Samstag, 29. Dezember 2012

Echt jetzt...?

Über unsere Blogoezesen-Möwe bin ich auf einen Artikel auf ZEIT ONLINE gestoßen, der streng genommen von vorne bis hinten keinen Sinn ergibt. Autorin Tanja Dückers untersucht "Die falsche Rückkehr zur Religion" und teast mit:
    Es ist wieder schick, religiös zu sein. Den Agnostikern hingegen wird jedwede Moral abgesprochen. Dabei sind sie die wahrhaft Gläubigen.
Los geht's so:
    Es liegt nicht nur an der Weihnachtszeit, dass Zeitungen und Radiosendungen gerade vor religiösen Themen strotzen. Nein, bereits seit einigen Jahren ist es wieder schick, sein Kind taufen zu lassen, kirchlich zu heiraten, in den Gottesdienst zu gehen, die Kirchen als Hort von Anstand und Moral in einer "schnelllebigen oberflächlichen Zeit" zu preisen und Atheisten als gefühlskalte Technokraten zu belächeln [Wird hier einfach mal so behauptet, ohne Beispiel oder Quelle].
Es folgen zweieinhalb Absätze, in denen "schicke" Religiöse (vor allem Katholiken) aufgezählt werden, die sich geoutet haben, einmündend in:
    Selbst Nicole Scherzinger, Frontfrau der wilden Pussycat Dolls, beteuert mit treuem Blick in die Kamera, sie sei streng katholisch erzogen worden und ginge immer noch jeden Sonntag in die Kirche. Denn "Glaube, Moral und Anstand sind mir sehr wichtig". Haben so Rockstars in den siebziger Jahren gesprochen [Wen schert's? Will heute noch irgendwer einen Rockstar der siebziger Jahre als Vorbild?]? Doch noch mehr als das irritiert die anmaßende Vorstellung, Anstand und Moral könne man nur unter Beweis stellen, indem man behauptet, man ginge fleißig in die Kirche [Bis zu dieser Stelle des Artikels gab es - außer der einfach mal ins Blaue gerufenen Behauptung der Autorin im ersten Absatz - nicht den geringsten Hinweis darauf, daß irgendeiner der "schicken" Katholiken diese Behauptung aufstellen wollte. Eine Frau sagt, daß sie in die Kirche geht, weil ihr Glaube, Moral und Anstand wichtig sind. Eine offenbar irgendwie durch katholische Zeugnisse verwirrte oder eingeschüchterte Autorin versteht "Anstand und Moral kann man nur unter Beweis stellen, indem man behauptet, man ginge fleißig in die Kirche". Es reicht also die Behauptung. Man muß also nicht wirklich in die Kirche gehen. Ich verstehe den Stellenwert, den der Satz die Behauptung am Ende des ersten Absatzes im Gedankenkonstrukt der Autorin einnimmt, auf einmal viel besser. Wem selbst die Behauptung reicht, der unterstellt auch anderen Leuten gerne, sie behaupteten lediglich].
Was ist nun so arg an der "naiv-sentimentale[n] religiöse[n] Gemütlichkeitsreise"? Ganz klar:
    Das ist bitter für alle Menschen, die mal an die Autonomie des Subjekts, an die Würde des Selber-Denkens und -Fühlens und an so etwas wie eine emanzipatorische Fortschrittsgeschichte geglaubt haben [Klartext: Autonomie, Würde des Selber-Denkens und -Fühlens (BTW: Wer, bitte, läßt andere für sich fühlen?) und Fortschritt gibt's nur dort, wo die Leute sich von anderen sagen lassen, was sie selbst bitteschön zu Denken hätten. Wer seine Freiheit dazu nutzt, katholisch zu sein, es gerne zu sein und es auch noch zuzugeben, der bereitet den Fortschrittsgeschichte-Gläubigen eine bittere Enttäuschung und gehört daher angeprangert, weil er seine Freiheit nicht nutzt... Äh... Moment...].
Es wird dann die Behauptung wiederholt, die Gläubigen unterstellten Atheisten und Agnostikern nicht vorhandenes Wertebewusstsein und ein technokratisch-inhumanes Denken. Beispiele oder Quellen gibt es erneut keine. Es gibt aber einen Richard Dawkins, der Kindesmißhandlung nicht so schlimm findet wie katholische Erziehung. Es gibt einen Sam Harris, der es ethisch vertretbar fände, Anhänger bestimmter Glaubensinhalte zu töten. Es gibt einen Peter Singer, der 2001 in einem SPIEGELonline-Interview vorschlug, Neugeborene noch bis zum 28sten Lebenstag straffrei töten zu dürfen. Es gibt einen Michael Schmidt-Salomon, der Abtreibung verteidigt, weil Sonntagsbraten vor ihrem Bratendasein ein höheres Bewußtsein hatte, als Embryos.

Unterstellt man all diesen Männern irgendetwas, wenn man sie zitiert?

Hmm...

Weiter geht's mit "Verfolgungen, Vertreibungen" und sogar "Glaubenskriegen" bis hin zur "Todesstrafe", wenn man als Atheist seine Meinung äußert. Beispiele gefällig? Gerne!
    In sieben Ländern – Afghanistan, Iran, auf den Malediven, in Mauretanien, Pakistan, Saudi-Arabien und Sudan – droht ihnen [den Atheisten, A.] bei offener Meinungsäußerung die Todesstrafe. Davon ist in den vielen Gesprächen, Artikeln und Sendungen über die Meriten des Glaubens nie die Rede [Wahrscheinlich, weil die Sendungen über die Meriten des Glaubens sich hauptsächlich mit dem Christentum beschäftigen und dort wiederum - wie von der Autorin eingangs übrigens auch selbst bemerkt - die meisten "schicken" Religiösen von ihrem Katholizismus reden. Überhaupt dreht es sich im Artikel eingangs größtenteils um Katholiken, bis dann die Verfolgungs-Keule ausgepackt wird und man mal eben zum Islam wechselt. Merkt ja eh keiner...].
Der Hammer ist aber, wie es dann weitergeht:
    Fanatischer Glaube wird, außer bei Terroristen, derzeit kaum als Entmündigung des Menschen beschrieben – weil er seiner Individualität beraubt in ein Kollektiv gepresst wird. Im Gegenteil: Man liest und hört vor allem, welche wunderbaren Folgen der Glaube für den Menschen hat und wie unerlässlich er angeblich ist [Um durch Verfolgung und Todesstrafe den Fanatismus-Geschmack reinzubringen, wird mal eben notwendigerweise zum Islam rübergeschwenkt. Danach geht's dann gleich weiter mit "Fanatischem Glauben" und somit paßt der Schuh dann bei allen "fanatisch" Glaubenden, z.B. bei den Katholiken. Und - kaum hat man sich einmal am Kopf gekratzt - ist aus dem "Fanatischen Glauben" auch schon wieder der "Glaube" geworden, und nun sieht sich auch noch die harmlosteste Oma bei ihrem täglichen Meßbesuch einem gewissen Verdacht ausgesetzt... Miese Taschenspielertricks sind nun nicht grade die Qualitäten, die mich davon überzeugen, daß Agnostiker, Humanisten und Atheisten moralisch hohe Ansprüche stellen].
Zum Schluß wird dann nochmal das "Nicht-Religiöse sind hilfsbereiter"-Mem ausgepackt und ein Plädoyer für die Zweifelnden und Suchenden gehalten, welches okay wäre, unterstellte es nicht auf eine leicht wirre Weise den Glaubenden, sie könnten ihre eigene menschliche Schwäche nicht erkennen oder akzeptieren, da sie einen allmächtigen Gott haben.

Naja...

Kommentare:

just wondering hat gesagt…

Da reichen sämtliche zur Verfügung stehenden Hände nicht für den nötigen Facepalm ...

Anonym hat gesagt…

Naja, enttäuschend, aber nur, wenn man von Schurnalistn Niveau erwartet hätte ...

Zwetschgenkrampus