Sonntag, 9. Dezember 2012

Bescheuert oder was?

Jetzt hat katholisch.de also ein eigenes Blog. Der erste Eintrag hat den Titel "Völlig bescheuert" und wurde verfaßt von Bischof Overbeck.

"Bescheuert", das sind in diesem Artikel die Weihanchtsmärkte, der immer frühere Beginn der Adventszeit (wenn's denn noch die Adventszeit ist - für viele Leute beginnt ja die Weihnachtszeit schon nach den Sommerferien...), die Geschäftemacherei, die Hektik etc...

Der Bischof zeigt aber nicht nur auf andere Leute, sondern beschwichtigt:
    Klar, werden Sie jetzt einwenden. Alle Jahre wieder erhebt die Kirche den moralischen Zeigefinger. Typisch Bischof! Aber ich will ehrlich sein. Auch mein Kalender lässt mich kaum zur Ruhe kommen. Und viele Gemeinden laden vor dem 1. Advent zu vorweihnachtlichen Basaren oder Kaffeerunden ein. Wir Christen müssen uns also ebenfalls kritisch prüfen, ob wir nicht auch selbst verführbar sind und uns gerne treiben lassen.
Jetzt frage ich mich aber, ob der "moralische Zeigefinger" hier überhaupt greift, oder ob wir nicht von einer Situation reden, in der schlicht und einfach zwei Welten aufeinanderprallen.

Schauen wir uns doch mal an, wie viele Leute einerseits in unseren Breitengraden die christliche Botschaft ernst nehmen und dazu auch noch sonntags regelmäßig zur Kirche gehen, um eine lebendige, persönliche Beziehung zu Gott aufrecht zu erhalten. Und dann schauen wir uns an, wie viele Leute andererseits Weihnachten feiern. Hier drängt sich doch eigentlich sofort der Verdacht auf, daß die Menschen wohl selbst in der heutigen Zeit noch zum größten Teil wissen mögen, warum wir Weihnachten feiern, daß sie aber trotz ihres Wissens über den Anlaß diesen nicht entsprechend würdigen. Oder sollte es wirklich so sein, daß die Menschen sich plötzlich in der Adventszeit ganz auf christliche Werte besinnen und die Hektik und die Geschäftemacherei lediglich moralisch fragwürdige Nebenprodukte einer etwas zu überschäumenden (Vor-)Freude über die Geburt des Erlösers sind? Wohl kaum.

Für einen gläubigen und praktizierenden Katholiken, der die Adventszeit tatsächlich als eine Zeit der Umkehr und der Vorbereitung begreift, ist dies ja weniger eine Frage der Moral als eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Für mehr oder weniger säkularisierte Menschen - sie mögen nun katholisch getauft sein oder nicht - ist die Adventszeit auch eine Zeit der Vorbereitung. Aber es ist die Vorbereitung auf den Augenblick, in dem Weihnachten "umterm Baum entschieden" wird, wie Media Markt im vergangenen Jahr warb. Auch hier ist das Verhalten der Leute weniger eine Frage der Moral, als eine Frage vom Befolgen gesellschaftlicher Konvention auf Schalter umlegen - Licht an-Niveau. Irgendwer ruft Mitte August "Weihnachten! Bald!" und ab dann lassen sich nach und nach immer mehr und mehr Leute in den Strudel saugen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es all diesen Leuten so recht ist, wie es sich dann abspielt. Aber die Meisten machen es nun einmal so, die Weihnachtsindustrie und die Werbeleute lassen uns glauben, daß es sich so gehört, und schließlich will man ja auch irgendwie nicht zu spaßbremsig und/oder knausrig rüberkommen.

Also mich wundern die Weihnachtsmärkte, die Geschäftemacherei und die Hektik eigentlich überhaupt nicht. Natürlich finde ich sie auch bescheuert, aber ich betrachte sie nicht mit moralischer Entrüstung sondern eher mit genervter Distanz, weil all dies zu einer Welt gehört, zu der ich mittlerweile den Anschluß verloren habe, die aber trotzdem ständig um mich herum wummert und brummt.

Ich denke daher auch, daß ich die Leute weniger erreichen kann, indem ich ihnen sage, was sie nicht tun sollen (konsumieren, ausflippen, Punsch saufen bis zur Gesichtslähmung...), sondern indem ich versuche, ihnen zu zeigen, was die Adventszeit und das Weihnachtsfest für sie bedeuten können (nicht konsumieren MÜSSEN, nicht ausflippen MÜSSEN, nicht Punsch saufen MÜSSEN).

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Nu ja... wenn schon moralischer Zeigefinger, dann auch richtig. Wenn einer "nicht müssen" sagt und eigentlich "nicht dürfen" meint, dann stellt's mir immer ein paar Härchen auf. Tut mir leid.

Da ist mir lieber, einer sagt knallhart (aber auch begründet), das und das darfst du nicht, weil und weil. Nicht weil ich es gerne hart habe, beileibe nicht; sondern weil das immer noch das Leichteste ist im Vergleich mit den anderen Alternativen.

Im übrigen gehen mich die hintergründigen Beweggründe nichts an. Und letztlich muß ich ganz ehrlich sagen, daß ich so viele Mißbräuche um Weihnachten herum eigentlich gar nicht sehe. Wobei ich es nicht als Mißbrauch zählen will, wenn einer das tut, was ein Gläubiger tun darf, obwohl er nicht gläubig ist... hier liegt das Problem anderswo; daß er doch Weihnachten feiert, ist im allgemeinen ein Zeichen der Hoffnung. Mag es auch "nur" undefinierte nostalgische Sehnsucht sein.

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil: Also, das Wort "Mißbrauch" habe ich absichtlich nicht benutzt, weil ich da eben weniger Mißbräuche sehe, als Bräuche eines Teilbereiches der Gesellschaft, mit dem ich nicht mehr viel zu tun habe. Und dies ist genau der Bereich, den Du auch ansprichst, nämlich jener, in dem "einer das tut, was ein Gläubiger tun darf, obwohl er nicht gläubig ist". Daher (weil es eben getan werden darf) ist das "nicht müssen" von mir durchaus ernst gemeint (bin mir auch nicht sicher, ob man irgendwie herauslesen kann, daß ich eigentlich "nicht dürfen" meine).

Grade in diesem Fall finde ich auch, daß man es den Leuten nur vordergründig am leichtesten macht, wenn man "nicht dürfen" sagt, weil so eine Formulierung in nicht gesetzlich geregelten Fällen doch auch immer Widerstand erzeugen kann. Wenn man erklärt, daß sie "nicht müssen" (ohne dabei bevormundend und herablassend zu klingen), dann werden sie vielleicht selbst aus Neugierde die Initiative ergreifen und versuchen, herauzufinden, wie "B" oder "C" aussehen, wenn "A" nicht die einzige Option ist. Und das könnte unter Umständen helfen, die nostalgische Sehnsucht vom Weihnachtsfest auf den katholischen Glauben umzulenken.

Imrahil hat gesagt…

Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich kann mir Aussagen wie "Du mußt gar nicht so viel Glühwein trinken" etc., zumal im Zusammenhang mit einer allgemeinen Distanzierung von den üblichen Bräuchen und einer Fokussierung darauf, was Weihnachten eigentlich heißt usf. -- und auch zumal tatsächlich niemand ernsthaft der Ansicht ist, der Mensch *müsse* konsumieren, ausflippen und Punsch saufen - leider gar nicht mehr anders vorstellen als "bevormundend und"/oder "herablassend"... Durchaus möglicherweise im besten Sinn bevormundend, aber eben bevormundend.

>>dann werden sie vielleicht selbst aus Neugierde die Initiative ergreifen und versuchen, herauzufinden, wie "B" oder "C" aussehen, wenn "A" nicht die einzige Option ist.

Verstehe ich Dich richtig, daß Du mit "A" die üblichen Bräuche von wegen ausflippen (was an Weihnachten übrigens niemand macht, sondern an Silvester), konsumieren und Punsch saufen (was an Weihnachten tatsächlich intensiv gemacht wird, man könnte noch anfügen: eine große Menge Plätzchen, Kuchen, Gans verzehren, die Familie besuchen, Geschenke austauschen, in Kindheitserinnerungen schwelgen) meinst... und die Leute sollen B und C kennenlernen, weil (nur) unter B und C das christlich-katholische Weihnachtsfest zu finden ist...? Tut mir ja leid, aber ein bißchen klang es mir doch danach.

Das Problem ist, daß ich meiner Meinung nach ein katholischer Christ bin und einige der unter A fallenden Dinge tun *will* (--ohne sie anderen vorzuschreiben, gewiß!--), und nach der üblichen Auslegung unserer Moral und auch Deiner Meinung nach auch tun darf, mir dann so unterschwellig heraushöre... ob beabsichtigt oder nicht... daß ich kein katholisch-christliches Weihnachten feiere.

Da habe ich dann das klare Verbieten lieber, und zwar deswegen, weil man es schon von Natur aus sehr vorsichtig und nur mit den besten und mit zwingenden Gründen verwendet. Im allgemeinen zumindest...

Oder anders: Lassen wir einmal dahinstehen, ob es einem mündigen Erwachsenen besser entspricht, ihn zu überreden oder ihm zu befehlen (daß "überzeugen" besser als beides ist, dürfte dabei unbestritten sein!). Ich weiß es nicht.

Aber jedenfalls gibt einem die Tatsache, daß man ihm nicht 10 Euro zu zahlen befiehlt, nicht das Recht, ihn mit intensivem Einsatz zu überreden zu versuchen 200 Euro zu zahlen.

Meine ich zumindest.

Zumal wenn einer von Amts wegen das Recht hat, eine Viertelstunde pro Woche auf Leute einzureden...

[Bitte alle etwaigen Respektlosigkeiten gedanklich streichen, weil sie nicht so gemeint sind...]

Imrahil hat gesagt…

Im übrigen natürlich Zustimmung... außer: nein, das einzig Bescheuerte an Weihnachtsmärkten ist der Name. [Christkindlmarkt heißt das, etwas anderes kommt mir gar nicht in den Mund! So patriotisch bin ich dann schon...] Für bescheuert halte ich die nun wirklich nicht.

Bloß: wenn Du Dich einmal in die Lage eines Laien versetzt... der hört, es muß zugegeben werden, vom Pfarrer noch am wenigsten, aber von dem eben auch, was ihm quasi zeitgleich mit Beginn der verfrühten Vorweihnachtszeit von allen Seiten mit den besten moralischen Absichten zugerufen wird: daß das der Weihnachtskonsum schlecht sei und mit dem Christentum in Widerspruch stehe, daß er sich schämen solle usw. usf.

Wie reagiert so jemand - daß der Pfarrer [Papst und Bischof lassen wir natürlich weg...] hier die oberste Autorität und nicht etwa bloß eine Meinung unter mehreren ist, hat er grundsätzlich vorher gewußt (das heißt noch nicht, daß er mit dieser Autorität auch übereinstimmt!) - wenn er sich hernach (etwa in die Rolle des Apologeten gedrängt) einer Behauptung gegenübersieht (etwa um sie selbst zu verwenden), die Kirche sei *keine* Gegnerin der irdischen Freuden?

Die naheliegende Reaktion wäre doch: "Da will sich jemand herausreden."

[- Der Punkt ist natürlich (wo ich vollkommen mit Dir übereinstimme), daß die Rede von irdischen *Freuden* ist und nicht gerade dem, was eher Überdruß als Spaß bereitet...]

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil: "Das Problem ist, daß ich meiner Meinung nach ein katholischer Christ bin und einige der unter A fallenden Dinge tun *will* (--ohne sie anderen vorzuschreiben, gewiß!--), und nach der üblichen Auslegung unserer Moral und auch Deiner Meinung nach auch tun darf, mir dann so unterschwellig heraushöre... ob beabsichtigt oder nicht... daß ich kein katholisch-christliches Weihnachten feiere."

Hier hätte ich möglicherweise schärfer formulieren müssen: Ich will nicht sagen, daß jeder, dessen vorweihnachtliche Aktivitäten eine Schnittmenge mit "A" bilden, kein katholischer Christ ist oder kein katholisch-christliches Weihnachten feiert, sondern ich will sagen, daß dort, wo es bei den vorweihnachtlichen Aktivitäten ein deutliches Übermaß an "A" gibt, der katholisch-christliche Aspekt entweder zu kurz kommt oder vielleicht sogar schon längst über Bord geworfen wurde.

Sprich: Ich reibe mich hier nicht an "auch A" sondern an "zuviel A" bzw "nur A".

"Verstehe ich Dich richtig, daß Du mit "A" die üblichen Bräuche von wegen ausflippen (was an Weihnachten übrigens niemand macht, sondern an Silvester), konsumieren und Punsch saufen (was an Weihnachten tatsächlich intensiv gemacht wird, man könnte noch anfügen: eine große Menge Plätzchen, Kuchen, Gans verzehren, die Familie besuchen, Geschenke austauschen, in Kindheitserinnerungen schwelgen) meinst... und die Leute sollen B und C kennenlernen, weil (nur) unter B und C das christlich-katholische Weihnachtsfest zu finden ist...? Tut mir ja leid, aber ein bißchen klang es mir doch danach."

Nicht ganz... Hätte ich "Plätzchen/Kuchen/Gans essen, Familie besuchen, Geschenke austauschen, in Kindheitserinnerungen schwelgen" gemeint, hätte ich es dazugeschrieben. Und ich bezog mich in erster Linie nicht auf das Weihnachtsfest selbst, sondern auf die vorweihnachtliche Zeit (war vielleicht nicht so deutlich). Wenn ich den Leuten sage, daß sie "A" nicht dürfen, dann ist das christlich-katholische Weihnachtsfest tatsächlich nur unter "B" und "C" zu finden. Wenn ich den Leuten sage, daß sie "A" nicht müssen, dann wissen sie, daß sie "A" können, daß es aber auch noch andere Optionen gibt. Das war eigentlich von Anfang an der ganze Sinn meiner "Dürfen/Müssen"-Aussage.

Und ich finde Weihnachtskonsum nicht verwerflich (würde auch nie dagegen predigen). Wie kommen sonst die Geschenke unter den Baum? Ich finde ein schönes Weihnachtsfest mit gutem Essen, Geschenken, Zigarre und Cognac klasse. Aber all diese Dinge sind nicht das, was Weihnachten ist. Weihnachten funktioniert im "Ernstfall" auch ohne all diese Dinge. Da reicht eine schöne Mette und die Gegenwart lieber Menschen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der das nicht mehr kommuniziert wird. Und das finde ich schade.