Dienstag, 11. Dezember 2012

"Unterschichtenfersehen"?

"Magenumdrehfernsehen" trifft's wohl eher...

Bereits am Sonntag hat Le Penseur sich ein wenig den Frust von der Seele geschrieben über die Art, wie in den Massenmedien die Menschen vorgeführt werden und über das Maß, in welchem in unserer Gesellschaft Anstand, Werte und Haltungen zugunsten von Schadenfreude und Voyeurismus geopfert werden. Anlaß ist der Selbstmord der englischen Krankenschwester, die von einem Scherzanruf-Moderatorenpärchen aus Australien vorgeführt wurde, pikante Informationen über den Gesundheitszustand von Prinzessin Kate rausrückte und die dann am Arbeitsplatz derbst gemobbt wurde.

Der Penseur spricht mir damit ziemlich aus dem Herzen, habe ich mich doch selbst über die Folgen des Telefonscherzes, die "Wortspenden" und die "Heuchelschreiben" aufgeregt. Hinzu kommt bei mir, daß ich seit einiger Zeit wieder TV-Konsument bin. Ich habe in meiner Kaplanswohnung ein Gerät, welches zum Einsatz kommt, wenn ich Lust auf Nachrichten habe oder ein Sportereignis live mitverfolgen möchte oder ein Film-Klassiker geboten wird. Jetzt werden aber selbst heiligste Filme in der heutigen Zeit mehrmals durch schnöde Werbung unterbrochen, so daß es immer wieder einen Anlaß zum Zappen gibt.

Und da falle ich regelmäßig mit dem Gesicht mitten hinein in Sendungshaufen, deren Aroma mir die Schuhe auszieht. Häufig ist es so grauenvoll, daß ich mich einerseits frage, ob es vielleicht eine TV-Satire a la "Switch" sein könnte, während ich andererseits schon Tränen vergieße, weil ich weiß, daß es echt ist. Diese Sendungen haben alle eines gemeinsam: Sie filmen - natürlich mit Einverständnis - Menschen bei diversen Aktivitäten wie z.B. bei der Partnersuche, bei der Wohnungsentrümpelung, bei der Konfliktbewältigung mit diversen anderen Menschen, beim Casting für irgendeine Show usw usf und senden dann das Material. Klingt harmlos? Da bin ich mir nicht so sicher...

Ich habe natürlich nur Stichproben, aber mich beschleicht das Gefühl, als seien die Haupt-Beutegruppen der Sendungsmacher niedrigverdienende Netzhautpeitschen mit Hemmungsdefizit und vereinsamte Fähnchen im Wind, die sich über jedes Milligramm an Aufmerksamkeit freuen. Sprich: Lebende "Dir könnte es auch noch schlechter gehen (also schweig und konsumier)"-Beweise! In die Matrix eingespeiste Randexistenzen, die der Masse der Zuschauer das Gefühl vermitteln sollen, irgendwie doch überlegen und relevant zu sein, damit man sich nach der Sendung entspannt zurücklehnen kann (und weder auf blöde Gedanken kommt, noch blöde Fragen stellt und sich schon gar nicht der Verzockung der Zukunft der eigenen Kinder in den Weg stellt)!

Kurz: Es werden Leute vor die Kameras gezerrt, die zum Auslachen und Runtermachen einladen! Sie sind Schadenfreude-Futter! Opfer!

Motto: Wenn's mit dem Brot schon nicht mehr überall klappt, dann müssen wenigstens die Spiele stimmen (verschärfte Gedenk-Wiederaufführung demnächst auf einem U-Bahnsteig in Deiner Nähe)!

Was mit "Vorsicht Kamera!" und "Verstehen Sie Spaß?" noch einigermaßen harmlos und machmal auch charmant seinen Anfang nahm, steckt längst in einem fiesen Sumpf fest. Ging es bei Chris Howland und Kurt Felix noch darum, durch unerwartete Ereignisse Situationskomik zu erzeugen (die hin und wieder auch tatsächlich witzig war) um danach in eine bestimmte Richtung zu zeigen und zu sagen "Und dort ist die versteckte Kamera! Haben Sie etwas dagegen, wenn wir's senden?", so wird die Kamera heute nicht mehr versteckt, die Genehmigung wird schon vor dem Dreh eingeholt und das Lachen gilt nicht mehr einer ulkigen Situation sondern einer gescheiterten Existenz.

Ich will jetzt nicht total rumzetern und das Fernsehen in Grund und Boden verdammen. Ich schaue ja - wie gesagt - selbst hin und wieder. Aber was ich beim Zappen immer wieder erleben muß, das hat aber auch gar nichts mit gepflegter Unterhaltung oder der Würde des Menschen zu tun. Das ist billigstes Gaffen und bodensatzigstes Schenkelklopfen zu Lasten Verletzter, gedreht für all jene, die grade zufällig nicht auf einer Autobahn unterwegs sind und auf der Gegenfahrbahn einen spektakulären Crash erspähen ("Vielleicht sogar Blut! Fahr mal langamer!").

Daß reingelegte und gemobbte Krankenschwestern sich das Leben nehmen, während die Macher RTL2-fähiger Sendungen nachts offenbar prima schlafen können, das sagt mir mehr über die Zeiten, in denen ich lebe, als ich je wissen wollte.

Kommentare:

Cicero hat gesagt…

Über gegenwärtige Fernsehunterhaltung äußere ich mich nur mit dem Verweis auf den Film "Running Man" von 1987(!) und stelle die Frage, wo auf einer Running-Man-Skala von 1-100 das jeweilige Programm denn angesiedelt ist.

Anonym hat gesagt…

Und ganz nebenbei wird Leuten, die sich diese Sendungen aus Langeweile oder warum auch immer ansehen, jedes Gefühl für Privatsphäre zerstört, sowohl für die eigene als auch für die anderer Menschen.

F.