Dienstag, 4. Dezember 2012

Nach kreuz.net...

In der Blogoezese gibt es eine interessante Post-kreuz.net-Debatte (chronologisch - glaube ich - so: Erstens (Johannes auf Thermometer), zweitens (Martin Johannes Grannenfeld auf Geistbraus), drittens (Der Morgenländer auf dem gleichnamigen Blog)), bei der man auch die Kommentare lesen sollte.

Es geht auf Thermometer und Geistbraus unter anderem darum, daß es nicht cool ist, wenn jetzt plötzlich alle auf kreuz.net einschlagen, weil das einer "Identifkation mit dem Agressor" bzw dem "wohlfeile(n) Mitbrüllen des jeweils neuesten Lieds" oder dem unzulässigen (weil Chrisuts -> Girard) Installieren von kreuz.net als "Sündenbock" gleichkommt.

Hmm...

Natürlich hat der Geistbraus mit seinem Girard-Verweis recht. Nicht nur das: Er liefert damit auch das für meinen Geschmack nachvollziehbarste Argument.

Ich fühle mich durch die Texte auf Themometer oder Geistbraus nicht persönlich angemacht oder getroffen (und glaube auch, daß weder Johannes noch Martin irgendjemanden persönlich anmachen oder treffen wollten), finde aber, daß solche Texte einen indirekten Rechtfertigungszwang mitbringen ("Wieso outest du dich ausgerechnet jetzt als kreuz.net-Hasser, wenn die Gegner der Kirche und der Meinungs-/Informationsfreiheit auf der Suche nach den nächsten Opfern die Messer wetzen?" bzw "Warum läßt Du kreuz.net an Deiner Statt büßen?"). Es spricht ein gewisses, glaubwürdiges Unbehagen aus den Texten auf Thermometer und Geistbraus. Aber diese Texte hätten für mich grade deswegen einfach überzeugender geklungen, wenn sie dem persönlichen Ist-Zustand gegenüber dem Soll-Zustand der Anderen den Vorzug gegeben hätten, zumal es ja auch in der gesamten Debatte irgendwie um Meinungsfreiheit geht.

Zum Punkt Meinungsfreiheit hat der Morgenländer sich schon Gedanken gemacht.

Zuzufügen bleibt eigentlich nur, daß das Meinungsfreiheit-Argument sich irgendwie auch im Kreis dreht, da ja ganz offenbar der Mensch die Freiheit besitzen soll, seine Meinung kundzutun (selbst dann, wenn sie nun zufällig mal mit den kreuz.net-jagenden Wölfen heult). Wozu also die Aufregung? Alle, die nun gegen kreuz.net schreiben, praktizieren nur, was gewünscht wird: Sie tun ihre Meinung kund. Ob diese Meinung nun nach reiflicher Überlegung auf ihrem eigenen Mist gewachsen ist oder ob sie ihnen von interessierter Seite eingetrichtert wurde, ist dabei eigentlich erst einmal zweitrangig, so lange es sich für sie selbst authentisch anfühlt. Sollte die Meinung lediglich eingetrichtert sein, hat man Instrumente zur Verfügung, seine eigene Sicht der Dinge plausibel darzustellen und so möglicherweise eine Umkehr zu bewirken.

Ich bin darüberhinaus mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich Meinungsfreiheit eigentlich nur noch dort sehen will, wo man auch die Eier hat, nicht aus dem Versteck der Anonymität zu agieren. Oft genug degeneriert doch das, was als "Meinung" daherkommen will, im anonymen Internet zu nichts weiter als übelster Nachrede, substanzloser Beleidigung und himmelschreiender Hetze (Und zwar nicht im Sinne der schwammigen gesetzlichen Auslegung, sondern in dem Sinne, in dem es ausgesprochen wird und verstanden werden soll. Machen wir uns nichts vor: Das Gesetz mag der Meinung sein, daß "Nazi" keine Beleidigung darstelle, "Intrigant" aber schon. Aber würde derjenige, der einen anderen Menschen als "Nazi" beschimpft, in den meisten Fällen diesen Ausdruck überhaupt wählen, wüßte er nicht ganz genau, daß es ein beleidigender Ausdruck ist, der auch als Beleidigung eine Punktlandung im Gemüt des Anderen vollzieht? Eben!). Nun mag man einwenden, daß man hin und wieder einfach anonym agieren muß, damit man nicht von den Schergen des Regimes abgegriffen und ins Loch geworfen wird. Das ist in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen sicherlich von Vorteil. Ich denke aber, daß man in unseren Breitengraden die Anonymität im Internet nicht dazu nutzen sollte, rüde Wortrülpsereien von sich zu geben, denn sonst verspielt man bei nicht wenigen Leuten womöglich sehr schnell das Image einer ernstzunehmenden Stimme.

Klar ist zumindest für mich, daß wir mit Verboten bzw Genehmigungen nicht weit kommen werden, wenn nicht gleichzeitig die Gesellschaft sich dahingehend sensibilisiert, daß eine immer größere Menge von Leuten schlicht und einfach die Grenzen erkennt: Man kann sich mit permanentem, mimosenhaftem, effeminiertem PC-Gejammer a la "So etwas darf man heute aber nicht mehr sagen!" lächerlich machen, ebenso, wie man als anonymer Combox-Proll zu einem geifernden Feigling mutieren kann, der nicht für das einstehen will, was er als seine Meinung ausgibt.

Genau hier aber sehe ich auch das größte Problem, denn ich habe nicht das Gefühl, daß die weite Verbreitung und lange Nutzung des Internets bei den Leuten zu so etwas führt wie einem Zugewinn an Reife und Mäßigung.

P.S.: Johannes, Martin, Morgenländer - Sorry, daß ich das hier abwickle und nicht in Euren Comboxen, aber so bleibt für mich das Spielfeld übersichtlicher...

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das geschützt werden muß.
Die Frage ist immer, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind.

Bei Sachen wie "Verleumdung" oder "übler Nachrede" ist die Grenze ganz einfach zu bestimmen, denn hier geht es um die Behauptung falscher Tatsachen.

Bei Beleidigung ist es ganz schwer zu bestimmen. Da kommt es oft weniger auf die Worte an als auf die Intention, mit der die Worte gesprochen wurden und wie sie auf der anderen Seite empfunden werden. – Selbst eine Aussage wie "Du Ar*ch!" muß der so angesprochene nicht zwingend als Beleidigung empfinden. Es kommt auch darauf an, in welchem Verhältnis Sprecher und Hörer stehen.

Ähnlich unbestimmt sieht es bei der sog. "Hetze" aus. Meist wird auf den Volksverhetzungsparagraphen 130 (in Österreich Verhetzungsparagraphen 283) abgezielt. Hier habe ich allerdings den Eindruck, daß der Paragraph mißbraucht wird. Es geht in ihm erstmal um den öffentlichen Frieden, der geschützt werden soll. Es geht also nicht um die Befindlichkeiten der im Paragraphen genannten Gruppen.
Es besteht durchaus die Gefahr, daß dieser Paragraph benutzt wird, um unliebsame Meinungen zu unterdrücken. Dabei kommt es letztlich gar nicht so sehr darauf an, ob am Ende eine Verurteilung steht oder nicht. Der Verklagte hat erstmal den Driss, den Ärger und wenn es durch die Presse geht, ist der Ärger umso größer.

Aber jetzt kriege ich auch noch die Kurve zu kreuz.net: Das war also eine Hetzseite gewesen sein, wie man landauf, landab lesen kann. Acht Jahre lang hat kreuz.net also das Volk verhetzt. Fragt sich allerdings mit welchem Erfolg? Wo wurde der öffentliche Friede durch kreuz.net gestört? Wo haben Äußerungen der kreuz.net-Redaktion dazu geführt, daß sich Menschengruppen in Deutschland nicht mehr sicher fühlten? Etc.
Letztlich muß man wohl sagen, daß kreuz.net, wenn es das Volk verhetzen wollte, wohl kläglich mit diesem Plan gescheitert ist.

Blickt man auf die Zeit in der es Kreuz.net gab zurück, so habe ich eher den Eindruck, daß es gleichsam friedlicher geworden ist – trotz kreuz.net.
Gruppierungen und Minderheiten wurden in den letzten Jahren mehr geschützt, können sich sicherer fühlen. In diese Zeit fällt z.B. das "Antidiskriminierungsgesetz". Es haben sich mache Meinungen gegen die kreuz.net geschrieben hat, allgemein durchgesetzt.

Ob man alle diese Meinungen teilt, ist eine andere Frage. Solange man mir aber erlaubt meine gegenteilige Meinung zu sagen und zu schreiben, ohne gleich mit dem VolksVerhetzungsparagraphen zu drohen, soll es mir recht sein.

Ob ich mich allerdings darauf verlassen kann, weiß ich nicht – und DA liegt das Problem.
Kreuz.net ist ein Exempel. An kreuz.net kann jeder sehen, wie dynamisch die öffentliche Wahrnehmung ist und wie leicht sie zu manipulieren ist.
Jeder, der sich im Internet äußert, muß jetzt wissen, wie es ihm ergehen kann, wenn er sich zu weit aus dem Fenster lehnt.

Alipius hat gesagt…

@ Jürgen: Ich hielt kreuz.net immer für eine Ansammlung von Spinnern und Frustbeuteln, die sich irgendwie im Netz abreagieren müssen, um irgendwelche Dinge zu kompensieren. Ich kann mich erinnern, daß ich ganz zu Beginn meiner am römsten-Zeit sogar mal in meiner Sidebar auf kreuz.net verlinkt hatte, aber dann ganz flott den Link wieder entfernt habe, nachdem ich mich ein wenig genauer dort umgesehen hatte. Ich empfand kreuz.net danach immer viel mehr als peinlich denn als hetzerisch.

Ich bin allerdings der Meinung, daß kreuz.net der Kirche grade wegen der Peinlichkeit nicht den geringsten Dienst erwiesen hat. Mal ehrlich: Wer konnte dort länger als 20 Sekunden in den Kommentaren lesen, ohne vor Fremdscham zu erröten?

Richtig ist, daß sehr viel öffentliche Meinung einfach gemacht, geformt, manipuliert wird und daß z.B. auch mein Blog mal ins Visier selbsternannter Weltverbesserer und hüftgesteuerter Aktivisten geraten kann. Aber da werde ich mit leben müssen, da ich ja - wie gesagt - durchaus die Meinungsfreiheit schätze und fordere, aber zugleich auch auf die Reife der Menschen und den persönlichen Mut zum Zeugnis setze. Ich weiß, da die "Gegenseite" sehr oft mit falschen Karten spielt und oft auch nicht weniger bigottisch ist als diejenigen, gegen die sie angeht (siehe das Berger-Interview in der taz). Aber die Hoffnung stirbt zuletzt... ;-)

gerd hat gesagt…

Eine Frage an den Priester Alipius: Ist es peinlich wenn Paulus behauptet, dass Unzüchtige nicht das Reich Gottes erben? (Ist es unzüchtig zu behaupten: Ich bin homosexuell, lebe das aus und das ist gut so?) Oder wenn er meint, dass die Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben? Wie peinlich ist es wenn Jesus dem faulen Knecht in die äußerste Finsternis geworfen sieht, oder lieber einen Krüppel im Himmel als einen Gesunden in der Hölle?

Das fragt: Gerd Franken, wohnhaft in Kleve am schönen Niederrhein mein Hund heißst Stanley und ich finde Paulus überhaupt nicht peinlich, obwohl er ziemlich drastisch vor Augen führt.

Alipius hat gesagt…

@ Gerd: Es geht um die Form und die Art der Kommunikation, nicht um den Inhalt. Ich dachte, das sei einigermaßen klar. Man kann die Lehre - wie Paulus - in knappen, ehrlichen Worten weiterreichen. Oder man kann sie - wie kreuz.net - in peinlicher, unchristlicher, hysterischer Form den Leuten um die Ohren hauen wie einen mit Münzen vollgestopften Socken. Dreimal darf geraten werden, welche Form der Priester Alipius gutheißt...

gerd hat gesagt…

Das Problem besteht darin, (und darauf will ich hinaus) dass der überwiegende Teil der Gläubigen vom rechten Mass der Verkündigung null Ahnung haben, weil ihnen die Inhalte vollkommen fremd sind. Ein katholischer Kaplan meinte mir gegenüber, dass der hl. Paulus ein verklemmter Typ gewesen ist. Er hätte wohl auch kein Problem damit ihn in die Ecke der Kreuz-Netler zu stellen. (Spekulation von mir) Da spielt die Form keine Rolle, sondern der Inhalt, der ihm wenn überhaupt, "nur schwer über die Lippen kommt". Genau auf diesen Umstand hat Kreuz-Net unangemessen reagiert in dem sie Gossensprache und Floskeln verwendete. Das Problem Kreuz-Net scheint gelöst, das Problem Verkündigung mitnichten. Ich warte noch immer auf eine Predigt, wo die Worte des Völkerapostels ausgelegt werden, warum Unzüchtige nicht in das Reich Gottes eingehen können. (Tja warum eigentlich, Homosexualität ist doch von Gott gewollt) Allein mein alter Pastor,(gest. 1991) hatte den Mumm das in seinen Predigten anzusprechen und zum Thema zu machen. Dreimal darf man raten, wer mich in meiner Jugend geprägt hat.

U. P. hat gesagt…

In Bezug auf +net war von Ermittlungen wegen Volksverhetzung und das in Bezug auf Antisemitismus die Rede. Dann kamen Anzeigen hinzu, die zu Ermittlungen wg. Beleidigung führten.
Zu konkreter Anklage, Prozeß und Urteil ist es aber nicht gekommen (bisher).
D.h.: eine Diskussion, ob diese Urteile einen Eingriff in die Meinungsfreiheit darstellen, kann man jetzt eigentlich gar nicht führen!
Das ist die rechtliche Seite, die man bitte nicht ganz ignorieren sollte. Als Nichtjurist und Kaumkenner der Seite kann ich doch gar nicht beurteilen, ob tatsächlich juristische Grenzen überschritten wurden.

Das andere: im Austausch mit vielen Priestern und Laien, darunter auch etliche Blogger, ist, meist längst vor dem Hype der letzten Monate, der Tenor gewesen: es wäre schön, wenn dieses Portal als vom Netz verschwände, die aggressiv beleidigende Sprache, dieser ganze Duktus ad hominem, der das Pauluswort: Ihr sollt kein Ärgernis geben, den Streit vermeiden, "soweit es an euch liegt", so mutwillig dumpfgroßmäulig konterkarierte in der Form.
Man ignorierte die Seite, was hätte man auch sonst tun können und dann machten eben Leute von diesem Angebot +net Gebrauch, das man aus ihrer Sicht kaum ablehnen konnte. Vom Papst abwärts versuchte man alle "romtreuen" Katholiken mit diesem Portal als "wesensähnlich" gleichzusetzen, und die Macher dieser Seite legten eifrig Nahrung drauf.
Sie spielten den Verleumdern, Katholikenhassern und dem Gemenge der beteiligten Lobbygruppen bewußt und johlend in die Hände.
Warum eigentlich? Wir wissen nicht, wer oder was diese Leute sind und ich bin skeptisch, ob wir das bald erfahren.
Sie richteten riesigen Schaden an.
Man darf also schon deutlich sagen,das man heilfroh über ihr Abtauchen ist. Das hat nun wirklich nichts mit "Sündenbock - Bashing" zu tun.

Deine Überlegungen, Alipius, zur Anonymität sind sehr berechtigt, inwiewohl ich Geistbraus Replik sehr wohl verstehe.
Ich bin für mich noch etwas im Zwiespalt, Tendenz Klarname.

Nescio hat gesagt…

Ein anständiger Mensch hat ja nichts zu verbergen. Also Klarname!

Und damit jeder gleich sieht, ob man es mit einem anständigen Menschen zu tun hat, wird es sinnvoll sein, Individuen, welche eine abweichende Meinung in sich tragen, deutlich sichbar zu kennzeichnen. Vielleicht mit speziellen Armbinden, oder so.

Damit auch unsere glorreichen Sicherheitskräfte sie sofort erkennen und bei gegebenem Anlaß, zB Gefahr für die öffentliche Ordnung oder ein anderer Gummiparagraf, sofort in speziellen Lagern konzentriert unterbringen können.