Dienstag, 2. April 2013

Wahrheitstänzeln

"Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien"-Initiator Niko Alm sagt:
    "Ich habe nichts gegen Religion. Jeder soll glauben, woran er will. Ich verstehe nur nicht, warum unsere Rechtsordnung nach bestimmten Weltanschauungen der Menschen unterscheidet."
Hmm... Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und sage, daß unsere Rechtsordnung nach bestimmten Weltanschauungen unterscheidet, weil Weltanschauungen unterschiedlich sind.

Physiker Heinz Oberhummer, ebenfalls Mitglied bei den Begehrern, meint:
    Die Kirche bekommt mit 3,8 Mrd. Euro pro Jahr das meiste Geld vom Staat. Sie muss weder Gesellschaftssteuer noch Grundsteuer zahlen und darf die staatliche Infrastruktur, die Schulen, für ihren Religionsunterricht nutzen. Dafür müssen wir alle bezahlen, obwohl ein Viertel der Bevölkerung bereits konfessionslos ist."
Das alte Problem: Da in einer pluralistischen Gesellschaft mit relativistischer Tendenz natürlich jeder seine relative Wahrheit hat, welche immer brav als nicht besser oder schlechter als die relative Wahrheit des Anderen ausgegeben wird, muß es zwangsläufig dazu kommen, daß Menschen, die einer absoluten Wahrheit vertrauen und diese verkünden, irgendwann nicht mehr mitspielen können. Und zwar nicht, weil eine absolute Wahrheit als solche schon notwendigerweise inakzeptabel ist oder weil die Glaubensinhalte z.B. des Katholizismus notwendigerweise schrecklicher sind als die Vorstellungen einer dem Nanny-State hinterherhechelnden, gendermainstreamenden, erfrischungsgetränkebecher-zurechtstutzenden, fünf-mütter-vier-väter-zwei-kinder-patchwork-familien-herbeisehnenden, schlimme-worte-aus-kinderbüchern-streichenden, aus-einer-default-einstellung-des-chronisch-beleidigtseins-forderungen-und-anklagen-abfeuernden "Wir müssen am Karfreitag unbedingt tanzen, trauen uns aber nicht, es einfach unangekündigt in unserer Stammdisco zu tun, so wie die nicht so pathologisch öffentlichkeitssüchtigen Jugendlichen früherer Generationen"-Meute.

Nein. Die Anhänger einer absoluten Wahrheit sind deswegen so gefährlich, weil sie sich eben für die Wahrheit und nicht für die Mehrheit interessieren, weil sie auf die Gerechtigkeit und nicht auf die Gleichheit schauen und weil sie sich deswegen nicht dafür interessieren, ob alle Wahrheiten irgendwie gleich sind. Was einen gläubigen und überzeugten Katholiken von einem Karfreitagstänzer unterscheidet, ist, daß der Katholik nicht erst groß und breit erklärt, alle Wahrheiten seien irgendwie gleich, bevor er die katholische Wahrheit darlegt und notwendigerweise verteidigt.

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Wo fließen denn die 3,8 Mrd Euro hin, bzw. wozu werden sie ausgegeben?

Warum finden sich denn keine anderen Träger von Kitas, Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen etc.?

Würde es preiswerter, wenn andere die Einrichtungen betreiben?

Oder geht es nur um die vorgefestigte Meinung, daß die Kirche böse ist und kein Geld bekommen darf, während alle andere gut sind und diese das Geld für die gleiche Arbeit sehr wohl bekommen dürfen?

Anonym hat gesagt…

Auch als totaler Mainstream-Nichtchrist, der dagegen ist, Kinderbücher umzumodeln, und der auch nicht chronisch beleidigt ist, erlaube ich mir die Frage, warum der bayerische Staat die Kirche immer noch für die Gebietsverluste der Kirche aus dem frühen 19. Jh. entschädigt...und glaube auch, dass ein Papst Benedict (und ein Papst Franziskus sowieso) diese Frage stellen würden.
Stichwort "Entweltlichung".

Alipius hat gesagt…

@ Anonym: Bayern zahlt deswegen noch, weil die Verträge noch gelten und wird es weiter tun, so lange die Verträge gelten oder die Kirche sagt "Ich will jetzt nicht mehr".

"Entweltlichung" ist gut. Aber die Unterstützer des Begehrens wollen mehr als nur Entweltlichung oder ein Ende der Zahlung des bayerischen Staates an die Kirche. Diese Leute wollen die Kirche so weit wie möglich aus dem Tagesgeschäft und der Öffentlichkeit verdrängen, dies komischerweise grade in einer Zeit, in der es nach Meinung derselben Leute nicht pluralistisch und meinungsvielfältig genug zugehen kann.

Dordino hat gesagt…

...,fünf-mütter-vier-väter-zwei-kinder-patchwork-familien-...
Genial! :-)

Aber ehrlich gesagt würde ich als Katholik das Begehren unterstützen, schon allein deshalb weil die Kirche durch diese Privilegien gewaltigen Schaden nimmt.

Le Penseur hat gesagt…

@Don Alipius:

Wie Sie vermutlich wissen, habe ich mich in Blogs & Co. mehrfach mit Bezug auf die Situation in Österreich (wo das aktuelle Volksbegehren ja läuft) für die Rechte der RKK eingesetzt. Denn der in den späten 50er-Jahren abgeschlossene »Vermögensvertrag« zwischen RKK und Österreich regelte die Wiedergutmachung der Enteignungen durch die Nazis (die sich insbes. die österreichischen Bundesforste nach 1945 sang- und klanglos »eingenäht« hatten).

Was Bayern betrifft, sehe ich das etwas differenzierter: es ist schon aus einem Gerechtigkeitsstandpunkt hinterfragbar, warum alle anderen Gläubiger Bayerns durch die Inflation der 20er-Jahre und die DM-Umstellung der 50er-Jahre praktisch zur Gänze in die Röhre schauten, und nur die RKK zu Geldwertverhältnissen des Goldstandards gesichert bis heute »Entschädigungszahlungen« erhält, die ihr ein geradezu üppiges Auskommen gestatten (die Üppigkeit der Dotierung z.B. des kirchlichen Gremialwesens, der div. Institute und Organisationen ist schwer zu übersehen).

Sowas intuitiv nicht ganz gerecht zu finden, wenn sonst überall gespart wird, ist nicht verwunderlich ...

Anonym hat gesagt…

@Alipius

Ah ja, dann ist ja alles okay. Der Staat Bayern als Rechtsnachfolger des Kurfüstentums Bayerns könnte ja mal anstrengen, dass die Verträge mal überprüft werden...Verträge aufsetzen, die noch nach Generationen die Nachkommen knebeln, das muss ja irgendwann anfechtbar sein.

Ich glaube nicht, dass die Unterstützer eines Volksbegehrens gar so sinistre Pläne haben, sondern ein paar nicht so schlechte Fragen. Auf polemischem Weg lässt sich denen schlecht der Wind aus den Segeln nehmen ("fünf väter-whatever" *rolleyes So schwer zu verstehen, dass auch der normale Mainstream-Nichtchrist nicht so anders tickt als der katholische Mainstream?).
Ich bin im Übrigen für eine italienische Lösung - jeder zahlt einen Beitrag, entscheidet aber, wie er verwendet wird: zur Erhaltung von Kulturgütern für die Nichtreligiösen, zur Verwendung für Kirchenbelange für den Rest.Darüberhinaus prüft meinetwegen das Verfassungsgericht, wo die Allgemeinheit für spezifische Anliegen der Religiösen aufkommt und wo nicht, was fair ist und was nicht. Ich glaube wirklich, dass etwas Gesunschrumpfen der Kirche nicht schaden wird - in Frankreich, wo ja eine relativ strikte Trennung Kirche/Staat vorherrscht, kommt mir die vorhandene Kirche sehr bunt und lebendig und engagiert vor - wer da dabeisein will, WILL das auch wirklich und kann nicht einfach nur mitlaufen (oder wird per Steuerdekret dazu verdonnert). Im Gegenzug kann sich dann der Rest der Gesellschaft nicht auf der GEwissheit ausruhen, dass für's diffuse spirituelle Wohlbefinden irgendwo noch die Kirche ihren Job macht. Sondern dann muss jeder Stellung beziehen, will ich dabei sein oder auch nicht?

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Ich habe nicht gesagt, daß Bayern über die Verträge nicht nachdenken darf oder soll. Ich habe nur gesagt, daß sie noch bestehen und daher eingehalten werden.

Schauen Sie Sich mal die klassische Klientel der Anti-Kirchensteuer und Anti-Kirchenprivilegien-Gruppen an. Das sind genau die Leute, die sich mit dem kleinen Finger nich zufrieden geben werden. Und Patchworkfamilien ohne zahlenmäßige Begrenzung sind nicht zum Augenrollen, sondern werden z.B. bei den Grünen schon ganz konkret gefordert.

@ Le Penseur: Bayern ist natürlich ein anderer Fall als Österreich. Man muß halt abwarten, wie lange das noch spielt.

HospesViennensis hat gesagt…

Ich habe Herrn Alm in einer Diskussionsrunde vor 2 Wochen erlebt und muss ehrlicherweise sagen, dass ich - trotz allen idiologiegeprägten Vorurteilen, die er gegen die RKK pflegt, und hanebüchenen Vorurteilen - ihn und seinen Standpunkt angenehmer fand, als den des Rechtsprofessors aus Linz, der dem Vorstand der Initiative "Auftreten, nicht austreten" angehört.

Ihm kam es mehr darauf an, seinen Standpunkt darzulegen (Die Kirche sollte zu ihrem eigenen Wohl so stark entweltlicht und entrechtet werden, dass sie nicht einmal mehr unters Vereinsrecht fällt) als die Argumente von Niko Alm zu entkräften, was ein leichtes gewesen wäre...

Anonym hat gesagt…

ad Anonym, 2. April, 18.46 h

"...Verträge aufsetzen, die noch nach Generationen die Nachkommen knebeln, das muss ja irgendwann anfechtbar sein ...":

Liebe oder lieber Anonym, hne mich jetzt zu bajuwarischen Verhältnissen in irgend einer Art, Weise, Tonlage oder Klangfarbe zu äußern (mangels Faktenkenntnis) ein kurzer Hinweis: Solche Verträge sind in der österr. Rechtsordnung ganz alltäglich. Sie nennen sich "Mietvertrag für Mietobjekte im Vollanwendungsbereich des Mietrechtsgesetzes". Dann greift nämlich der Mieterschutz in vollem Umfang, der insbes. den leiblichen usw. Kindern das sogen. Eintrittsrecht einräumt, das ist die Möglichkeit, zu (beinahe) den alten Konditionen in den Mietvertrag eines vorverstorbenen Mieters einzusteigen. Es gibt in Österreich immer noch Verträge (nicht mehr viele, aber doch), die vorsehen, daß die Miete nach sogen. "Friedenskronen" (solchen von Juni 1914 ...) bemessen wird. Eine Abschaffung wird zwar diskutiert, kam aber bisher noch nie zustande, da a) pacta sunt servanda und b) der Hauseigentümer ist ein fies... ähm, nein, keine Option b), danke.

Zwetschgenkrampus