Freitag, 1. Februar 2013

Aggressivität

Josef Bordat schreibt in diesem Artikel einen Satz, der bei mir sofort Erinnerungen weckte:
    Ich habe Menschen kennengelernt, deren Aggressivität steigt geradewegs in dem Maße, in dem ich versuchte, beim Klären von Missverständnissen immer mehr Ruhe zu bewahren.
Kenn' ich!

Und ich setz' noch einen drauf: Ich habe Leute kennengelernt, deren Aggressivität stieg geradewegs in dem Maße, in dem es mir gelang, Mißverständnisse zu klären und Falschheiten, die allgemein über die Kirche angenommen werden, aus dem Weg zu räumen! Die Aggressivität entlud sich dann nicht in bösen Worten gegen mich, sondern in immer hysterischer und hektischer aufeinanderfolgenden Anschuldigungen gegen die Kirche/den Glauben/die Religion. Munter wurde dann von Anklagepunkt zu Anklagepunkt gewechslet und beim aktuellen nur so lange verharrt, bis sich abzeichnete, daß auch hier ein Mißverständnis mitspielt, welches aufzuklären ich mich anschickte. Es war manchmal so, als wurde da einfach eine mentale Checkliste abgearbeitet, so nach dem Motto, daß mir irgendwann schon die Puste ausgehen würde und daß dann, wenn unter 753 Anklagepunkten endlich der eine gefunden wurde, bei dem ich sagen muß "Ja, stimmt: Dieser immer wieder gehörte Vorwurf ist erstens völlig zutreffend und zweitens auch in der so präsentierten Form historisch haltbar", endlich der Nachweis erbracht wurde, daß die Kirche/die Religion abgrundtief böse ist (weil, wenn dieser eine Vorwurf stimmt, dann stimmen die anderen sicherlich auch, egal, ob die nun vorher aufgeklärt wurden oder nicht...).

Was mich an solchen Geschichten persönlich ein wenig trifft, ist diese durchschimmernde Annahme, daß es einfach nicht sein KANN, daß ich (als jemand, der sich schon vor seinem Theologie-Studium gerne und lange mit der Geschichte der Kirche beschäftigt hat) in diesen Debatten Recht habe. Natürlich muß man hier einen Schritt zurückmachen und sich darüber im Klaren sein, daß der durchschnittliche Kirchen-/Religionskritiker seine Informationen aus Quellen bezieht, die nicht immer durch ausgewogene oder vielseitige oder solide recherchierte Berichterstattung auffallen, aber dennoch eine gewisse Autorität besitzen ("Aber das stand so im SPIEGEL!" bzw "Aber das haben die in der tagesschau so gesagt!"). Da hat man es als dahergelaufener Pfaffe nicht leicht, weil man ja streng genommen noch voreingenommener ist, als die Medien, über die man schimpft. Schließlich steht man ja voll auf der Seite der Kirche und wurde dann auch noch an kirchlichen Universitäten unterrichtet! Ist ja eigentlich Pfusch!

Jetzt bekommt die Geschichte aber einen interessanten und versöhnlichen Twist: Ich habe einige Bekannte/Freunde, mit denen ich ellenlange Diskussionen über die Kirche geführt habe. Ich habe da dann immer all das an Informationen reingebracht, was wichtig und notwendig war, um die ganz krassen Fehlbilder gradezurücken ("Nazi-Papst", "Prada-Schuhe", "Millionen verbrannter Hexen", "Wissenschaftsfeindliche Kirche" etc...). Die Debatten mußten - so, wie sie verliefen - immer in einem unausgesprochenen Unentschieden enden, entweder weil mir die Gegenseite während des Argumenteaustauschs (oder direkt danach) keine Punkte zusprechen wollte und ich der Gegenseite keine Punkte zusprechen konnte (mit "Pius XII war Antisemit" oder "Benedikt XVI trägt Prada-Schuhe" oder "Die Kirche hat in ihren Reihen niemals Wissenschaftler geduldet" punktet man nun mal nicht), oder weil die Meinungen aus Sicht meiner Sparringspartner gefährlich nahe bei "Über Geschmack läßt sich nicht streiten" lagen, also wenn z.B. über Abtreibung oder Ausweitung des Ehebegriffes gesprochen wurde und der Zugang zur kirchlichen Lehre hier völlig fehlte und auch in einer einzigen Debatte nicht hergestellt werden konnte.

Jedoch: Wenn ich diese Leute dann einige Wochen oder Monate wieder traf, dann merkte ich, daß einige von ihnen entweder meine Worte haben einsickern lassen oder daß sie sich nach meinen Worten mal auf die Jagd nach anderen Quellen gemacht habne, um sich ein neues Bild von bestimmten Situationen zu machen. Sprich: Das, was vor Wochen/Monaten noch heftig kritisiert und rundheraus abgelehnt worden war, wurde nun plötzlich mit einer größeren Weite und verbessertem Hintergrundwissen betrachtet und bedeutend milder behandelt. Dann war Pius XII plötzlich kein Antisemit mehr, dann trug Benedikt XVI auf einmal keine Prade-Schuhe mehr, dann waren es auf einmal keine Millionen von Hexen mehr, die verbrannt worden waren etc. Dann tat man sich mit der kirchlichen Position zu Themen wie Abtreibung oder Ausweitung des Ehe-Begriffs zwar immer noch schwer, tat aber nicht mehr so, als denke die Kirche sich das alles nur aus, weil es ihr so großen Spaß macht, unpopulär zu sein. Und es war dann auch plötzlich viel weniger Aggressivität im Spiel!

Kurz: Ich habe erfahren, daß es durchaus etwas bringen kann, in Debatten standhaft zu bleiben, weil der Groschen offenbar in einigen Situationen später fällt.

Kommentare:

Bellfrell hat gesagt…

»Kurz: Ich habe erfahren, daß es durchaus etwas bringen kann, in Debatten standhaft zu bleiben, weil der Groschen offenbar in einigen Situationen später fällt.«

Frei nach einem alten Sprichwort:
»Gottes "Müller" mahlen länger aber sicher«

Dordino hat gesagt…

Als ich noch nicht katholisch war und mir jedes mal speiübel wurde wenn ich eine Bibel sah (Gläubige, besonders Christen, hätte ich damals am liebsten alle in ein Umerziehungslager geschickt) fing ich sooft ich konnte an meinen Schulfreund (freikirchlich) dafür zu verhöhnen das er an Gott glaubte. Ich, der natürlich die Realität in ihrem Wesen durchschaut hatte, war immer bestrebt ihn irgendwann argumentativ am Boden zu sehe. Nichts hätte mich, so dachte ich, glücklicher gemacht als wenn es ihm die Schamesröte für seine bodenlose Naivität ins Gesicht getrieben hätte. Rückblickend kann ich sagen das mein Leben ein zeitiges und tragisches Ende genommen hätte wenn ihm tatsächlich die Argumente ausgegangen wären.
Es lohnt sich also zweifellos (korrekt!) zu Debattieren und zu streiten und die eine oder andere Ungerechtigkeit wegzustecken. Die Brutalität, in Worten und Taten, die manchem von uns entgegenschlägt, ist ja letztlich nichts anderes als innere Verzweiflung, eine Art Hilferuf, der von uns als Bösartigkeit verkannt wird weil er unser Gegenüber so schrecklich entstellt.

Dordino hat gesagt…

@ Oskopia
Du beziehst das mit dem Hilferuf auf Debatten zwischen Christen und nicht-Christen, das ist zu kurz gegriffen (in den wenigsten, alltäglichen Debatten geht es um "verlorene Seelen")
Du findest es auch überheblich die Aggression des Gegenüber als Hilferuf aufzufassen, wenn ich das so richtig verstehe.
Die Frage ist doch, was würde passieren wenn man aggressiven Debatten einfach aus dem Weg geht? Würde sich die Aggression dann nicht weiter steigern, vielleicht sogar in physische Gewalt?
Es geht in solchen emotional geführten Debatten nicht um Wissenserwerb, sondern vielmehr darum einen Widerstand (geistiger Natur) zu finden. Wenn man diesen Widerstand nicht findet sucht man weiter, solange bis man ihn findet. Als was sollte man so ein Verhalten sonst bezeichnen?
Um zu erkennen das Aggression ein Hilferuf ist bedarf es weder einer inneren Klarheit und Stärke (wäre schön wenn ich diese Attribute mein Eigen nennen könnte) noch des Hochmutes. Für mich reicht da schon ein Blick in meine eigene Gefühlswelt: Wie oft werde ich zornig wenn ich selbst etwas nicht verstehe! Wie würde ich reagieren wenn andere mir dann aus dem Weg gingen und sich mir nicht mit Argumenten in den Weg stellten?