Freitag, 2. November 2012

Begeisterung/Entrüstung

Als ich die diversen Berichterstattungen zum diesjährigen Marsch für das Leben in Berlin las, da packte mich selbstverständlich und erwartungsgemäß einerseits das große Kopfschütteln und Facepalmen angesichts der stellenweise abgrundtief blöden Sprüche und Aktionen der Gegendemonstranten. Andererseits freute es mich, daß die Leute, die beim Marsch für das Leben mitgingen, nicht mit gleicher Münze zurückzahlten. Dieser Unterschied ist mir in der Vergangenheit auch schon öfters aufgefallen.

Die Autonomen und Linken und Antifaschisten zeigen einen unübersehbaren Hang zu verbaler und manchmal auch physischer Gewalt. Und sie tun das nicht nur dort, wo sie sich bei einer Gegendemonstration als Retter der "Menschlichkeit" aufspielen (Marsch für das Leben, Anti-Abtreibungs-Demo in Salzburg, March For Life in den USA, WJT in Madrid), sondern auch dort, wo sie die eigentlichen Demonstranten sind und am Wegesrand etwas entdecken, daß in ihrer Welt auf keinen Fall Platz haben darf (Den Rosenkranz betende Jugendliche vor einer Kirche in Argentinien, ein Priester in Soutane am Straßenrand in Wien).

Dieses Phänomen hat mich immer genervt, aber ich konnte mir nie einen richtigen Reim darauf machen. Jetzt habe ich mich - für mich ganz persönlich und ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit - der Sache ein wenig annähern können, und ich glaube, daß ich eine Erklärung gefunden habe:

Der Unterschied liegt meiner Meinung nach darin, daß man sich auf der einen Seite für eine Sache begeistert, während man sich auf der anderen Seite gegen eine Sache entrüstet. Die Grenzen sind hier natürlich irgendwie nur gestrichelt, die Mengen nach beiden Seiten hin durchlässig. Man könnte bis zu einem gewissen Punkt ebenso behaupten, die Christen entrüsteten sich gegen die Abtreibung, während die Gegendemonstranten sich für die Rechte der Frauen begeistern. Diese Behauptung wird aber, wie die folgenden Zeilen hoffentlich zeigen, durch das "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"-Prinzip entschärft.

Grundsätzlich kommt es mir schon so vor, als ob die Christen, die sich - entweder als Mehrheit oder als Minderheit - irgendwo hinstellen und sich für den umfassenden Schutz des Lebens einsetzen, mit einer nicht zu übersehenden Freude und Begeisterung an den Tag gehen, die es ihnen ermöglicht, entspannt zu bleiben, wenn sie angemacht, angespuckt, angepöbelt und angeschubst werden. Dies führt dazu, daß selbst ein todernstes Thema wie Abtreibung in einer Atmosphäre behandelt wird, die einen ansteckend fröhlichen und ermutigenden Charakter hat. Bei den linken Gegendemonstranten schwingt für meinen Geschmack eine viel zu große Menge viel zu kalkulierter Entrüstung in viel zu verbissener Präsentationsform mit, was dazu führt, daß selbst dort, wo man sich irgendwie über die Christen lustig zu machen glaubt, eine angespannte und dunkle Stimmung herrscht.

Wenn ich mir nur die diversen Bilderserien zum diesjährigen Marsch für das Leben anschaue, dann habe ich den Eindruck, daß auf der Seite der Gegendemonstranten eine möglicherweise vorhandene Restkreativität lediglich für die immer noch ausgefeiltere Beschimpfung verschwendet wird, während ansonsten eine fast schon dogmatische Strenge und enge geistige Uniformiertheit herrscht, die keine flexible Reaktion auf das Unvorhergesehen erlaubt (z.B. wenn Christen heiseren Gegendemonstrantinnen Hustenbonbons anbieten, damit sie wieder besser brüllen können). Auf der Seite der Lebensschützer mag die gesendete Botschaft eher starr und unflexibel wirken (Keine Abtreibung. Punkt.), während im Umgang mit den Leuten - auch mit dem "Feind" - eine gewisse Weite zu erkennen ist, die auch mal Platz für das Unvorhergesehene einräumt (z.B. wenn Christen heiseren Gegendemonstrantinnen Hustenbonbons anbieten...).

Und dies sind für mich ganz eindeutige Indizien dafür, auf welcher Seite Begeisterung bzw Entrüstung herrscht und was eben diese Begeisterung bzw Entrüstung mit der Masse macht. Wären die linken Gegendemonstranten begeistert, so ließe sich dies leicht an der Art und Weise erkennen, wie sie ihre Botschaft rüberzubringen versuchen. Ebenso, wie sich jetzt bereit erkennen läßt, daß sie eben lediglich entrüstet sind, weil sie ihre Botschaft auf die Art und Weise rüberbringen, wie wir es im Grunde mittlerweile gewohnt sind.

Kommentare:

Helene hat gesagt…

Gut erklärt!
Und daß auf der Seite der "Ent-
rüsteten" noch jemand mitspielt,
ist für mich persönlich auch klar!

Anonym hat gesagt…

Schön wäre allerdings auch, wenn man kirchlicher-/ christlicherseits mit dem gleichen Enthusiasmus Märsche für das schon vorhandene Leben bzw. für "lebenswertes" Leben organisieren würde. Das man sich z.B. auf die Fahne schreibt: Gegen Ausbeutung der sozial Schwachen durch Leiharbeit, gegen Abzocke der Rentner, oder auch besser formuliert für bessere Arbeitsbedingungen, für Erziehungsgeld etc.damit die Kinder ihre Eltern überhaupt zu Gesicht bekommen.

Damit gewinnt man a) das Vertrauen derjenigen, die unter schlechten Bedingungen schlechte Entscheidungen treffen(z.B. Abtreibung) und

b)wären sie im 2. Schritt offener für helfende Angebote, die schon bestehen und von denen sie nichts wissen oder die sie ablehnen, weil sie mit "Kirche" nichts zu tun haben. Das setzt natürlich voraus, dass man überhaupt dazu bereit ist, sich mit "solchen Menschen" auseinanderzusetzen und beinhaltet auch, dass man Enttäuschungen und Verletzungen in Kauf nimmt.

c)Werden diejenigen, die aus wirtschaftl. Gründen keine Kinder haben wollen so oder so abtreiben und das können sie von mir aus auch weiterhin gerne tun.

Criz hat gesagt…

@Anonym:
Das eine tun und das andere nicht lassen. :)

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Dinge wie Ausbeutung, Abzocke etc sind Lebensbedingungen, um die sich zu kümmern wichtig ist. Aber es ergibt eben erst dann einen Sinn, sich um Lebensbedingungen zu kümmern, wenn vorher feststeht, daß das Leben als solches umfassend gewährleistet und respektiert wird, sonst läuft die Sache Gefahr, heuchlerisch zu enden.

Anonym hat gesagt…

Sehe ich so wie Criz sagt: Das eine tun und das andere nicht lassen. Nicht erst das eine tun, wenn das andere gewährleistet ist.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Natürlich. Wobei aber das Eine (Leben) eben Voraussetzung für das Andere (Lebensbedingungen) ist und daher Priorität besitzen sollte.

Criz hat gesagt…

"Sehe ich so wie Criz sagt: Das eine tun und das andere nicht lassen. Nicht erst das eine tun, wenn das andere gewährleistet ist."

So hatte ich das ehrlich gesagt nicht gemeint. Ich würde sogar sagen, das die wenigsten, die sich für das Leben einsetzen, ausschließlich gegen Abtreibung marschieren. Zumindest die Katholiken zeichnen sich doch durch ein sehr konsequentes "sowohl als auch" aus.

Anonym hat gesagt…

Wenn Christen heiseren Gegendemonstrant/innen Hustenzuckerl anbieten, wirkt das eher provokant als ein Akt gelebter Nächstenliebe.

Ceterum censeo...wer eine unerwünschte Schwangerschaft durchgestanden hat und das Kind mindestens 15 Jahre lang erfolgreich durchs Leben gebracht hat oder mindestens ein Kind adoptiert hat oder sich in der Schwangerenhilfe aktiv engagiert, weiß, wovon er redet. Der kann glaubwürdig gegen ABtreibung demonstrieren. Der Rest...not so much...

Anonym hat gesagt…

@ Criz und Alipius: Gut, solange es nicht wie drüben in den U.S.A. sehr einseitige Züge annimmt.

@ Anonym 2: Wieso sollte man als Nicht-Adoptiv-/ Mutter, ungewollt Schwangere bzw. nicht in der Beratung arbeitender Mensch zum Thema Abtreibung keine gesunde Meinung haben oder vertreten können? Versteh ich nicht.

gerd hat gesagt…

Die Wahrheit wird euch frei machen. Wenn jemand frei ist, kann er sich begeistert für dieselbe einsetzen.