Montag, 3. Dezember 2012

Krauses Haar, nackte Jungs...

Die Debatte um die Broschüre des österreichischen Unterrichtsministeriums "Ganz schön intim: Sexualerziehung für 6- bis 12-Jährige" zeigt, daß die Prämissen der Leute, die an einer Nachgeburtsabtreibung herumdenken, sich in Luft aufgelöst haben. Denn laut der Broschüre (im Wortlaut hier als .pdf erhältlich) ist Sexualität
    ... eine Lebensenergie, die alle von Geburt an begleitet, „belustigt“, beschäftigt und speist. Der Wunsch nach Zärtlichkeit, Wohlbefinden, Erregung und Befriedigung, nach Wissen um körperlich-seelische Vorgänge und Befindlichkeiten setzt nicht erst mit dem soundsovielten Lebensjahr ein, sondern ist in unterschiedlichsten Ausprägungen immer da, wo Babys, Kinder oder Erwachsene sind.
Somit dürfte klar sein, daß Babies - im Gegensatz zur Theorie der Nachgeburtsabtreiber - sehr wohl Ziele haben (wo ein Wunsch, da das Ziel der Erfüllung des Wunsches) und daher eine Nachgeburtsabtreibung nicht geht.

Jetzt mal im Ernst: Diese ganze Broschüre kommt mir irgendwie total gestelzt und verkrampft vor. Da gibt es zum Beispiel bei den "Übungen für 6- bis 12-Jährige" diesen Text:
    Fernando und Martin spielen Straßenverkehr nach. Fernando bremst ruckartig und stürzt vom Rad. Martin kommt schnell mit dem Krankenwagen und lädt den Verletzten ein. Im Krankenwagen fängt Martin an, Fernando hin und her zu drehen, um den Oberkörper mit dem Spiel-Verband einzuwickeln. Fernando grinst und genießt die Pflege. Dann will Martin Fernando die Hose ausziehen, um das gebrochene Bein einzugipsen. Aber er ist sich nicht sicher, ob Fernando das mag und kann seine Körpersprache nicht deuten.
    • Was glaubt ihr, welche Farbe Fernandos Ampel* zum Schluss dieser Geschichte hat? Und warum glaubt ihr das?
    • Was kann Martin tun, um sicher zu gehen, dass er nicht über Fernandos Grenzen geht?
    •  
       
    (*Ampel = Okayigkeitsindikator für Berührung: Grün = weiter! Rot = Stop!; Gelb = Weiß nicht...)
Oder auch:
    Viele Menschen haben es gern, wenn ihnen nahe stehende Personen durch die Haare fahren oder ihnen über den Kopf und die Haare streichen. Andere können es überhaupt nicht haben, wenn ihre Haare angefasst werden. Manchen, besonders manchen Kindern, wird von Erwachsenen einfach ohne zu fragen in die Haare gegriffen und dann tun die Erwachsenen auch noch so, als wäre das nett gemeint oder sogar ein Kompliment für besonders schöne Haare oder seltene Frisuren. Nappy Hair, auf Deutsch unangenehm aufgeladen mit “krauses Haar” übersetzt, ist oft Angriffsfläche für rassistische Grenzverletzungen und Übergriffe. So wird das Haar als besonders, als “exotisch”, als unbekannt schubladisiert und aus vermeintlicher Neugierde angegriffen. Diese Form von in Interesse verpackter Übergriffigkeit ist eine häufige und sehr unangenehme Reaktion auf nappy hair. Tausch dich mit den anderen in deiner Klasse darüber aus, ob du solche Situationen kennst, in denen dir jemand in oder auf die Haare greift, obwohl dir das nicht recht ist. Überlegt gemeinsam, was dagegen helfen könnte oder wie die Person, die das macht, damit aufhören könnte. Überlegt auch, ob ihr manchmal von manchen Personen auch gerne oder sehr gerne am Kopf und euren Haaren berührt werdet und ob ihr selber gerne Haare von anderen anfasst oder eher nicht.

    Nach diesen Informationen, Überlegungen und diesem Austausch gehen die Kinder, die möchten, zu zweit oder in größeren Gruppen zusammen und massieren oder kämmen sich abwechselnd gegenseitig. Dabei ist die Aufgabenstellung für die Kinder, die gerade massieren/kämmen, darauf zu achten, wie es der_dem anderen geht und für die Kinder, die massiert/gekämmt werden, selbst darauf zu achten, wie es sich anfühlt und das auch der_dem anderen zu signalisieren. Andere, die weder kämmen/massieren möchten noch gekämmt/massiert werden wollen, können zuschauen und mit helfen, darauf zu achten, dass die Berührungen für alle passen. Im Anschluss kann darüber gesprochen werden, wie es den Kindern gegangen ist, welche Körperstellen sich bei der Massage gut angefühlt haben, auf welchen Körperstellen es unangenehm war usw.

    Diese Übung sollte nicht ohne „Hilfsmittel“ (Bälle, Kämme…) angeleitet werden, da der direkte Körperkontakt für einige Kinder zu nah sein kann.
Also... Wenn ich so an meine Grundschulzeit denke, dann erinnere ich mich an wildeste Sport- und Rauf-Ereignisse, in deren Verlauf wir Jungs ständig in allen möglichen Formationen über- und durcheinander lagen und mehr als einmal auch die Haare ihr Fett abbekamen. Und anschließend hüpften wir dann in nicht minder wilden Dusch-Happenings scham- und hemmungslos splitterfasernackt voreinander rum und betrachteten und kommentierten das radioaktive Weltraumgemüse zwischen den Beinen der Anderen.

Aber ich hatte nie das Gefühl, als ginge es jetzt so superdringend darum, eine gesunde sexuelle Identität aufzubauen. Wir waren einfach kleine Jungs, die sich wie kleine Jungs benahmen: Bekloppt und neugierig und in ihrer Naivität irgendwie unschuldig und niedlich. Die Welt drehte sich für uns weiter, obwohl kein Lehrer danebenstand und uns über unsere Gefühle interviewte oder unser Verhalten einordnete.

Wenn Padägogen jetzt versuchen, all dies zu etikettieren, zu verkünsteln und mit roten oder grünen Fähnchen zu versehen, dann befürchte ich, daß Jungs in Zukunft nicht mehr wirklich Jungs sein können. Und das fände ich - im Rückblick auf meine eigene Kindheit - schade und auch irgendwie ein wenig gefährlich.

Kommentare:

Severus hat gesagt…

"... radioaktives Weltraumgemüse ..." - klasse!!
Aber jetzt mal ernsthaft: Wenn es nur ums "etikettieren und verkünsteln" ginge ... ! Da steckt viel mehr dahinter: Umfassende Strategie zur Sexualisierung der Kinder!

thysus hat gesagt…

Ob solche Texte wirklich irgend etwas bewegen? Mir als Erwachsenem fehlt jegliches Verstehen dieser riesigen und gestelzten Texte - ein Kind versteht davon (glücklicherweise) garantiert kein Wort.
Es fühlt sich allenfalls darin bestätigt, dass alles, was von den Erwachsenen kommt, wie immer öde, unverständlich und langweilig ist.

Anonym hat gesagt…

No, es geht ja auch bei dieser Broschüre nicht um die Kinder; es geht auch nicht (zumindest nicht in erster Linie) um das Sexualleben. Es geht wohl (vor allem) darum, daß Experten und -Innen einer bestimmten Couleur auch weiterhin bei Ministerial-Aufträgen zum Zuge kommen, vielleicht als Konsulenten die Implementierung durch das Schulsystem begleiten und in ein paar Jahren diese Implementierung evaluieren dürfen.

Ceterum censeo peritos paedagogicos deportandos esse ...

Zwetschgenkrampus

Brumsel hat gesagt…

*kreisch*
bin ja nun Pädagogin aber bei dem Gesülze rollen sich meine Fußnägel spontan in hübschen Kringeln nach oben.

Und ja, bei uns in der anderen Fraktion war das früher ähnlich - halt anders.

und ja (und jetzt zitiere ich aus gegebenem Anlass Jochen Malmsheimer): "Früher war nicht alles besser, aber es war gut. Und es wäre immer noch gut, wenn man die Finger davon gelassen hätte." (ging zwar um Butterbrote, macht aber nix)

In der Schule meines Sohnes gestalten sie den ganzen Alltag so ... gestelzt und ich darf dem Stelzevogel das dann hübsch wieder austreiben.... Pädagogen ... phh.

Niko hat gesagt…

@Brumsel:

Da stimme ich dir nur teilweise zu. Die Übungen der Broschüre sind wirklich etwas sehr weit hergeholt und werden die Kinder wohl eher verstören. Die Intersexualität, die in der Broschüre ebenfalls besprochen wird, sollte den Kindern auch nicht auf diese Art und Weise vermittelt werden. Deinem Zitat stimme ich nicht zu, denn wir brauchen tatsächlich eine bessere Sexualaufklärung, da man in den Medien genügend sexuelle Reize findet.