Freitag, 28. September 2012

Wie gefährlich ist das Internet?

Ich gehöre ja selbst seit vielen Jahren zu denen, die das Internet fast täglich nutzen. Meine Hauptaktivitäten sind dabei selbstverständlich das Bloggen und das (mehr oder weniger direkt mit dem Bloggen zusammenhängende) überfliegen aktueller Nachrichten, Sammeln bestimmter Informationen und Aufspüren augenfütternder "Catholique? Très chique!"-Photos.

Wenn ich das Internet nicht selbst mit Blogeinträgen mäste, sondern gezielt auf Material- und Info-Jagd unterwegs bin (oder auch mal nur planlos rumhampele und von Link zu Link hüpfe), dann stoße ich in Artikeln (selten), in Foren (weniger selten) und in Kommentaren (gar nicht selten) immer häufiger auf wirklich finsteren Shit.

An oberster Stelle steht da natürlich die Fehlinformation, die veröffentlicht wird, weil man es leider nicht besser weiß (aber Ignoranz ist heutzutage gegenüber Lautstärke ja leider das schwächere Argument) oder weil es praktischerweise einer Agenda dient (was in einer 'Behaupte erst mal wild drauflos, und wenn du später eine Gegendarstellung drucken mußt, hast du immer noch Zeit, dich NICHT zu entschuldigen'-Kultur zu Situationen unwiderstehtlicher Versuchung führt).

Menschen, die bristane Nachrichten veröffentlichen, ohne sie gewissenhaft zu prüfen und somit zu Verbreitung von Ungenauigkeiten, Halbwahrheiten oder auch blanken Lügen beitragen, welche einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen ziemlich übel aussehen lassen, müssen naiv-doof oder gewieft-bösartig sein. Leute, die diese Nachrichten einfach als strahlend reine Wahrheit hinnehmen, sind mindestens nicht fleißig.

Tragischerweise tummeln sich in den Kommentarbereichen so gut wie aller Internetseiten bereits Leute, die selbst auf solides Nachrichtenwerk mit unvorstellbarer Ätze reagieren, wenn diese Nachrichten ihnen dergestalt in den Kram passen, daß sie ein Vorurteil untermauern oder eine verhaßte Gruppe in ein schlechtes Licht stellen. Dann werden die Jauche-Kübel nicht nur geöffnet sondern auch in hohem Schwung entleert. Wenn diese Leute sich dann noch in einer Welt verlieren, in der sauberes Recherchieren nicht mehr gefordert wird und mittlerweile jedermann "Nachrichten" veröffentlichen kann, dann geht es erst so richtig rund.

Natürlich ist es keine Neuigkeit, daß Dummheit, (verbale) Gewalt und Haß ein dufte Trio bilden, welches erstens gewissen Leuten zur Konstruktion einer zweifelhaften Identität ausreicht und zweitens von gewissen anderen Leuten herrlich instrumentalisiert und ausgeschlachtet werden kann. Und - nein - ich rede hier jetzt nicht nur von Moslems, die sich "aus Glaubensgründen" an der Nase zur nächsten abzufackelnden Botschaft oder zum nächsten zu erschlagenden Ungläubigen führen lassen, sondern auch und vor allem von Internet-Trollen mit überschaubarem Horizont, bei denen es zu einem interessanten Phänomen kommt: Einerseits ist ihr Haß-Loch so groß, daß dort alles ungeprüft, ungefiltert und unzerkleinert hineingestopft werden kann. Andererseits ist ihr Weltbild aber so klein, daß sie all jene fremden und unbequemen Tatsachen des Lebens, die sie plötzlich in ihrem Haß-Loch finden, so verbiegen und zurechtstückeln müssen, daß sie in dieses Weltbild hineinpassen.

Da KANN dann "DER KATHOLIK" nun mal leider nichts anderes sein, als bestenfalls Unterstützer, schlimmstenfalls aktives Mitglied einer Kinderf*cker-Sekte. Da KANN dann "DER MOSLEM" nun mal leider nichts anderes sein, als ein wildes Tier, welches man sicherheitshalber lieber schon erschießt, während es einen aus sicherer Enfernung beäugt, als erst dann, wenn es zum Angriff ansetzt. Da KANN dann "DER RECHTE" nichts anderes sein, als ein autoritärer, gewaltbereiter, faschistoider Nerzunterwäscheträger, der daheim vor seinem Ernst-Jünger-Altar kniet, während draußen die nach Emanzipation und nach eingetragener gleichgeschlechtlicher Partnerschaft Lechzenden in der eisigen gesellschaftlichen Kälte erfrieren. Da KANN dann "DER LINKE" nichts anderes sein, als ein arbeitsscheuer, kiffender, trotzkistischer Tagträumer, der nur dann aus seiner Blümchenpflücker-Lethargie erwacht, wenn es gilt, einen abgetriebenen Fetus zu verspeisen.

Das Problem all dieser verengten Sichtweisen ist, daß man in der Anonymität und der Einsamkeit des Internets in seiner Verengung eher bestätigt wird, da es selten bis nie zu konstruktivem Austausch kommt. Wenn Troll auf Troll trifft, läuft alles auf ein Unentschieden hinaus, nachdem sie sich für die Dauer von 25 bis 50 Kommentaren gegenseitig angebrüllt haben. Wenn Troll aus Nicht-Troll trifft, dann wirft der Nicht-Troll in der Regel die Flinte ziemlich schnell ins Korn, weil er sieht, daß all seine Bemühungen einfach abprallen.

Jetzt kommt noch eine unangenehme Beobachtung hinzu: Die Kinder und die Jugendlichen, denen ich heutzutage begegne, hinterlassen beunruhigend oft den Eindruck, daß sie nicht eben aus soliden und intakten Familien kommen, in denen die Eltern ihr berechtigtes Interesse, daß aus ihrem Nachwuchs anständige und gesellschaftsfähige Menschen werden, fleißig in Taten umsetzen. Daß in vielen dieser Fälle ungesund hoher Fernseh- und Internet-Konsum eine Rolle spielt und daß dieser ungesund hohe Konsum an der Bildung von Sprache und Charakter mitarbeitet, das läßt sich schon herausfinden, wenn man den Kindern und Jugendlichen einfach mal für einige Minuten zuhört.

So besteht die Gefahr, daß wir uns Generationen von Internet-Bürgern heranziehen, für die die reale Welt und das wirkliche Leben einfach zu groß sind und die auf diese erschreckende Größe auch außerhalb des Netzes auf die Art agieren, mit der sie im Netz erfolgreich sind. Und wer sagt, daß die verbale Gewalt da nicht in nullkommanix in körperliche Gewalt umschlagen kann?

Kommentare:

Arminius hat gesagt…

Für viel gefährlicher als das Internet halte ich die GEZ-Medien. In den 15 Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks hörte ich heute nachmittag als erste Meldung:

Die SPD wird vom ehemaligen Finanzminister Steinmeier in den Bundestagswahlkampf geführt.

Verstand kann man nicht kaufen. Dummheit gibt es von der GEZ. Da schadet auch kein Internet mehr.

Alipius hat gesagt…

Ja, das ist dann einer der Fälle wo wohl eher die Dummheit (oder zumindest Schlampigkeit) als die Bösartigkeit mitgewirkt hat.

Anonym hat gesagt…

So besteht die Gefahr, daß wir uns Generationen von Internet-Bürgern heranziehen, für die die reale Welt und das wirkliche Leben einfach zu groß sind ...

Diese Klagen kommen mit der Regelmässigkeit des Halleyschen Kometen, immer dann, wenn eine neue Kulturtechnik auf uns zu kommt.

Bei der Erfindung der Schrift wurde geklagt, dass kein Mensch mehr auswendig lernen wird und der sichere Untergang prophezeit. Bei der Erfindung des Buchdrucks wurde geklagt, dass niemand mehr Predigten und Märchenerzählern zuhören wird, sondern selber die Bibel und die Gebrüder Grimm lesen wird und der baldige Untergang prophezeit. Bei der Erfindung von Kino, Radio und Fernsehen wurde bejammert, dass niemand mehr Bücher lesen und Briefe schreiben wird und der baldige Untergang versichert und heute geht die Welt wegen des Internet am 21. Dezember unter; oder doch wegen des Maya-Kalenders?

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Nur, daß es hier weder um eine Erfindung noch eine neue Kulturtechnik geht, die auf uns zukommt, sondern um die bereits erkennbaren Folgen einer Erfindung bzw Kulturtechnik.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Ich kann nicht bestätigen, daß die Dummheit in besonderer Form gewachsen ist. (Leider auch nicht geschrumpft.) Sehr spezifische Formen von Dummheit gibt es immer, auch im Zusammenhang mit moderner Technik. Aber wenn ich daran denke, was ich selbst lange vor dem Gedanken an Internet an Unsinn selbst gesagt und geschrieben und auch gehört habe, kann ich den Internet-Pessimismus nur zum Teil mitmachen.
Natürlich ist das Kopieren von Schauermärchen und Fehlern leichter geworden. Andererseits gibt es ja auch solche Blogs wie diesen hier und zahlreiche wirklich erfreuliche Internetseiten. Ich habe mehrere umfangreiche Bibliotheken auf dem kleinen Raum eines Monitors zur Verfügung.