberstellung von Wort und Liebe bzw Tat und Wort an.

Was ist ein Wort? Ein Wort ist Bestandteil von Sprache. Was ist Sprache? Sprache ist ein konventionelles Zeichen. Was ist ein konventionelles Zeichen? Es ist etwas, das, wenn es wahrgenommen wird, zur Wahrnehmung von etwas Anderem führt, ohne daß zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten ein natürlicher Zusammenhang besteht (wie z.b. bei "Foto von Mama" und "Mama" oder bei "Rauch" und "Feuer"). Es gibt keine natürliche Verbindung zwischen dem Wort "Pferd" und dem galoppierenden, vierbeinigen Tier. Dennoch denken wir alle an eben dieses Tier, wenn wir das Wort "Pferd" hören. Wir tun dies, weil wir es so gelernt haben und weil viele Generationen vor uns es auch bereits so gelernt haben. Der Zusammenhang zwischen dem Wort "Pferd" und dem Tier beruht auf einer Einigung zwischen Menschen.

Kann man das Wort lieben? Der erste verlinkte Artikel verneint dies, indem er eine Szene aus "Breaking the Waves" aufnimmt, in welcher die Hauptfigur in einer Kirche ruft "Aber das Wort kann man doch nicht lieben!". Thomas widerspricht und verweist auf Claudel ("Ich liebe das Wort").

Im tagtäglichen Sprachgebrauch ist ein Wort - glaube ich - nicht so leicht zu lieben (es sei denn, es ist ein so wahnsinnig schön klingendes Wort, daß man eben keine Wahl hat und sich spontan in dieses Wort verliebt) und eigentlich auch nur liebenswert, wenn es dick mit Bedeutung aufgeladen ist, welche Assoziationen hervorruft: "Vanilleeis" ist wahrscheinlich ein geliebteres Wort als "Zahnarztbesuch". Dann wäre aber nicht das Wort das, was geliebt wird, sondern der vom Hörer zugefügte Kontext.

Wenn EIN Wort nicht so leicht zu lieben ist, ist dann DAS Wort zu lieben? Natürlich nur, wenn man weiß, was genau DAS Wort denn nun ist. Ist DAS Wort der Stelltvertreter für ALLE Worte (so wie, wenn man sagt "Ich liebe den Sommer!" und damit alle Sommer meint)? Oder steht DAS Wort für ein einzelnes Wort? Oder steht DAS Wort möglicherweise tatsächlich für DAS Wort, so wie wir es aus dem Prolog des Johannesevangeliums kennen?

Dann sagte man also "Ich liebe DAS Wort" und meinte damit "Ich liebe Jesus Christus" (nämlich das Wort, welches Fleisch wurde, unter uns gelebt hat und dessen Herrlichkeit wir geschaut haben) und könnte ebenso sagen "Ich liebe den Weg, die Wahrheit, das Leben, den wahren Weintock, den guten Hirten, das Brot des Lebens, das Licht der Welt etc...". Oder man meinte "Ich liebe Gott" und somit "Ich liebe die Liebe".

Das Problem liegt wohl darin, daß es - zumindest für mich - ein wenig so klingt, als stelle der Papst "Wort" und "Tat" oder "Text" und "Liebe" als "Entweder,oder..."-Alternativen auf. Dabei ist eigentlich auch hier das gute, alte, katholische "Sowohl, als auch..." nötig: Wir sind erlöst durch Christi Liebe, aber wir wissen von unserer Erlösung nur, weil es Texte mit Worten gibt, welche uns über unsere Erlösung aufklären.

Wir wüßten über die Liebe Gottes nichts, hätten wir nicht die Wore und die Texte, die uns davon berichten. Und die Worte unserer Verkündigung wären hohl, wenn sie nicht aus der Liebe kämen und nicht darauf abzielten, Liebe zu schaffen.

In Jesus Christus haben wir den historisch einzigartigen Fall, daß ein Wort kein konventionelles Zeichen ist, sondern daß ein natürlicher Zusammenhang besteht zwischen dem Wort und dem, was es bezeichnet. In Jesus Christus, dem Wort, welches nicht nur Fleisch geworden ist, sondern welches bei Gott ist und welches Gott ist, verweist das Wort nicht zeichenhaft auf eine andere Realität, sondern es bringt seine Realität mit. Und diese Realität ist die Liebe.

Daher sehe ich in Christus (und somit auch in unserem katholischen Glauben) das Wort und die Liebe so eng verbunden, daß man sie gar nicht gegenüberstellen kann, sondern das Eine mit dem Anderen aufnehmen muß.

Was meint Ihr?

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Ich zitierte in dem Zusammenhang schon aus dem Faust. — Sind wir heutzutage nicht alle ein wenig Faust?

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Alipius hat gesagt…

@ Juergen: Ja, den Faust hatte ich auch auf dem Radar (und Thomas zitiert ihn auch leicht an). Aber ich wollte dann kein "argumentum ad verecundiam" mit reinbringen.

KingBear hat gesagt…

Vielschichtiges Thema...
Als literatur-begeisterter Mensch würde ich schon sagen, so etwas wie "Liebe zum Wort" (also zum sprachlichen *Zeichen*) zu empfinden, aber vielleicht ist das auch weniger "Liebe" im vollumfänglichen Sinne des Wortes als vielmehr "Bewundern von Schönheit"...

Entscheidender scheint mir hier der Satz vom "Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat". Vielleicht kann man sagen: Wäre das Wort (Gottes) NICHT Fleisch geworden (sondern eben "bloß" WORT geblieben), dann könnten wir Menschen keine so enge emotionale Beziehung zu ihm aufbauen, wie wir es dank dieser "Fleischwerdung" können...?

(Das mal so als noch nicht "zu Ende durchdachte" Assoziation...)

Psallite Deo hat gesagt…

Wirklich ein umfassendes Thema.
Ich denke, das Wort steht für die intellektuelle Schiene, also das Verstandes-/Vernunftmäßige - ohne das funktioniert Glauben m.E. nicht.
Dann die Liebe als emotionaler Apsekt, ebenfalls unverzichtbar für den Glauben, dann noch der praktische Bereich, im Sinne von durch seine Taten Zeugnis vom Glauben geben.
In Christus sind alle 3 Elemente vereint (möglicherweise auch noch weitere?).

Man selber braucht auch alle 3, damit der Glaube als Ganzes Sinn macht, und welche Anteile überwiegen, liegt in der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Vorlieben (ich bin bestimmt ein "Wort-Mensch") und ist sicher auch tagesform- und situationsabhängig.

Soweit meine spontane Idee dazu - jetzt ist es mal ein Vorteil, daß ich nicht Theologie studiert habe und nicht alle Hintergründe und Nebenkriegsschauplätze kennen muß ;-)

Allerdings assoziiere ich mit meinen 3 Punkten so ein Diagramm aus dem Seminar "Grundlagen des Glaubens und der Pastoraltheologie" mit den Begriffen liturgia, martyria, diakonia und koinoia - möglicherweise bin ich jetzt gerade auf einer falschen Ebene gelandet, denn es gab noch ein anderes mit 3 Begriffen, aber das fällt mir natürlich jetzt gerade nicht mehr ein...

Wolfgang e. hat gesagt…

Ich kann die Kritik vom Abendländer (den ich an sich sehr schätze) hier nicht teilen.

Natürlich braucht es Worte benutzen, um das Evangelium zu verkünden. Das bestreitet Papst Franziskus ja auch nicht. Aber wenn die Worte nicht durch entsprechende Taten begleitet werden, wenn die Worte nicht von einer entsprechenden inneren Einstellung, von einem entsprechenden Vorbild, von einem Geist des Gebetes getragen werden, dann werden die Worte wenig ausrichten.

Auch in der Erziehung von Kindern ist das Vorbild der Eltern wesentlich wichtiger, als das Wort der Eltern. Das heißt nicht, dass man ohne Worte auskäme.

Auch Christus zieht die Tat dem Wort vor:

"Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt." (Mt 7,21)

Paulus sagt in einem anderen Zusammenhang: "der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig" (2 Kor 3,6)

Wir Christen glauben auch nicht primär an eine klug ausgedachten Lehre, sondern wir glauben an die Person Jesus Christus.

Dass Papst Franziskus in seiner Predigt nicht um DAS WORT ging, ist dabei wohl offensichtlich.

Natürlich, was beim Menschen geteilt ist, wie eben Akt und Potenz, oder auch Wort und Tat, das ist bei Christus, bei Gott nicht geteilt, sondern bildet eine Einheit. Wenn in Genesis 1 steht: "und Gott sprach...", so ist das Wort und Tat zugleich.
Wenn Christus DAS WORT genannt wird, dann ist das Wort und Tat in einem.

Aber, wie gesagt, darum ging es in der besagten Predigt nicht.

dilettantus in interrete hat gesagt…

Vielleicht zur Klärung meines Problems:

http://thomassein.blogspot.de/2013/04/das-geliebte-wort-2.html

Gruß Thomas

Wolfgang e. hat gesagt…

@ Thomas,

danke für die Klarstellung.

Dennoch darf ich einwenden: Die Grundlage unseres Glaubens, bzw. der Inhalt unseres Glaubens ist nicht das (in der Bibel) aufgeschriebene Wort, sondern die Person Jesus Christus.

Das Christentum ist also keine "Buchreligion"

Das Wort macht uns die Person zugänglich. Das Wort ist also "lediglich" ein Mittel um zur Erkenntnis der Person Jesu Christi zu gelangen.

Der Papst hat also, denke ich, recht, wenn er meint, dass in der Glaubensverkündigung zuerst das Beispiel, das Vorleben kommt, und dann (natürlich auch) die wörtliche Verkündigung.

Papst Franziskus handelt auch selbst in dieser Reihenfolge. Er setzt auffällige Zeichen durch seine Handlungen, und erklärt sie dann in seinen Predigten.

Mutter Teresa von Kalkutta hat in Indien nie mit Worten missioniert, sondern nur durch die Tat. Dennoch heißen ihre Schwestern zurecht Missionarinnen der Nächstenliebe. Mit keinem Wort hätte sie der Welt besser klarmachen können, was Christentum bedeutet.

Frischer Wind hat gesagt…

Beide Sätze drücken die Wahrheit aus. Vielleicht wird das etwas klarer durch die Lektüre von Benedikts Postsynodalem Schreiben "Verbum Domini" (2010), hier bes. ab Nr. 97 ff, u.a.:

"Es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Zeugnis der Schrift, als Nachweis, den das Wort Gottes von sich selbst gibt, und dem Zeugnis des Lebens der Gläubigen. Das eine schließt das andere ein und führt zu ihm hin. Das christliche Zeugnis teilt das Wort mit, das in der Schrift belegt ist. Die Schrift ihrerseits erläutert das Zeugnis, das die Christen durch das eigene Leben geben sollen. So können jene, die glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums begegnen, feststellen, daß das Wort Gottes in denen, die es annehmen, wirksam ist."

http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/apost_exhortations/documents/hf_ben-xvi_exh_20100930_verbum-domini_ge.html

Es will keine "wertende Gegenüberstellung" sein, sondern ein "sowohl als auch" (et...et), mit einem besonderen Akzent für die jeweilige Situation.

Z. B. stand Franziskus auch nicht wortlos vor dem Sultan, sondern verkündete freimütig mit Worten Christus, den Gekreuzigten.

Das Eine wird falsch bzw. ist unvollständig, wenn es gegen oder ohne das Andere steht. Wir können Wort und Inhalt/ Wort und Tat /Lehre und Tat nicht auseinander bringen, ohne in Einseitigkeit zu verfallen.

Ähnlich war es vor Kurzem, als Papst Franziskus sagte "Christ sein heißt nicht (bloß) die Gebote befolgen, sondern in Christus sein – denken, handeln, lieben wie Christus..." (10.04) und manche sich schon freuten und zumindest unterschwellig verkündeten, dass Franziskus gesagt habe, dass es nicht darauf ankomme, die Gebote zu halten , "vielmehr...". Nein, nicht "vielmehr", sondern "auch"!

Martina Baro hat gesagt…

Die Diskussion ist so verschwurbelt, wie sie unnötig ist.
Hört einfach mit dem Herzen und benutzt, was der Heilige Ignatius "die zweite Naivität" nannte oder der Bibliolog von der "weißen Schrift" spricht.
Vergesst nicht, wo der Heilige Vater sein Handwerk erlernt hat.

Alipius hat gesagt…

@ Martina Baro: 'Tschuldigung... Gelobe Besserung...

Martina Baro hat gesagt…

@Alipius: *breitgrins* Geht scho!