Samstag, 16. März 2013

Gespielte Demut?

Die von Papst Franziskus bisher publik gewordenen Handlungen als "plakative Show" oder als "gespielte Demut" etc zu bezeichnen, halte ich für falsch und ungerecht. Ein Papst hat in der heutigen Zeit doch überhaupt keine Möglichkeit, eine Geste zu vollziehen, die nicht sofort von tausendmilliausend Medien in alle Haushalte der Welt transportiert und von allen möglichen "Fachleuten" interpretiert und beurteilt wird. Man sollte sich hüten, einfach davon auszugehen, daß der Heilige Vater bei allem, was er sagt oder tut (oder nicht tut) einfach nur denkt 'Guckt mal, meine tolle Demut!'

Ich sag's ganz ehrlich: Mir wäre rein bauchmäßig ein Brokat- und Seide- und Weihrauch- und Glöckchen- und Mozzetta- und Tiara-Papst auch besser reingelaufen. Aber seit ich Seelsorger in einer 7.000-Katholiken-Gemeinde bin, merke ich, daß einerseits all diese Dinge für mich in die "Schön, wenn's da ist"- und nicht in die "Absolut notwendig"-Kategorie gehören und daß andererseits die Demut im Grunde immer ganz von selbst und ganz natürlich und ganz ungezwungen kommt und da niemals so etwas hintersteckt wie die Hoffnung, daß auch ja nur möglichst viele Menschen nun bitte ausgerechnet jene Geste sehen oder jenes Wort hören.

Als Augustiner-Chorherr und Priester ist für mich die tägliche Nahrung das Gebet und die Liturgie. Wehe, wenn mir da jemand ein falsches Rezept aufschwatzen will. Aber das Salz in dieser Nahrung sind für mich die Brüder und Schwestern, die Christus lieben, die mich begleiten, die mich nicht vereinsamen lassen, die meinen Stolz zügeln und die dafür sorgen, daß immer mindestens die "Zwei oder Drei" da sind, die es eben braucht.

Alleine vor Gottes Thron werde ich schon früh genug stehen. Ich bin dankbar, daß ich die Zeit bis dahin in Gemeinschaft verbringen kann und daß ich ein Hirte sein darf, der sich auch mal für ein oder zwei Stündchen zu den Schafen auf die Wiese legen kann, ohne daß die Schäferhunde die Nasen rümpfen, weil ich Grasflecken an den Rock bekomme.

Kommentare:

Monika hat gesagt…

Er gibt sich ganz schon viel Mühe mit der Einfachheit, der Franziskus.

Ganz in Weiß, ohne Stola raus, Stola als es liturgisch notwendig ist, rauf, und sobald nicht mehr nötig, wieder runter.

Erinnert ein bißchen daran:
Von Sokrates wird berichtet, daß er einmal einem Redner, der in zerlumpten Kleidern die Tribüne betrat, zugerufen habe: »Jüngling von Athen, dir schaut die Eitelkeit bei allen Löchern heraus.«

Ich hab mir die Szene nach der Wahl von Benedikt noch mal angeschaut, der nimmt die Kleidung einfach als gegeben hin, gibt Wichtigeres.

Alipius hat gesagt…

"... gibt Wichtigeres."

Was denn jetzt?

Dordino hat gesagt…

@ Monika
Sie sind also der Meinung das war geplant? Er hat sich sozusagen die Einfachheit nur um den Hals gelegt? Alles nur Show?

Der Mann wurde zum Papst gewählt und musste etwa eine Stunde später vor die Augen der halben Menschheit treten, von denen ein nicht allzu geringer Teil ihm die Pest an den Hals wünscht. Das einzige an das ein Mensch sich in so einer Situation noch festhalten kann ist Gott. Da spielt man nichts mehr, da geht jeder vor Demut in seinem Herzen auf die Knie.

Monika hat gesagt…

@Alipius
... gibt Wichtigeres Das war eine Kurzform für: "Bei Benedikt dem XVI. wirkte es so, als gebe es Wichtigeres als die Kleidung. Oder wollen Sie allen Ernstes von mir wissen, was es denn Wichtigeres gäbe?

@Dordino
Hallo! Ich habe weder geschrieben, "das war geplant", noch "das war nur Show". Solange ich nicht in Rage oder in Eile bin, setze ich meine Worte sehr genau. Oder lese ich jetzt ihren Text falsch und es ist nicht nur eine rhetorische Frage, sondern Sie wollen wirklich wissen, ob ich meine, daß das geplant war und nur Show?

Dordino hat gesagt…

@Monika
Richtig, direkt gesagt haben Sie das nicht, aber ihre Anekdote von Sokrates und dem Jüngling ließ mich darauf schließen das Sie es genau so gemeint hätten.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Was ist denn so entsetzlich an dem Gedanken, daß Papst Franziskus die große Pracht einfach nicht so mag?
Daß es ihm möglicherweise sogar extrem widerstrebt, sich prächtig zu schmücken?
Zwei Bilder habe ich im Netz gefunden, die ihn noch als Bischof bei der Fußwaschung am Gründonnerstag zeigen. Auf dem einen küßt er den Fuß eines jungen Aids-Patienten. Auf dem anderen den eines krebskranken Kindes. Das sieht überhaupt nicht nach Show aus, sondern nach ganz echter, aufrichtiger Demut.
Und niemand kann mir erzählen, daß ein zutiefst demütiger Mensch plötzlich auf Show steht, bloß weil er Papst ist.
Nur leider scheint mir, für das Papst-Bashing sind die Kampfatheisten gar nicht mehr nötig. Das können die Katholiken viel besser selber.

Ashmodiel hat gesagt…

Jetzt nimmt mir die Kalliopevorleserin die Worte von der Tastatur.
Bis auf das Papst-Bashing, das habe ich bisher nur von jenen am schlimmsten mitbekommen, denen es egal sein müsste, was er tut.

Alipius hat gesagt…

@ Monika: Nein "Was denn jetzt?" heißt ausgeschrieben "Was ist denn jetzt der Fall? Daß es wichtigeres gibt als Kleidung gibt, wie Benedikt XVI erkannte, oder daß es nichts wichtigeres als Kleidung gibt, wie in diesen Tagen viele Kommentare vermuten lassen, die den ersten öffentlichen Auftritt von Papst Franziskus bewerten?"

einfachentfachend hat gesagt…

Darf ich mal-ohne damit diesen Papst in irgendeiner Weise bewerten zu wollen!- allgemein zu bedenken geben, daß formarme Schlichtheit im Auftreten nicht per se Ausdruck von Demut ist, ebensowenig wie ausgeprägtes Formbewußtsein einen Mangel an Demut schon in sich beinhaltet, schon gar nicht für den Träger eines hohen Amtes?

Und in dem Fall geht es dann - weiter allgemein gesprochen- nicht (nur) so sehr darum, ob eine "Einfachheit" echt, sondern ob sie angemessen ist.

Gerd F. hat gesagt…

@Kalliopevorleserin

Stimme dem vorbehaltlos zu. Allerdings glaube ich, dass die prachtvollen Gewänder der Päpste nicht auf ein Hinweis an die Person des Papstes ist, sondern an sein Amt. Ergo an Gott. Und für den Schöpfer des Himmels und der Erde kann keine Pracht groß genug sein. Trotzdem interessiert es mich nicht die Bohne, ob, wann und wie der Papst welches Gewand oder welche Schuhe bevorzugt. Ebenso lässt es mich vollkommen kalt, ob er mit der U-Bahn oder mit einem Strassenkreuzer das Konklave verlässt. Ein Mensch muss authentisch sein, egal ob er Papst oder Briefträger ist. So ist es vollkommener Nonsens die Demut des Papstes daran zu messen, wann er wem die Füsse gewaschen hat oder die Hotelrechnung selber bezahlt. Jau, das musste mal raus und ich verwehre mich gegen jedes Papstbashing, egal aus welchen Reihen.

jeannedarc hat gesagt…

Auch bei mir schleicht sich der Gedanke ein, dass Franzisus' Demut und Bescheidenheit zwar an sich nichts Schlechtes sind. Aber in diesem Fall gehen sie auf Kosten der Würde des Papstamtes.Papst Benedikt war sicher nicht weniger demütig und bescheiden im Auftreten, aber er war sich der Würde seines Amtes immer bewusst.

L.G. v. J.d.A.

Anonym hat gesagt…

@Kalliopevorleserin - echt schön, da mag ich gar nichts mehr hinzufügen.

Ich glaube auch, dass die Situation in der 1. Stunde als neuer Papst nicht so ist, dass jemand "spielen" kann, was er nicht ist. Das ist im Gegenteil wahrscheinlich eine Stunde, in der man sich authentisch zu erkennen gibt - es war noch keine Zeit, sich eine Strategie und eine Maske zuzulegen, niemand konnte einen "verbiegen" und auf Linie bringen. Der Mann wird schon wissen, dass jede Geste millionenfach gesehen und interpretiert wird, aber ich glaube nicht, dass er genug Zeit hat, Gesten und Wirkung genau zu kalkulieren und zu planen.

Soweit ich weiß, war übrigens großer Bahnhof um Kleidung und Zeremoniell auch nicht so das Ding von Jesus...

Epigonias hat gesagt…

Dass es Wichtigeres als die Kleidung gibt, dürfte sich wahrscheinlich auch Franziskus gedacht haben.
Natürlich kann die Pracht für den Schöpfer des Himmels und der Erde nicht groß genug sein - und ich muss sagen, das weiße Gewand sah in meinen Augen schon beeindruckend aus. Fast so beeindruckend wie die Krippe, in der er einst gelegen hat.

Stefan H. hat gesagt…

Bescheidenheit und Demut sind gewiss wichtige christliche Tugenden.
Aber wie passt das mit dem rüden Umgang mit einem Untergebenen zusammen, der kolpotiert wird? Man kann nur hoffen, dass das Gerüchte sind.

Monika hat gesagt…

Vorausgeschickt: Ich habe die "Show" nicht in die Diskussion gebracht, und ich wollte nicht andeuten, daß der Papst etwas vorgibt, was er nicht ist.

@kalliopevorleserin
Was ist denn so entsetzlich an dem Gedanken, daß Papst Franziskus die große Pracht einfach nicht so mag
Gar nichts, liebe kalliopevorleserin (darf ich Dich in Zukunft mit Taufnamen ansprechen?). Ich glaube auch, daß er Prunk einfach nicht so mag. Aber er ist über 70. Er könnte über die Protestphase schon hinweggekommen sein und eben das fokussieren, was WICHTIG ist. In einem Kontext, in dem seit Jahrhunderten Prunk zelebriert wird, etwas anderes zu machen, erfordert eine Anstrengung. Also nochmal: Ich glaube nicht, daß das Heuchelei war oder "nur Show", ich glaube, daß er damit Energie in ein Nebenthema gegeben hat. Nächstenliebe, Demut, Glaube kann auch in Prunkgewändern wirken.

Und niemand kann mir erzählen, daß ein zutiefst demütiger Mensch plötzlich auf Show steht, bloß weil er Papst ist.
Ist das jetzt mit der Show geklärt? Das Wort "Show" habe übrigens nicht ich eingeführt. Außerdem ist es sehr unterschiedlich besetzt.

Nur leider scheint mir, für das Papst-Bashing sind die Kampfatheisten gar nicht mehr nötig. Das können die Katholiken viel besser selber.

Kritik ist etwas anderes als Bashing. Da man nicht jede Kritik als Bashing bezeichnen kann, ohne den Dialog kaputt zu machen, gehe ich davon aus, daß Deine Äußerung sich nicht auf mich bezog oder durch einen Leseirrtum verursacht wurde. Wenn dem nicht so ist, würde ich mich freuen, liebe Kalliopevorleserin (wie gesagt, ich liebe Deinen Blog), wenn Du mir aufzeigen könntest, inwiefern ich Papstbashing betrieben habe.


@Alipius
Meine Meinung: Es gibt Wichtigeres als Kleidung. Höchstwahrscheinlich sehen das beide Päpste genauso. Dennoch bleibt meine Beobachtung: Franziskus gibt sich Mühe mit der Einfachheit. Dazu stehe ich voll. Das folgende ist meine zur Zeit präferierte Interpretation, eine der möglichen Interpretationen: Für ihn ist Kleidung ein Zeichen - mehr ein Zeichen als sie für Benediktus war. Und er wollte mit dem "Stola an/Stola ab" ein Zeichen setzen. Und, an Dordino, natürlich war das geplant. Es war eine absolute Neuerung. Wenn man etwas anders tut als vorher, macht man sich vorher Gedanken. (Auch dazu stehe ich voll). Und, wieder Interpretation, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit, natürlich war er da auf Aussenwirkung bedacht, in dem Sinne war es Show, und nun, Interpretation mit erheblich weniger Sicherheit, weil das einfach niemand wissen kann: Es war nicht nur Show. Es war ein Zeichen für etwas, das er vertritt.

@einfachentfachend
Fast volle Zustimmung. Allerdings wäre mir die Unechtheit wichtig, wenn ich sie vermuten würde. Wie Ihnen geht es mir aber gar nicht darum, sondern in gewissem Sinne um die Angemessenheit.


Marsilio Ficino hat gesagt…

Man muss erst einmal abwarten und unserem neuen Papst Zeit geben, bevor man vorschnell urteilt. Man wird liturgische Tendenzen vielleicht besser bei der Inaugurationsmesse sehen können. Es bleibt zu hoffen, dass der gregorianische Choral und die Vokalpolyphonie weitestgehend unangetastet bleiben. Eine Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass der Papst vermutlich nicht singen kann, was wohl an einer früheren Lungenoperation liegt. Ich war zunächst sehr betroffen und irritiert, vielleicht sogar entsetzt, dass Urbi et Orbi gesprochen wurde, da ich die Hintergründe nicht kannte. Das hat es so wohl noch nie gegeben. Sei es wie es sei, eines kann man hieran erkennen: Die Fähigkeit, zumindest die grundlegenden priesterlichen Gebete und Versikel zu kantillieren, spielt offenbar keine Rolle (mehr).
Ein weiteres wichtiges Indiz ist die Personalie Marini: Wenn er, wie vermutet wird, bald entlassen wird, ist dies ein wichtiges Zeichen für eine bewusste liturgische Diskontinuität zu seinem Vorgänger. Ich gebe ehrlich zu, dass mir diese Vermutung durchaus Unbehagen bereitet. Es wird dann vermutlich nicht bei der Wahl von Gewandstücken bleiben...

Anonym hat gesagt…

@monika


" Aber er ist über 70. Er könnte über die Protestphase schon hinweggekommen sein und eben das fokussieren, was WICHTIG ist. In einem Kontext, in dem seit Jahrhunderten Prunk zelebriert wird, etwas anderes zu machen, erfordert eine Anstrengung."

Wo bitte liegt die Anstrengung und die Protestphase? Soweit man weiß, steht der Mann nicht auf Prunk - das ist Teil seiner Persönlichkeit, und das bringt er ins Papstamt mit. Sich jetzt verbiegen lassen, und sei es von einer ganzen Kurie und einer 1000jährigen Tradition, das würde tatsächlich eine Anstrengung erfordern.
Wir wissen im Übrigen nicht, was hinter den Kulissen so lief und mit welchem "Auftrag" der Kurie er gewählt wurde. Und natürlich spielt Politik in so erlauchten Kreisen eine Rolle - das sind kirchliche Spitzenpolitiker, die wären nicht dort, wenn sie nicht taktisch und strategisch agieren könnten und würden.
Wir wissen auch nicht so genau, wie der Mann seine Wahl sieht - als Politikum oder, was ich glaube, als göttlichen Auftrag. Und wenn er sich und seine Person sozuagen mit einem göttlichen Häkchen versehen sieht, dann kann er nicht viel machen, als das zu vertreten, was ihm wichtig ist und ihn und seine Religiosität ausmacht. Dazu gehört anscheinend ein skeptisches Verhältnis zu Pomp & Circumstance.