Dienstag, 5. Februar 2013

"Troll Patrol"

Wem dieser Artikel im telegraph zu englisch ist, der kann hier, in der Freien Welt, eine deutschsprachige Zusammenfassung lesen (sollte aber das Wort "ausschalten" in der Überschrift nicht all zu ernst nehmen; ich konnte im englischen Text dafür keine Entsprechung finden).

Worum es geht: Die EU findet EU-Skeptizismus und EU-Kritik doof, also sollen die Ausgaben für "Qualitative Medien-Analyse" um 1,7 Millionen € erhöht werden. "Qualitative Medien-Analyse" bedeutet, daß die EU Presse und Online-Medien durchforsten lassen will, um auf EU-skeptische oder EU-kritische Beiträge zu reagieren. Dem Überwachen der öffentlichen Meinung soll dann im Bedarfsfall ein Zurechtrücken derselben folgen, welches klarmachen soll, daß die Antwort auf alle Fragen nicht "weniger Europa" sondern "mehr Europa" lautet.

Nun drängt sich selbstverständlich sofort die Frage auf, was EU-Bürokraten denn nun genau unter "Europa" verstehen und ob man von dem, was sie darunter verstehen, wirklich dringend "mehr" braucht. Daß besagte Bürokraten "mehr" wollen, dürfte angesichts dieser Gegenüberstellung klar sein. Ich würde auch sofort in den "Mehr"-Chor einsteigen, wenn "Europa" hier soviel bedeutet wie "An christlichen Grundwerten orientierte Staatengemeinschaft".

Allein: Für die EU scheint "Europa" ungefähr dies zu bedeuten:


Denn neben den 1,7 Millionen für das Anti-Troll-Programm und neben den nicht eben schmalen Gehältern für den Beamtenapparat stehen auch noch Ausgaben zur Bepinselung des eigenen Bauaches an:
    Spending includes a £9.4 million instalment for a controversial new museum of Europe, an £82 million "House of European History" opening in 2015 to celebrate the EU's "historical memory" and to "promote awareness of European identity". Under the spending plans, cash for "seminars, symposia and cultural activities" will swell by 85 per cent, £2.5 million. Expenditure on "audio-visual information" will rise by 36 per cent, or £4.3 million.
Mir gefällt besonders die in einem Atemzug mit dem Feiern des "historischen Gedächtnisses" der EU genannte "Förderung des Bewußtseins für europäische Identität". Dieses Bewußtsein soll also genau zu einem Zeitpunkt gefördert werden, an dem die Eurokraten sich anschicken, aus dem historischen Gedächtnis Europas das historische Gedächtnis der EU zu machen.

Glaube ich sofort!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei allen berechtigten Kritikpunkten -
Sie glauben doch nicht etwa im Ernst, dass die EU ein einziger böser Zensurverein ist, weil sie Medienanalysen betreibt? Ich nehme an, sogar die katholische Kirche bezahlt Menschen, deren Job es ist, a) mitzubekommen, was so medial über die Kirche gemunkelt wird und vielleicht sogar
b) geschickt Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit "positiver" zu gestalten. Was immer dann konkret darunter verstanden wird.
Daraus kann man der EU keinen Strick drehen.

Zu den anderen Unternehmungen - die EU hat momentan die Ausrichtung, eine stärkere Integration der Mitglieder voranzutreiben. Dazu gehört, was Wunder, die Förderung eines Gefühls einer gemeinsamen Identität. Wie schafft man eine gemeinsame Identität? Von oben schwierig bis unmöglich, würde ich sagen. Die EU probiert's halt über Ausstellungen, musealen Betrieb, Bildungsangebote usw. Man kann natürlich dagegen sein, dass dafür Geld ausgegeben wird. Aber an SICH handeln die Beamten der EU hier relativ logisch.

Was man nicht immer von ihnen behaupten kann.

Also, EU-Kritik, nur her damit, aber hier finde ich sie relativ unberechtigt.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: "Sie glauben doch nicht etwa im Ernst, dass die EU ein einziger böser Zensurverein ist, weil sie Medienanalysen betreibt?"

Nein, glaube ich nicht. Ich sehe auch nicht, daß ich an irgendeiner Stelle von Zensur geschrieben habe.

"Ich nehme an, sogar die katholische Kirche bezahlt Menschen, deren Job es ist, a) mitzubekommen, was so medial über die Kirche gemunkelt wird und vielleicht sogar b) geschickt Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit "positiver" zu gestalten. Was immer dann konkret darunter verstanden wird. Daraus kann man der EU keinen Strick drehen."

Von Strick drehen war ebenfalls nicht die Rede. Aber die Art und Weise, wie hier gezielt vorgegangen werden soll, hat auch nichts mit entspanntem Reagieren auf Kritik zu tun. Ein wenig Analyse der eigenen Schwächen und Fehler täte mal ganz gut. Stattdessen sollen Millionen ausgegeben werden, um zu Spinnen und zu Shillen. Natürlich versucht jede große Organisation, in den Medien nicht schlecht auszusehen. Aber es komtm der Punkt, da machen manche auch den Schnitt und gehen die Probleme selbst an (unter anderem auch die Kirche, die sich der Aufklärung und Verhinderung von Mißbrauchsfällen verschrieben hat...).

"Zu den anderen Unternehmungen - die EU hat momentan die Ausrichtung, eine stärkere Integration der Mitglieder voranzutreiben. Dazu gehört, was Wunder, die Förderung eines Gefühls einer gemeinsamen Identität. Wie schafft man eine gemeinsame Identität? Von oben schwierig bis unmöglich, würde ich sagen. Die EU probiert's halt über Ausstellungen, musealen Betrieb, Bildungsangebote usw. Man kann natürlich dagegen sein, dass dafür Geld ausgegeben wird. Aber an SICH handeln die Beamten der EU hier relativ logisch."

Relativ logisch nur in dem Rahmen, den die EU selbst vorgibt. Und daher ist der Versuch der stärkeren Integration und der gemeinsamen Identität eben doch ein Versuch von oben, wenn die, die in der EU-Bürokratie das Sagen haben, nun diese Aktionen planen.

"Was man nicht immer von ihnen behaupten kann."

Ich bin ja auch nicht Mr. Spock.

"Also, EU-Kritik, nur her damit, aber hier finde ich sie relativ unberechtigt."

Okay.