Montag, 4. März 2013

Lieber Leben...

Ich bastele grade an einem kleinen Vortrag, den ich nächste Woche im Rahmen einer Erwachsenenkatechese in Wien halte. Thema ist die Kultur des Lebens in einer zunehmend säkularen Gesellschaft.

Heute fiel mir etwas auf, was stimmen mag oder auch nicht. Ich will es aber auf jeden Fall mit Euch teilen, damit Ihr Euren offiziell erbetenen Senf dazugeben könnt!

Der Tod ist das Ende des Lebens. Sein Gegenteil ist daher der Beginn des Lebens, also beim Menschen nach katholischer Auffassung die Befruchtung, nach anderer Auffassung die Geburt.

Was aber ist dann das Gegenteil von "Leben"? Das Gegenteil von Leben hat, glaube ich, gar keinen Namen. Vielleicht, weil es zu schrecklich ist.

Wenn ich an Leben denke, dann denke ich an Bewegung und Veränderung. Ich denke an Blüten, an Früchte, an Vögelchen, an Farben und an Klänge. Ich denke an quietschende Babies, an sich küssende Pärchen, an spazieren gehende Opas und Omas. Ich denke an scheppernde Fronleichnamsprozessionen, an proppevolle Südkurven, an quietschende Autoreifen, an Abenteuer und Gefahren. Ich denke an Chorgesänge und an Meinungsverschiedenheiten, an Streit und an Versöhnung. Ich denke an Essen und Trinken, an Lachen und Weinen, an Spaß und an Ernsthaftigkeit. Ich denke an Mann und Frau, an Schwarz und Weiß, an Groß und Klein, an Klug und an Einfältig, an Herr und Diener. Und ich denke an Gott, der das Leben ist und der das Leben gibt. Kurz: Ich denke an all die verschiedenen, unterschiedlichen Dinge, die mir bisher auf der Welt begegnet sind.

Je weniger wir von diesen Dingen haben, desto mehr nähern wir uns dem Gegenteil von Leben an. Eine Kultur des Lebens ist demnach eine Kultur, die dafür sorgt, daß es möglichst viele dieser Dinge gibt. Eine Kultur, die das Gegenteil von Leben fördert, ist eine Kultur, die versucht, möglichst viele dieser Dinge verschwinden zu lassen. Und zwar indem sie sie entweder totschweigt (z.B. Gott) oder verhindert (z.B. Geburten) oder auslöscht (z.B. Euthanasie) oder einander so lange angleicht, bis beide verschwunden sind (z.B. Mann und Frau).

Dann haben wir (noch) keine absolute Kultur des Todes, aber wir haben eine Kultur des Nicht-Lebens, in der erstens die verschiedenen Dinge, die mir im Leben begegnen, weniger werden und zweitens die übriggebliebenen Dinge einander so ähnlich werden, daß aus einem Mosaik von Farbtupfern bald ein Meer aus Grau wird.

Und weil mir die Gesellschaft, in der ich lebe, im Moment so vorkommt, als spiele sie recht unbedarft mit einer Kultur des Nicht-Lebens herum, bin ich gerne gegenkulturell.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Bei Deiner Formulierung "das Gegenteil von Leben" fiel mir spontan ein: Depression.
Ich hatte mit dieser Krankheit lange zu tun (und danke Gott, daß das längst ausgestanden ist!) - und sie ist wirklich ein Stillstand, Stagnation, es passiert einfach gar nichts mehr. Am ehesten könnte man Depression mit einem sauerstoffarmen sumpfigen Tümpel vergleichen, in dem nur noch geistlose Mikroorganismen überleben.

Tod ist damit verglichen ein ganz interessantes Geschehen - selbst wenn man nicht an das ewige Leben danach glaubt.

Anonym hat gesagt…

Wer liebt, lebt!

Gerd F. hat gesagt…

Laut Wiki bezeichnet man unter dem Begriff Kultur, lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“, von colere „wohnen, pflegen, verehren, den Acker bestellen."
Deswegen kann es doch eigentlich eine "Kultur" des Todes gar nicht geben. Der Begriff Kultur kann doch nur in Bezug auf das Leben angewendet werden. Oder denke ich da zu verquert?

Alipius hat gesagt…

@ kalliope: Zu Depressionen kann ich aus mangelnder Erfahrugn zum Glück gar nichts sagen, aber die mit bekannten Leute, die mit Depressionen zu kämpfen haben, würden Deine Worte sicherlich unterschreiben.

@ anonym: Joh!

@ Gerd F.: Im weieren Sinne ist Kultur auch das, was nicht Natur ist (ohne, daß man hier einen strengen Gegensatz ziehen darf und soll). Kultur ist also das, was der Mensch sozusagen über Gottes Schöpfung "drüberstülpt", um sie sich ein wenig zurechtzuformen. Das geht mit Ackerbau, aber das geht auch mit einer bestimmten geistigen Einstellung, auf die Taten folgen.

kalliopevorleserin hat gesagt…

@Gerd: Da ja colere auch "verehren" bedeuten kann, ist eine "Kultur" des Todes durchaus ein sinnvoller Begriff überall da, wo mörderische Führer oder Geistesströmungen zu einer Art Religion erhoben werden.

Bastian (Sierra Victor) hat gesagt…

Alipius, ich finde Deine Gedanken und ihre Darstellung hervorragend! Anders kann ich es nicht sagen.

Ester hat gesagt…

Interessante Frage.

Ich denke das Gegenteil von Leben ist das Nichts. Nichtsein, Wegfall (nicht Zusammenfall) aller Widersprüche. Nichmehrsagenkönnen "und".
Also so wie du sagst: nicht mehr Mann und Frau sehen, sondern nur noch Mensch sagen.
Was Leben ausmacht sind die Unterschiede und soweit wir wissen sind wir auch im Himmel noch unterschiedene Seelen und der Unterschied in der Dreifaligkeit bleibt und der Unterschied zwischen Gott und Mensch auch.
So ist das Gegenteil von Leben der Zustand vollendeter Entropie überall ist alles gleich.
Der Assembler Code besteht ausschließlich aus Nullen.
Dante stellt sich den untersten Kreis der Hölle komplett vereist vor. Während es im Himmel, dort wo das Leben zur Vollendung gelangt immer noch Mahl und Hochzeit gibt. Es gibt dann halt nicht mehr die Möglichkeit der schlechten Wahlen, weswegen wir uns das nicht vorstellen könne, mit dem Himmel meine ich.

Anonym hat gesagt…

Eine andere Perspektive:
In einer BBC Fernsehdokumentation über das Leben, die vor vielen Jahren lief, kam ein Wissenschaftler zu Wort, der folgendes sagte:, Wir unterliegen immer dem Irrtum, dass wir bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle Leben erschaffen, produzieren oder entstehen lassen. Vielmehr geben wir nur Leben weiter, weil auch die Eizelle und die Samenzelle lebendig sind." Wir dürfen also Leben weitergeben. Der Rest ist Gottes Gnade.....

Severus hat gesagt…

Ich denke, Du hast den Kern der Sache schon sehr gut getroffen, Alipius: Zur "Kultur des Todes" gehört vor allem das Plattwalzen von gewachsener Vielfalt und Lebendigkeit und Natürlichkeit. Noch tiefer greift ein Denker, den schon vor einem Jahrhundert das Thema intensiv beschäftigt hat - Zitat gefällig? -: "Die fundamentale Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor den Leben entgegenzubringen wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle, absolute Grundprinzip des Ethischen." (Albert Schweitzer)

MC hat gesagt…

Also für so hochexistentielle Fragen ist ja eigentlich der Kollege Johannes mit St. Thomas zuständig.

Aber ich will trotzdem mal den Versuch machen, hierzu was zu sagen:

1. Wir unterscheiden zwei Begriffspaare: Kultur des Lebens - des Todes; religiöse Kultur - säkulare Kultur.

2. Dann kann die Frage gestellen werden, wie wir diese beiden Begriffspaare jeweils einander zuordnen können? Momentan kann tatsächlich gesagt werden, die säkulare Kultur sei eine Kultur des Todes; die religiöse/katholische Kultur eine des Lebens.

3. Dann wäre zu untersuchen, ob diese jeweilige Zuordnung notwendig ist oder zufällig. Der religiöse Mensch würde sagen, sie ist notwendig, da eine säkulare Kultur sich vom Ursprung des Lebens abgewandt hat und damit notwendigerweise zum Tod hinleiten muss. Der Säkulare hingegen würde dazu tendieren (stimmte er 2 zu), diesen Umstand als eine Möglichkeit zu begreifen, wie sich säkulare Kultur ausdrückt. Dieses Argument ist weder schlüssig nachzuweisen noch zu widerlegen, da es spekulativ ist.

4. Will man diesen Punkt nun weiter untersuchen und über das Spekulative hinaus Hinweise einer notwendigen Zuordnung (vgl. 2) finden, kann man sich dem Ziel einern Kultur widmen: Welches Ziel gibt die Kultur, also der sozio-gesellschaftliche Handlungsraum, dem Menschen als Ziel vor. Ziel kann dabei das sein, was der Mensch erreich soll oder das, was er erreichen wird. In der säkularen Kultur soll der Mensch ein Maximum an Lebensgenuss erreichen, wird aber immer den Tod erreichen. In der religiösen Kultur soll er ein Maximum an Gottesnähe erreichen und kann das Leben ernten.

Fazit: Vom Ziel her gesehen ist die getroffene Zuordnung beider Paare notwendig. Daraus kann man schließen, dass andere Zuordnungen auf ähnlichen Grundlagen zu ähnlichen Schlüssen kommen und daher die Wahrscheinlichkeit, eine säkulare Kultur als eine Kultur des Nicht-Lebens ansehen zu könne, höher als bei einer religiösen, zumal katholischen Kultur ist.

MC hat gesagt…

Ergänzung zum Kommentar:

Zu 4. Neben einer Zuordnung mittels des Zieles kann noch eine Zuordnung mittels des Ursprunges und des Wertes weiterhelfen. Da beide eng miteinander zusammenhängen, sollen sie hier zusammen behandelt werden:

4.2 Der Ursprung des Lebens wird in der Religion allgemein (wenngleich nicht immer) in Gott als positiv gedachtem Schöpfer verortet. In der säkularen Kultur wird Leben jedoch als Zufallsprodukt von natürlichen Prozessen betrachtet. Dies bedeutet: Im ersten Falle ist das Leben gewollt, im zweiten Teil hat es sich entwickelt. Grund für das Wollen ist ein für gut halten (niemand will ja das Schlechte), Grund für das Entwickeln ist das Funktionieren. Im ersten Fall ist Leben also, weil es gut ist; im zweiten Fall, weil es funktioniert. Damit ist eine religiöse Anschauung von Leben (wie gesagt zumeist) positiver, weil gut sein eine Wertung ist, funktionieren aber eine in sich neutrale Feststellung. Somit hat eine religiöse Kultur von Ursprungsdenken her eine höhere Wertung von Leben als eine säkulare.

eumloquatur hat gesagt…

Wenn ein Freund etwas Schlimmes gegen die Freundschaft mit seinem Freund tut, dann stirbt nicht nur die Freundschaft, sondern auch etwas in beiden. Etwas Schlimmes an den Dingen, die eine Kultur des Todes heraufbeschwören wir in diesem Sinn selten gesehen: Wenn wir töten, stirbt nicht nur das andere Leben, sondern auch etwas Lebendiges in mir, etwa in meinem Verhältnis mit Gott, das mir das eigentliche Leben gibt. Ich würde sagen, man kann zugleich quitschlebendig und zugleich ziemlich tot sein.

Anonym hat gesagt…

Für mich ist eine Kultur des Nicht-Lebens eine Kultur, die das Leben normieren möchte und einspannen in ein Joch aus ökonomischen Überlegungen und Effizienzkriterien.
Das kann Kinder treffen, das kann Alte treffen, das kann Erwerbstätige treffen, das kann schwule Paare treffen, völlig egal.

Die Frage ist, wer für die Kultur des Nicht-Lebens verantwortlich ist. Ich glaube nicht unbedingt an die sinistre neoliberale Weltverschwörung, die so gerne zitiert wird. Ich glaube an individuelle Weichenstellungen in Privatleben und Beruf. Insofern ist jeder mitverantwortlich, der die Oma nur einmal im Monat besucht, weil das so viel Zeit kostet, der sich nicht ehrenamtlich betätigt, weil der Einzelne sowieso nichts ändern kann, wer lieber Online herumsurft als mit seinem Kind zu spielen, weil mit dem Kind spielen nervt.
(Das ist übrigens, würde ich sagen, völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung.)
Das Ganze führt zu und findet statt innerhalb von Strukturen, die es einfach machen, die "effiziente" Alternative zu wählen und die sich so weiter verfestigen.

Liebe Grüße,
Hörnerbewehrter Nichtchrist

Severus hat gesagt…

Lieber Hörnerbewehrter Nichtchrist,
vielem, was Sie sagen, ist unbedingt zuzustimmen.
Aber sofern Sie aus Ihrer Kritik der "Kultur des Nicht-Lebens" die Gender-Ideologie und alles, was aus ihr folgt, heraushalten möchten, kann ich nur widersprechen: diese Ideologie IST die "Kultur des Todes" schlechthin!




Ester hat gesagt…

@ eumloquatur
das ist aber total gut ausgedrückt.
Das Böse das ich tue, das trifft mich.
Guradini sagt das fatale am Bösen ist. das Tun des Bösen macht blind und aus dieser Blindheit wächst neue Sünde.
Genau deshalb merkt es unsere Kultur überhaupt nicht, dass es nach unten geht.
Man könnte es so ausdrücken Leben bedeutet nach oben weiter, nach Gott zu streben. Tod bedeutet nichts mehr zu wollen, also keine Hoffnung mehr zu haben.

Anonym hat gesagt…

Lieber Severus,

ich weiß nicht recht, was Sie unter "Gender-Ideologie" verstehen, glaube aber, dass das Recht, selbst zu entscheiden, wen man liebt und ob man Kinder haben will, zum Leben gehört und man im Sinne des bunten Chaos, das das Leben nun mal ist, aushalten muss, wenn jemand sich für einen gleichgeschlechtlichen Partner oder gegen Kinder entscheidet - alles andere ist Gleichmacherei und mangelnder Respekt vor der individuellen Freiheit des Menschen die, soweit ich weiß, gerade der Christ als gottgegebenes Gut versteht. Der springende Punkt für mich ist, welche Wege wie einfach beschritten werden können - da wären wir wieder bei den Strukturen: der Weg, Kinder zu haben, darf nicht schwieriger gestaltet sein als der Weg, keine Kinder zu haben. Wie wir den gestalten, liegt auch an jedem von uns und nicht nur an den abstrakten Größen Politik und Wirtschaft.

Hörnerbewehrter Nichtchrist