Dienstag, 2. April 2013

Verfolgungs-Wahn...

Olaf Tannenberg schreibt bei Elsa:
    Der islamische Glaube der Mehrheitsgesellschaft ist äußerst moderat, Christen und Angehörige animistischer Religionen (wie etwa die Dogon) wurden geduldet, sie konnten ihren Glauben weitestgehend ungestört ausüben und hatten einen festen Platz in der Gesellschaft. Von den etwa 15 Millionen Maliern bekennen sich etwa zwei Prozent zum Christentum, rund 200.000 Einwohner gehören der römisch-katholischen Kirche an.

    Seit April 2012 herrscht Krieg im Norden Malis. Opfer dieses Krieges sind die moderaten Muslime ebenso wie die Christen. Mit den Islamisten kam die Scharia, Menschen wurden wegen angeblicher Verbrechen ausgepeitscht, verstümmelt, hingerichtet. Christliche Kirchen wurden zerstört wie auch islamische Heiligtümer, die zum Weltkulturerbe zählten. Der von den separatistischen Tuareg ausgerufene Staat Azawad im Norden Malis hatte nicht lange Bestand; die islamistischen Gruppen vertrieben ihre einstigen Verbündeten und errichteten Terrorregimes, insbesondere in den Oasenstädten, wie Gao, Kidal und Timbuktu. Die Christen, deren Leben plötzlich bedroht war, flohen in den Süden des Landes, nach Niger, Burkina Faso oder andere Nachbarländer. Nur einige wenige Christen leben noch im Norden; sie praktizieren ihren Glauben im Verborgenen.
Nehmen wir die Nadel mal aus der "So etwas kann bei uns nie passieren"-Rille und stellen wir uns ein Europa vor, welches es nicht wirklich schafft, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, in dem die Arbeits- und Perspektivlosigkeit noch ein wenig weiter um sich greift und in dem die Zahl der Moslems in Zukunft nicht abnehmen wird: Was genau sind die Gründe, warum es bei uns nicht irgendwann ebenso ablaufen sollte wie in Mali und anderen Ländern? Die lieben und gemäßigten und nur ihen Glauben leben wollenden Moslems mögen in der Mehrheit sein. Da sie aber - obwohl sie die Mehrheit sind - offenbar kaum bis keinen beschwichtigenden Einfluß auf den Terror nehmen (können), sondern von den Extremisten sogar hier und da selbst ins Visier genommen werden, ist es für mich streng genommen kein Trost, zu wissen, daß die Mehrheit so friedlich ist. Das vergrößert ja für die gewaltbereiten Islamisten nur die Menge der legitimen Ziele. Lautet die Lösung also, daß künftig Christen und moderate Moslems gemeinsam däumchendrehend zuschauen und auf die ihnen geltenden Anschläge warten, wenn in Europa die Extremisten lauter und aktiver werden? Die Salafisten in Deutschland und Anjem Choudary und seine Truppe in England, um mal nur zwei Beispiele zu nennen, geben ja schon mal ganz deutliche Signale, in welche Richtung es ihrer Meinung nach in Europa künftig gehen soll.

Ich will nicht für Panik sorgern, aber ich fühle mich im Moment mit der Christenverfolgung in vielen islamischen Ländern nicht wohl, und ich kann solche Gedanken auch nicht einfach nur in mich reinfressen.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Das Problem scheint mir tatsächlich ein Arabisches zu sein. Wie mir sowohl Professoren der Islamwissenschaft, Ethnologen und andere Westafrikareisende immer schon seit Jahren glaubhaft versicherten, ist der Islam westafrikanischer Prägung eine sehr gemütliche Sache. Die Menschen möchten Frieden, sie möchten sich freuen und feiern dürfen, einfach das Leben genießen (und oh ja, dazu sind sie weitaus mehr imstande als wir - trotz ihrer erbärmlichen Armut.) Was sie gewiss nicht wollen, ist, Hände abgehackt zu bekommen. Aber wer will das schon.

Wenn man jetzt schaut, wo die Radikalen herkommen, so sind das hauptsächlich (mittlerweile) arabisch dominierte Staaten mit Pakistan. Übrigens war einstmals auch Persien, also ein Teil des heutigen Irans, nichtarabisch und hatte eine bemerkenswert tolerante wunderschöne Kultur. Das heißt nicht, dass die Araber keine wunderschöne Kultur hätten, aber es gibt einem halt zu denken, dass die Islamisten hauptsächlich aus dem arabischen Raum zu kommen scheinen, offenbar von Pakistan ein wenig gepusht werden (wie auch Afghanistan) plus eben europäische Konvertiten wie die Sauerland-Gruppe.

Elsa hat gesagt…

Iran ist natürlich per se immer noch nichtarabisch, aber hat jedenfalls auch keinen Islam westafrikanischer Spielart entfalten können, im Gegenteil.
(Zur Korrektur ergänzt.)

Thomas hat gesagt…

Mir fehlt sowohl die Zeit, wie auch die Lust zwischen einen gemütlichen und einen ungemütlichen Islam zu unterscheiden. Solange es "Islamisten" gibt, die anderen Leuten die Köpfe abschneiden wollen, ist für mich der Islam per se gefährlich.

Le Penseur hat gesagt…

HUCH! Ich bin einfach ENTSETZT über diese ISLAMOPHOBIE, die uns aus dem Artikel entgegenblickt!

*Satiremodus aus*

Elsa hat gesagt…

@Thomas: Das kann ich zwar nachvollziehen, aber wenn man sich nicht mit den Strukturen und den Methoden des islamistischen Terrors beschäftigt (Mali, Syrien, Pakistan usw.)wird man halt auch nicht verstehen, wie das alles so abläuft, wo diese Leute eigentlich herkommen und was man ihnen zutrauen muss, soll und darf. Kann aber nachvollziehen, wie gesagt, wenn man dazu keine echte Lust verspürt ;-)

Alipius hat gesagt…

@ Elsa und Thomas: Ein Problem ist natürlich auch, daß unabhängig davon, woher die Terroristen kommen und wie sie zu Terroristen wurden, erst einmal die ganze Welt zu ihren porentiellen Zielen und Opfern gehört. Sprich: Einem U-Bahn-Fahrgast oder einem Büroarbeiter in irgendeiner Großstadt in Europa (und seinen Angehörigen) wird es erst einmal egal sein, ob der Spinner, der ihn in die Luft sprengt, nun Aus Nordafrika oder aus dem arabischen Raum oder aus Castrop Rauxel kommt.

Ich tendiere im Moment auch eher zu der Meinung, daß man vielleicht gar nicht fragen sollte, wie man verhindern kann, daß junge Männer nicht mehr zu Extremisten und/oder Terroristen werden (kann man meiner Meinung nach gar nicht wirklich verhindern), sondern daß man fragen muß, wie man sich vor Terrorismus am wirksamsten schützen kann.

Elsa hat gesagt…

>>sondern daß man fragen muß, wie man sich vor Terrorismus am wirksamsten schützen kann.<<

Hm, das ist jetzt die Expertenfrage. Als jemand, der die Zeit der RAF noch miterlebt hat, gebe ich mal die Antwort: Das geht nicht. Wenn man sich gegen Terror schützen könnte, gäbe es keinen Terror mehr, den die Absichten der Terroristen sind ja die, aus dem Hinterhalt zuzuschlagen und somit eine Atmosphäre der allgemeinen Angst und Verunsicherung, ja Panik aufzubauen.

Es kann dazu führen, wie in Mali, dass eben Maßnahmen ergriffen werden müssen, die eine militärische Intervention nötig machen. Innenpolitisch gesehen, solange es sich um einzelne Attentate handelt, also nicht von Horden, sondern von einer Art Heckenschützen, wird man dann eben vermehrt Maßnahmen der Überwachung treffen, Abhörmaßnahmen breiter freigeben, V-Leute irgendwo einschleusen (das war wohl das Problem bei NSU), das sind dann alles Geschichten, die die innere Sicherheit betreffen und differenziert betrachtet werden müssen, da sie zwar eben auch innere Sicherheit garantieren wollen, aber genausogut Grundrechte beschneiden können oder Generalverdächtigungen befördern. Also alles nicht einfach ...

Theodreds Schicksal hat gesagt…

Ich finde die Einschätzung, die Radikalität und / oder Gewaltbereitschaft komme aus dem arabischen Kulturkreis zu kurz gegriffen. Sowohl die Geschichte mit einem osmanisch dominierten, keineswegs so tolerant wie in den Medien dargestellten, Islam als auch die aktuellen Entwicklungen bspw. an der Elfenbeinküste oder im Süden Thailands, Indonesien oder den Malediven sind zum größten Teil eigenständige Probleme.

Aus Analysen Verständnis und Lösungsansätze zu entwickeln birgt in sich die Gefahr, einer unvollständigen oder ideologisch verklärten Analyse zu folgen. Dabei spielt man dann mit nichts geringerem als dem Feuer.

Elsa hat gesagt…

@Theodreds Schicksal: Ich sprach konkret von islamistischen TERRORISTEN. In manchen Teilen Indonesiens und leider zu vielen anderen Ländern, auch denen, die du nennst ist es aber der Staat selbst, der christenfeindlich eingestellt ist - und zwar auf der aufsteigenden Skala Benachteiligung, Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung, totales Verbot der Religionsausübung.
Die islamistischen Terroristen, von denen ich rede, habe keinen "Staat", sondern fallen in anderen Staaten als paramilitärisch organisierte Räuberhorde ein. Sie werden von wahrscheinlich Saudi Arabien, sicher Libyen, vermutlich auch Pakistan allerdings großzügig unterstützt. Da gibt es einen Unterschied: Gegen einen Staat, der Christenverfolgung zulässt oder befördert, kann man nur diplomatisch, also mittels Verhandlungen oder Sanktionen vorgehen. Gegen marodierende Terroristen ist gegebenenfalls eine militärische Intervention angebracht, bes. wenn die Bevölkerung selber darum nachfragt.
Ich sehe nicht, was diese Analyse nun eigentlich für eine Sprengkraft haben sollte. Man kann natürlich auch alle miteinander in einen Topf hauen, sich die Ohren zuhalten und schreien... Das Thema Christenverfolgung, Islam und Islamismus ist allerdings eben dann doch ein komplexeres, vor allem wenn man darüber nachdenkt, welche Lösungsansätze man eigentlich hat - und welche eben nicht...

O. Tannenberg hat gesagt…

Der Einfachheit halber: http://elsalaska.twoday.net/stories/326528711/#332035459

Theodreds Schicksal hat gesagt…

@Elsa, im ersten Kommentar, auf den ich mich bezog, kommen die Worte "Problem" und "Radikale" vor, nicht aber "Terrorist". Dementsprechend habe ich die Ausführung als weitergreifend als "nur" auf Terroristen, also Radikale die aktiv werden und anderen Leid zufügen, verstanden. Daher auch mein Hinweis auf die historische Dimension der Intoleranz und "Radikalität".
Und darin liegt sehr wohl eine "Sprengkraft" (auch wenn ich von einem "Spiel mit dem Feuer" schrieb, also weniger explosiven Folgen). Fehlerhafte Analyse (die bspw. auf dem berechtigten Wunsch beruht keine Pauschalisierungen und somit womöglich Ausschreitungen zu unterstützen) kann zu einem falschen Lösungansatz führen welcher das Problem mglw. noch verschärft.
Das der Westen Afrikas einen moderateren Islam kennt will ich nicht bezweifeln, dass die gewaltaffinen Tendenzen aber nur durch Einwanderung entstehen sehr wohl.
Bei OpenDoors kann man im Index auf Platz 13 Nigeria finden, welches m.W. zu Westafrika zählt. Die Nachrichten von Boko Haram und seinen Geistesbrüdern sind vermutlich weithin bekannt. Genau wie die Ostafrikanische Al Shabaab sind ihre Wurzeln sicherlich bei den saudischen Wahabiten zu suchen, sie rekrutieren sich jedoch aus Afrikanern, dominieren Landesteile die man auch in der juristischen Entwicklung hin zur Scharia eben durchaus als eigene Staaten ansehen muss und bauen dabei auf afrikanischer Kultur auf. Das dabei verschiedene Elemente, wie die Scharia aus dem arabischen stammt würde die Diskussion eher auf die Ursprünge des Islam selbst legen, der nunmal eine arabische Religion ist.
Auf Platz 23 sehen wir Mauretanien, ebenfalls ein westafrikanisches Land in Ablehnung nichtislamischer Religion. Zwar ist die Kern dabei im Norden, im Nordafrikanischen Teil des Landes zu suchen, aber auch im Süden und Südosten sind die Verhältnise von Ablehnung geprägt. Ein Blick in die Staatsmedien verrät die Haltung.
Dazu kommt Mali und die Elfenbeinküste hat in den letzten Jahren einiges an Morden gesehen, auch wenn dies politisch initiiert wurde zeigt es auch eine latente Gewaltbereitschaft (leider eben auch der dortigen christlichen Gemeinschaft).
Der Boden ist auch in Ostafrika für den radikalen Islam fruchtbar.
Das die Küstenstaaten wie Liberia oder Ghana noch wenig mit diesen Problemen zu kämpfen haben verorte ich eher in der jeweiligen Geschichte und aktuellen Zusammensetzung der Bevölkerung sowie der Präsenz der westlichen Mächte vor Ort.
Das die Terrorbewegungen ihre Wurzeln nicht in Westafrika haben begründet sich m.E. ebenfalls eher mit der zentralen (historischen) Bedeutung und finanziellen Lage der Araber als mit einem besonderen Islam in Westafrika.

Diese Analyse ist natürlich stark verknappt (ist ja kein Forum hier), und eben eine Analyse. Vielleicht liege ich ja (ebenso?) falsch.

Theodreds Schicksal hat gesagt…

UH....Groß- und Kleinschreibung unterliegen dem Diktat der Geschwindigkeit und der Uhrzeit. Ich bitte um Nachsicht.