Donnerstag, 21. März 2013

Precrime, Bullying und die "Gay Legion of Menacing Visigoths for Tolerance"

Bereits am Freitag schilderte die PRESSE in einem Artikel den Fall eines 28-jährigen New Yorker Polizisten, der in einem Internet-Forum ziemlich unappetitliche Phantasien geschildert hat:
    Er habe geplant, seine Ehefrau und mehrere andere junge Frauen zu kidnappen, zu foltern und zu verspeisen. Die Ehefrau des Angeklagten hatte den Fall ins Rollen gebracht, sie spionierte seinen Computer aus und übergab ihn dann der Polizei.

    Darauf fand das FBI ausführliche Kannibalismus-Konversationen mit anderen Nutzern, in denen genüsslich erörtert wurde, wie man Frauen entführen und zubereiten könnte. Google-Suchanfragen des Polizisten lauteten etwa „How to tie up a girl“ oder „Eat her for dinner cannibalism“.
Der Mann wurde in der vergangenen Woche von Geschworenen für schuldig befunden und könnte nun zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden. In Spielbergs Zukunfts-Vision Minority Report aus dem Jahr 2002 (basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Philip K. Dick aus dem Jahr 1956) wäre dies ein ziemlich normales Szenario. Dort werden Menschen bereits verurteilt und bestraft, wenn ein von ihnen in der Zukunft begangenes Verbrechen durch drei präkognitiv begabte Personen in einer Vision vorhergesehen und bestätigt wird.

Nun schreiben wir zwar bereits das Jahr 2013 (und nicht 2002 oder gar 1956), aber ist es nicht so, daß eine Tat selbst heute noch erst dann als "versucht" gilt, wenn der vermeintliche Täter durch eine mit der Tat direkt zusammenhängende Aktion zeigt, daß er bereit ist, die Tat auszuführen? Wenn also die geplante Tat ein Sprengstoffattentat ist, dann wäre der Erwerb einer Tüte Gummibärchen im Supermarkt okay, das Herstellen von Sprengstoff in der eigenen Garage aber nicht. Der verurteilte Polizist in den USofA hat seine Tat zwar in wilden Phantasien breitgetreten, aber ansonsten keinen Hinweis darauf gegeben, daß er es ernst meint. Natürlich braucht dieser Mann mehr Therapie als in meinen Kofferraum paßt, aber darf man ihn deswegen verurteilen? Vielleicht gar zu lebenslanger Haftstrafe?


Szenenwechsel: Der Science-Fiction-Autor Orson Scott Card ist Genre-Fans ein Begriff. Ich selbst kenne ihn nicht bzw bringe mit seinem Namen nur seinen bisher offenbar größten Hit Ender's Game (deutsch: Das große Spiel) in Verbindung. Card sollte eine von von Chris Sprouse illustrierte Story für eine Superman-Anthologie schreiben. Nun stellte sich heraus, daß Card erstens Mormone ist, zweitens als Mormone glaubt, daß homosexuelle Aktivität Sünde ist und drittens dies auch schon kundgetan hat. Auftritt die von Mark Shea liebevoll als "Gay Legion of Menacing Visigoths for Tolerance" bezeichnete Unterabteilung unserer schwulen und lesbischen Mitbürger, welche keine Gelegenheit ausläßt, ihren Willen zu Toleranz und Gleichheit dadurch zu demonstrieren, daß sie all jede Leute vom Schulhof prügelt, deren Einstellung unangenehm ist, die Fragen stellen und die Dinge nicht einfach als gegeben hinnehmen, nur weil eine Horde Fackeln und Heugabeln schwingender Aktivisten es verlangt. Unabhängig davon übrigens, ob diese Einstellung nun in dem betreffenden Fall zum Vorschein kommt oder nicht: In den Berichten über den Fall wird jedenfalls nicht geschrieben, daß die Geschichte selbt genau die Geschmacksrichtung von "haßerfüllter Homophobie" liefert, welche die Aktivisten vermuten oder bereits als gegeben ansehen. Jedenfalls hat Chris Sprouse wegen des Rummels seine Mitarbeit am Projekt abgesagt und DC hat die Geschichte für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Laut Mark Shea lebt Card vom Schreiben und der DC-Deal hätte sicherlich ein brauchbares Sümmchen eingebracht. Die Botschaft ist klar: "Wer gegen uns seine Stimme erhebt, dem entziehen wir notfalls durch Boykottaufrufe die Lebensgrundlage, egal, ob es nun ein Autor oder eine Fast-Food-Kette oder ein Konditor ist. Alles im Namen der Gleichheit und der Toleranz, versteht sich!"


Szenenwechsel: Im Jahre 2004 schrieb der Atheist Sam Harris in seinem Buch "The end of Faith":
    The link between belief and behavior raises the stakes considerably. Some propositions are so dangerous that it may even be ethical to kill people for believing them.
Harris hat zu diesen Aussagen und zu anderen umstrittenen Passagen seines Buches Stellung genommen und versucht, die Wogen zu glätten. Das Problem an der Geschichte ist aber weniger Harris' Erklärung und Deutung seiner Aussagen als die Tatsache, daß Aussagen einer Autorität (und sei es einer atheistischen) beim dankbar suchenden Empfänger nicht mit Gebrauchsanweisungen und Fußnoten ankommen. Mir ist übrigens kein einziges kirchliches Dokument bekannt, in dem behauptet wird, es könnte unter besonderen Umständen vertretbar sein, Leute zu töten, nur, weil sie bestimmte Dinge sagen oder denken. Denn Worte sind in der Regel die Samen für Taten. Es ist zwar nicht so, daß auf Worte auch zwangsläufig Taten folgen müssen (siehe "US-Polizist will Frauen verspeisen" - er hat bis zu seiner Verurteilung lediglich davon gesprochen bzw geschrieben, aber nichts unternommen, was darauf hindeutete, er wolle Ernst machen), aber wer weiß, wann wer durch welche Worte inspiriert wird? Wer weiß, wie viele Kannibalen durch das offene Geständnis des US-Polizisten in ihrem Vorhaben gestärkt wurden?


Wenn ich sehe, daß Precrime offenbar immer wirklicher wird; wenn ich sehe, daß die Definition, was genau ein Verbrechen ist, oft genug nicht vom Gesetz sondern von einer Horde von Beleidigten geliefert wird ("Er will mir keine Hochzeitstorte mit zwei Bräutigamen backen! Haßverbrechen! Kommt Leute! Boykott organisieren und Drohbriefe schreiben!"); wenn ich sehe, daß ein vielgelesener Atheisten-Autor in einer aufgeheizten Situation unbedacht Wortbomben streut, die von instabilen Zeitgenossen viel eher als Anregung für künftige Taten herangezogen werden können, als eine Passage aus einer Papst-Rede, dann bereitet mir die Summe aus den drei geschilderten Szenarien ziemliches Bauchweh...

"Ich mußte ihn töten! Er war ein Katholik! Schlimmer noch: katholischer Priester! Er wurde auf dem 'Marsch für das Leben' gesehen und er hat sich neulich in einer Predigt gegen die Homo-Ehe ausgesprochen! GEGEN die Homo-Ehe! Das war im Grunde schon die Ankündigung der Tat! Kapieren Sie nicht? Wissen Sie denn nicht, was für gefährliche Dinge diese Katholiken glauben? Sie sollten mir dankbar sein! Ich habe mit ziemlicher Sicherheit einen Sprengstoffanschlag auf eine Schwulensauna verhindert!"

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

@Don Alipio:

Bedrohlich-genialer Artikel, den ich mir zu verlinken erlaube.

CHAPEAU!

Epigonias hat gesagt…

Das Problem bei PreCrime war/ist ja, dass die drei Leute keine einzige richtige Zukunftsvorhersage getroffen haben. Hätten sie wirklich in die Zukunft gesehen, dann hätten sie Festnahmen und keine Verbrechen vorhergesagt.

Das von Sam Harris kannte ich übrigens noch nicht. Beklemmend.

Und auch ich ziehe meinen Hut.

Antiochenus hat gesagt…

Ich gebe zu, daß ich mir seit letzter Woche ausgiebig den Kopf darüber zerbrochen habe, was einem theologisch gemäßigt und liturgisch etwas weniger gemäßigt Konservativem wie mir das neue Pontifikat wohl so alles bringen mag. Im Angesicht dieser hier (sehr gut) diskutierten Probleme und insbesondere des Gedankens von Harris allerdings verblassen alle meine Befürchtungen zu lateinischer Messe etc. Wir haben eben tatsächlich im Moment und vermutlich vermehrt in der Zukunft ganz andere Probleme, wobei "wir" in diesem Fall eben wirklich einmal alle gläubigen Christen wie auch Muslime, Juden etc. meint. Es wird noch "lustig" werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten...

Der Heide hat gesagt…

Harris' Aussagen sollte man anscheinend stärker verbreiten, wenn sie noch so wenige kennen (zumindest scheint es so). Das war damals ein bedenklicher Schrott, den aber, wie mir scheint, durchaus immer wieder so einige Atheisten - bisher wenigstens nur gedanklich - durchspielen ...