Mittwoch, 9. Januar 2013

Die Gewalt, die uns angetan wird...

Einer meiner Philosophie-Professoren hat einmal gesagt, daß sich die ganze Welt unterteilen läßt in das, was ich bin und das, was nicht ich ist, daß man also das Andere immer als anderes erkennt und empfindet.

Wenn man das mal nur auf der körperlichen Ebene betrachtet, dann ergibt es meiner Meinung nach sofort Sinn. Ich bin das, was in meiner Soutane steckt, aber ich bin nicht die Soutane. Ich bin das, was auf dem Stuhl sitzt, aber ich bin nicht der Stuhl. Ich bin das, was in der U-Bahn neben anderen Fahrgästen steht, aber ich bin nicht die anderen Fahrgäste.

Dadurch, daß man das Andere als anderes erkennt, beginnt man automatisch, es mit sich selbst und mit anderen Anderen zu vergleichen, dies nicht notwendigerweise auf eine wertende Art. Man erkennt, daß andere Menschen größer oder kleiner sind, daß sie ein anderes Geschlecht haben, daß sie eine dunklere oder hellere Hautfarbe haben. Man erkennt auch, daß Bäume sich nicht vom Fleck bewegen, daß Eichhörnchen viel mehr Haare am Körper haben und daß Kleinwagen keine Schmerzensschreie ausstoßen, wenn man gegen sie tritt.

All diese Erkenntnisse helfen uns, die Welt zu sortieren und zu lernen, was die diversen Dinge, die uns umgeben, sind und wie wir mit ihnen umzugehen haben. Und irgendwann lernen wir dann: Dinge sind sich gleich, aber keine zwei Dinge sind gleich. Das Ei, welches neben einem anderen Ei liegt, ist wegen der anderen Position nicht das gleiche Ei, wie das, neben dem es liegt, auch wenn beide sich ähneln wie... ähhhm... naja... wie ein Ei dem anderen, sach ich ma'. Und auch: Dinge sind unterschiedlich, aber es gibt keine zwei Dinge, die nicht auf irgendeine Art irgendetwas miteinader zu tun haben. Ein Stiefmütterchen und ein Mammmutbaum sind so unterschiedlich, wie es eben geht, aber sie haben dennoch gemeinsam, daß beides Pflanzen sind. Selbst ein Felsbrocken und die Farbe Blau haben etwas gemeinsam , sind doch beides Phänomene, die ich außerhalb meiner selbst beobachten oder als Konzept in meinen Gedanken hin- und herbewegen kann.

Das Andere wird sehr schnell zur Normalität. Wir gewöhnen uns sofort daran, daß wir umgeben sind von Dingen, die nicht wir sind. Trotzdem kann das Andere uns hin und wieder suspekt sein, uns sogar bedrohlich vorkommen. Dinge, die wir zum ersten Mal wahrnehmen, wollen erst einmal geprüft werden, bevor wir sie einordnen. Kein normaler Mensch, der sich in normalen Umständen befindet, stürzt sich begeistert auf einen Teller, der mit ihm völlig fremden Dingen angefüllt ist, um diese Dinge herunterzuschlingen. Er wird sich normalerweise erst einmal mindestens ein Zeugnis über Geschmack und Verträglichkeit der Speise einholen und diese dann vorsichtig versuchen. Kein normaler Mensch fühlt sich wohl, wenn er nachts alleine auf der Straße unterwegs ist, und ihm plötzlich vier bullige Gestalten entgegenkommen.

Unsere Kultur und unser Empfinden für das "Normale" bestimmen unser Verhältnis zum Anderen. Bestimmte Speisen sind in unserer Kultur ungewöhnlich bis vollkommen fremd. Auf diese Speisen schielen wir anfangs argwöhnisch, auch wenn sie sich später als Favoriten herausstellen können. Nachts alleine auf der Straße unterwegs zu sein, ist für uns nicht normal. Deswegen werten wir Dinge, die tagsüber als nicht bemerkenswert durchgehen, ganz anders.

Das Andere ist nicht nur Teil unserer Welt, sondern es ist im Grunde das, was die Welt um uns herum ausmacht. Wichtig ist, daß wir auf das Andere angemessen reagieren, indem wir es entweder zum Teil unserer Normalität werden lassen oder es sachlich prüfen, wenn es uns zum ersten Mal begegnet.

Und nun soll plötzlich unser Verständnis von dem, was anders ist und unsere Fähigkeit, das Andere zu prüfen, bestimmt werden von den Ideen irgendwelcher Flimmflämmchen, die entweder zu viel Zeit oder zu wenig Identität besitzen. Mama soll gleich Papa sein, Glockengeläut gleich Muezzin-Ruf, Pro-Life-Engagement gleich Bombenwerfen uswusf...

Die Pointe: Je mehr man sich darum bemüht, im Namen einer vermeintlichen "Gerechtigkeit" Dinge gleich erscheinen zu lassen, die nicht gleich sind, umso mehr wächst der Zorn, weil man eben nur so tut, als sei gleich, was nicht gleich ist und insgeheim wohl erkennt, daß man da eigentlich Zeit, Energie und graue Zellen verschwendet. Und dieser Zorn führt dann dazu, daß seltsamerweise Dinge, die in der Tat gleich sind, nicht gleich behandelt werden. Beispiel: queer.de berichtet vom Widerstand der katholischen Kirche gegen die geplante "Ehe-Öffnung" der Regierung in Frankreich. Im Artikel wird auch eine Morddrohung gegen die sozialistische Parteizentrale in Grenoble erwähnt. Die Reaktionen könnt Ihr sicherlich erraten. Wer einen starken Magen hat, der sehe trotzdem selber nach. Natürlich sind die "Klerikal-Faschisten" für die Morddrohung verantwortlich, denn die "Menschenverächter" und "Haßprediger" dieser "faschistischen Haßssekte" (Hey! ich beginne, ein Muster zu erkennen!) sind natürlich so "fanatisch", daß man ihnen "sogar Mord" zutraut. Überhaupt: "Wäre nicht das erste mal, dass im Namen der katholischen Kirche gemordet wird - ganz im Gegenteil..." Daher bietet sich als Lösung des Problems selbstverständlich nur der ganz offensichtliche Weg an: "Vielleicht sollte so eine Art Untergrundorganisation "Gayerilla" gegrundet werden, deren Aufgabe ist, alle Kirchen in die Luft zu jagen und alle homophoben Priester bzw. Politiker zu gayminieren".

Jedoch: Wenn PinkNews berichtet, daß der britische MP David Burrowes wegen seiner Aussage, daß zu einer Ehe Mann und Frau gehören, eine Morddrohung erhielt, dann lauten die Kommentare (nicht alle, aber viele) aus der Gay-Community plötzlich so: Burrowes sagt nicht die Wahrheit, weil eine Morddrohung viel zu gelegen kommt. Es war möglicherweise ein Extremist der konservativen Seite, der die Community schlecht aussehen lassen will. Die Drohung wurde nur konstruiert, um die Gegner der Homo-Ehe wie Opfer aussehen zu lassen. Burrowes sieht auf dem Photo irgendwie schwul aus. Burrowes ist ein haßerfüllter Homophober. Uswusf...

Interessant, oder? Morddrohung und Morddrohung. Aber offenbar doch zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Mit dieser Art von Bigotterie reagiert der vergewaltigte menschliche Verstand, dem man seit mittlerweile Jahrzehnten einreden will, daß Dinge, die nicht gleich sind, trotzdem gleich sein können. Egal, ob es sich bei diesen Dingen nun um das menschliche Geschlecht, die Ehe, die Religion oder sonstwas handelt.

1 Kommentar:

Ester hat gesagt…

Wundervoll auf den Punkt gebracht.
Besonders der Schlusssatz erhält die Formulierung, die ich seit Jahren suche.:
Mit dieser Art von Bigotterie reagiert der vergewaltigte menschliche Verstand, dem man seit mittlerweile Jahrzehnten einreden will, daß Dinge, die nicht gleich sind, trotzdem gleich sein können. Egal, ob es sich bei diesen Dingen nun um das menschliche Geschlecht, die Ehe, die Religion oder sonstwas handelt.