Dienstag, 18. Dezember 2012

In den USA...

... läuft nach Newtown die Waffendiskussion wieder einmal auf Hochtouren.

"Schußwaffen weg!" heißt es auf der einen Seite. "Wummen für alle!" hält man auf der anderen Seite dagegen.

Die eigenen Argumente lauten stets recht ähnlich: "Wenn's keine Waffen gibt, kann niemand erschossen werden! Wenn es Schußwaffen gibt, liegt die Versuchung zum schnellen Massen-Kill näher!" Oder aber: "Menschen töten, nicht Waffen! Wenn keine Knarre zur Hand ist, greift der Killer eben zum Samurai-Schwert! Wenn jeder eine Waffe trägt, hat auch jeder die Möglichkeit, einen Amokläufer gleich zu Beginn seiner Tat zu stoppen!"

Was ich noch nicht gelegen habe, ist ein Debattenbeitrag, der simpel aber fast unvorstellbar auf den Wert des menschlichen Lebens und die Würde des Menschen hinweist.

Wie wäre es denn also, wenn man eine Kultur etabliert, in der der Mensch nicht ständig unterschwellig als etwas behandelt wird, welches entweder nützlich ist oder nicht, was entweder grade gelegen kommt oder nicht?

Wie wäre es denn also, wenn man sich nicht nur darüber austauscht, ob Abtreibung und Todesstrafe nun okay sind oder nicht (sie sind es nicht), sondern wenn man auch darauf achtet, daß der Mensch nicht wie eine Sau durch's Dorf getrieben wird, die so lange beglotzt und bestaunt und belacht wird, wie es einen Kick oder einen Nutzen gibt, bevor man die Sau dann leicht gelangweilt schlachtet und hofft, daß die Nächste vielleicht neue Tricks auf Lager hat?

Wie wäre es denn also, wenn wir die Diktatur der Klatschspalten, der Groschenromane, der Castingshows, des Reality-TV etc durchbrechen und wenigstens versuchen, zu erkennen, ob wir vielleicht doch zu Liebe und Treue berufen sind und nicht zu Sex und Lebensabschnittspartnerschaft? Ob wir vielleicht doch zur ständigen und sich allmählich verbessernden Heiligung unserer selbst berufen sind und nicht zum billigen Urteil über andere? Ob wir vielleicht doch zum großherzigen Erkennen des Abbildes Gottes im Gegenüber berufen sind und nicht zum kleinlich-zickenden Verdunkeln aller großartigen Möglichkeiten, die zwischen Individuen bestehen? Ob wir vielleicht doch hin und wieder zum gemeinsamen Tragen des Kreuzes berufen sind und nicht zu einer Bequemlichkeit, die oft genug zu Lasten anderer geht? Ob wir vielleicht doch zur sinnvollen Gestaltung unserer Welt berufen sind und nicht zur Simulation des Paradieses?

Überall wird entsetzt berichtet, daß der Körper schlapp macht, wenn er zuviel Burger und Fritten und Coke zu sich nimmt. Es geht soweit, daß mancherorts schon über Warnbotschaften auf Fast-Food-Packungen nachgedacht wird. Warum aber jammert man über das Fast-Food des Leibes, welches - schlimm genug - nur die eigene Gesundheit ruiniert, und läßt andererseits zu, daß die Leute permanent durch das Fast-Food des Geistes vergiftet werden, welches - noch schlimmer - Dauerkonsumenten in eine Schweinwelt einsperrt, aus der sie sich (gewaltsam?) befreien, wenn sie erkennen, daß man sie an der Nase herumgeführt hat und das Glück doch wieder nur nebenan geklopft hat?

Der Wert des menschlichen Lebens wird nicht gemessen an kurzfristigem Jubel, den man sich erbettelt, oder an etwas länger anhaltenden Träumen, die man sich in den Kopf setzen läßt. Der Wert des menschlichen Lebens ist schon längst festgelegt, und ich kann mir gut vorstellen, daß Christus manchmal traurig das Haupt senkt, wenn er unsere Versuche beobachtet, sein Etikett zu übermalen und den Preis herabzusetzen.

Es wird "DEM" Katholizismus oft vorgeworfen, er halte die Menschen durch Angst und falsche Versprechen unten. Ich zumindest habe tatsächlich eine Höllenangst davor, daß Abbild Gottes und die Liebe Christi in einem anderen Menschen zu zerstören, und ich sehe nicht, warum die Welt so viel schlechter wäre, wenn es möglichst vielen anderen Menschen auch so ginge.

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Das mit der Schweinwelt war aber ein freudscher Verschreiber, oder? ^^

Alipius hat gesagt…

Hah! Ja, ist ein Verschreiber, paßt aber auch irgendwie...

Imrahil hat gesagt…

Danke für die Antwort!

So, jetzt der Beitrag für den ich vorhin keine Zeit hatte...

Nun, ich denke, der Grund dafür, warum niemand einen
>>Debattenbeitrag, der simpel aber fast unvorstellbar auf den Wert des menschlichen Lebens und die Würde des Menschen hinweist
liefert, liegt schlichtweg darin, daß man über Selbstverständlichkeiten nicht debattieren braucht.

Ich will dabei gar nicht abstreiten, daß man da zu wenig drüber nachdenkt. Aber dieses Nachdenken ist, das muß uns auch klar sein, Kontemplation im eigentlichen Sinn; das müssen wir nicht herausfinden; wir wissen es bereits.

>>Wie wäre es denn also, wenn man eine Kultur etabliert, ...
Geht nicht.
Man kann allenfalls den Menschen irgendwas verbieten, und dann mit dem Schwert dreinschlagen (das ist ein symbolischer Ausdruck), wenn sie gegen das Verbot verstoßen. Oder man kann einen Moralappell verfassen. Wobei der Moralappell meiner Einschätzung nach, und jedenfalls auf mich, viel effektiver ist, wenn er auf "genau so und nicht anders" und "du mußt" lautet, wie wenn er auf "mach doch mal bitte" und "du könntest" lautet.
Aber was man überhaupt nicht, nullo modo, kann, ist eine Kultur etablieren. Das kann allenfalls der Herrgott; der hat das auch gemacht und von dem Ergebnis versuchen wir selber ein Teil zu sein; aber eine Kultur zu etablieren ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Punkt hier ist, daß nicht verstanden wird, daß Menschen bisweilen böse handeln. Also müsse die Umstände daran schuld sein; also müsse man etwas tun; also müsse man noch restriktivere Gesetze erlassen werden (in welcher Richtung spielt bei dieser grundsätzlichen Überlegung ersteinmal keine Rolle); etc. etc.

>>Wie wäre es denn also, wenn wir wenigstens versuchen, zu erkennen, ob wir vielleicht doch zu ... berufen sind?

Auch das funktioniert nicht... Keiner stellt sich hin und sagt: hm, hier steht die Treue, da steht die Zügellosigkeit, überlegen wir uns einmal was von beiden ich lieber hätte... Nein, so läuft das nicht. Die Gebote gab der Herr auf Sinai im Flammenschein, und - wenn der Ausdruck erlaubt sei - ziemlich genau so stellen sie sich auch dem Gewissen dar. Das bedeutet im Umkehrschluß: wer ihnen nicht aus Pflicht folgt, wird sie im Regelfall soweit verdrängen, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, ihnen aus Lebensklugheit zu folgen.

Der Punkt liegt übrigens nicht darin, daß Leute die Lebensabschnittspartnerschaft der Treue vorziehen (wenn man von dem "aber ich will fei keiner von denen sein, der's buchstäblich genau nimmt, gell" mal absieht); sie liegt darin, daß sie die Treue für in dieser Welt unmöglich, und vielleicht auch sich für der Treue eines Partners unwürdig halten.

Imrahil hat gesagt…

eine Kultur zu etablieren ist *für jeden Geringeren* ein Ding der Unmöglichkeit.

War wohl aus dem Sinnzusammenhang klar, aber ich präzisiere trotzdem mal, weil's so irgendwie blöd geklungen hat.

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil: Danke für die Denkanstöße!

Ich muß aber hier und da widersprechen.

Z.B. sehe ich nicht, daß der Wert des menschlichen Lebens und die Würde des Menschen heutzutage tatsächlich wie eine Selbstverständlichkeit behandelt werden. Es gibt Leute, für die diese Dinge eine Selbstverständlichkeit sind. Aber diese Leute sind ganz offenbar nicht dieselben, die das Programm diverser Privatfernseher festlegen oder Waffen produzieren oder den Tod der Angehörigen einer bestimmten Religion fordern, nur, weil es nicht ihre eigene Religion ist. Und ich bin mir daher auch nicht sicher, daß "wir" (als Menschheit) es "bereits wissen".

Auch glaube ich nicht, daß nur Gott eine Kultur etablieren kann. Wenn man Kultur versteht als das, was der Mensch - im Gegensatz zur von ihm nicht geschaffenen Natur - selbst hervorbringt, dann ist doch Kultur grade das, was streng genommen eigentlich immer ohne Gott funktioniert. Ob dies nun eine Kultur ist, die wir als Katholiken befürworten können oder nicht, das ist wahrscheinlich in jedem einzelnen Fall diskutierbar. Jedenfalls meine ich, daß Gott eine Natur und nicht eine Kultur etabliert hat und daß wir - mit unserer Kultur - immer irgendwie versuchen, dieser Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Auch meine ich nicht, daß nur, weil Menschen bisweilen böse handeln, man sich irgendwie damit arrangieren muß oder kann. Schärfere Gesetze sind da nicht notwendigerweise das Gelbe vom Ei, weswegen ich vorschlug, einfach mal einen Schritt zurück zu machen und das Gesamtbild zu betrachten, in welchem man dann erkennen kann, daß der, gegen den ich gewalttätig werde (oder werden will) im Grunde ich selbst bin (wenn wir es auf die rudimentäre Gottebebenbildlichkeit herunterbrechen).

Das "versuchen, zu erkennen, ob..." funktioniert sehr wohl, wenn ich aus eigener Erfahrung sprechen darf. Denn ich reagierte (wenn auch spät) nicht aus Pflichtgefühl positiv auf Gottes Gebote, sondern weil sie mir tatsächlich am logischtsten und am lebensklügsten erschienen.