Montag, 3. September 2012

Leibfeindlichkeit?

Jetzt muß ich dem kleinen Mauritius aber mal zur Seit stehen. Der hat gestern auf dem Pimpfblog einen Beitrag veröffentlicht, in welchem er die Aussagen seines Pfarrers aus der Sonntagspredigt zu folgenden Sätzen zugespitzt hat:
    Klar: Niemand ist gerne krank, niemand empfindet gerne Schmerz. Aber der Satz "Am wichtigsten ist die Gesundheit" ist nicht nur falsch sondern auch gefährlich! Am wichtigsten ist nicht der gesunde Körper, sondern die reine Seele. Das heißt jetzt nicht, daß wir alle losrennen sollen, um unseren Körper zu schänden und zu vernachlässigen. Aber es heißt, daß wir ganz gut daran täten, uns nicht nur von Wellness-Oasen, Fitness-Centern, Bio-Läden und plastischen Chirurgen das Geld aus der Nase ziehen zu lassen, sondern auch mal ein Belastungs-EKG für das Gewissen oder ein Fitness-Training für die Seele in Betracht ziehen sollten.
Darauf kam ein Kommentar rein, der mit diesem Satz begann:
    Da ist sie wieder und feiert fröhliche Urständ die spezifisch katholische Leibfeindlichkeit; und die meisten Gläubigen merken es noch nicht einmal, oder wollen es nicht wahr haben.
... und mit diesen Sätzen endete:
    Ich kann Ihren Rat, mens sana in corpore sano nur wiederholen und auf Wellness trifft, wie auf alles andere auch zu, dass allzuviel ungesund ist. Auch allzuviel Liebe und Religion und Glauben kann ziemlich ungut sein.
Zum ersten Satz könnte ich einfach kurz antworten: Da ist sie wieder, die Mär von der spezifisch katholischen Leibfeindlichkeit.

Oder etwas länger ausführen, daß es für Katholiken keine Speisen gibt, die als unrein gelten. Daß Katholiken der Genuß von Alkohol nicht verboten ist. Daß Katholiken Zigarren rauchen dürfen. Daß Katholiken übergewichtig sein dürfen. Daß Katholiken Sex haben dürfen. Daß Katholiken Medizin zu sich nehmen dürfen. Daß Katholiken sich die Haare färben, die Zähne richten, die Nase begradigen, die Wangenknochen hochziehen und die Brüste vergrößern lassen dürfen. Daß Katholiken andere Katholiken schön und begehrenswert finden dürfen. Daß Katholiken ihre Gesichter unverhüllt zeigen dürfen und ihre Körper in Kleider stecken dürfen, die noch erkennen lassen, daß sich da drunter tatsächlich auch ein Körper befindet.

Wenn man die Hauptkritikpunkte, die heutzutage an die katholische Kirche gerichtet werden, mal unter die Lupe nimmt, dann kann vor diesem Hintergrund die Idee von einer spezifisch katholischen Leibfeindlichkeit eigentlich nur bedeuten, daß es leibfeindlich ist, wenn Katholiken nicht schon mit 18 so viele Sex-Partner hatten, daß sie entweder bereits fünfmal abtreiben mußten oder sich 23 Geschlechtskrankheiten eingefangen haben.

Was das zweite Zitat aus dem Kommentar betrifft: Es kann sicherlich zuviel Wellness geben, nämlich dort, wo Leute aufgrund ihrer eigenen Unsicherheit sich zwanghaft und hysterisch auf jedes neue Angebot stürzen, welches noch mehr Detoxing, noch mehr Abs, noch mehr Haar, noch mehr Gewichtsreduzierung etc verspricht. Aber es kann nicht zuviel Gesundheit geben. Ebenso, wie es nicht zuviel Liebe oder Religion oder Glauben geben kann, sondern nur zuviel Eifersucht oder Fanatismus oder Angst angesichts der eigenen Unsicherheit.

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

Mein alter Pfarrer (geniesst jetzt seinen wohlverdienten Ruhestand) predigte zu Mariä Aufnahme in den Himmel, dass Körper, Geist und Seele zusammengehören.

Ich mache zur Zeit ein kleines "Praktikum" im Dauerkranksein. Das tut meiner Seele nicht gut, das tut meinem Geis nicht gut. Ich hätte es lieber anders, aber das steht grad nicht in meiner Macht.
Bitter ist es immer, wenn die liebe Verwandtschaft andeutet, dass ich ja auch nicht-schwanger und damit nicht-krank sein könnte und dabei genau das Gesundheits-Argument zieht.
Ja, meine Dauerkotzerei ist der Preis, den ich "zahle" für ein neues Leben. Und irgendwie, wenn ich nicht grad rumjammere, weiß ich das auch und dann ist sogar die Dauerübelkeit irgendwie ok.

Alipius hat gesagt…

@ cassandra: Ja, meiner Schwester ging's bei ihren drei Schwangerschafeten auch nicht immer gut. Aber als dann die Würmchen da waren, wußten alle: Das war's wert!

Körper, Geist und Seele gehören selbstverständlich zusammen. Man sollte eben nur nicht den Fehler machen, zu glauben, ein gesunder Körper sei schon alles.

Cassandra hat gesagt…

Nee, nicht alles, aber er ist schon viel wert. merkt man immer erst wenn's mal nicht so läuft. Und wenn er nicht da ist, leiden auch Geist&Seele. Der Umkehrschluß klappt aber nicht: nur weil der Körper gesund ist, sind Leib&Seele auch in Form.
Und wir haben schon ein Problem damit, dass der Körper (nicht mal unbedingt Gesundheit im engeren Sinn) als übermässig wichtig angesehen wird.