Mittwoch, 9. Januar 2013

Eine Nachricht, zwei Geschmacksrichtungen...

[UPDATE: Auf dradio.de gibt es aktuelle Interviews mit Christian Pfeiffer und Bischof Ackermann! Danke an Leser haupz für den Hinweis!]

Bischof Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich (via kath.net):
    Das Kommunikationsverhalten von Professor Dr. Pfeiffer gegenüber den kirchlichen Verantwortungsträgern hat aber leider einer weiteren konstruktiven Zusammenarbeit jede Vertrauensgrundlage entzogen. Wir bedauern, mit Professor Dr. Pfeiffer keine einvernehmliche Lösung gefunden zu haben, um die wir uns bemüht haben. Die Deutsche Bischofskonferenz ist aber weiterhin überzeugt von der Notwendigkeit einer kriminologischen Erforschung des Themas sexueller Missbrauch Minderjähriger im kirchlichen Bereich. Sie wird daher einen anderen Vertragspartner für die Durchführung eines solchen Projektes suchen. Dazu wird es in den kommenden Wochen die nötigen Gespräche geben.
In der SÜDDEUTSCHEN liest man:
    ... Direktor Christian Pfeiffer erhob schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche. Das Projekt sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert", sagte er der SZ. Entgegen der ursprünglichen Vereinbarung habe die Kirche darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler bestimmen zu dürfen. ... Zudem lägen ihm Hinweise aus der Kirche vor, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet würden.
Hmm...

Ebenfalls in der SÜDDEUTSCHEN schreibt Matthias Drobinski heute:
    Drei Jahre sind jedoch kurz, wenn es um die tatsächliche Aufarbeitung dessen geht, was da im Frühjahr 2010 offenbar wurde: dass die katholische Kirche sich über den "katholischen Geschmack" des Missbrauchs klar werden muss, wie es Mertes formulierte. Sie muss über die dunklen Seiten der zölibatären Lebensform der Priester nachdenken, über das Männerbündische, sich abschottende kirchliche Insiderkulturen, über mögliche Täterprofile und Schweigestrukturen. Das ist langwierig und schmerzhaft, schmerzhafter vielleicht, als sechs Millionen Euro zu zahlen. Und wenn der Druck des Skandals fehlt, gewinnen die an Gewicht, die finden, dass jetzt genug gebüßt und gezahlt sei, die Kirche nicht mehr am Pranger stehen solle.
Es ist der Kindesmißbrauch, der am Pranger stehen sollte. Wer sich - wie die meisten der großen Medien in den letzten drei Jahren - bei dem Thema auf die Kirche konzentriert, der arbeitet immerhin mit an einer Entwicklung, an deren Ende hoffentlich kirchlicherseits ein seriöser und transparenter Umgang mit dem Thema steht.

Aber wem der "katholische Geschmack" des Kindesmißbrauchs der liebste ist, der bleibt den Nachweis schuldig, daß es hier wirklich um sämtliche Opfer geht. Denn unabhängig davon, ob unter all den Menschen, die sich an Kindern vergreifen, der Anteil der Geistlichen nun 0,1% (oder etwas mehr oder etwas weniger) beträgt: Der Anteil mißbrauchter Kinder unter allen mißbrauchten Kindern liegt nach wie vor bei 100%. Es ist nämlich überraschenderweise nicht so, daß von all den Kindern, die sexuell mißbraucht werden, nur jene wirklich sexuell mißbraucht werden, an denen sich ein katholischer Priester vergriff. Somit hätte man dann noch 99,9% (oder etwas mehr oder etwas weniger) der Täter-Ernte zwecks medialer Aufarbeitung einzufahren. Wenn man denn will...

Kommentare:

haupz hat gesagt…

Prof. Pfeiffer wurde heute früh im Deutschlandfunk interviewt. Der Wortlaut ist auf http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1972524/ nachzulesen. Das dürfte zumindest seine Position so authentisch wie möglich wiedergeben.

Interessant fand ich Prof. Pfeiffers Anmerkungen zur Praxis der Aktenvernichtung. Ebenfalls im Interview nachzulesen.

(Ich habe das übrigens auch live gehört, im Transkript scheint mir nichts zu fehlen.)

haupz hat gesagt…

... und eben sagt mit der DRadio-Feed, das Bischof Ackermann gleichfalls interviewt wurde, und zwar vom Deutschland Radio Kultur. Transkript: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1972692/

Gerd F. hat gesagt…

Ich frage mich ernsthaft ob es wirklich notwendig ist, eine kriminologische Erforschung des Themas sexueller Missbrauch anzustreben. Da reicht der Beichtspiegel doch vollkommen aus. Oder bin ich da zu naiv?

Cinderella01 hat gesagt…

Dem Prof. Pfeiffer scheint es auch ums Geld zu gehen. Ein lukrativer Auftrag ist weg. Da ist es doch schön, dass er die Medien auf seiner Seite hat, die bei der Kirche ein "bisschen nachhaltig nachhaken".
Hoffentlich bleiben die Bischöfe hart und lassen sich von diesem inszenierten Medienhype aus Aufgewärmtem nicht umstimmen.

Kilian hat gesagt…

Man mag zu der Angelegenheit stehen, wie man möchte. Aber dass ausgerechnet Pfeiffer Kritik am Wissenschaftsstandpunkt der Bischöfe übt, ist schon ein starkes Stück.

Selber hält er, bzw. sein Institut offenbar nämlich nicht sonderlich viel von wissenschaftlicher Exaktheit und Professionalität...

Ich hab das mal hier notiert, falls es jemanden interessieren sollte.

http://kiliansnotizen.tumblr.com/post/40090013973/ein-hoch-auf-die-wissenschaftlichkeit

haupz hat gesagt…

Noch eine Wortmeldung. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, J.-W. Rörig, wurde interviewt. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1972899/

haupz hat gesagt…

... im Übrigen finde ich es schade, dass die restlichen Kommentare auf Abwiegelung oder Diffamierung abzielen. Will ich so nicht stehen lassen.

Gerd F. - Es geht um sexuellen Missbrauch, also um Straftaten. Da ist der Beichtspiegel nicht allein zuständig. Außerdem soll die Studie umfassend das tatsächliche Ausmaß der Missbrauchsfälle ermitteln. Es wird ja immer wieder gern (von interessierter Seite ...?) kolportiert, jeglicher Missbrauch sei ein ausschließlich katholisches Phänomen, und, Priester seien pauschal Täter - was natürlich Quark ist. Die Studie soll das dann bitte auch endlich hart belegen können.

Cinderella01 - Wenn es Prof. Pfeiffer ums Geld ginge, hätte er sich wohl weniger hartleibig gezeigt, und der Vertrag wäre nicht gekündigt worden, oder? - Die Bischöfe finden hoffentlich einen Weg, diese Studie wieder aufzunehmen und voranzutreiben.

Kilian - Ich habe mir den von Ihnen verlinkten Beitrag mal angesehen. Kritik an der wissenschaftlichen (!) Arbeit des KFN findet dort nicht statt (allenfalls am Gebaren bei der Einwerbung von Drittmitteln - für eine fundierte Kritik an der wissenschaftliche Arbeit war schon allein der Frontal-21-Bericht zu oberflächlich). Dafür aber viel persönliche Diffamierung: das reicht von pauschaler Abqualifizierung von Mitarbeitern des KFN (Tenor: die arbeiten da, können also nix taugen - so oder ähnlich habe ich das auch schon über Aussagen zur Ethik gehört, die aus religiösen Gegenden kommen; warum soll das also jetzt plötzlich Substanz haben?) bis hin zu beleidigenden Wortspielen mit Nachnamen (Pfeiffer klingt ja auch so sehr nach Pfeife, die Steilvorlage darf man sich einfach nicht entgehen lassen). Jetzt mal ehrlich, Kilian, was bezwecken Sie?

Unterm Strich: der Vertrag ist gekündigt. Die Bischöfe haben ihre Absicht erklärt, sich einen neuen Partner zu suchen. Das wird voraussichtlich nicht das KFN sein. Die üblichen Verdächtigen treten jetzt heftig auf die katholische Kirche ein (weil: is' ja katholisch, kann also nix sein ... kommt das Muster jemandem bekannt vor?), und das ist schlechter Stil. Sollen wir uns den Stil jetzt etwa auch aneignen? Nee danke, das find ich peinlich. Und ziemlich ärgerlich.

Kilian hat gesagt…

@haupz: Was ich bezwecke? Im Grunde erst mal gar nichts. Ich habe schlichtweg einen Gedanken notiert.

Wenn man mir aber einen Zweck zuschreiben möchte, dann doch bitte jenen, dass ich versucht habe, die Aussagen von Herrn Pfeiffer etwas zu relativieren. Im besten Sinne des Wortes. Ich halte nämlich seinen Vorwurf, die Bischöfe würden die wissenschaftliche Freiheit verhindern wollen, für den schwerwiegendsten. Das sage ich als überzeugter Katholik und ebenso überzeugter Verfechter der wissenschaftlichen Freiheit.

Dass der von mir verlinkte Beitrag keinen Anspruch auf Sachlichkeit erhebt, sollte jedem aufmerksamen Zuhörer klar sein. Aber der Tenor des Beitrags im Bezug auf das KFN ist in meinen Augen eben nicht, dass dieses Institut pauschal abgeurteilt werden soll, sondern dass die Methode verurteilt wird. Und wenn man - wie Herr Pfeiffer es tut - die Wissenschaftlichkeit zur Maxime erklärt, muss man sich auch gefallen lassen, am Maßstab der Wissenschaftlichkeit gemessen zu werden. Dass der Beitrag keine Kritik an der wissenschaftlichen Arbeit leistet, liegt schlichtweg daran, dass die Arbeit nicht als wissenschaftlich bezeichnet werden kann.

Ich bin kein Kriminologe, aber ich bin (empirischer) Sozialwissenschaftler. Und nach allem, was ich in dieser Causa bisher vernommen habe, war das Streben nach einer fundierten empirischen Forschung nicht immer das Handlungsleitende Motiv in den Tätigkeiten des Instituts, wie auch zwischen Institut und Kirche.

Dieser Fall stellt in erster Linie ein Kommunikationsdesaster für die Kirche dar. Und das liegt nicht in erster Linie an der faktischen Beendigung dieser offenbar unseligen Zusammenarbeit, sondern am Gebaren des Prof. Pfeiffer. So zumindest meine Meinung.

haupz hat gesagt…

Kilian - gut, wir scheinen uns jedenfalls einig zu sein, was die Bedeutung der wissenschaftlichen Freiheit angeht. :-)

Für das Fehlen eines Strebens nach fundierter empirischer Forschung hätte ich allerdings gern ein paar echte Belege.

Was ich oben meinte, war, dass weder der von Ihnen verlinkte Beitrag noch der diesem zu Grunde liegende Frontal-21-Beitrag irgendwelche Schlüsse über die wissenschaftliche Arbeit des KFN zulassen. Frontal 21 stellt keinerlei wissenschaftliche Arbeitsweisen vor; es werden nur oberflächlich Leute interviewt bzw. kurz Ergebnisse benannt, zu denen diese gekommen sind. Nichts über die Methodik. Von den Ergebnissen auf die Methodik schließen kann man auf dieser Grundlage nicht.

Deswegen schließe ich mich der Kritik und dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nicht an. Aber da sind Sie der Profi; ich habe mit empirischer Forschung (leider) zu wenig zu tun.

Kilian hat gesagt…

Ein Mangelndes wissenschaftliches Streben leite ich ganz einfach aus der Boulevardisierung des Themas ab, wie sie ja beispielsweise auch Kopp beschrieben hat.
Wenn man sich die Streitpunkte, um die es in dieser Sache letztlich geht, betrachtet, muss man doch vermuten, dass keiner dieser Punkte direkten Einfluss auf die Forschung des Instituts hatte. So beanstandet Pfeiffer beispielsweise, dass er von Seiten der Kirche im Vorfeld nicht auf C. 482 §2 CIC hingewiesen wurde (was - so sollte man meinen - bei einem Rechtswissenschaftler auch nicht nötig sein sollte). Es mag sein, dass sich Pfeiffer im Nachhinein durch die Regelungen dieses Canon beeinträchtigt gefühlt haben mochte. Aber: Bei einer so großen Grundgesamtheit muss er empirisch davon ausgehen, dass, selbst wenn er eine Totalerhebung angestrebt hätte, ihm mehrere hundert bis tausend Fälle schlichtweg durch die Lappen gegangen wären. Das ist so. Insofern wäre es, wenn es stimmte, zwar ärgerlich, wenn einzelne Fälle nicht mehr aufzuarbeiten wären, unter rein empirischen Gesichtspunkten aber reichlich egal. Der Empiriker untersucht das, was er hat, nicht das, was er nicht hat. Darauf schließt er.

Ergo: Die genannten Streitpunkte sind Punkte, die in meiner äußeren Wahrnehmung die wissenschaftliche Qualität der Forschung nicht zwingend hätten beeinflussen müssen. Genau so argumentiert Pfeiffer aber. Und indem er das tut, leistet er seinem Argument der Wissenschaftlichkeit meines Erachtens einen Bärendienst.